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Englands Wunderkind


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tennisMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 110/2021 vom 15.10.2021

STORY

Artikelbild für den Artikel "Englands Wunderkind" aus der Ausgabe 110/2021 von tennisMAGAZIN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
LIZENZ ZUM SIEGEN: Das Interesse an US Open-Siegerin Emma Raducanu ist derzeit riesig. Auch abseits des Platzes agiert die Teenagerin selbstsicher ? hier bei der Premiere des neuen James-Bond-Films in London.

Als ich elf Jahre alt war – ich erinnere mich noch genau –, verfolgte ich voller Begeisterung, wie Boris Becker mit 17 Jahren seinen ersten Wimbledontitel gewann. Damals hatte ich mit Tennis nicht viel am Hut, aber die Energie dieses deutschen Jungen packte mich einfach. Ich ahnte ja nicht, dass 36 Jahre später ein weiterer Meteorit auf dem Planeten Tennis einschlagen würde. Und dass ich dieses Mal für die Chronik des US Open-Triumphs von Emma Raducanu als Journalist verantwortlich sein würde.

Ein kurzes Geständnis: Aufgrund von Visaproblemen war ich nicht in New York, um das Beben der Erde am eigenen Leib zu spüren. Aber vielleicht war das auch besser so. Meine Zeitung, der Daily Telegraph aus London mit einer Tagesauflage von knapp 500.000 Exemplaren, brauchte rund um die Uhr aktuelle Informationen über Raducanus Traumlauf in New York. Ich konnte sie aus London während des britischen ...

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... Vormittags liefern. Unser US-Korrespondent Jamie Johnson schickte seine eigenen Informationen später am Tag.

Und ich muss noch etwas zugeben, was mir als Tennis-Reporter nicht leichtfällt. Es ist seltsam, aber wie die meisten meiner Kollegen in den britischen Medien hatte ich Raducanu zu diesem Zeitpunkt noch nicht persönlich getroffen. Das erste Mal, dass ich sie mit eigenen Augen überhaupt einmal auf einem Tennisplatz live gesehen hatte, war in der dritten Runde von Wimbledon, vor drei Monaten. Sie hat alle überrumpelt: Spieler, Medien und Fans gleichermaßen.

Heute gibt es in Großbritannien nur noch drei oder vier Reporter, die zu den großen Turnieren außerhalb der Grand Slam-Events reisen. Bei den Majors sind es vielleicht ein Dutzend – Wimbledon mal ausgenommen. Trotzdem wissen die britischen Tennisjournalisten in der Regel, was los ist und auf wen man achten sollte.

Im Fall von Raducanu war das anders. Ihr Name war mir geläufig, weil sie die beste einheimische Juniorin ihres Jahrgangs war. Es ist nur so, dass das britische Tennis eine ziemlich schlechte Umwandlungsrate von der Juniorenebene zur WTA- oder ATP- Tour hat. Ein aktuelles Beispiel im britischen Herrenbereich ist Jack Draper (19), der mit allerhand Vorschusslorbeeren dekoriert ist, aber seinen Durchbruch bei den Profis noch nicht geschafft hat. Zurück zu Raducanu: Von ihr hatte niemand besonders viel Notiz genommen, das muss man deutlich sagen.

Ich habe Raducanu 2020 und sogar in der ersten Hälfte von 2021 kaum wahrgenommen. Das lag zum einen an der Corona- Pandemie und zum anderen daran, dass sie im Sommer 2021 nicht auf dem Platz stand, sondern sich auf die Abiturprüfungen vorbereitete, in denen sie übrigens in Mathematik und in Wirtschaft Höchstnoten erzielte. Am 7. Juni gab sie schließlich ihr Debüt auf der WTA-Tour im Alter von 18 Jahren und sechs Monaten – bemerkenswert spät für jemanden mit ihrer Klasse.

