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ENDE ODER LEGENDE?


Motorsport-Magazin.com - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 12.03.2020

ENTSCHEIDENDE JAHRE HATTE SEBASTIAN VETTEL SCHON OFT. MAKE OR BREAK GILT FÜR IHN, SEIT ER BEI FERRARI IST. DAS JAHR 2020 STICHT ABER UNTER ALL DEN WEGWEISENDEN SAISONS HERVOR.


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Bildquelle: Motorsport-Magazin.com, Ausgabe 1/2020

Schicksalsjahr. Wenn man Sebastian Vettels Jahre bei der Scuderia betrachtet, scheint fast jedes davon ein solches gewesen zu sein. Die Saison 2020 wird dabei keine Ausnahme darstellen. Los ging es im Jahr 2015, dem ersten dieser entscheidenden Jahre in Rot. Obwohl es Vettel selbst wohl anders wahrnahm. Nachdem der viermalige Weltmeister 2014 mit dem neuen Reglement auf Kriegsfuß stand und das teaminterne Duell gegen ...

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... Red-Bull-Rookie Daniel Ricciardo verloren hatte, wechselte er zu Ferrari. Für manch einen mag er sein Heil in der Flucht gesucht haben, doch für Vettel war es die Erfüllung eines Traums. Ferrari, die Mythosmarke, der Rennstall, von dem er immer geträumt hatte, mit dem sein Idol Michael Schumacher zu seinen größten Erfolgen fuhr. Für Vettel ein Traum, für seine Kritiker eine Flucht. Weil es nach Jahren der Dominanz einmal nicht lief, wurden alle Erfolge in Frage gestellt. War Vettel wirklich ein Dominator wie sein Vorbild oder profitierte er nur von Dr. Helmut Markos Rückhalt und Adrian Neweys Geniestreichen? Der Wechsel zum kriselnden Ferrari-Team sollte die Antwort bringen.

Und Vettel gab die Antwort: Der Heppenheimer holte drei Saisonsiege für die Scuderia, die im Vorjahr - wie er selbst auch - ohne Sieg blieb. In der Gesamtwertung kämpfte Vettel sogar lange um Platz zwei gegen Nico Rosberg im überlegenen Mercedes, holte am Ende immerhin Rang drei und fast doppelt so viele Punkte wie Teamkollege Kimi Räikkönen. Verstummt waren die Kritiker damit aber noch lange nicht. Nach einem durchwachsenen Jahr 2016 folgte 2017 immerhin die Vizeweltmeisterschaft. Zum ersten Mal in der Hybrid-Ära holte Mercedes nicht die Positionen eins und zwei. Vettel war sogar über weite Strecken ein WM-Anwärter. 2018 sah es sogar lange Zeit aus, als hätte Vettel Hamilton am Rande einer Niederlage - bis zum verhängnisvollen Rennen in Hockenheim.

Von da an ging die Vettel-Aktie in den Keller. Zunächst häuften sich die Fehler, als 2019 mit Charles Leclerc ein junger und schneller Teamkollege kam, fehlte Vettel auch zeitweise die Pace. Eine Mischung, die ihn eine Weltmeisterschaft erstmals nach 2014 wieder hinter einem Teamkollegen beenden ließ. Wieder war es ein junger Wilder, der den inzwischen 32-Jährigen hat alt aussehen lassen. Haben sich die Vorzeichen damit bei Ferrari geändert? Leclerc verlängerte noch im Winter seinen Vertrag in Maranello bis einschließlich zur Saison 2024. Befördert der Lehrling Vettel jetzt aufs Abstellgleis?

