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Engagiert, solidarisch und sozial – die Marquarts aus Stuttgart-Vaihingen


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die Stuttgarter - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 01.08.2022
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Bildquelle: die Stuttgarter, Ausgabe 4/2022

Elisabeth und Karl-Horst Marquart

Sie sitzen am Küchentisch – sehr gemütlich und sehr lebendig: Die Marquarts aus Stuttgart Vaihingen, ganz in der Nähe vom idyllischen Freibad Rosental.Elisabeth hat Maja, eines ihrer sieben Enkelkinder auf dem Schoß und strahlt. Karl-Horst sitzt neben mir, voll vom Schreiben seines neuen Buchs, das er gerade unterbrochen hat. Man hört förmlich, wie es in seinem Kopf noch dröhnt – voller Fakten und Kommentare. Es geht in seinem neuen wissenschaftlichen Werk um die Kinder der Zwangsarbeiterinnen in Stuttgart während der Nazizeit.

Ihr Schicksal aus den historischen Stadtarchiven auszugraben, bedeutet für den Arzt auch die Ehrung der kleinen Russen und Ukrainer, die in den Kriegsjahren 1943 bis 1945 kaum etwas zu essen bekamen und keinen Arzt hatten, der nach ihnen schaute. Die deshalb neben ihren schuftenden, ausgepumpten Müttern sterben mussten. Jetzt gibt er seiner alten Hündin Kinka einen ...

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... Leckerbissen und holt einen besonderen Käse für Maja aus dem Kühlschrank. Und fragt nebenher: „Was willst du über uns schreiben? Da gibt‘s nichts Wichtiges.“

Das wollen wir erst mal sehen: Aus meiner Jahrzehnte langen Bekanntschaft mit den Marquarts ist mir nichts Unwichtiges in ihrem bewegten Berufsfeld und aktiven Bürgerleben aufgefallen. Nein, nur auffällig Engagiertes, Solidarisches, Soziales, das heraus ragt. In nächster Nähe, stadtnah und in weiter Ferne. Über dieses gesellschaftlich Wichtige will ich berichten.

Grausame Nazi-Zeiten in Stuttgart-Vaihingen

Vor einigen Jahren saß ich im Publikum des Martin-Luther-Hauses der Evangelischen Kirche in Vaihingen und hörte zum ersten mal von den Zeiten der brutalen Nazi-Diktatur direkt am Ort. Nie hatte ich mich um die Vorgeschichte meines Stadtteils gekümmert. Jetzt referierten die Marquarts die grausame Ortsgeschichte von Vaihingen. Aber: Zugleich stand eine positive Persönlichkeit ganz vorn. Es handelte sich um den jüdischen Leiter der Deutschen Bank-Filiale in Vaihingen, Franz Fried, und seiner sozial engagierten, kinderlieben Frau Henriette, die keine eigenen Kinder hatte. Und die sich zuverlässig und intensiv um die Kleinen in der Nachbarschaft kümmerte. Die beiden Frieds waren bei den Vaihingern sehr beliebt.

Ihre alte Haushälterin hat nach dem Krieg genauestens über sie berichtet. Alles ist in den Akten des Ludwigsburger Staatsarchivs nachzulesen. Das Paar sei sehr sozial und menschenfreundlich gewesen. Auf sie konnte man sich verlassen. Im Geben waren sie groß.

Eines Tages jedoch wurden auch sie, wie aller Orts in Deutschland, als Staatsfeinde festgenommen und verschleppt. Vom Sammellager auf dem Killesberg ging‘s über Nacht ins lettische Riga. Dort wurden die meisten der deportierten Menschen sofort erschossen und in einem Massengrab verscharrt.

Marquarts berichten wie zwei Reporter. Als seien sie dabei gewesen, jetzt noch betroffen und zum Handeln bereit. Dennoch ruhig und vor allem ihren ausgewählten Dokumenten verpflichtet. Hätten die Frieds vor ihrem Abtransport ein Versteck gesucht, bei Marquarts wären sie untergekommen.

Elisabeth Marquart – mit jungen Leuten den Nazi-Verbrechen in der Nachbarschaft auf der Spur

Als Pädagogin berät sie in den 80er Jahren das ZDF und seine Jugendsendung „Rappelkiste“. Wenn die Drehbücher kommen, muss sie schauen, ob die Stories auch glaubwürdig und kindernah sind. In Stuttgart übernimmt sie 1979 in der Jugendfarm Möhringen/Vaihingen den Vereinsvorsitz. Kinder und Tiere sollten sich gegenseitig kennen und respektieren lernen. Eine weitere, selbst gestellte Aufgabe: Elisabeth Marquart macht Stadtrundgänge, auf denen sie Schülerinnen und Schüler in die deutsche Nazigeschichte einführt. Der Widerstandskämpfer Alfred Hauser ist ihr Vorbild. Schon Ende der Sechziger Jahre hatte er die Jugend Stuttgarts in seine historischen Erfahrungen einbezogen. Er hatte sie an die Orte des Schreckens geführt und sie auf direkte Weise mit dem Naziverbrechen konfrontiert. Solche dramatischen Orte sucht auch Elisabeth Marquart mit ihren jungen Leuten auf, gezielt in Vaihingen, in ihrer nächsten Nachbarschaft.