Das erste Match verlor sie, aber zehn Tage später schlug sie die ehemalige Nummer 25 der Welt, Timea Babos, auf Rasen in Nottingham. Wie so vieles in ihrer Entwicklung lief auch dieses Ergebnis an einem Tag, an dem Andy Murray im Queen’s Club im Westen Londons verlor, unter dem Radar englischer Sportjournalisten. Aber dieser Sieg ermöglichte es ihrem damaligen Trainer Nigel Sears, sich beim All England Club für eine Wild Card für das Hauptfeld von Wimbledon einzusetzen. Raducanu hätte als Nummer 361 der Weltrangliste nicht einmal einen direkten Startplatz für das Qualifikationsturnier von Wimbledon bekommen und das ganze Märchen, das später folgen sollte, wäre vielleicht niemals zu Stande gekommen.

Raducanu erhielt die Wildcard. Als Wimbledon begann, habe ich ihr nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt. Ich erinnere mich, dass ich am vierten Turniertag am Schreibtisch eines Kollegen im Medienzentrum vorbeiging, als dieser sagte: „Hast du dieses Mädchen gesehen? Sie hat gerade Vondrousova auseinandergenommen.“ Aber erst in der dritten Runde, als Raducanu den ersten Satz gegen Sorana Cirstea gewann, ließ ich alles stehen und liegen und stürmte auf den Court Nr. 1.

Die Fans waren begeistert und Raducanu ritt auf der Euphoriewelle, als hätte sie jahrelang nichts anderes gemacht. Cirstea ist eine Kämpferin und stemmte sich gegen die drohende Niederlage, aber Raducanu feuerte Winner aus allen Lagen mit einer erstaunlichen Leichtigkeit ab. Eine solche Selbstbeherrschung hatte ich in so jungen Jahren bisher nur bei einem Spieler gesehen, der heute ein großer Champion ist: Andy Murray. Diese Fähigkeit, den Ball nicht nur sauber zu treffen, sondern ihn wie ferngesteuert an die Linien zu lenken, verblüffte mich. Hier war ein 18-jähriges Mädchen, das zum ersten Mal in Wimbledon antrat und das über die gleiche unheimliche Begabung zu verfügen schien wie nur ganz wenige andere Profis. Darüber hinaus war ihr Interview auf dem Platz herrlich offen und charmant. „Ich komme seit mehr als zehn Jahren nach Wimbledon“, sagte ich zu meinen Nachbarn in der Pressereihe, als ich aufstand, „und das ist so ziemlich das Beste, was ich je gesehen habe.“

VIVA MÉXICO!

Erstmals finden die WTA-Finals in Mexiko statt – und zwar in Guadalajara, der zweitgrößten Stadt des Landes. Weil das Saisonabschlussturnier wegen der Corona-Pandemie nicht wie angedacht im chinesischen Shenzhen stattfinden kann, wurde lange nach einem Ersatzort gesucht. Die WTA-Tour soll sich mehrere Absagen eingefangen haben, bis man sich schließlich mit den Veranstaltern in Guadalajara einig wurde. Gespielt wird im Centro Panamericano de Tenis auf einem Freiluft-Centre Court.

Auf der gleichen Anlage wird seit 2019 ein WTA-Turnier ausgetragen, das mittlerweile zur 250er-Kategorie zählt (Abierto Zapopan). Das Stadion hat feste Sitzplätze für etwa 2.600 Zuschauer. Durch Zusatztribünen soll die Kapazität für die WTA-Finals auf 6.500 Fans erhöht werden.

Termin: 10. bis 17. November

Belag: Hartplatz (Freiluft)

Konkurrenzen: Einzel/Doppel

Modus: Es qualifizieren sich die besten acht Spielerinnen und die besten acht Doppelteams der Saison. In beiden Konkurrenzen gibt es jeweils zwei Vierergruppen. Die Gruppensieger und die Gruppenzweiten erreichen das Halbfinale.