Der SF1000 soll mehr nach Vettels Geschmack sein


»Nein, ich sehe das überhaupt nicht so«, meint Vettel selbst und fügt an: »Bei uns beiden ging es im vergangenen Jahr aufwärts. Ich sehe nicht, dass es beim einen aufwärts und beim anderen abwärts ging.« Doch schon die Ausgangslage verdeutlicht das Gegenteil: 2019 ernannte Ferrari vor der Saison Vettel öffentlich zur Nummer eins. Zwar nicht als klare Nummer eins, aber im Zweifel sollte der Routinier Vorrang erhalten. Leclerc geht zwar nicht als Ferraris Nummer eins in die neue Saison, aber Vettel eben auch nicht mehr. »Let them race«, sagte Teamchef Mattia Binotto bei der Präsentation des neuen Boliden. Nun kann man aus zwei Winkeln auf die neue Ausgangslage blicken: Entweder beim einen ging es abwärts oder beim anderen aufwärts. Es war wohl von beidem etwas.

Aber Vettel lässt seine Karriere bei Ferrari nicht einfach ausklingen. Oft sieht man große Sportler, denen im Herbst ihrer Karriere der letzte Biss fehlt. Sie gehen ihrem Hobby nach, verdienen damit - im Fall von Sebastian Vettel nicht zu wenig - Geld, haben aber sportlich keine allzu großen Ambitionen mehr. Mit drei Kindern würde Vettel nun auch andere Prioritäten setzen, meint der ein oder andere. Aber all diese Symptome sind bei Vettel nicht zu erkennen. Sein engeres Umfeld beobachtet noch immer denselben Ehrgeiz wie früher. Dass Vettel sein Fitnesstraining nicht in den sozialen Medien breittritt, heißt nicht, dass er weniger hart trainiert als viele seiner Kollegen. Niederlagen nagen an ihm, Fragen danach nerven ihn. Wer so tickt, ruht sich nicht auf vier Weltmeistertiteln und Millionen auf dem Bankkonto aus.

Sebastian Vettel hat sich 2020 viel vorgenommen


Ferrari blieb bei den Tests von Problemen nicht verschont


»Ich denke mir nicht: Ah, ich habe das schon einmal gewonnen, ich muss es nicht noch einmal schaffen«, sagte er im vergangenen Jahr im Motorsport- Magazin.com-Interview. »Ich wache morgens nicht auf und denke ‚Ich bin der Beste!‘. Ich weiß, dass man darüber sehr viel in Büchern lesen kann, die dir sagen, wie du denken sollst und so. Für mich funktioniert das nicht. Ich lese diese Bücher nicht, aber für mich funktioniert das nicht. Ich wache einfach nicht auf und denke mir, dass ich der Beste und unschlagbar bin. Aber ich wache auf und weiß, dass ich der Beste sein kann und die Besten besiegen kann. Das bereitet mir eine extreme Freude. Das will ich machen.«

An der Motivation scheitert es also nicht. Ist es schlicht der Speed, der Vettel am Ende das Genick bricht? Tatsächlich war er in der abgelaufenen Saison über weite Strecken langsamer als sein Teamkollege. Bis zur Pole in Japan hatte der Routinier neun Qualifying-Duelle in Folge verloren. Technisches Pech war nur teilweise dafür verantwortlich, das Gros der Niederlagen war auf puren Speed zurückzuführen. Die Charakteristik des Ferrari SF90 kam ihm nicht entgegen. Die rote Halbgöttin hatte zu wenig Abtrieb, was Vettel vor allem am Kurveneingang Probleme bereitete. »Ich schreibe Vettel nicht ab. Wenn sich Sebastian wohl fühlt, wenn er ein Auto hat, das seinem Fahrstil entgegenkommt, dann ist er absolut dabei«, meint Dr. Helmut Marko. Adrian Newey baute ihm zu Red-Bull-Zeiten vor allem mit dem angeblasenen Diffusor ein Auto, das am Heck klebte. Als der Regelumbruch 2015 kam, störte sich Vettel nicht nur am neuartigen Motorkonzept, das Renault nicht zum Laufen bekam. Der Verlust von Abtrieb, vor allem am Heck, störte sein Vertrauen ins Auto.


