Lesezeit ca. 10 Min.
arrow_back

Energiepreise: Energiewende senkt die Kosten


Logo von ÖKO-TEST Magazin
ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 24.03.2022

Artikelbild für den Artikel "Energiepreise: Energiewende senkt die Kosten" aus der Ausgabe 4/2022 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Unsere Energie ist unfassbar teuer geworden. 455 Euro mehr zahlt eine dreiköpfige Familie pro Jahr im Schnitt – allein für Strom. Dazu kommen 1.000 Euro mehr pro Jahr für Gas für einen Durchschnittshaushalt. Den Kraftstoff fürs Auto gar nicht mitgerechnet. Viele Haushalte bringt das in Schwierigkeiten, wer ganz wenig Geld hat, dem droht Energiearmut. Und das ist vielleicht erst der Anfang.

Denn schon bevor die russische Armee auf Befehl von Wladimir Putin die Ukraine überfallen hat, gingen die Preise für Strom und Gas durch die Decke. Nun überlagern sich die beiden Krisen: zum einen der Nachfrageboom und die Lieferschwierigkeiten nach der Pandemie, zum anderen der Krieg in der Ukraine. Energiepolitisch festgeglaubte Gewissheiten sind mit Ausbruch des Krieges passé, jahrzehntelange Lieferbeziehungen mit Russland stehen in Frage. Dabei hatten sich die Deutschen noch nicht einmal annähernd von den ...

Weiterlesen
Artikel 1,90€
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von ÖKO-TEST Magazin. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 4/2022 von Ökostrom. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Ökostrom
Titelbild der Ausgabe 4/2022 von Energiewende senkt Kosten. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Energiewende senkt Kosten
Titelbild der Ausgabe 4/2022 von GUT DURCH DEN ALLTAG. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GUT DURCH DEN ALLTAG
Titelbild der Ausgabe 4/2022 von Leserbriefe: Schreiben Sie uns. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Leserbriefe: Schreiben Sie uns
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
GEMEINSAM BESSER
Vorheriger Artikel
GEMEINSAM BESSER
Energiewende: Der Markt steht Kopf
Nächster Artikel
Energiewende: Der Markt steht Kopf
Mehr Lesetipps

... Preisschocks um den Jahreswechsel erholt.

Astronomische Neukundenpreise

„Die Strompreise in Deutschland befinden sich auf einem historischen Allzeithoch. Noch nie mussten Verbraucher hierzulande so viel für Elektrizität ausgeben“, sagt Thorsten Storck, Energieexperte beim Vergleichsportal Verivox. Die Preisexplosion berechnete Verivox anhand der Grundversorgungstarife in Deutschland und den Tarifen der 30 größten Stromlieferanten für Neukunden.

„Neukunden“ gibt es derzeit viele. Denn schon bevor der Krieg ausbrach, geriet die Tariflandschaft für Strom und Gas aus den Fugen: Hundertausenden Haushalten flatterten Ende 2021 völlig unvorbereitet die Kündigung ihres Strom-oder Gasliefervertrags ins Haus. Insbesondere Billiganbieter hatten sich mit ihrer kurzfristigen Beschaffungsstrategie verzockt. Allein die überraschende Kündigung der drei verbundenen Discountanbieter Stromio, Gas.de und Grünwelt spülte rund 700.000 Haushalte mit einem Schlag in die gesetzlich geregelte Ersatzversorgung. Die zuständigen Grundversorger reagierten mit zum Teil astronomischen Neukundentarifen, wer nicht schnell genug wechselte, bekam bei vielen Anbietern statt einer Preisauskunft nur bedauernde Worte zu lesen. So waren wie viele andere zum Beispiel die Stadtwerke Flensburg, die zuletzt mit günstigen Tarifen ihren Öko-Strom bundesweit vermarktet haben, „vorübergehend nicht erreichbar“. Auch Green Planet Energ y, wie die Öko-Energiemarke von Greenpeace jetzt heißt, nahm bis Redaktionsschluss keine neuen Kunden an.