Wenn man zum Beispiel die Rohrer Höhe besichtigt, wo die Hitler-Jugend ihr legendäres Heim hatte. Oder die große Wiese in der Krehlstraße, wo heute der Jugendzirkus Calibastra auftritt, da rückt die dramatische Vergangenheit ganz nahe an die jungen Besucher heran: Genau hier hatten 1939 Panzerkolonnen gestanden, die auf ihren Abmarschbefehl gen Osten warteten. Da staunen die interessierten großen Kinder und können es nicht fassen. Überwältigt hören sie von den Geschehnissen an ihrem Heimatort.

Da lebten damals ja Buben und Mädchen im selben Alter wie sie. Zum Beispiel der Hitlerjunge Frank, der sich in Vaihingen bei Kriegsende einem Panzer der Franzosen entgegen warf und von einem der Befreier erschossen wurde.

Wo hat Elisabeth Marquart diese Episoden des Grauens her? Unter anderem hat sie jahrelang den Vaihinger „Filderboten“ aus den vierziger Jahren gelesen und dabei erfahren, wie auch unbedeutende Leute des Orts sich zu Hitlers strafenden Helfern empor dienten. Etwa wurde ein Kioskbesitzer zum Ortsgruppenleiter der NSDAP ernannt und nutzte die Gelegenheit: Ohrfeigen für einen fehlenden Hitlergruß teilte er gern öffentlich aus. Menschen, die sich anderweitig verweigerten, zeigte er an und lieferte sie den Naziverbrechern aus. Die Leute hatten alltäglich Angst vor ihm.

Wie haben die Aktivitäten der Marquarts begonnen?Oft gaben winzige Informationen den Anlass, sich zu engagieren. In den 80er Jahren las Karl-Horst Marquart den Aufruf einer christlichen Hilfsorganisation aus den USA, die dringend Ärzte für bedürftige Flüchtlinge in Somalia suchte. Sein Sommerurlaub stand bevor und er überlegte: „Da melde ich mich mal.“ So harmlos begann seine erste große, medizinische Hilfsaktion.

Als deutscher Arzt in Somalia – für 40.000 Menschen in einem Flüchtlingscamp

Und gleich nach dem Flug ging‘s ins Ungewisse, ab in die Wüste. Ein amerikanischer Fahrer der Hilfsorganisation hatte ihn am Flughafen abgeholt und fuhr ihn einen Tag lang in einem Geländewagen zum überfüllten Flüchtlingscamp mit 40.000 Menschen. Im Land herrschte Krieg. Es ging über Stock und Stein. Reisende am Straßenrand suchten eine Mitfahrgelegenheit. Der deutsche Arzt sah die Not und bestand darauf, die Männer, aber auch die Frauen mit ihren Kindern, Ziegen und Hühnern mitzunehmen. Dem Fahrer war eine solche Hilfsbereitschaft neu und nicht ganz geheuer.

Marquarts neuer Arbeitsplatz war eine kleine improvisierte Hütte, in der es Medikamente und einige Utensilien für die Kranken gab. Und hier im Lager wurde ja auch geboren und gestorben. Bald standen die Kranken Schlange. Vor allem die Mütter mit ihren unterernährten Kleinkindern drängten zu ihm. So viel geballtes Elend hatte Karl-Horst Marquart noch nicht gesehen. Und dann die vielen schwangeren Frauen, die Hilfe suchten. Denn die einheimischen Hebammen hatten außer einem Rasiermesser für die abzutrennende Nabelschnur keinerlei Hilfsmittel für die Geburt. Die bekamen sie nach seiner Rückkehr aus Deutschland. Hier wurden Hebammenkoffer organisiert und umgehend nach Lug Ganane geschickt.

Der Arbeitstag des deutschen Arztes dauerte 10 bis 12 Stunden. Ohne gemeinsame Sprache musste er unentwegt erste Hilfe leisten, seine Patienten behandeln und aufklären. Manchmal war er so erschöpft, dass er nur noch auf die Pritsche fiel. Und bekam dafür Geschenke von seinen armen Patienten: Hühner waren auch dabei. Eine große Ehre.Er nahm die vielleicht wertvollsten Erfahrungen seines Lebens mit nach Hause.

Und wenn der nächste Sommer kam, war der verehrte Herr Doktor aus Deutschland wieder da. Einmal hatte er eine junge Frau mit einem Mammakarzinom dringend zur Hauptstadt Mogadischu schicken müssen – ein Plan, der kaum durchführbar war, weil es keinerlei Zuständigkeit und keine Transportmöglichkeiten gab. Er weiß heute noch nicht, ob die Patientin gerettet werden konnte.

