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ENDLICH GEBORGEN


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National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 25.02.2022

Artikelbild für den Artikel "ENDLICH GEBORGEN" aus der Ausgabe 3/2022 von National Geographic Deutschland. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Jay Haigler, Ausbildungsleiter bei Diving With a Purpose (DWP), wiegt in der Coral Bay auf der Amerikanischen Jungferninsel St. John einen Ballaststein in seinen Händen. Auf Sklavenschiffen wurden solche Steine oft dazu benutzt, das Gewicht der Gefangenen im Frachtraum eines Schiffes auszugleichen.

DAS WASSER IST KALT AUF DER HAUT, die Stille vollkommen. Während ich über den Resten des Wracks schwebe, bin ich erfüllt von Frieden und Dankbarkeit und habe das Gefühl, nach Hause zu kommen. Zum allerersten Mal helfe ich aktiv mit, die Überreste eines Schiffswracks zu kartieren. 30 andere Taucher in Zweiergruppen sind unter Wasser – nicht tief, nur fünf Meter vielleicht. Trotz der starken Strömung vor der Küste von Key Largo in Florida treiben sie ruhig auf der Stelle, fertigen Skizzen von korallenverkrusteten Artefakten oder nehmen Messungen vor. Die meisten sind Afroamerikaner. Wir lassen uns zu „Advokaten der Unterwasser-Archäologie“ ausbilden und lernen alles, was man braucht, um an Expeditionen teilzunehmen und mitzuhelfen, die Wracks von Sklavenschiffen zu dokumentieren, die rund um den Globus gefunden werden. Es sind Schiffe wie die São José Paquete d’Africa in Südafrika, die Fredericus ...

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DAS WASSER IST KALT AUF DER HAUT, die Stille vollkommen. Während ich über den Resten des Wracks schwebe, bin ich erfüllt von Frieden und Dankbarkeit und habe das Gefühl, nach Hause zu kommen. Zum allerersten Mal helfe ich aktiv mit, die Überreste eines Schiffswracks zu kartieren. 30 andere Taucher in Zweiergruppen sind unter Wasser – nicht tief, nur fünf Meter vielleicht. Trotz der starken Strömung vor der Küste von Key Largo in Florida treiben sie ruhig auf der Stelle, fertigen Skizzen von korallenverkrusteten Artefakten oder nehmen Messungen vor. Die meisten sind Afroamerikaner. Wir lassen uns zu „Advokaten der Unterwasser-Archäologie“ ausbilden und lernen alles, was man braucht, um an Expeditionen teilzunehmen und mitzuhelfen, die Wracks von Sklavenschiffen zu dokumentieren, die rund um den Globus gefunden werden. Es sind Schiffe wie die São José Paquete d’Africa in Südafrika, die Fredericus Quartus und die Christianus Quintus in Costa Rica oder die Clotilda in den Vereinigten Staaten.

Schätzungsweise 12,5 Millionen Afrikaner wurden zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert im Rahmen des transatlantischen Sklavenhandels zwangsweise auf Schiffe wie diese verladen, erklärt Nafees Khan, Hochschulprofessor und Berater der Trans-Atlantic Slave Trade Database. „Es waren mindestens 36 000 Fahrten nötig“, sagt er. Etwa 1000 Schiffe dürften gesunken sein.

Hier kommt Diving With a Purpose (DWP) ins Spiel, eine NGO, die seit ihrer Gründung im Jahr 2003 rund 500 Taucher ausgebildet hat, die Archäologen und Historiker bei der Suche nach solchen Schiffen und deren Dokumentation unterstützen. Ziel ist es, insbesondere Schwarzen Menschen dabei zu helfen, ihre eigene Geschichte aufzudecken und ihre eigenen Geschichten zu erzählen.

„Wenn man als Afroamerikaner nach einem Sklavenschiff taucht, ist das etwas vollkommen anderes, als wenn sonst jemand das macht“, meint der legendäre Taucher Albert José Jones, Mitbegründer der National Association of Black Scuba Divers und Vorstandsmitglied von DWP. „Jedes Mal, wenn man abtaucht, werden einem vor allem zwei Dinge bewusst: Das eine ist, dass vielleicht die eigenen Vorfahren auf dem Schiff waren. Zum anderen erkennt man, dass man eine eigene Geschichte hat. Die eigene Geschichte begann nicht an der Küste der Vereinigten Staaten. Sie begann auch nicht mit der Sklaverei. Sie begann in Afrika, zu Anbeginn der Zeit, zu Beginn der Zivilisation.“

Das National Museum of African American History and Culture in Washington, D.C. arbeitet mit DWP im Slave Wrecks Project zusammen. DWP-Mitglieder „stellen ihre Tauchfähigkeiten zur Verfügung, um uns zu helfen, die Geschichten aufzuspüren, die in den Tiefen verborgen sind“, sagt Lonnie Bunch III, Gründungsdirektor des Museums der Smithsonian Institution und seit 2019 Direktor von Smithsonian. „In gewisser Hinsicht wissen wir bereits sehr viel über die Sklaverei. Aber es gibt auch noch so viel, was wir nicht wissen. Ich würde es so formulieren: Der letzte weiße Fleck ist das, was unter der Wasserlinie liegt.“

Die National Geographic Society

hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Wunder unserer Welt bekannt zu machen und zu schützen. Sie unterstützt das Storytelling von Explorerin Tara Roberts über die Sklavenschiff-Wracks.