„Die Strompreise in Deutschland befinden sich auf einem historischen Allzeithoch. Noch nie mussten Verbraucher hierzulande so viel für Elektrizität ausgeben.“

Thorsten Storck Energieexperte beim Vergleichsportal Verivox

Mittlerweile können Verbraucher zwar bei manchen Anbietern wieder einen Tarif buchen, allerdings zu astronomischen Preisen. Mit rund 40 Cent pro Kilowattstunde plus einer hohen Grundgebühr von 13 Euro monatlich ist man im Moment als Neukunde noch gut bedient. Preise von 52 Cent und mehr je Kilowattstunde dienen eher der Abschreckung als der Anwerbung neuer Kunden. Wer Glück hatte und Kunde bei einem vorausschauenden Anbieter ist, bezieht auch 2022 zertifizierten Öko-Strom für weniger als 30 Cent je Kilowattstunde. Im Schnitt ist es allerdings deutlich teurer: 36 Cent kostet die Kilowattstunde Strom in Deutschland nach Angaben des Bundesverbandes der Energie-und Wasserwirtschaft BDEW. 2021 waren es noch gut 32 Cent – jetzt sind es 12,5 Prozent mehr.

Gas mit dem höchsten Anstieg

Noch härter trifft viele Menschen die enorme Preissteigerung fürs Heizen. Allein weil die Heizkosten in schlecht gedämmten Häusern mehr vom Haushaltsbudget auffressen. Laut einer Übersicht des BDEW, die vor dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs datiert, ist Erdgas inklusive Grundpreis 72 Prozent teurer. Im Schnitt kostet die Kilowattstunde unvorstellbare 12,2 Cent, 2021 waren es noch 7 Cent. Bei einem Durchschnittshaushalt mit einem Verbrauch von 20.000 Kilowattstunden treibt das die Gasrechnung für 2022 um mehr als 1.000 Euro im Jahr in die Höhe.

Ähnlich sieht es bei einer Ölheizung aus: wer für 100 Liter Heizöl im Februar 2022 knapp 100 Euro bezahlte, machte rückblickend noch ein Schnäppchen. Anfang März waren 140 bis 150 Euro je 100 Liter fällig. Wer mit leerem Öltank dasitzt, bezahlt jetzt im Vergleich zum Jahr 2020, in dem die Preise coronabedingt um die 40 Euro pro 100 Liter lagen, gut das Dreifache. So viel ist sicher: Die nächste Heizkostenabrechnung bedeutet für viele Menschen einen tiefen Griff ins Portemonnaie. Wie sich die Preise entwickeln, ist angesichts des Ukraine-Krieges kaum vorherzusagen. Die Zeiten vergleichsweise günstiger Energie scheinen aber auf absehbare Zeit vorbei zu sein. Doch was führt nun genau zu den horrenden Energiepreiserhöhungen? Welche Akteure können etwas dagegen tun? Und: Welche Rolle spielt dabei der gegenwärtige Umstieg auf regenerative Energien?

Krieg ist nur eine von vielen Ursachen

Die anziehende Weltkonjunktur nach dem Corona-Loch, wenig Wind und damit schwache Erträge von Windkraftanlagen, der Gas-Poker von Wladimir Putin im Ukraine-Konflikt, stark gestiegene Preise für CO2 im europäischen Emissionshandel – das waren die Gründe für die schon vor dem Krieg hohen Energiepreise.

