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Endlich wieder schlafen


Leben & erziehen - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 29.07.2021

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Artikelbild für den Artikel "Endlich wieder schlafen" aus der Ausgabe 8/2021 von Leben & erziehen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Leben & erziehen, Ausgabe 8/2021

Schlafmangel durchs Baby kann ganz schön zehren. Im Zweifel ist es gut, sich Hilfe zu holen

Der Tag, an dem ich nicht mehr kann, ist ein Donnerstag im August. Ich bin übermüdet und verzweifelt. Mein Sohn Jascha ist neun Monate alt und hat in seinem Leben noch kein einziges Mal geschlafen, ohne dass ich oder sein Papa neben ihm lagen. Alle Versuche, sich nach einer Weile aus dem Zimmer zu schleichen, wurden spätestens nach 30 Minuten mit schrillem Geschrei aus dem Babyfon quittiert. Irgendwann einigten wir uns darauf, dass wir uns abwechseln. So lag immer einer von uns ab 18 Uhr im dunklen Schlafzimmer neben dem Kleinen, der andere genoss das Sommerwetter auf dem Balkon – alleine.

Wegen der Hitze findet Jascha neuerdings auch mittags nur schwer in den Schlaf. Also schiebe ich den Kinderwagen an diesem Donnerstag durch einen grell beleuchteten Elektronikmarkt, um einen Ventilator zu kaufen. Der Kleine schreit, ich bin todmüde, und irgendwo zwischen Waschmaschinen und ...

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... Kaffeevollautomaten wird mir schlagartig klar, dass ich nicht mehr kann. Dass wir uns Hilfe holen müssen.

Eltern müssen da nicht alleine durch

Dass das die richtige Entscheidung war, bestätigt mir später auch Kinderund Jugendärztin Silke Weixler aus Berlin. „Spätestens dann, wenn die Eltern verzweifeln und nicht mehr können, sollte man sich Hilfe holen. Die Frage, wann dieser Punkt erreicht ist, ist extrem subjektiv. Es gibt keinen Zeitpunkt, ab dem ein Kind durchschlafen sollte und es problematisch wird, wenn es das nicht tut“, sagt sie.

In unserem Fall ist der Punkt eindeutig erreicht. Und so rufe ich schließlich die Schlafcoachin Julia Beroleit an, die mir eine Freundin empfohlen hat. Sie hört mir aufmerksam zu und erklärt das Prozedere. Wir sollen erst mal einen Fragebogen und fünf Schlafprotokolle ausfüllen. Als ich auflege, bin ich erleichtert. Ich fühle mich mit der Mammutaufgabe „Babyschlaf“ nicht mehr alleine.

Schlafprotokoll anfertigen

Wir protokollieren Jaschas Schlaf und sehen schwarz auf weiß, wie oft er aufwacht. In einer Nacht schreiben wir drei Wachphasen von jeweils 30 bis 45 Minuten in unser Protokoll. Dann noch die Einschlaf begleitung, die an diesem Abend über eine Stunde gedauert hat. Kein Wunder, dass wir an unsere Grenzen geraten! Dann kommt das Diagnosegespräch, das läuft Corona-konform per Facetime. Julia Beroleit stellt viele Fragen: zur Geburt, zu Jaschas ersten Lebensmonaten, in welchen Bereichen wir gut zurechtkommen und wo wir Herausforderungen sehen. Eine davon zeigt sich live, denn Jascha beginnt nach zwanzig Minuten derart zu schreien, dass mein Freund sich mit ihm in das Schlafzimmer verdrücken muss. Beroleit erklärt mir, welche Situationen im Tagesablauf wir filmen sollen – vor Corona hat sie viele Hausbesuche gemacht. „Aber aus den Videos können die Familien sehr viel mehr lernen“, sagt sie.