Unter Wasser. Hier draußen in der Tiefe des Ozeans. Es ist fantastisch, die Meeresbrise auf meiner Haut zu spüren und die Gischt des Salzwassers, wenn das Boot nach einem arbeitsreichen Tag zum Ufer zurückprescht. Und es tut gut, in die müden Gesichter der Menschen um mich herum zu blicken und zu wissen, dass diese ganz gewöhnlichen Leute – Lehrer, Beamte, Ingenieure, Studenten – trotz ihres vollen Terminkalenders hier sind und ehrenamtlich mitmachen, weil sie das Tauchen lieben und an diese wichtige Arbeit glauben.

Auf der Rückfahrt vom Tauchgang hört man vielleicht die dröhnende Stimme von Ausbildungsleiter Jay Haigler und sein unverkennbares Lachen, sieht vielleicht das Funkeln in seinen Augen und spürt seine ansteckende Freude, wenn er, kurz bevor er einnickt, leise sagt: „Genau hierfür lebe ich.“

WENN WIR GANZ AN DEN ANFANG GEHEN, als die Fahrten begannen von jenen Küsten an diese, können wir Hinweise auf eine Vergangenheit finden, über die wenig gesprochen wird, Hinweise auf Geschichten, die in den Tiefen verloren gegangen sind. Wir sind jenen, die die Atlantiküberquerung machten, auf das Engste verbunden. Und ebenso verbunden sind wir den schätzungsweise 1,8 Millionen Menschen, die unterwegs den Tod fanden. Der Atlantik ist voll von vergessenen Seelen.

Es wird Zeit, dass ihre Geschichten aus der Tiefe ans Licht kommen. Dass sie dazu beitragen, endlich eine Wunde zu heilen, die viel zu lange geeitert hat. Das ist die Chance dieser Arbeit, dieser Auferstehung aus dem Wasser, die DWP sich auf die Fahnen geschrieben hat.

Diese Schiffe „geben uns die Möglichkeit, jene zu ehren, die es nicht geschafft haben“, sagt Lonnie Bunch. „Und solange wir nach diesen Schiffen tauchen, solange wir so viel wie nur möglich über sie herausfinden, solange sind diese Menschen, deren Namen wir nie kennen werden, nicht vergessen. Sie werden erinnert.“

Doch die Wracks sind extrem schwer zu finden. Schiffe dieser Epoche bestanden vorwiegend aus Holz; sie haben sich daher im Laufe der Zeit aufgelöst und wurden vom Meer absorbiert. Heute setzen Taucher Geräte wie Magnetometer und Seitensichtsonare ein, um von Menschen hergestellte Gegenstände im trüben Wasser ausfindig zu machen. Diese Arbeit erfolgt nicht selten unter gefahrvollen Bedingungen oder findet an Orten statt, an denen es von Leben im Meer wimmelt, das nicht gestört werden sollte.

„Wenn man einen Ort einmal gestört hat, gibt es keine Möglichkeit, den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen“, erklärt Ayana Flewellen, Mitbegründerin der Society of Black Archaeologists und Ausbilderin bei DWP. „Aus diesem Grund gehen wir bei der Dokumentation extrem sorgfältig vor und achten sehr genau darauf, was sich im Wasser um uns herum abspielt, um sicherzustellen, dass wir weder das Wrack beschädigen noch die Lebewesen im Ozean stören.“

Der sandige Meeresboden verhüllt und enthüllt nach Lust und Laune. Was heute sichtbar ist, kann morgen verschwunden sein. Eine veritable Expedition mit Historikern und Archäologen kann Jahre in Anspruch nehmen. „Unsere Identität wird von der Vergangenheit geprägt“, sagt Calinda Lee vom National Center for Civil and Human Rights in Atlanta.

