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DECO HOME - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 27.01.2022

Interview

Artikelbild für den Artikel "Eng verwoben" aus der Ausgabe 1/2022 von DECO HOME. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: DECO HOME, Ausgabe 1/2022

Das Ende d es Regenbogens a us Trevira CS ? Flux? von Peter S aville.

Das ausführliche Interview auf www.deco home.de

Seit 14 Jahren gehört Stine Find Osther zum Kvadrat-Team. Mittlerweile ist sie der kreative Kopf des dänischen Unternehmens, dessen ikonische Stoff- und Teppichkollektionen weltweit im Einsatz sind.

Wir trafen die Textildesignerin in Kopenhagen und es gab – wie nicht anders zu erwarten war – viel Gesprächsstoff.

Stine, du verantwortest die allgemeine Designausrichtung der Kvadrat-Kollektion. Woher weißt du immer, wohin die Reise geht? Wie wir morgen wohnen wollen und was wir brauchen?

Wir machen keine Trendforschung im klassischen Sinn. Vielmehr sehen wir unsere externen Designer als unsere Trendscouts. Die Verbindungen mit diesen Superkreativen erlauben uns einen sehr weiten Blick. Sie leben immer schon mit einem Bein in der Zukunft und sind uns mit ihren Ideen und ihrem Denken stets einen Schritt voraus. Es ist wie ...

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... ein großer Suppentopf, in dem alle Gedanken und Vorstellungen darüber kochen, wie die Zukunft aussehen wird. Dann kommen unsere Ideen noch dazu und das definiert dann die Ausrichtung der Kollektion. Wir sind sehr vorsichtig damit, schnellen Trends zu folgen. Unser Business ist langsamer. Das sollte es auch sein, weil unsere Textilien lange halten.

Welchen Stellenwert haben Textilien generell gerade?

Sie werden immer wichtiger. Der Grund dafür ist das Fehlen fühlbarer Oberflächen. Die Krise hat uns einmal mehr gezeigt, welche Bedeutung Fühlen, Berühren und Anfassen für uns haben. Wir werden immer digitaler in der Art, wie wir leben. Speziell junge Leute verbringen viel Zeit vor dem Bildschirm. Das ist einerseits positiv. Auf der anderen Seite ist es dadurch umso wichtiger, umgeben zu sein von Dingen, die ein hohes Level an Taktilität, also Fühlbarkeit besitzen. Man kann diese Tendenz in vielen Bereichen beobachten. In der Architektur werden heute viel mehr Textilien integriert als noch vor zehn Jahren. Mit Vorhängen werden Räume im Raum geschaffen. Damit ist man außerdem flexibler, denn es ist wesentlich einfacher, eine textile Wand herzustellen und wieder wegzunehmen als eine aus Beton. Auch beim Produktdesign gibt es aktuell mehr besondere textile Oberflächen. Lautsprecherhersteller etwa machen inzwischen interessante Stoffe vor die Boxen und nicht wie früher nur einfach schwarze. Wir sind happy, weil wir merken, dass die Notwendigkeit für Textilien da ist!

Also wird unser Zuhause jetzt auch textiler?

Das ist auf jeden Fall eine Bewegung. Für viele war es eine Starthilfe, dass sie in den letzten Monaten oft und lange in den eigenen vier Wänden bleiben mussten. So wuchs das Verlangen, etwas Schönes um sich zu haben.

In welchem Produkt manifestiert sich unsere Sehnsucht nach Textilien gerade am meisten? In Vorhängen, Teppichen, Kissen …?

Die größte Veränderung, die ich beobachte, ist die vom Rollo oder von der Jalousie zu weich fließenden Vorhängen. Vor allem in Privathäusern, aber auch in Hotels und Restaurants sieht man mehr Vorhänge von der Decke bis zum Boden, die wirklich eine schöne Atmosphäre erzeugen. Vor 14 Jahren, als ich bei Kvadrat anfing, gab es zu viele dieser Paneele – Stoffbahnen, die gerade herunterhingen. Jetzt haben wir schöne, in Falten fallende Vorhänge. Ein klares Zeichen für die Tendenz, dass die Architektur von der Weichheit der Textilien umarmt wird.

Welche Textilien hast du zu Hause? Die Dänen sind ja dafür bekannt, nicht unbedingt Vorhänge an den Fenstern zu haben …

Ich habe viele Vorhänge zu Hause, aber sie sind nicht alle vor den Fenstern. Sie sind eher zweckabhängig positioniert. In meinem Wohnzimmer, wo auch die Küche ist, habe ich drei große Fenster, aber nur vor einem sind Vorhänge, weil uns sonst die tief stehende Sonne blendet, wenn wir am Esstisch sitzen. Im Kinderzimmer haben wir dunkle, schwere Vorhänge, damit meine Tochter und mein Sohn schlafen können. Außerdem gibt es im Haus viele Kissenstapel und Installationen.

