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Endlich alles inOrdnung


HÖRZU - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 15.02.2019

Aufräumen macht glücklich, sagen alle Experten. Die JapanerinMarie Kondo hat dafür eine spezielle Kultur des Loslassens entwickelt


EXPERTE

Artikelbild für den Artikel "Endlich alles inOrdnung" aus der Ausgabe 8/2019 von HÖRZU. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: HÖRZU, Ausgabe 8/2019

SOZIALWISSENSCHAFTLERBernd Vonhoff


Die KonMari- Methode Schritt für Schritt

Eine ausgeklügelteFalttechnik schafft Platz im Schrank und schont die Stoffe. Sie hat Marie Kondo berühmt gemacht. So geht’s – exakt in dieser Reihenfolge

1. Vorbereitung: den Pullover auf einer geraden Fläche glatt ziehen


2. Die linke Seite des Rumpfs nach innen zu einem Rechteck falten, den Ärmel darüberlegen


3. Nun den Ärmel längs zum äußeren Rand des Rechtecks legen


4. Mit der anderen ...

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4. Mit der anderen Seite genauso verfahren. Dabei beide Hälften leicht nach innen versetzen


5. Das Rechteck zweimal über Hand falten, wobei das dünne Ende innen liegt


6. So erhalten Sie ein Päckchen, das frei stehen kann


7. Toptipp von Marie Kondo, dem Superstar der Aufräumexperten weltweit: der Pullover, der im Wäscheschrank stehend verstaut wird


Mit diesem Satz ist das Eis sofort gebrochen: „Ich liebe Unordnung!“, sagt Marie Kondo schon an der Haustür und strahlt die Bewohner an. Dann hebt sie die Beine und springt wortwörtlich ins Chaos, das hinter der Tür lauert. Die Japanerin ist die bekannteste Ordnungsexpertin der Welt. Ihre Bücher wie „Das Große Magic Cleaning Buch“ (siehe Buchtipp S. 10) werden in 40 Sprachen millionenfach verkauft. Seit ihre eigene Sendung „Aufräumen mit Marie Kondo“ auf dem internationalen Streamingkanal Netflix übertragen wird, ist sie auch in Deutschland berühmt. In acht Folgen führt sie dort praktisch vor, wie man Kleidung sortiert, Berge von Krimskrams loswird oder die vollgestopfte Garage in den Griff bekommt. Alles im Namen eines „neuen Lebensgefühls“.

Wer ihre Serviceshow verfolgt, erkennt sofort das Erfolgsgeheimnis der 1,41 Meter kleinen Frau: Mit elfenhaftem Lächeln nimmt sie ihren Probanden die Scham, selbst wenn deren Wohnung vor lauter Gerümpel kaum noch begehbar ist. Ohne Unordnung keine Ordnung, die man schaffen kann. Und was gibt es Schöneres? Die Anweisungen, die Kondo den Aufräummuffeln gibt, sind exakt: Die „KonMari“-Methode, die sie sich hat schützen lassen, erfolgt stets in fünf Schritten: Zuerst wird Kleidung auf einen großen Haufen geworfen: Pullover, Hosen, Unterwäsche. Was bleibt, kehrt nach Farben oder Outfits sortiert zurück in den Schrank oder wird mit einer speziellen Falttechnik (siehe links) in Schachteln verstaut. Im zweiten Schritt werden Bücher sortiert, im dritten wird die Papierflut eingedämmt. Der vierte Schritt widmet sich dem „Komono-Kleinkram“: etwa CDs, Pflegeprodukten, Kuscheltieren, Küchenteilen. Im letzten fünften Schritt geht es um Erinnerungsstücke. Kondo ist überzeugt: „Aufräumen beginnt im Kopf.“ Am Ende soll möglichst viel weggeworfen sein. In der Spitze waren es bei einem Haushalt der Netflix-Serie 150 (!) Müllsäcke mit aussortierten Sachen.