ICH E RFUHR VON DWP durch ein Foto von Schwarzen Taucherinnen, das ich im National Museum of African American History and Culture sah. Auf dem Bild war auch Ken Stewart zu sehen, der Visionär, der DWP vor fast 20 Jahren ins Leben gerufen hat. Er hatte im Biscayne National Park auf den Florida Keys die Archäologin Brenda Lanzendorf kennengelernt. Sie suchte dort Taucher, die das spanische Sklavenschiff Guerrero lokalisieren konnten, das 1827 gesunken war. Stewart hatte Kontakt zu vielen Tauchern. Er trommelte einige von ihnen zusammen, und sie lernten, Schiffswracks zu kartieren. Stewart sagte, es sei an der Zeit, dass die Gruppe anfange, mit einer bestimmten Zielsetzung (engl.: purpose) zu tauchen – daher der Name „Diving With a Purpose“. Seitdem war DWP an der Dokumentation von 18 Wracks beteiligt und hat mehr als 18 000 Stunden in sechs Ländern investiert.

Ich weiß noch genau, wie mir das Herz bis zum Hals schlug, als Stewart mich zum Mitmachen einlud und ich mit einem klaren Ja zusagte. Einem Ja, das eine gewaltige Woge auslöste, die schließlich mein ganzes Leben umkrempeln sollte. Ich kündigte meinen Job, gab meine Wohnung auf und plünderte mein ohnehin nicht üppiges Konto, um Geld für Reisen und die erforderlichen Tauchgänge zu haben, die ich brauchte, um am DWP-Ausbildungsprogramm teilnehmen zu können.

ES WIRD ZEIT, DASS DIE GESCHICHTEN DERER, DIE AN BORD VON SKLAVENSCHIFFEN STARBEN, ANS LICHT KOMMEN, UND ZWAR IN IHRER GANZEN FÜLLE.

Zum Teil schloss ich mich DWP an, weil mich das Abenteuer lockte. Aber auch, weil ich mich auf meinen Reisen um den Globus für Print- und Online-Magazine zwar als Weltbürgerin fühlte, aber auch wie ein Blatt, das im Wind treibt. Nicht verwurzelt. Nicht verankert.

Ich machte mich bereit für eine Reise, die mir hoffentlich eine zentrale Frage beantworten würde: Wie kann das Entdecken und Erzählen der verloren gegangenen Geschichte des Sklavenhandels mir als Schwarzer Amerika - nerin dabei helfen herauszufinden, wohin ich gehöre?

MOSAMBIK UND SÜDAFRIKA: BESTÄTIGUNG

M EINE REISE BEGINNT auf der Ilha de Moçambique, einer keine drei Kilometer langen und nicht einmal 500 Meter breiten Insel im Norden von Mosambik. Das winzige Eiland war vom 16. bis zum 19. Jahrhundert die Hauptstadt von Portugiesisch-Ostafrika. Die portugiesischen Kolonialherren machten sie zu einem Zentrum des Sklavenhandels; von ihrem Hafen aus wurden Hunderttausende Afrikaner verschifft.

„DIE VERBINDUNG ZU DEN VORFAHREN IST ETWAS SEHR MACHTVOLLES. UNTERBRICHT MAN SIE, IRRT MAN WIE VERLOREN UMHER.“

KAMAU SADIKI

ICH SEHE DIE MÖGLICHKEIT, EINES DER SCHMERZHAFTESTEN KAPITEL DER AMERIKANISCHEN GESCHICHTE NEU ZU DEUTEN UND EINE TIEFE WUNDE ZU HEILEN.

Die Insel ist farbenfroh: Rot-, Pink- und Blautöne schmücken die Gebäude im Kolonialstil. An tauchfreien Tagen schlendere ich durch die kopfsteingepflasterten Straßen und über Feldwege. Ich lasse mir Gerichte wie Matapa de Siri Siri schmecken, einen Eintopf aus Seetang, Cashewnüssen und Kokosmilch, der wie Rahmspinat aussieht. Ich bemerke strahlendes Lächeln auf freundlichen Gesichtern, die im Vorbeigehen fragen: „Tudo bem – wie geht’s?“

Und ich höre Geschichten über den Schiffbruch der São José Paquete d’Africa. Das portugiesische Schiff segelte 1794 von Lissabon zur Ilha de Moçambique. Menschenhändler luden mehr als 500 Menschen, viele davon wahrscheinlich Angehörige des Volks der Makua, in den Frachtraum des Schiffes. Auf dem Weg nach Brasilien havarierte das Schiff in den frühen Morgenstunden des 27. Dezember vor Kapstadt. 212 der an Bord befindlichen gefangenen Afrikaner ertranken, die Überlebenden wurden in die Sklaverei verkauft.

