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Endlich frei, endlich unabhängig


Donna - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 04.09.2019

Die Kinder groß, die Eltern alt, die Jugend vorbei – und jetzt? Das Leben Ende 40 ist wunderbar, findet DONNAAutorin Julia Karnick


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Und weiter geht’s! Über ein paar Jahrzehnte Lebenserfahrung zu besitzen eröffnet ungeahnte Perspektiven


FOTO: STOCKSY

D ieses Jahr habe ich meinen Geburtstag auf unspektakuläre Weise gefeiert. Ich hatte keine Lust auf Gastgeberinnenstress, also bin ich abends mit meinem Mann und unseren Kindern essen gegangen. Vorher habe ich mich mit vier sehr guten Freundinnen in einem Café getroffen, um mit ihnen Cappuccino zu trinken, Kuchen zu essen und aufs Leben anzustoßen.

Mit dabei war ...

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... auch meine Tochter. Sie ist 18, normalerweise hat sie Besseres zu tun, als stundenlang mit ihrer Mutter und deren Freundinnen – alle über 50 – zusammenzusitzen. An diesem Nachmittag aber hatte sie Lust dazu, vielleicht um mir eine Freude zu machen, vielleicht weil sie unbedingt eine Zitronentarte wollte. Und als wir später auf dem Weg ins Restaurant im Auto saßen, sagte sie: „Ich fand ja schon immer, du hast supernette Freundinnen, Mama. Aber heute habe ich gedacht, dass ihr alle auch noch richtig cool seid, so locker und selbstbewusst und schlau und lustig. Wahrscheinlich ist es gar nicht so schlimm, schon so alt zu sein, oder?“ Ich lachte. Nein, es sei gar nicht schlimm, so alt zu sein, antwortete ich. Im Gegenteil, es sei ganz wunderbar. „Echt? Warum?“, fragte meine Tochter. Warum das Leben jenseits der 50 wunderbar ist?

>Das liegt ganz sicher nicht daran, dass dieser Lebensabschnitt ohne Krisen und Kummer auskommt: Ein Leben ohne Kummer und Krisen gibt es nicht, auch nicht in diesem Alter. Stattdessen gibt es viele erste Zipperlein und manch ernsthafte Erkrankung. Es gibt größer werdende Kinder, die uns von Jahr zu Jahr weniger brauchen, irgendwann flügge werden und ausziehen – wenn’s gut läuft.
Wenn es schlecht läuft, machen die großen Kinder große Sorgen.
Es gibt alte Eltern, die immer gebrechlicher werden und schließlich ganz von uns gehen. Überhaupt hält das Leben jenseits der 50 viele Abschiede bereit. Nach und nach muss man sich verabschieden von straffer Haut und grenzenloser Belastbarkeit, von unerfülltem Kinderwunsch, unerreichbaren Karrierezielen und dem der Jugend vorbehaltenen Glauben, dass alles möglich und das Leben unendlich sei. Und dann gibt es noch „die verdammten Wechseljahre, und das ist das mit Abstand beschissen Wundervollste auf der Welt“, wie es die 58-jährige, von Kristin Scott Thomas umwerfend lässig gespielte Businessfrau Belinda Friers in der britischen Comedyserie „Fleabag“ ausdrückt: „Ja, dein gesamter Beckenboden fällt in sich zusammen, und dir ist verflucht heiß, und keinen interessiert es, aber dann: bist du frei! Nie wieder eine Sklavin, nie wieder eine Maschine, die funktioniert. Du wirst zu einem Menschen.“


„Erst jetzt habe ich das Gefühl, irgendwo angekommen zu sein”


Tatsächlich, jahrzehntelang musste ich mich den Bedürfnissen anderer anpassen und funktionieren, um vor mir selbst und anderen bestehen zu können. Ich musste mehr sein als nur ein Mensch: ein braves Kind, eine gute Tochter, eine attraktive, zielstrebige junge Frau, eine liebenswerte, verständnisvolle Partnerin, schließlich auch noch fürsorgliche Mutter und erfolgreiche Journalistin. Erst jetzt habe ich das Gefühl, irgendwo angekommen zu sein, wo ich vor allem ich selbst sein kann – der Mensch, der ich bin, wenn ich nicht zuallererst für andere da sein muss. Von den Erwartungen meiner Eltern habe ich mich spät, aber umso entschiedener abgenabelt. Mein Sohn und meine Tochter sind erwachsen, ich muss meinen Alltag nicht mehr nach ihren Bedürfnissen ausrichten. Dass ich für niemanden mehr waschen, kochen und Elternabende besuchen muss, dass ich so oft, wie ich will, ausgehen und verreisen kann, dass mein Mann und ich wieder viel Zeit zu zweit haben: Das macht mich anders als viele andere Mütter, die ich kenne, nur manchmal wehmütig. Meistens beschert es mir geradezu euphorische Freiheitsgefühle. Auch im Job habe ich zu mir selbst gefunden. Ich weiß, was ich kann und was ich noch lernen und schaffen möchte. Und ich weiß, was ich nicht will, zum Beispiel zu welchen Bedingungen ich nicht bereit bin zu arbeiten. Noch wichtiger als mei-ne beruflichen Höhepunkte waren womöglich die Niederlagen.