Preisgeld: noch nicht bekannt*

Qualifizierte Spielerinnen*: Ashleigh Barty, Aryna Sabalenka, Barbora Krejcikova, Karolina Pliskova

Qualifizierte Doppel*: Krejcikova/Siniakova, Aoyama/Shibahara

*Stand: 4. Oktober 2021

Es war irgendwie typisch für die unglaubliche Raducanu-Story, dass sie Wimbledon nicht mit einer herkömmlichen Niederlage verließ. Stattdessen schied sie mit „Atembeschwerden“ zu Beginn des zweiten Satzes im Achtelfinale gegen Ajla Tomljanovic aus. Über die Analyse – und vor allem die Wortwahl – von TV-Experte John McEnroe bei der BBC-Liveübertragung entwickelte sich ein Streit, der charakteristisch ist für unsere Zeit. „Es scheint so, dass ihr das alles einfach zu viel wurde“, sagte McEnroe. Viele empfanden das als herablassend oder sogar sexistisch. Bald schaltete sich auch Großbritanniens berüchtigtster Provokateur – der Fernsehmoderator und ehemalige Boulevardjournalist Piers Morgan – in die Debatte ein. „McEnroe hat die Wahrheit gesagt“, twitterte Morgan. „Emma Raducanu ist eine talentierte Spielerin, konnte aber mit dem Druck nicht umgehen und hat aufgegeben, als sie verlor. Das ist nicht mutig, sondern nur eine Schande.“

Am nächsten Tag kehrte Raducanu zur BBC zurück, um ein Interview mit Sue Barker zu führen, die seit 2000 das Gesicht von Wimbledon ist. Raducanu trug ein englisches Fußballtrikot (es war der Vorabend des Halbfinals zwischen England und Dänemark bei der Fußball-EM) und erklärte: „Ich weiß nicht, was der Grund für die Aufgabe war. Ich glaube, es war eine Kombination aus allem, was in den letzten Wochen hinter den Kulissen passiert ist, und einer Ansammlung von Aufregung und Begeisterung.“ Ihr Statement verriet so viel über sie als Mensch, weil sie ein negatives Ereignis in ein positives verwandelte und dabei so natürlich und einnehmend rüberkam, dass der „Expertenstreit“ verpuffte.

Es gibt Menschen, die einfach durchdringen. Johanna Konta, Raducanus Vorgängerin als Englands Nummer eins, hat in der britischen Öffentlichkeit nie große Sympathien geweckt, obwohl sie in ihrer Karriere die Miami Open gewonnen und bei drei der vier Majors das Halbfinale erreicht hat. Aber Raducanus liebenswürdige und fotogene Präsenz erreicht eine viel größere Zielgruppe. Sie hievt Tennis aus der „Tennis- Bubble“ und öffnet es für die breite Masse an Sportfans, die in England grundsätzlich sehr groß ist, aber nur selten – abgesehen vom Fußball – in Gänze angesprochen wird. Genau das schafft Raducanu, ohne es wirklich darauf angelegt zu haben, was ja das eigentlich Erstaunliche an ihr ist. Als sie Ende Juli zu ihren nächsten Turnieren in die USA flog, hatte sie bereits über eine halbe Million Follower in den sozialen Medien, mehr als doppelt so viele wie Konta.

Ich war zu dieser Zeit mit der Arbeit an den Olympischen Spielen beschäftigt, aber als ich am 22. August – acht Tage vor Beginn der US Open – aus dem Urlaub zurückkam, hatten meine Kollegen den „Raducanu-Faktor“ bereits hochgeschraubt. Die Chefredaktion wollte nun jeden Tag einen Artikel über sie, was sich zunächst schwierig anhörte. Aber immerhin spielte sie in der Qualifikation, und so wurden drei dieser Artikel zu reinen Matchberichten.