Entscheidung für einen neuenLebensstil

„Die Unordnung im Zimmer entspricht der Unordnung im Herzen“, sagt ein japanisches Sprichwort. Dieser Herr zu werden ist Marie Kondos Lebensmotto geworden. Längst geht es nicht mehr allein ums Auf- räumen. Sie möchte anderen helfen, „ihr Zuhause in Orte der Heiterkeit und Inspiration zu verwandeln“. Dafür sei es wichtig, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die man mag, und die anderen loszuwerden. Als Entscheidungshilfe dient eine weitere Kondo-Methode: „Nehmen Sie jedes Teil vom Haufen in die Hand. Wenn Sie davon überzeugt sind, dass es in Ihnen ein Glücksgefühl auslöst, dann behalten Sie es. Auch wenn es nicht perfekt ist. Und ohne Rücksicht darauf, was irgendjemand sonst davon hält.“ Je öfter man das wiederhole, desto stärker würde sich ein Gespür für persönliche Vorlieben und Freuden einstellen. „Das beschleunigt nicht nur Ihr Tempo beim Ausräumen, sondern verbessert auch Ihre Entscheidungsfähigkeit in allen Lebensbereichen. Wenn man gut auf seine Sachen achtgibt, mündet das automatisch darin, dass man gut auf sich selbst achtgibt“, davon ist Kondo überzeugt. Zugleich würden Dinge, die einen nicht berühren, nicht einfach weggeworfen, sondern mit respektvoller Geste verabschiedet.

SCHRANK
Kleidung wird nach Farben oder nach Anlässen sortiert, etwa Hemden


SCHUBLADE
Verschieden große Schachteln helfen beim Ordnunghalten


Konsumzwang aus Angst, etwas zuverpassen

Man muss sich in seinen vier Wänden wohlfühlen, dann ist auch die Seele zu Hause. Selbst die Sozialforschung hat das schon erkannt. Wie viele seiner Zunft unterstützt der Stressforscher Bernd Vonhoff die These: Weniger ist mehr! „Die Konsumwelt macht die Menschen eher unglücklich als glücklich.“ Trotzdem geben 59 Prozent der Deutschen an, Sammler zu sein. Woher kommt die Leidenschaft zum Horten? „Der Konsum von Dingen beruhigt. Viele Männer sammeln Werkzeug, Frauen Kleidung. Das beruht auf dem Urzeitinstinkt des Menschen, als er darauf angewiesen war, Reserven zu haben. Unsere Eltern haben zudem Krieg erlebt, da war es überlebenssichernd zu horten. Das ist mit Sicherheit noch in uns. Heute erfahren wir jedoch einen derartigen Überfluss, dass Sammeln seinen Sinn verloren hat.“ Ein weiterer Grund für andauerndes Konsumieren sei die Angst, etwas zu verpassen. In den USA gilt FOMO (Fear Of Missing Out) inzwischen als anerkannte Krankheit. „Das führt dazu, das einige permanent in ihre digitalen Medien schauen, ob dort etwas Neues im Netzwerk steht“, sagt Vonhoff. „Ungesund wird es, wenn der Konsum anfängt, uns zu beherrschen, zur Sucht wird.“

KLEIDERBERG Aussortieren ist bei Marie Kondo (r.) eine Zeremonie: ein respektvoller Abschied von überflüssigen Dingen


BUCHTIPP Marie Kondo Das große Magic Cleaning Buch Rowohlt 320 S., 15 €


KÜCHENKRAM
Vom Handtuch bis zum Kochlöffel: alles übersichtlich sortiert


„Wenig zu besitzen ist befreiend.“
Bernd Vonhoff, Soziologe und Stressforscher


Bei ersten Anzeichen von Shoppingzwang sollte man unbedingt versuchen gegenzusteuern. Gut, wer sein eigenes Chaos nicht länger ertragen mag. Verzicht kann ein wirklicher Befreiungsschlag und der Anfang für einen neuen Lebensstil sein. „Weder das Glück noch die Zukunftstauglichkeit des Menschen hängt vornehmlich am Besitz von Dingen“, sagt Vonhoff.