Installationen?

Ja, zum Beispiel sind bei mir auch Vorhänge an der Wand. Statt eine Wand in einer schönen Farbe zu streichen, hänge ich einen Vorhang davor. Und wenn ich eine andere Farbe haben möchte, brauche ich nur den Stoff auszutauschen und muss nicht neu streichen. Das hat akustische Vorteile und es ist ein einfacher Weg, schnell einen neuen Farbakzent zu setzen. Eher ungewöhnlich sind meine Holzboards vor den Türen, die ich mit Stoffen beklebt habe. Sie fungieren als eine Art Fußmatte. Die Idee habe ich von unserem Messestand. Natürlich nehme ich dafür Stoffe, die man gut reinigen und absaugen kann. Nach fünf oder sechs Jahren muss man sie aber auswechseln. Außerdem ist mein Haus voll mit Textiltaschen, in denen Sachen sind. So organisiere ich mein Leben (lacht).

Die Kollektion „Technicolour“ mit Teppichen, Bezugs- und Vorhangstoffen von Peter Saville erzählt Geschichten vom Land. Der Name leitet sich von dem Farbspektrum ab, das man häufig zur Markierung von Schafen verwendet. Werden Textilien „poetischer“, um uns von der ungemütlichen Wirklichkeit abzulenken?

Textilien sind ein Raum, in dem viel Schönheit versteckt ist. Und ich denke, dass wir manchmal vergessen, darüber zu sprechen, wie wichtig Schönheit für uns Menschen ist und immer war. Wenn irgendwo etwas ausgegraben wird, alte Sachen, versteckt in der Erde, dann sind das hübsche, kostbare Dinge. Umgeben zu sein von schönen Dingen, macht glücklich und das ist sehr wichtig. Natürlich ergänzend dazu, dass die Dinge langlebig und bis ins Detail durchdacht sind. Darauf verwenden wir viel Zeit. Wir möchten etwas machen, was die Leute mit einem guten Gefühl zurücklässt. Ja, vielleicht wächst jetzt gerade ein größeres Bewusstsein dafür, wie wichtig Schönheit ist als Gegengewicht zu unserer Lebenswirklichkeit, die manchmal nicht so lustig ist.

Und was denkst du: Gibt es eine neue Sehnsucht nach ländlichem Leben? Oder nach einer Welt, die noch heil zu sein scheint?

Wir haben gesehen und erfahren, wie kraftvoll die Natur sein kann. Speziell in der letzten Zeit. Viele Menschen verbinden Städte mit Freiheit. Aber im Lockdown war es genau das Gegenteil. Man musste aufs Land gehen, um Freiheit zu finden. Ich glaube, dass die Welt sich in diese Richtung entwickeln wird. Ich erinnere noch meinen Start bei Kvadrat. Unser Headquarter ist wirklich auf dem Land. Ich dachte, ich muss die neuesten Magazine lesen, ich muss reisen, ich muss die Trends fühlen und die Städte sehen … Aber heute habe ich alles auf meinem Smartphone. Natürlich muss man auch reisen, um zu lernen. Aber durch die digitalen Möglichkeiten kann jeder dieselben Dinge in derselben Sekunde erleben. Früher sind wir zum Salone nach Mailand gefahren und haben dort die Neuheiten entdeckt. Wenn ich heute von der Messe zurückkomme, bin ich manchmal im Zweifel darüber, was ich digital und was ich in Wirklichkeit gesehen habe. Es fließt alles ineinander. Die Natur wird extrem wichtig, wenn man irgendwie geerdet sein möchte. Wenn ich zu Hause bin, bin ich umgeben von Natur und das lässt mich überleben in dieser hektischen Welt.

Wie würdest du die DNA von Kvadrat in deinen Worten beschreiben?

Dazu gehört auf jeden Fall die Balance zwischen dem Kvadrat-Stil und der Handschrift der externen Designer und Künstler. Unser Ziel ist es, dass die Kunden sofort sehen: „Ah, das ist ein Kvadrat- Produkt.“ Es sollen die Diversität und die Vielfalt unserer Kollektion deutlich werden. Nämlich, dass da tatsächlich unterschiedliche Kreative hinter jedem Stoff stehen. Außerdem wollen wir zeitgemäß sein! Wir wollen präsent sein in der Zeit, in der wir leben. Aber genauso haben wir auch unser Erbe mit im Gepäck und sorgen dafür, dass es relevant bleibt, denn es ist ein wichtiger Teil von uns. Darum ist auch unser allererster Stoff „Hallingdal“ noch in der Kollektion. Mit ihm begann in den Jahren 1969/1970 quasi die Geschichte von Kvadrat. Gleichzeitig spielt er eine große Rolle in der Geschichte des dänischen Designs.