Als die US Open in die zweite Woche gingen, schrieb ich als Ghostwriter bewundernde Kolumnen für Virginia Wade und Martina Navratilova, während ich meine Kontakte nach Informationen über Raducanus Familie durchforstete. Wenn die Tochter mir schon wenig bekannt war, so waren es ihr Vater und ihre Mutter noch viel weniger. Anders als zum Beispiel die Eltern von Coco Gauff geben sie nicht gerne Interviews. In Wimbledon saßen sie nicht einmal in ihrer Spielerbox.

Am Morgen des US Open-Endspiels schrieb ich einen 850 Wörter langen Hintergrundartikel über Ian und Renee Raducanu, Emmas Eltern. Seitdem wir eine Paywall für unsere Website eingerichtet haben, stellte dieser Text einen neuen Telegraph Sport-Rekord bei den Online-Zugriffsraten auf. Er übertraf sogar die guten Zahlen von der Fußall-EM. Die Statistiken passten zu meinen bisherigen Erfahrungen mit der sozialen Reichweite im Tennis. In England plätschert der Tennissport für die meiste Zeit des Jahres ruhig vor sich hin, aber wenn etwas passiert – zum Beispiel Serena Williams‘ Schiedsrichterstreit mit Carlos Ramos bei den US Open 2018 – steigt das Interesse ins Unermessliche. Ich führe das auch auf die Tatsache zurück, dass sich mehr Frauen für Tennis interessieren als für die meisten anderen Sportarten, was zu einem größeren maximalen Publikum führt, wenn richtig etwas abgeht.

Ich werde nun nicht versuchen, das Finale der US Open zu beschreiben, denn das werden deutsche Tennisfans sicherlich selbst gesehen haben. Erwähnenswert ist aber, dass es für einige britische Reporter nach dem Endspiel hinter den Kulissen endlich die Möglichkeit gab, sich mit Raducanu zu einem privaten Gespräch zusammenzusetzen. Der Telegraph hatte inzwischen zwei Männer in New York, denn zu Jamie Johnson hatte sich der leitende Sportreporter Oliver Brown gesellt, während ich von London aus weiter berichtete.

Auch in diesem „Round-Table-Gespräch“ zeigte sich ihr strahlendes Charisma in vielfältigster Art und Weise. Auf die Frage, was sie mit den 2,5 Millionen Dollar Preisgeld anfangen würde, antwortete sie: „Ich hatte keine Ahnung von dem Preisgeld. Vor meinem ersten Qualifikationsmatch habe ich drei Minuten vor Beginn meine kleinen Kopfhörer, also meine AirPods, verloren. Ich habe mir vor jedem Match gesagt: ‚Wenn du gewinnst, kannst du dir ein neues Paar AirPods kaufen.‘“

Innerhalb von ein, zwei Tagen wurden diese AirPods in jeder Frühstücksfernsehsendung in ganz Großbritannien diskutiert. Die „Radu-Manie“ ging so weit, dass ich in einem WhatsApp-Gruppenchat mit einigen Tennispartnern andeutete, dass eine Redakteurin bei uns unbedingt wissen wollte, ob sie zuerst den linken oder den rechten Air- Pod verloren hatte. Das war natürlich nur ein Scherz, aber alle in der Gruppe dachten, dass wir da an einer großen investigativen Story arbeiten würden. In diesem Moment wusste ich, dass nichts mehr so sein würde wie vorher.

ÜBER DEN AUTOR

Simon Briggs, 47, lebt in Buckinghamshire, 60 Kilometer nordwestlich von London. Seit 1996 ist er beim Daily Telegraph, seit 2000 im Sportressort. Ursprünglich schrieb er über Rockmusik und Cricket, seit 2010 über Tennis. Durch das Schreiben über Tennis fing er selbst mit dem Sport an und ist mittlerweile ein ordentlicher Spieler. Briggs hat sich durch viele hintergründige und aufklärende Artikel längst einen Namen im internationalen Sportjournalismus gemacht.