Ich war auf Einladung des DWP und des Slave Wrecks Projects (SWP) gekommen, das seit 2008 auf der Suche nach der São José und anderen Wracks war. Hinweise deuteten schließlich auf das Gebiet um Clifton, einen Vorort von Kapstadt. „Wir wussten von dem Wrack bei Clifton, das in den Achtzigern von Schatzsuchern als niederländisches Schiff identifiziert worden war“, erzählt Jaco Boshoff vom Iziko-Museum, der für die Fundstätte verantwortliche Archäologe und Mitinitiator des SWP. Aber er dachte auch: „Vielleicht war diese Zuordnung falsch; lasst uns selbst nachsehen.“

DWP stellte Taucher zur Verfügung, die bei der Suche halfen. Einer von ihnen war Kamau Sadiki, mein Ausbilder und Tauchpartner, der schon an mehr als 20 Einsätzen teilgenommen hat. Er erzählt mir, wie es für ihn war, als er 2013 nach Kapstadt kam, in diesen stürmischen Gewässern tauchte und Artefakte von der São José sah und anfasste. „Es war, als könnte man die Schreie hören, das Gebrüll und den Schmerz. Und den Todeskampf der Angeketteten auf einem Schiff, das sinkt und im Meer auseinanderbricht“, berichtet er. „Du weißt ja, beim Tauchen tragen wir eine Maske, und manchmal beschlägt sie. Aber meine war nass vor Tränen.“

Nachdem das Team die São José definitiv identifiziert und festgestellt hatte, dass etliche der im Frachtraum gefangen gehaltenen Menschen wohl Makua waren, fuhren Bunch und Sadiki mit ihrem Team zurück in das gegenüber der Mosambikinsel gelegene Küstendorf Mossuril, um den Nachfahren der Makua die Nachricht zu überbringen.

Im Anschluss an eine von Gesang, Tanz und Ansprachen begleitete Zeremonie überreichte Häuptling Evano Nhogache, der ranghöchste Makua vor Ort, Bunch in einem mit Kaurimuscheln verzierten Körbchen Erde von der Insel und gab ihm präzise Anweisungen. „Er sagte, seine Vorfahren hätten darum gebeten, dass ich in Südafrika die Erde über das Wrack streue, sodass seine Leute zum ersten Mal seit 1794 wieder in heimatlicher Erde schlafen können“, erzählt Bunch.

„Es hat mich zerrissen“, berichtet Bunch und schüttelt den Kopf, als er sich an die Szene erinnert. „Mir rinnen die Tränen übers Gesicht … Ich denke über die Gegensätze nach, die Schönheit, die mich umgibt, die Tatsache, dass ich Historiker bin, aber hier geht es darum, wie lebende Menschen fühlen und denken.“

Das Team kehrte nach Südafrika zurück, um den Auftrag von Häuptling Nhogache auszuführen. Der 2. Juni 2015 war ein regnerischer, stürmischer, trüber Tag. Etwa 30 Menschen waren gekommen. Sadiki und zwei weitere Taucher stiegen ins Wasser und verstreuten die Erde aus dem Körbchen. „Wir standen eine Weile nur da. Und ich glaube, es gab einen Augenblick, an dem wir dastanden und uns umarmten. Wir ließen uns einfach von den Wellen umspülen“, erzählt Sadiki. „Ich brachte kein Wort heraus. Und bei uns allen dreien flossen die Tränen.“

Als ich in Kapstadt bin, um die Fundstelle des Wracks mit eigenen Augen zu sehen, sitze ich an der Sea Point Promenade, einem drei Kilometer langen, palmengesäumten gepflasterten Weg, der die Stadtteile entlang der Küste miteinander verbindet und gerne von Joggern benutzt wird. Sie liegt direkt neben der Stelle, an der die São José gesunken ist. Es ist hell und sonnig. Ich lausche der Gewalt der brechenden Wellen und stelle mir vor, wie es hier wohl vor mehr als zwei Jahrhunderten gewesen sein mochte, als das Schiff gegen diese Felsen krachte und in der Dunkelheit sank. Mir zerreißt es das Herz, wenn ich daran denke, was die Menschen im Frachtraum in der Nacht des Untergangs empfunden haben müssen. Das Trauma scheint immer noch da zu sein – und ich kann es fühlen. Aber dieses Mal fühle ich noch etwas anderes. Heilung. Vollendung. Die Lösung, die sich aus dem Wissen ergibt, was geschehen ist.

COSTA RICA: AUF DER SUCHE NACH IDENTITÄT

ICH R EISE NACH COSTA RICA, in die Kleinstädte Puerto Viejo de Talamanca und Cahuita, die rund 13 Kilometer voneinander entfernt an der Karibikküste liegen. Ich treffe die Cousins Kevin Rodríguez Brown und Pete Stephens Rodríguez, damals 19 bzw. 18 Jahre alt, und ihre Tante Sonia Rodríguez Brown. Die beiden jungen Männer begannen im Alter von gerade einmal 14 Jahren mit dem Tauchen. Seit 2014 werden hier Jugendliche und junge Erwachsene aus der Region aktiv angesprochen und zu Tauchern und Amateurforschern ausgebildet, als „Botschafter des Meeres“. Die Journalistin María Suárez, Mitbegründerin der Organisation, sagt: „Wir erschaffen das Tauchen neu. Wir erschaffen die Geschichte Costa Ricas neu. Wir erschaffen eine neue Beziehung zwischen den Kindern und dem Meer.“ Die Organisation leitet eine Gemeinschaftsaktion, bei der Wracks zweier möglicher Sklavenschiffe in ihrem Hafen identifiziert und dokumentiert werden sollen. Sie arbeitet häufig mit DWP zusammen.