Sie haben mich gelehrt, dass Erfolge zwar eine herrliche Droge sind, dass man sich aber davon befreien sollte, sein Selbstwertgefühl von ihnen abhängig zu machen.
Denn Erfolg ist erstens zerbrechlich. Zweitens ist er kein bisschen entscheidend, wenn es um das Wichtigste im Leben geht: um Liebe und Freundschaft, um die Beziehungen zu denen, die aus unserem Leben ein lebenswertes machen, ohne dass wir dafür mehr leisten müssten, als unser Herz zu öffnen.

All jene Krisen, Ernüchterungen und Verluste, die man mit 50 bereits erlebt hat, all die großen und kleinen Abschiede, die noch auf einen warten, sie waren und sind also nicht nur schmerzhaft, sie sind auch eine Chance, sich zu befreien. Zum Beispiel von Menschen und Lebensumständen, die uns nicht guttun oder nicht mehr zu uns passen. Eine meiner Freundinnen ist vor ein paar Jahren an Krebs erkrankt. Das war ein schlimmer, mit großer Angst verbundener Schock. Und es war ein Wendepunkt. Die eigene Vergänglichkeit vor Augen gestand sie sich ein, dass ihre Beziehung längst keine glückliche mehr war und dass sie sich schon lange nach mehr Zeit sehnte, um das Leben zu genießen. Sie trennte sich von ihrem Mann, reduzierte ihre Arbeitszeit und lebt nun mit weniger Geld, aber bewusster und zufriedener als jemals zuvor.

Eine andere Freundin wurde nach 25 Jahren von ihrem Mann verlassen – ein Umstand, der sie dazu zwang, wieder Vollzeit zu arbeiten. Zu ihrer eigenen Überraschung machte ihr der Job so viel Spaß, dass sie sich richtig reinhängte. Inzwischen wurde sie nicht nur befördert, sie hat einen weit entfernt lebenden Geliebten, den sie nur alle paar Wochenenden sieht. Das reicht ihr, denn sie schätzt ihre Freiheit so sehr, dass sie sie nicht wieder aufgeben möchte. Am häufigsten aber befreit uns das zunehmende Alter schlicht von überhöhten Ansprüchen an uns selbst und andere. Vom Bedürfnis, um jeden Preis zu gefallen. Von dem Perfektionismus, der so vielen von uns Frauen anerzogen wurde. Mit 50 plus haben die meisten von uns gelernt, über sich und ihr unperfektes Leben zu lachen, statt in Verzweiflung zu verfallen. Und weil nichts komischer ist als die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit, weil wir einander in dieser Hinsicht viel zu berichten und voreinander jegliche Scham abgelegt haben, lachen wir sehr, sehr viel. Das Date mit dem Parship-Flirt war ein Desaster? Das große Kind liegt mit der Freundin im Bett, statt fürs Abi zu lernen?


„Frauen ab 50 sind so abgeklärt, entspannt, souverän und selbstironisch, wie man es nur sein kann”


Schon wieder eine Kleidergröße mehr? Die neue Vorgesetzte ist halb so alt und verdient doppelt so viel wir wir? All das mag ein Grund zum Heulen sein, andererseits ist das Leben zu kurz und kostbar, um es mit Trauer und Wut über Dinge zu verschwenden, die wir sowieso nicht ändern können. Also machen wir lieber einen Crémant mit unseren Freundinnen auf und reißen Witze darüber.

Meine Tochter hat völlig recht. Frauen ab 50 sind so abgeklärt, entspannt, erfahren, souverän und selbstironisch, wie man es nur sein kann, wenn man schon mehr als ein halbes Leben hinter sich hat mit allen Höhen und Tiefen, guten und schlechten Zeiten, Erfolgen und Enttäuschungen, die nun mal dazugehören. Noch nie habe ich so interessante, ehrliche Gespräche, so intensive, berührende Begegnungen und so viel und hemmungslos Spaß gehabt wie in den letzten Jahren mit meinen Freundinnen. Und ich bin optimistisch, dass das so weitergeht. Wieso also sollte ich mein Leben nicht wunderbar finden?