Aufräumkultur ist die neueWeltordnung

Viele Sozialstudien raten zu Genügsamkeit. Ihre Erkenntnis ist immer ähnlich: Menschen, die seit einer Weile minimalistisch leben, empfinden sehr große Zufriedenheit. Das gilt für alle gesellschaftlichen Schichten, egal ob arm oder reich. „Einmal wirklich etwas wegzuwerfen ist befreiend. Denn dieses An-Dingen-Hängen ist das, was Leid erzeugt“, so Vonhoff.

Nach Marie Kondos Erfahrungen sind zwei Drittel eines Haushalts überflüssig. So bräuchte kein Mensch mehr als 30 Bücher im Regal. Doch an diesem Punkt neigen moderne Minimalisten leicht zum Selbstbetrug. „Sie belächeln die großen Bibliotheken ihrer Eltern, tragen jedoch selbst Tausende Bücher auf ihrem Laptop herum, den sie nur als Einzelteil rechnen. Sie haben keinen 25-bändigen Brockhaus im Schrank stehen, sondern Wikipedia, dessen Inhalt permanent größer wird. Sie haben Filme, die unsere Eltern nie gesammelt hätten. Niemals würden sie auf ihr Smartphone verzichten, wo alles gespeichert ist. Das schränkt den Minimalismus etwas ein“, gibt Vonhoff offen zu. Dennoch beherrschen die Anhänger des Minimalismus derzeit den Gesellschaftston, Vertreter des kreativen Chaos wirken wie aus der Zeit gefallen. Denn es geht nicht allein um weniger Konsum, es geht vor allem um Kontrolle. Weil die Welt draußen immer komplexer und unübersichtlicher erscheint, nimmt der Drang, wenigstens seinen engsten Bereich im Griff zu haben, immer mehr zu. So behaupten 49 Prozent der Deutschen von sich, regelmäßig ihre Wohnung auszumisten, weitere 21 Prozent tun es immerhin bereits unregelmäßig (siehe Grafik links).

Dass durch Menschen wie Marie Kondo die traditionell spartanische Aufräumkultur Japans zur neuen Weltordnung verklärt wird und damit in die eigentlich geschützte Privatsphäre eindringt, empfinden andere als zutiefst übergriffig. Sozialforscher Bernd Vonhoff sieht es pragmatischer: „Orientierung hilft den Menschen immer. Entscheidend ist, dass der Verzicht freiwillig verläuft. Dann ist diese eigenmächtige Reduktion ein fantastisches Mittel gegen Stress.“ Genau das sei ja der Grund für den Trend zu größerer Genügsamkeit: „Es ist die Idee von Menschen, die für sich entschieden haben: Wir machen nicht mehr mit bei diesem Streben nach einem, Immer höher, immer weiter, immer schneller!‘. Nach diesem Anhäufen von Überfluss.“

Wegwerfen für ein glücklichesLeben

Auch bei Marie Kondo steht am Ende des ganzen Aufräumens das einfache Glück: „Ein Haus in Ordnung zu bringen schafft ein glückliches Leben“, sagt sie und lächelt überzeugend. Kondo, 34 Jahre alt und längst Multimillionärin, lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern in Los Angeles. Ist es dort auch mal unordentlich? Ja, gesteht sie. Hin und wieder würde sie ihre Hausschuhe einfach im Wohnzimmer stehen lassen.

Wie oft misten Sie Ihre Wohnung aus?

Fast die Hälfte der Deutschen schafftregelmäßig Ordnung und trennt sich von Dingen. Ein Fünftel tut dies unregelmäßig

Quelle: Statista


FOTOS: S. 8-9: MARTIN SCHOELLER/AUGUST (7), PRIVAT, FANCY/KAMOUNI/GETTY IMAGES (2); S. 10: FANCY/GETTY IMAGES, NETFLIX, PR