Um den Podcast Into the Depths (auf Englisch) zu hören, scannen Sie den QR-Code mit dem Handy.

Die Browns sind eine der ältesten Familien in Puerto Viejo, eine mehr als 200-köpfige Sippe, deren Angehörige recht unterschiedliche Hautfarben haben, selbst innerhalb der einzelnen Kleinfamilien. In ihren Geschichten heißt es, der erste Vorfahre der Browns dieser Gegend sei möglicherweise im Frachtraum eines der Sklavenschiffe im Hafen gelandet.

Historiker und Archäologen haben Beweismaterial zusammengetragen, das darauf schließen lässt, dass die Ziegelsteine, Kanonen, Anker, Flaschen und Rohre, die an einer Fundstätte in den Gewässern des Cahuita-Nationalparks entdeckt wurden, zu zwei dänischen Sklavenschiffen gehören – der Fredericus Quartus und der Christianus Quintus.

„Diese Fundstätte ist einfach unglaublich“, sagt der dänische Archäologe Andreas Bloch, der die NGO in Costa Rica bei der Dokumentation der Schiffe unterstützt. „Da haben wir eine archäologische Stätte genau da, wo Touristen schnorcheln und die Meeresfauna bestaunen. Da haben wir diese faszinierende Vergangenheit, die ganz offen daliegt, wie ein Freilichtmuseum, für jedermann sichtbar.“

Die beiden Schiffe stachen 1708 von Dänemark aus in See und segelten dann von Westafrika aus mit 806 Gefangenen an Bord weiter nach St. Thomas in Dänisch-Westindien. Die Fregatten fuhren im Konvoi, auch weil man eine Rebellion der Gefangenen befürchtete, die es zuvor schon gegeben hatte. Aufgrund schlechten Wetters und von Navigationsfehlern kamen die Schiffe vom Kurs ab und legten im März 1710 im Hafen von Cahuita an. Kurz nach der Weiterfahrt meuterten die Besatzungen beider Schiffe. Die Matrosen teilten das Gold der Schiffe unter sich auf. Sie steckten die Fredericus in Brand und versenkten die Christianus, nachdem die rund 650 Afrikaner, die noch am Leben waren, das rettende Ufer erreicht hatten.

Etwa 100 Afrikaner wurden rasch wieder eingefangen und versklavt. Doch einige verschwanden im Hügelland. Manche von ihnen dürften sich unter die einheimischen Bribri gemischt haben – und hinterließen eine Linie von Nachkommen, die bis heute in diesem Gebiet leben.

Kevin Rodríguez Brown zufolge stammt die Familie Brown zum Teil von den Bribri und zum Teil von den „Afros“ ab, wie die Costa Ricaner Menschen afrikanischer Abstammung nennen. Bevor er an dem Wrack tauchte, hatte er geglaubt, der Afro-Teil sei zu 100 Prozent jamaikanisch, da Jamaikaner Ende des 19. Jahrhunderts nach Costa Rica gekommen waren, um die Eisenbahn zu bauen.

„DIE GESCHICHTE DER SKLAVEREI IST EINE GESCHICHTE DER ERMÄCHTIGUNG, DER RESILIENZ UND EINE GESCHICHTE DES TRIUMPHS.“

JAY HAIGLER

BEI EINEM TAUCHGANG SEHE ICH EINEN ANKER AM MEERESBODEN. ICH SPÜRE DIE INTENSIVE SEHNSUCHT, DIE GESCHICHTE MEINER EIGENEN FAMILIE ZU ERFAHREN.