Anhand von selbst gedrehten Filmsequenzen lernen

Wir besorgen uns ein Handystativ und filmen Jascha: beim Spielen kurz bevor wir ihn zu Bett bringen, beim Essen, beim Baden und natürlich beim Einschlafen. Ich finde es ziemlich stressig, aber mein Freund sorgt dafür, dass die Videos gelingen. Nach einem Wochenende haben wir alles im Kasten, inklusive einem epischen Wutanfall beim Mittagessen. Dann warten wir gespannt auf die Analyse der Coachin.

Die kommt wenige Tage später wieder per Facetime. Wir sitzen zu dritt vorm Rechner, und Julia Beroleit gibt uns einen Crashkurs in Sachen Babyschlaf. Spannend! Wir lernen, dass Schlafzyklen bei Babys in Jaschas Alter 50 Minuten dauern. Dass sie nachts ungefähr alle zwei Stunden aufwachen und bei ihnen ein strukturierter Tag mit festen Schlafzeiten sehr wichtig ist.

Die Schlafcoachin gibt uns individuelle Tipps: Sie rät zu einem Himmel, damit Jascha sich in seinem Bettchen geborgen fühlt und sein Blick nicht so schweift. Das Stillkissen sollen wir aus dem Babybett entfernen, weil er gerne daran zuppelt, was mich wiederum nervös macht – ein Teufelskreis. „Und vielleicht hilft dir der Gedanke mitzufühlen und ihm zu sagen: Mensch, du Armer, wie müde du bist! Komm, ich helfe dir beim Einschlafen, gemeinsam schaffen wir das“, sagt sie noch. Das sitzt: Empathie statt Frustgedanken. Tatsächlich wird mir klar, wie sehr ich auf das Ergebnis, also schlafendes Baby fixiert bin. Oft verliere ich dadurch die Geduld, was total kontraproduktiv ist.

Einschlaffenster erkennen und nutzen

Die Coachin verrät uns, wie wir das optimale Einschlaffenster bei Jascha erkennen können. Und wie es der Zufall so will, ist Jascha gerade müde, als wir im Videocall sind. Sie rät uns, ihn zu betten. Mein Freund probiert es – und ist nach nur fünf Minuten wieder da. „Wow, so schnell ist er noch nie weggenickt“, sagt er.

Unsere Experten

Wir halten uns in den folgenden Wochen an die Tipps und planen unseren Tagesablauf mit militärischer Präzision um Jaschas Schlaf. Der Aufwand lohnt sich: Zwei Wochen später sitzen mein Freund und ich das erste Mal seit der Geburt unseres Kleinen gemeinsam auf dem Balkon und genießen ein Glas Wein. Kein Ton aus dem Babyfon! Nach zwei Stunden halte ich es nicht mehr aus und schleiche mich an das Bett meines Kleinen. „Ich habe Angst, dass er nicht mehr atmet“, gestehe ich meinem Freund. Aber Jascha schläft einfach nur tief und fest.

Schlafcoaches sehen mehr

Und heute? Mittlerweile ist er schon fast zwei Jahre alt, und natürlich gibt es Phasen, in denen er nicht gut schläft. Aber ich kann damit jetzt dank des Coachings souveräner umgehen.

Auch Kinderärztin Weixler hält Schlafcoachings für eine gute Idee. In ihrer Praxis beraten sie und ihre Kollegen Eltern zwar intensiv. „Aber ausgebildete Schlafcoaches sind ebenfalls Experten und können Eltern professionell begleiten“, sagt Weixler. „Manchmal erwähnen Mütter und Väter in einer Sprechstunde beim Kinderarzt vielleicht ein wichtiges Detail nicht, auf das erst ein Schlafcoach stößt, der sich der Familie intensiv widmet und so eine individuelle Lösung findet.“ Sie ermutigt Mütter und Väter auch, ihren eigenen Weg zu gehen. Früher habe man Babys nachts oft schreien gelassen, dann resignierten sie nach einiger Zeit und schliefen durch. Wie gut, dass wir heute wissen, wie schädlich das sein kann – und uns Hilfe holen, anstatt unsere Kinder nachts alleine zu lassen.