DIE ROTE HALBGÖTTIN HATTE ZU WENIG ABTRIEB, WAS VETTEL VOR ALLEM AM KURVENEINGANG PROBLEME BEREITETE. »ICH SCHREIBE VETTEL NICHT AB. WENN SICH SEBASTIAN WOHL FÜHLT, WENN ER EIN AUTO HAT, DAS SEINEM FAHRSTIL ENTGEGENKOMMT, DANN IST ER ABSOLUT DABEI«, MEINT DR. HELMUT MARKO.


Das instabile Ferrari-Heck bekam er erst mit dem Singapur-Upgrade wieder in den Griff. Als das Problem gelöst war, kam er wieder in Form. Leclerc hingegen konnte die Probleme besser umfahren. Ferrari hat mit dem 2020er Boliden eine andere Richtung eingeschlagen. Die Ingenieure wollten um jeden Preis Abtrieb auf den SF1000 packen. Das sollte Vettel entgegenkommen. Auch beim Fahrwerk wurden Wege eingeschlagen, das Setup besser auf die Bedürfnisse einstellen zu können. Der Spielraum ist nun deutlich größer. In der Theorie hat der SF1000 alle Zutaten. Ob es in der Praxis funktioniert, bleibt abzuwarten. In Relation zur Konkurrenz scheint er eher ein Rückschritt zu sein.

Aber welche Rolle spielt Teamkollege Charles Leclerc bei Vettels Zukunft? Das Duell Vettel gegen Leclerc ist facettenreich. Die erste gemeinsame Saison zeigte, was Vettel von seinem Teamkollegen erwarten kann: keine Geschenke jedenfalls. Zwar betonen beide jederzeit, kein Problem miteinander zu haben, doch eigentlich begann die Beziehungskrise schon, bevor Leclerc überhaupt zu Ferrari kam. Vettel machte nie ein Geheimnis daraus, dass er lieber weiterhin Kimi Räikkönen als Teamkollegen gehabt hätte. Doch Ex-Ferrari-Präsident Sergio Marchionne hatte vor seinem Tod schon die Weichen in Richtung des Youngsters gestellt. »Mit ihm gab es einfach null Bullshit«, sagte Vettel 2018 in Singapur über seinen Freund und damaligen Teamkollegen, den Iceman. Als wäre es eine Vorahnung auf die anstehende Saison gewesen.

Die Diskussionen begannen bereits bei den Wintertests, als Binotto jene Aussagen traf, die Vettel ursprünglich zur Nummer eins machten. Und schon im ersten Rennen mussten die Ferrari-Strategen eingreifen. Das Spiel wiederholte sich mehrfach, ehe der Stallkrieg in Monza eskalierte. Dass es Leclerc war, der sich im Qualifying nicht korrekt verhielt, war nach seinem Sieg schnell vergessen. Dass Vettel ihm eine Woche zuvor in Spa noch mit seiner Abwehrhilfe gegen Hamilton den Sieg sicherte, machte die Geschichte für den Deutschen noch ärgerlicher. Obwohl der Monegasse nachweislich der Bad Boy war, ging er teamintern als Sieger hervor. Das krisengebeutelte Team hatte soeben das zweite Rennen in Folge gewonnen, noch dazu das Heimrennen in Monza.