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine und die westliche Sanktionen pushten die Preise weiter. Sie haben aber auch der Debatte um die Energiewende eine neue Dimension hinzugefügt: Wo bekommt Deutschland Öl und Gas her, wenn Russland dauerhaft den Hahn zudreht oder ein Boykott dauerhaft notwendig wird? Versorgungssicherheit hat auf einmal höchste Priorität. Claudia Kemfert, Energieexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW in Berlin sagt: „Wir bezahlen derzeit den Preis für die Abhängigkeit von Russland und befinden uns inmitten eines fossilen Energiekrieges, mit stark steigenden Preisen für Öl und Gas und auch Kohle.“

„Wir befinden uns inmitten eines fossilen Energiekrieges mit stark steigenden Preisen für Öl und Gas und auch Kohle.“

Claudia Kemfert Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin

Denn die Diskussion um die Unabhängigkeit von russischen Energielieferungen lässt Grundpfeiler der Energiewende wanken. „Kurzfristig kann es sein, dass wir vorsichtshalber, um vorbereitet zu sein für das Schlimmste, Kohlekraftwerke in der Reserve halten müssen, vielleicht sogar laufen lassen", sagte Wirtschafts-und Klimaminister Robert Habeck Anfang März im Deutschlandfunk.

Weder fürs Klima noch für die Strompreise an der Strombörse wäre das eine gute Nachricht. Denn bei der momentan angewendeten Konvention zur Preisbildung an der Strombörse bestimmt das teuerste Kraftwerk den Preis. Wenn also mehr teure Gas-, Stein-und Braunkohlekraftwerke am Netz sind und die Nachfrage mit decken, gilt der hohe Preis für Kohlestrom auch für den Strom aus regenerativen Energien – obwohl der grüne Strom günstiger produziert werden kann als Kohlestrom und geringere Grenzkosten aufweist.

Die aktuellen Preiserhöhungen haben bis auf einen kleinen Anteil durch den gesetzlich festgelegten CO2 -Preis nichts mit der Energiewende zu tun. Die soll vor allem über einen Preis für die ausgestoßenen Treibhausgase einen Umstieg auf klimafreundliche Alternativen befördern. Zwar wird per Gesetz der CO -Preis von aktuell 30 Euro je Tonne bis 2025 auf 65 Euro je Tonne steigen. Hauptgrund für die Preisexplosion bei Energie werden in den nächsten Jahren die hohen Beschaffungspreise für fossile Energien bleiben. Mehr statt weniger Erneuerbare Energie ist die Lösung: „Erneuerbare Energien haben keine variablen Kosten, deswegen werden nach Installation keine Importe von beispielsweise teurem Uran, Kohle oder Gas benötigt. Deswegen senken die erneuerbaren Energien den Börsenpreis beim Strom sehr stark ab“, sagt DIW-Ökonomin Claudia Kemfert.

Erneuerbare dämpfen Preise

„Wir bezahlen heute den Preis für die verschleppte Energiewende. Die Energiewende senkt Kosten, stärkt Demokratie und sichert Freiheit und Frieden“, sagt Claudia Kemfert weiter.

Für Experten wie Michael Claußner von Energy Brainpool ist deshalb klar, dass nur ein schnellerer Ausbau von Wind-und Sonnenstrom langfristig die Preise dämpfen wird. „Je schneller zusätzliche erneuerbare Energien als Ersatz für die scheidenden Kohlekraftwerke ausgebaut werden, desto seltener müssen vergleichsweise teure, fossile Kraftwerke eingesetzt werden und desto niedriger fällt der Strompreis am Großhandelsmarkt aus“, sagt er.

„Die Energiewende senkt Kosten, stärkt Demokratie und sichert Frieden und Freiheit.“

Claudia Kemfert Energieexpertin

Das Berliner Analyse-Institut Energy Brainpool hat im Auftrag der Energiegenossenschaft Green Planet Energy, früher Greenpeace Energy, eine Studie zu den Gründen der Preissteigerungen erstellt. Nicht weniger, sondern mehr Strom aus erneuerbaren Quellen ist deshalb die Lösung für bezahlbare Elektrizität: „Die Energiewende ist die Antwort auf die Krise, sie stärkt die Energieunabhängigkeit und senkt die Kosten. Statt einer Laufzeitverlängerung von Atom und Kohle brauchen wir einen Booster für die erneuerbaren Energien und mehr Energiesparen“, sagt auch Dr. Claudia Kemfert. Vor allem weil mehr als 57 Prozent der 2021 nach Deutschland eingeführten Steinkohle ebenfalls aus Russland stammte und teuer durch Alternativen aus anderen Ländern ersetzt werden muss, bringt ein späterer Kohleausstieg keine niedrigeren Strompreise.