Sonia erzählt, die Fragen, die sie und andere Mitglieder der Gemeinschaft schon lange beschäftigten, hätten an Tiefe gewonnen, seit die jungen Taucher die ersten Artefakte entdeckten. Sie fragte sich: Warum steht das nicht in den Geschichtsbüchern? Warum hat unsere Familie nie davon erzählt? Warum hat niemand in der Gemeinde etwas gesagt?„Also stelle ich mir selbst die Frage“, fährt Sonia mit ihrer sanften, melodischen Stimme fort, „wer ich bin. Und ich denke, das ist die schönste Frage, die ein Mensch stellen kann: Wer bin ich?“

W ER BIN ICH? Wer ich bin? Diese Art von Fragen kommt mir bekannt vor. Fast 3000 Kilometer nördlich von Costa Rica, in der Nähe von Mobile in Alabama, liegt Africatown, eine weitere afro-stämmige Gemeinde. Dort, am Golf von Mexiko, wissen viele mit Sicherheit, dass ihre direkten Vorfahren 1860 an Bord der Clotilda in die USA kamen. Es war das letzte bekannte Schiff, das Gefangene aus Afrika an die US-Küste brachte. Doch auch diese Nachfahren kämpfen darum, dass die Geschichte der Clotilda und die Geschichte Africatowns bekannter werden.

Der transatlantische Sklavenhandel war in den USA schon seit 1808 verboten. Doch Timothy Meaher, ein Plantagenbesitzer und Schiffsbauer aus Alabama, wettete mit einer Gruppe von Geschäftsleuten aus dem Norden, dass er das Gesetz umschiffen könne. Er charterte den Schoner Clotilda und ließ 110 gefangene Menschen in die USA bringen (zwei starben auf der Überfahrt). Nach der Ankunft steckte der Kapitän das Schiff in Brand, um die Beweise zu vernichten, und Meaher verteilte die meisten der Gefangenen an die Investoren der Expedition. 32 behielt er in seinem Besitz.

Fünf Jahre später, 1865, endete der Bürgerkrieg, und die Gefangenen wurden freigelassen. Die Männer arbeiteten in Sägewerken, Pulvermühlen und auf Rangierbahnhöfen, die Frauen bauten Gemüse an und gingen mit ihrer Ernte von Haustür zu Haustür. Einige dieser Männer und Frauen, die nackt und in Ketten an der Küste Alabamas angekommen waren, konnten genug Geld zurücklegen, um 23 Hektar Land für ein eigenes Zuhause zu kaufen.

Mehr als 150 Jahre später existiert Africatown noch immer; seine Blütezeit hatte es in den Sechzigern, mit mehr als 12 000 Einwohnern, Friseurläden, Lebensmittelgeschäften, Kirchen, einem Friedhof und Nachkommen, die Briefe, Fotos, Dokumente und Geschichten über Generationen weitergegeben haben. „Sie verfügten über den Scharfsinn und den Intellekt, die Leidenschaft und die nötigen Mittel, all diese Dinge zu tun. Ich blicke zurück und überlege: Was habe ich eigentlich in den letzten zehn Jahren geschafft?“, sagt Jeremy Ellis lachend. Seine Vorfahren waren mit der Clotilda gekommen und hatten in Alabama die Namen Pollee und Rose Allen angenommen. „Wenn einen der Gedanke nicht beflügelt, dass man diese DNA in sich trägt, dann weiß ich nicht, was einen sonst beflügeln könnte.“

2019 gaben Archäologen die Entdeckung der Überreste der Clotilda bekannt. Das Wrack war tief im Schlamm eines Seitenarms des Flusses Mobile versunken, sodass ein Großteil gut erhalten war. Kein anderes Sklavenschiff wurde so intakt aufgefunden. „Die Leute in der Gemeinde sagten immer: ‚Wir müssen das Schiff finden‘“, berichtet Sadiki, der bei der Suche dabei war. „Sie wussten, wie wichtig es war, etwas Greifbares zu finden, das sie dorthin gebracht hatte, wo sie jetzt sind. Das dazu beiträgt, ihre eigene Geschichte zu erzählen.“

Die meisten Afroamerikaner können ihre Wurzeln nicht bis zu einem Sklavenschiff zurückverfolgen. Sie scheitern an dem, was Genealogen 1870 brick wall nennen: Vor der Volkszählung von 1870 wurden in den Vereinigten Staaten keine lebenden versklavten Menschen namentlich und mit identifizierenden Details erfasst.

An einem meiner letzten Tage in Costa Rica nehmen mich Maria Suárez, Kevin Rodríguez Brown und ein paar andere der jungen Leute in einem Boot mit hinaus, damit ich das Wrack mit eigenen Augen sehen kann. Das Wasser ist trüb blau und grün. Fischschwärme schwimmen vorbei. Ich lasse mich tiefer sinken. Unter Wasser fühle ich mich zu Hause.

Dann sehe ich es. Die Umrisse eines Ankers. Er ist teilweise im Meeresboden versunken, mit Korallen bewachsen und von Seegras umgeben.

Ich schwebe und stelle mir die Menschen vor: jung, verängstigt und mit einem Mal auf freiem Fuße. Und mich packt diese intensive Sehnsucht, die Geschichte meiner eigenen Familie in Erfahrung zu bringen.