„Die größte Veränderung, die ich beobachte, ist die von Rollos hin zu weich fließenden Vorhängen“

Welche Bedeutung haben Farben für euch?

Farben sind superwichtig. Darauf verwenden wir so viel Zeit. Es ist schwierig zu erklären, aber es ist nicht ungewöhnlich für uns, mehr als 1500 Farben zur Auswahl zu haben, bevor wir für die Kollektion dann vielleicht 16 davon aussuchen. Farben sind etwas, was wir sehr ernst nehmen.

Was ist mit Mustern? Viele Kvadrat-Stoffe sind uni, haben Farbverläufe oder eine interessante Melange. Warum gibt es nicht mehr Muster?

Es werden mehr sein in Zukunft. Wir arbeiten schon eine Zeit lang daran zu definieren, wie die Mustersprache von Kvadrat aussehen wird. Wir sind natürlich kein Label, das Palmen oder Ananas bringt. Bei uns wird es abstrakt sein.

Wie verändern sich Textilien gerade? Insbesondere was die Materialien angeht? Auch im Hinblick auf Nachhaltigkeit …

Nachhaltigkeit ist für uns ein Tier mit drei Beinen. Wenn wir ein neues Produkt entwickeln, fragen wir uns, ob wir mit recycelten Fasern arbeiten können oder mit neuen Materialien, die einen besseren ökologischen Fußabdruck haben. Bei der Produktion unserer Wollstoffe sparen wir durch Wiederaufbereitung heute viel Wasser und Energie. Dieser Schritt ist extrem wichtig. Um unsere Prozesse zu optimieren, versuchen wir, sie jedes Mal ein kleines bisschen besser zu machen als beim letzten Mal. Ich nenne das Mikro-Innovation. Viele Leute denken bei Innovation immer gleich, man müsse auf den Mond fliegen. Aber wir glauben, sie liegt in den kleinen Dingen, die wir jeden Tag tun und womit wir über die Jahre wirklich große Veränderungen schaffen können. Das dritte Bein ist die Langlebigkeit. Wenn wir die Möglichkeit haben, einen Polsterstoff in einem neuen Material zu produzieren, das fantastisch für die Umwelt ist, aber leider nur ein Jahr hält, haben wir trotzdem Energie und Ressourcen verbraucht und das ergibt keinen Sinn. Es ist ein konstantes Ausbalancieren: wie können wir unser Qualitätslevel halten in der Art, die für die Umwelt am besten ist, und mit dem bestmöglichen Rohmaterial.

Was denkst du über die Oberflächen von Stoffen aus recycelten PET-Flaschen oder recycelter Wolle? Sie fühlen sich doch alle ein bisschen anders an, ein bisschen künstlicher. Nicht so wie eine klassische Wolle oder Baumwolle.

Stimmt, es gibt Grenzen mit recyceltem Inhalt. Wir versuchen, den bestmöglichen Weg zu finden, damit zu arbeiten. Aber es ist leichter, künstlich hergestellte Fasern zu recyceln. Dann kann man chemisches Recycling machen. Naturfasern müssen mechanisch recycelt werden, dabei zerstört man auch ein bisschen die Fasern. Die entscheidende Frage ist, was man macht, um eine schöne Oberfläche zu schaffen. Kann man das Garn anders spinnen? Das ist die größte Herausforderung, langlebige Produkte mit natürlichem recycel - tem Inhalt zu produzieren!

Müssen wir uns also daran gewöhnen, nicht diese soften Q ualitäten zu haben, die wir kennen? Ist das ein Phänomen unserer Zeit?

Wir haben die letzten Dekaden dafür genutzt, die Massenproduktion zu op - timieren. Wir sind so gut darin, die gleichen Dinge immer wieder gleichför- mig herzustellen. Da müssen wir mei- ner Meinung nach lernen umzudenken.

Recycelter Inhalt wird uns immer kleine Variationen bescheren. In Sachen Haptik, aber auch auf der Farbebene. Das ist schwierig für unsere Kunden. Denn wir haben ihnen beigebracht, dass wir die Dinge immer in exakt gleicher Optik produzieren. Die Zukunft wird sein, dass es nahezu die gleiche Optik sein wird, aber eben nicht exakt. Die Generation meiner Kinder wird das akzeptieren, weil sie in Nachhaltigkeit ausgebildet ist. Sie wird die Schönheit dieser kleinen Variationen sehen, anstatt sie als einen Fehler zu betrachten. Man kann es nicht vergleichen mit dem, was wir vorher hatten. Es beginnt ein neues Zeitalter. Das bedeutet ein Learning auf vielen Ebenen. Und wir müssen lernen zu verstehen, dass wir die Herausforderungen nicht alleine lösen. Es braucht eine größere Gemeinschaft, um die Welt in eine bessere Richtung zu pushen!