Atomkraft bringt keine Preisentlastung

Auch eine Laufzeitverlängerung der drei noch am Netz hängenden Atomkraftwerke Neckarwestheim, Emsland und Isar über den gesetzlich festgelegten Ausstieg Ende 2022 hinaus ist keine Lösung. Dazu müssten Verträge zwischen den Betreibern und der Bundesregierung aufgelöst und neu geschrieben werden. Zudem müssten auf das Ende der Betriebszeit ausgelegte Wartungsintervalle neu aufgesetzt und Brennelemente individuell neu angefertigt werden – das kostet. Für eine deutliche Ausweitung der Laufzeiten fehlt zudem das Personal. Die Option Atom könnte für unabhängige Stromversorgung stehen – die wirtschaftlichen und politischen Kosten einer solchen Rolle rückwärts wären aber immens.

Ohnehin ist die Versorgung Deutschlands mit Gas deutlich kritischer als die Versorgung mit Strom. Mehr als die Hälfte allen Erdgases stammt aus Russland. Der Brennstoff macht nicht nur Gebäude warm, sondern befeuert Produktionsprozesse und flexible Gaskraftwerke, die die Schwankungen der erneuerbaren Stromlieferanten ausgleichen sollen. Die Bundesregierung scheint fest entschlossen, die Abhängigkeit zu reduzieren, koste es was es wolle: Gasspeicher, von denen viele dem russischen Energieriesen Gazprom gehören, müssen vor dem Winter per Gesetz zu mindestens 80 Prozent gefüllt sein. Der Staat beteiligt sich zur Hälfte an zwei Flüssiggasterminals in Brunsbüttel. Weitere sind in Planung. Projekte, die angesichts der günstigen russischen Lieferungen immer wieder auf der langen Bank landeten. Diese von den Regierungen Angela Merkels getroffenen Entscheidungen rächen sich jetzt. Heizen dürfte im nächsten Winter noch teurer werden.

„Je schneller zusätzliche erneuerbare Energien ausgebaut werden, desto niedriger der Strompreis im Großhandel.“

Michael Claußner Energiemarktexperte bei Energy Brainpool

ZAHLEN

Energie ist teuer, der Klimawandel auch.

3.709 Euro zahlt ein 3-Personen-Musterhaushalt für Strom und Gas. 2021 waren es 2.538 Euro, 2012 2.260.

15 Hemden kann man mit einer Kilowattstunde Strom bügeln. Alternative: zehn Stunden Fernsehen oder eine LED-Lampe 90 Stunden brennen lassen.

12,7 Milliarden Euro hat Deutschland 2021 beim Verkauf von Emissionsrechten für Treibhausgase eingenommen. Das Geld fließt in den Energie-und Klimafonds, aus dem Klimaprojekte bezahlt werden.

Um 3,72 Cent sinkt der Strompreis am 1. Juli durch den Wegfall der EEG-Umlage.

262 Euro wird die CO₂-Abgabe im Jahr 2025 für einen Musterhaushalt mit Gas betragen – 347 Euro für Öl (20.000 kWh/a).

33 Milliarden Euro Schäden entstanden durch die Flut im Ahr-und Erfttal.

Quelle: Verbraucherzentrale NRW / BDEW Quelle: Umweltbundesamt Quelle: Munich Re, Tagesschau.de

Diese Entlastungen sind schon da

Noch vor Kriegsausbruch hatte die Ampelkoalition Entlastungen für die hohen Energiekosten beschlossen. Für die 710.000 Haushalte, die Wohngeld beziehen, gibt es einen einmaligen Heizkostenzuschuss von 175 Euro für einen Zwei-Personen-Haushalt. Zudem gibt es für Kinder in armen Haushalten 20 Euro pro Monat und für Bezieher von Sozialleistungen einmalig 100 Euro pro Person. Ob dies die wegen der aktuellen Bedrohungslage vermutlich weiter steigenden Energiepreise ausgleicht, ist fraglich. Beim Strompreis ist die viel kritisierte EEG-Umlage für den Ausbau erneuerbarer Stromerzeugung seit Anfang 2022 nur noch halb so hoch. Ohne den Milliardenzuschuss des Bundes aus den Rekordeinnahmen der CO2 -Abgabe wären die Preise noch höher.