ICH B EAUFTRAGE die Ahnenforscherin Renate Yarborough Sanders, die sich auf afrikanische Abstammung spezialisiert hat, und frage sie, ob sie mir dabei helfen kann, meine Familie bis zu einem Sklavenschiff zurückzuverfolgen. „Ich will nicht von vornherein sagen, dass das unmöglich ist“, antwortet Yarborough Sanders. „Aber“, sie schüttelt den Kopf, „es ist höchst unwahrscheinlich.“ Sie verspricht, so viel wie möglich über meinen frühesten bekannten Vorfahren herauszufinden, meinen Ururgroßvater Jack Roberts, der 1837 als Sklave geboren wurde. Meine Mutter besitzt ein Foto von Jack und seiner Frau Mary. Sie sehen gut aus. Er hat kurzgeschorenes weißes Haar und einen gepflegten weißen Kinnbart, sie trägt eine Fliege. Jack hat sanfte braune Augen. Gütige Augen.

Während ich auf Ergebnisse warte, beschließe ich, von meinem Zuhause in Atlanta in die Heimatstadt meiner Familie zu fahren, nach Edenton im Nordosten von North Carolina. Meine Mutter und ihre 13 Geschwister wuchsen dort auf dem Land auf, in einem großen Haus mit Säulen und einer Veranda. Das Haus ist noch in Familienbesitz, aber es ist sehr heruntergekommen. In einer Seitenwand klafft ein großes Loch. Die Fensterscheiben sind zerbrochen. Überall liegen Putz und Schutt herum.

Wenn ich an meine Besuche als Kind zurückdenke, kommen mir endlose Maisfelder in den Sinn, dazu eine träge Stille. Einzig das Summen der Bienen und das Zirpen der Grillen durchbrachen die Monotonie der Tage. Es bedrückte mich, hierher zurückzukommen.

Ich weiß nicht, warum mir das gerade jetzt auffällt. Aber mein Großvater, der die Schule nur bis zur vierten Klasse besucht hatte, schaffte es, in den Dreißigern dieses Haus zu erwerben, die ehemalige Plantage eines Sklavenhalters, und dazu etwa 40 Hektar Land. Ich ahne, dass vom Vermächtnis meiner Familie wohl noch sehr viel mehr im Dunkeln liegt.

Ich übernachte in einer Frühstückspension in Edenton, das mit seinem Zentrum als eine der schönsten Kleinstädte des gesamten Südens gilt. Herrenhäuser aus der Kolonialzeit, in denen höchstwahrscheinlich Sklaven arbeiteten oder deren Bewohner von der Plantagenwirtschaft lebten, thronen majestätisch auf sorgfältig gepflegten, von Baumreihen gesäumten Rasenflächen. In all den Jahren, in denen ich das Haus meiner Großeltern besucht habe, ist dies wahrscheinlich erst das zweite oder dritte Mal, dass ich einen Fuß in die Innenstadt setze.

Ich rechne mit Ignoranz, mit subtilem Rassismus, einer absichtlichen Auslöschung der Komplexität der Vergangenheit. Aber ich werde überrascht.

Freundliche Menschen winken mir zu. Ladenbesitzer und Kellnerinnen plaudern mit mir. Der näselnde Tonfall des Südens klingt angenehm in meinen Ohren. Ein Schwarzer, der seinen Hund ausführt, erzählt mir vom Versöhnungsausschuss der Kirchengemeinde, in dem Opfer und Profiteure einer ungerechten Gesellschaft ihre Geschichten erzählen können.

Gedenktafeln, die an den afroamerikanischen Widerstand erinnern, säumen die Bürgersteige. Nicht weit entfernt davon steht ein großes Konföderiertendenkmal. Welch ein Widerspruch.

„DIESE SCHIFFE HABEN ETWAS FASZINIERENDES AN SICH – SIE HABEN TRADITIONEN VERÄNDERT, SIE HABEN KULTUR VERÄNDERT.“

AYANA FLEWELLEN

Das auffälligste Schild ehrt Harriet Jacobs, die als Sklavin in Edenton geboren wurde und der Sklaverei über die sogenannte Maritime Underground Railroad entkam. Später, 1861, verfasste Jacobs eine der wenigen bekannten Sklavenerzählungen, „Erlebnisse aus dem Leben eines Sklavenmädchens“, und wurde zu einer hochverehrten Kämpferin für die Abschaffung der Sklaverei.

Charles Boyette, ein Kennner der Geschichte von Edenton, erzählt mir, dass es sich bei der Maritime Underground Railroad um ein „geheimes Netzwerk von Beziehungen und sicheren Verstecken gehandelt habe, über das Sklaven auf dem Wasserweg in die Freiheit entkommen konnten“. Er berichtet, Edenton sei Teil eines Schleusernetzwerks gewesen, das mithilfe von Seeleuten, Hafenarbeitern, Fischern – sowohl freien als auch versklavten – und anderen, die auf See und an der Küste ihren Lebensunterhalt bestritten, Tausenden die Flucht in den Norden ermöglichte. Ich hatte noch nie von dieser Maritime Underground Railroad gehört.