»Ich glaube, dass Vettel im Team einen gewissen Rückhalt braucht«, meint Dr. Helmut Marko, der Vettel kennt wie kaum ein anderer. Er war es selbst, der dem damaligen Youngster auch nach Zwischenfällen mit seinem Teamkollegen Mark Webber den entsprechenden Rückhalt gab. »Sebastian ist ein sehr geradliniger Sportler, der von Politik wenig wissen will und dem es auch wenig liegt, da mitzukämpfen «, so Marko. »Da ist natürlich Leclerc mit seinem Manager Todt, der in all diesen Bereichen sicherlich sehr gut ist, im Vorteil.« Während Leclerc auf die Dienste des bestens vernetzten Managers Nicolas Todt vertraut, der selbst in einem ausführlichen Interview in diesem Magazin seine politische Unterstützung erklärte, verzichtet Vettel gänzlich auf einen Manager. Monza war übrigens längst nicht der Höhepunkt in der Beziehung Vettel/Leclerc. Nach Zoff in Singapur und Sotschi fand das Duell seinen bisherigen Höhepunkt in der Kollision beim vorletzten Saisonrennen 2019 in Sao Paulo. Einen Schuldigen fand Ferrari dafür offiziell nie, aber es war Vettel, der die Kollision einleitete.

Auch wenn man Vettel abnimmt, dass er kein persönliches Problem mit dem Youngster an seiner Seite hat, allein die sportliche Lage macht die Beziehung pikant. Vettel leistet seit 2015 Aufbauarbeit mit Ferrari, war schon drauf und dran, die Mercedes-Dominanz zu durchbrechen und seinen größten Traum wahr werden zu lassen. Und nun scheint ihm ein Neuankömmling den Rang abzulaufen. Im Winter dann die langjährige Vertragsverlängerung für Leclerc. Vettels Vertrag hingegen läuft Ende 2020 aus. Das wirft zwangsläufig die Frage auf: Wie geht es weiter? Vettel selbst sieht es gelassen: »Ab einem gewissen Punkt muss man sich dann natürlich darum kümmern, was in Zukunft geschehen wird. Aber dafür haben wir genug Zeit. Das stresst mich nicht und macht mir keinen Druck.« Die Tatsache stresst ihn nicht, die Fragen danach jedoch so sehr - ganz besonders nach Niederlagen. Nachdem es beim Launch des neuen Autos fast ausschließlich um seine Zukunft ging, wurde schon bei den Testfahrten freundlich darum gebeten, Fragen danach doch bitte sein zu lassen.

Die gute Laune hat Vettel nicht verloren


Vettel muss sich 2020 teamintern beweisen


Mit diesem Helmdesign geht es in die Saison


Nach den Wintertests: Ferrari stapelt noch tief


WIE GEHT ES WEITER? SEBASTIAN VETTEL SELBST SIEHT ES GELASSEN: »AB EINEM GEWISSEN PUNKT MUSS MAN SICH DANN NATÜRLICH DARUM KÜMMERN, WAS IN ZUKUNFT GESCHEHEN WIRD. ABER DAFÜR HABEN WIR GENUG ZEIT. DAS STRESST MICH NICHT UND MACHT MIR KEINEN DRUCK.«


Klar ist, dass Ferraris langfristige Zukunft Leclerc und nicht Vettel heißt. Auch wenn Binotto sagt: »Seb ist gegenwärtig unsere erste Wahl.« Gegenwärtig. Und sicher nicht bis 2024. Und: An der Seite von Leclerc. Bislang war die Formulierung des zweiten Ferrari-Fahrers andersherum: An der Seite von Vettel. Obwohl immer wieder Gerüchte über einen Wechsel von Hamilton zu Ferrari aufkommen, Vettel hat seine Zukunft wohl (noch) selbst in der Hand. Aber will er selbst weitermachen? »Ich fühle mich ganz sicher jung genug. Wenn wir von Lewis [Hamilton, 35] sprechen - der ist sogar noch älter. Das ist also keine Einschränkung.« Jetzt will er sich aber noch nicht festlegen. Erst die Saison wird Antworten für ihn und die Formel-1-Welt bringen. Kann Vettel gegen Leclerc zurückschlagen? Macht er sich mit Ferrari gar endgültig zur Legende und lässt die Kritiker verstummen? Oder lässt Leclerc Vettels Karriere verstummen? Für Vettel wird es mal wieder ein Schicksalsjahr.


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