Das soll noch kommen

Ab 1. Juli wird die EEG-Umlage für die Stromkunden ganz abgeschafft und die Kosten werden aus den Einnahmen der CO2 -Bepreisung finanziert. Damit könnte der Strompreis um weitere 3,72 Cent/kWh sinken. Eine Änderung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) soll die Versorger zwingen, die Reduzierung auch an die Kunden weiterzugeben. Ob dadurch die Strompreise wirklich langfristig sinken, bleibt abzuwarten. Denn die Beschaffung von Strom wird teuer bleiben.

Darüber hinaus wird die wegen ihrer Mitnahmeeffekte ökologisch sehr umstrittene Fernpendlerpauschale ab dem 21. Entfernungskilometer deutlich erhöht und es gibt ab dem 1. Januar 2022 rückwirkende Steuererleichterungen. Andere Vorschläge sehen eine reduzierte Mehrwertsteuer, die Abschaffung von Industrieprivilegien bei der EEG-Umlage und die Senkung weiterer Abgaben wie der Stromsteuer als Ausweg. Immerhin machte der Staatsanteil, der Anteil an Steuern und Abgaben, beim Strompreis trotz der zur Hälfte weggefallenen EEG-Umlage laut Verivox noch 41 Prozent aus. Die Umstellung des EEG selbst ist in der Diskussion. Denn Produzenten von Öko-Strom bekommen zwar einen Mindestpreis garantiert; sind die Preise jedoch hoch, verkaufen die Anbieter ihren günstigen hergestellten Strom zu den aktuellen Höchstpreisen.

Andere Verträge für neue Anlagen sollen nun diesen Webfehler des EEG beheben. Denn eine Pflicht, bei hohen Erlösen den per EEG-Umlage von den Verbrauchern geförderten Strom günstiger abzugeben, sieht die jetzige Regelung nicht vor. Die garantierten Mindesteinnahmen aus dem EEG erhalten die Stromproduzenten nach wie vor. Das Geld kommt übrigens nur aus einer anderen Tasche. Insgesamt 12,7 Mrd. Euro CO2 -Abgaben flossen 2021 in den Energieund Klimafonds. Daraus wurde auch die Absenkung der EEG-Umlage bezahlt.

Geld, das Verbraucher und Industrie über höhere Preise bezahlt haben, Tendenz weiter steigend. „Diese Einnahmen sollten pro Kopf an die Haushalte zurückerstattet werden“, fordert Energieökonomin Claudia Kemfert und weist auf die lenkende Wirkung hin. Denn wer viel fossile Energie verbraucht, zahlt mehr. Wer sowieso weniger Geld hat und wenig Energie verbraucht, zahlt weniger. „Dies entlastet vor allem Bezieherinnen und Bezieher niedriger Einkommen“, sagt Kemfert.

CO2-Kosten verteilen

Einen Vorschlag zur Entlastung beim Heizen macht der Deutsche Mieterbund. Nach seinen Vorstellungen sollen die CO2 -Kosten zwischen Mietern und Vermietern sozial verträglich aufgeteilt werden. Die Idee: Je schlechter der energetische Zustand des Gebäudes, umso höher der Anteil am CO -Preis, den der Vermieter zahlt. Die Mehrkosten durch die CO -Abgabe für einen Musterhaushalt in einer unsanierten Wohnung betragen laut Mieterbund allein 2022 130 Euro (Gas) beziehungsweise 190 Euro (Heizöl) und steigen bis 2025 auf 238 Euro (Gas) bzw. 350 Euro (Heizöl) jährlich. Ein für Mitte März, nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe, angekündigtes Modell für einen siebenstufigen CO -Zuschuss für Mieter soll diesen Vorschlag teilweise aufgreifen. Maximal sollen Mieter die Hälfte der CO -Abgaben übernehmen.