Yarborough Sanders, die Ahnenforscherin, ruft mich über Zoom an. Sie hat Ergebnisse. Erstens stellt sich heraus, dass Ururgroßvater Jack sogar noch mehr Land als mein Großvater gekauft hatte. Insgesamt mindestens 70 Hektar. Zweitens war er 1865 Delegierter bei der Freedmen’s Convention von North Carolina in Raleigh gewesen, einer Versammlung, die nach dem Ende des Bürgerkriegs über die Wünsche und Ziele der vormals Versklavten beriet. Und es gab Hinweise, dass Jack im Bürgerkrieg für die Unionsarmee gekämpft hatte, in den „Farbigenregimentern“, den United States Colored Troops.

Yarborough Sanders lächelt mich an. „Wenn das Ihr Vorfahre ist, ist das eine große Sache.“ Lachend fügt sie hinzu, dass er möglicherweise auch noch Inhaber einer illegalen Speakeasy- Kneipe zu Zeiten der Prohibition gewesen sei.

Ich spüre einen Anflug von Stolz. Ich bin kein Abkömmling von traurigen Menschen, von Opfern, von gesichtslosen Menschen. Jack ist für mich real geworden – nicht perfekt, aber real. Genauso real wie Edenton.

Zufällig bin ich am 19. Juni 2021 in Edenton, am „Juneteenth“, dem Tag, den die Bundesregierung erst kürzlich zu einem offiziellen Feiertag erklärt hat, um die Freiheit derer zu feiern, die versklavt gewesen waren.

Und Edenton feiert ausgiebig – mit einer Soulband, Verkaufsständen und Essensbuden direkt am Fluss. Menschen unterschiedlicher Hautfarben kommen zusammen. Am Konföderiertendenkmal findet eine Mahnwache statt, um die negative Energie der Sklaverei zu vertreiben und positive Schwingungen einzubringen.

Neugierige Blicke folgen mir, als ich mit meinem gesamten Aufnahme-Equipment für meinen Podcast herumlaufe. Leute fragen mich, wer ich bin und wer meine Familie ist. Und jetzt kann ich sagen, dass ich zum Clan von Jack Roberts gehöre – Jack zeugte John H., der John A. zeugte, der Lula zeugte, die mich zeugte.

Ich werde herzlich aufgenommen, es wird viel gelacht, und ich bekomme viele Geschichten zu hören, aus der Vergangenheit meiner Mutter, meiner Tante Myrtle, meines Onkels George, meines Onkels Sonny. Eine mir fremde Frau, die zufällig meinen Namen hört, erzählt mir, dass sie mit dem Stiefsohn meines Onkels Teeny verheiratet ist.

Wie kommt es, dass ich diesen Ort nicht kannte? Viele afrikanische Kulturen glauben, dass die Vorfahren niemals sterben, niemals ihre Verbindung zu den Lebenden verlieren. Dass ihre Energie immer noch da ist, uns stützt, uns antreibt, uns Liebe schenkt. Was wäre, überlege ich, wenn alle Afroamerikaner zurückblicken und ihre Vergangenheit verstehen und annehmen könnten?

Ich bin keine Wissenschaftlerin, keine Historikerin. Ich erzähle Geschichten. Und ich erkenne jetzt, dass die Geschichten, auf die wir stoßen, wenn wir uns selbst entdecken, nicht uns allein als einzelnen Individuen gehören. Sie gehören auch den Gemeinschaften, deren Teil wir sind. Ich hatte vermutet, dass die Suche nach Sklavenschiffen für mich hart sein würde. Ich hatte angenommen, ich würde jemanden brauchen, der mir die Hand hält, der mir den Rücken stärkt, der meine Tränen trocknet und mir Trost spendet. Stattdessen fand ich Stärke. Und Kraft. Und Abenteuer. Und Freundschaft. Ich fand Lachen. Liebe. Leben. Verwandtschaft. Ich fand etwas Starkes und Wichtiges, das mich verwurzelt und erdet.

Und das alles dank eines Fotos in einem Mu ­ seum. Willkommen zu Hause! j Aus dem Englischen von Dr. Eva Dempewolf

Die Berichte von Tara Roberts zur Unterwasser-Archäologie umfassen auch einen sechsteiligen Podcast. Wayne Lawrence, der auf der Karibik -insel St. Kitts geboren wurde und in Brooklyn lebt, zeigt in seinen Fotografien die Komplexität menschlicher Erfahrungen.