„Kranich Aids in Afrika“ als erstes Hilfsprojekt zur Aufklärung und Behandlung

Für die Marquarts gab es auch persönliche Kontakte nach Uganda, weil Dorothy aus dem Dorf Tidukuru 1985 in Stuttgart ein Quartier suchte. Sie war von der Evangelischen Kirche zu einem sozialpädagogischen Seminar eingeladen worden und wohnte, wie sollte es anders sein, bei Marquarts. Hier entstand eine Freundschaft zwischen den Frauen, die zu weiteren Hilfsaktionen führte. Neben den Hebammenkoffern, die nach Somalia gingen, gab es nun 12 mechanische Nähmaschinen für Uganda, mit denen sich die Dorffrauen selbständig machten. Für die Schneiderinnen ein großer Erfolg – bis heute nachzulesen bei www.kranich-aidsinafrika.de.

In dieser Zeit begann Karl-Horst Marquart die Aufklärungskampagne gegen die damals noch unbekannte und schwere Erkrankung durch Aids. Afrikanische Männer, darunter Lastwagenfahrer, brachten das Virus über Landesgrenzen hinweg, steckten ihre Frauen an und starben häufig selbst daran. Marquart hatte die geheimnisvollen Symptome entdeckt und erste diagnostische Untersuchungen eingeleitet. Aus Uganda schickte er entsprechende Blutproben nach Stuttgart. Seine Frau suchte Mitstreiter in den Stuttgarter Krankenhäusern. Ohne Erfolg. Erst das Robert-Bosch-Krankenhaus war bereit, das Blut aus Uganda zu prüfen. Und so wurde auch hier das HIV-Virus nachgewiesen.

Gedenken und Ermahnung auf der Straße: Die Stolpersteine

Sehr früh begannen Marquarts sich für die politische Gedenkkultur des Kölner Künstlers Gunter Demnig zu interessieren und riefen 2006 in Vaihingen eine eigene Initiative mit Gleichgesinnten ins Leben.

Demnig begann 1992 die kleinen Gedenktafeln aus Metall, die sogenannten Stolpersteine mit ihren Inschriften, vor den Häusern zu verlegen, in denen Menschen gelebt hatten, die von den Nazis ermordet worden waren. Sein Ziel „Den Opfern ein Gesicht geben.“

Inzwischen haben die engagierten Vaihinger 20 Stolpersteine verlegt. Mit den ersten beiden Steinen wurde verständlicherweise das beliebte und verehrte jüdische Ehepaar Fried geehrt. Ein würdevolles Zeichen der Erinnerung. Ihre Gedenksteine liegen eingegraben vor der Deutschen Bank in der Hauptstraße von Vaihingen. Übrigens geht jedem Stolperstein eine lange Recherche voraus. Erst müssen die Menschen gefunden werden und danach werden ihre Biografien aufs Genaueste recherchiert.

Bei einem solchen ehrenden Steineverlegen war ich vor einigen Jahren dabei: Sie fand in der Sigmaringer Straße in Möhringen statt, direkt auf dem Betriebsgelände des heutigen Unternehmens Hansa Arma-turen GmbH. Aufsehen erregend: Denn Demnig selbst war dabei und legte drei Steine für die hier umgekommenen Kinder der Zwangsarbeiterinnen in die Erde. Ein Verwandter von einem der Opfer war aus der Ukraine angereist. Es war ein Neffe und er hatte das kleine an Hunger gestorbene Mädel natürlich nie gesehen. Es war seine Tante. Karl-Horst Marquart hatte diesen Kontakt hergestellt. Er reiste in das ukrainische Dorf Poltawa und sprach die Einladung nach Stuttgart aus. Jetzt hielt er die Ehrenrede und benannte die grausame Situation der Zwangsarbeiterinnen in der Sigmaringer Straße.

Schülerinnen und Schüler aus dem Gymnasium von nebenan waren beeindruckt und sangen traurige Lieder. Ein Erlebnis das seither zu meiner denkwürdigen Vaihinger Ortsgeschichte gehört.

Karl-Horst Marquarts erstes Buch, in dem die Schrecknissen der sogenannten Euthanasie belegt sind, hat den Titel: „Behandlung empfohlen – NS-Medizinverbrechen an Kindern und Jugendlichen in

Stuttgart“. Es ist 2015 erschienen. Dieses wissenschaftliche Werk über die Ermordung der schwächsten Mitglieder einer Gesellschaft behagt nicht jedem Bürger in Stuttgart. Heute ist es ein Standardwerk, mit Herzblut geschrieben.

Ende Juni sitze ich mit Marquarts in ihrem Garten.

Die Königskerzen blühen strahlend gelb, Sie haben sich selbst ausgesät. Sie wachsen aus den Ritzen der Terrasse, sind 1 Meter 50 hoch und werden von leuchtenden Bienen umschwärmt.

Eine weitere gute Nachricht: 2018 haben Elisabeth Marquart und Karl-Horst Marquart das Bundesverdienstkreuz am Bande erhalten. Als ihnen in der Villa Reitzenstein die beiden Verdienstorden verliehen werden, bringen sie das Protokoll durcheinander: Sie bestehen darauf, dass alle geladenen Gäste, ihre Mitstreiter bei ihrem Engagement, einzeln vorgestellt werden. Großes Gelächter über soviel Spontanität und Durchsetzungsvermögen. Und alle Kinder und Enkelkinder sind dabei.

Gabriele Finger-Hoffmann