Zudem bezahlen Mieter eine energetische Modernisierung über einen Aufschlag auf die Miete komplett alleine. Ein Konzept des Heidelberger Instituts für Energie-und Umweltforschung ifeu für den Umweltverband BUND sieht eine Aufteilung der Kosten zu jeweils einem Drittel zwischen Vermieter, Mieter und Staat vor. Dadurch bliebe die Warmmiete gleich, Mieter profitieren von mehr Wohnkomfort, Vermieter von der sanierten Gebäudesubstanz und die Allgemeinheit von geringerem CO2 -Ausstoß und weniger fossilem Energieverbrauch.

Mieter profitieren von Sonnenstrom

Den Knoten lösen will die Regierung auch beim Mieterstrom. Bislang müssen Wohnungsbaugenossenschaften oder private Vermieter die gleichen Auflagen für die Verteilung des umweltfreundlichen Stroms erfüllen, wie der Betreiber eines Großkraftwerks. Hohe bürokratische Hürden verhindern, dass Mieter und Besitzer von Eigentumswohnungen einfach und direkt Sonnenstrom vom eigenen Dach beziehen und von dessen niedrigen Preisen profitieren. Immerhin kostet die Herstellung von PV-Strom auf dem Dach nur rund 5 bis 11 Cent je Kilowattstunde, je größer die Anlage, umso günstiger wird es.

„Energiepolitik ist Sicherheitspolitik. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien ist eine Frage der nationalen und europäischen Sicherheit.“

Dr. Robert Habeck Minister für Wirtschaft und Klimaschutz

Für die Energiewende könnte das bei hunderttausenden brachliegenden Dächern ein großer Schritt sein. Vermieter wiederum erschließen eine zusätzliche Einnahmequelle und helfen, mit elektrisch angetriebenen Wärmepumpen fossile Ölund Gaskessel aus den Heizkellern zu vertreiben. Fließt dann der umweltfreundliche Strom vom eigenen Dach direkt ins per Carsharing geteilte E-Auto wäre die Wende komplett.

Höhere Akzeptanz ist nötig

Solche direkten Vorteile und eine gerechte Verteilung der Lasten sind wichtig für die Zustimmung zur Energiewende. Mehr Klimaschutz und weniger Kohle-und Atomstrom finden die meisten Menschen in Deutschland gut, laut einer Umfrage der Agentur für Erneuerbare Energien AEE sind es 83 Prozent. Soll dann in der Nachbarschaft ein Windrad oder ein Solarpark entstehen, sinkt die Unterstützung allerdings schon deutlich auf 55 Prozent der Befragten. Doch genau auf diese Akzeptanz wird es in den nächsten Jahrzehnten ankommen.

Möglichst schnell von Öl, Gas, Kohle wegzukommen und damit auch die Klimakrise zu verlangsamen, lautet die Aufgabe. Die neuen politischen Rahmenbedingungen erfordern dabei ein höheres Tempo. „Energiepolitik ist Sicherheitspolitik. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien ist eine Frage der nationalen und europäischen Sicherheit“, sagt Wirtschafts-und Klimaminister Robert Habeck und setzt 2035 als Ziel für 100 Prozent Öko-Strom. Der Krieg gegen die Ukraine, die Angst vor einem Atomkrieg in Europa und die politische und energiewirtschaftliche Zeitenwende geben der Energiewende zusätzlichen Schub.

Das Gute am Schlechten: Die Strategien und Konzepte sind vorhanden und Deutschland ist reich genug, sie nach langem Zögern auch umzusetzen.