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Englische Woche


St.GEORG - epaper ⋅ Ausgabe 110/2021 vom 18.10.2021

EUROPAMEISTERSCHAFT

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Bestes deutsches Paar in Avenches: Michael Jung und sein neues Championatspferd, seine Nummer zwei neben Chipmunk, der Holsteiner Wild Wave v. Water Dance xx.

Die Reiter hatten Druck gemacht, die FEI knickte ein. In nur wenigen Monaten wurde auf der Anlage der IENA (Institut Equestre National de Avenches) eine Busch-EM aus dem Boden gestampft. Das engagierte Team rund um Jean Pierre Kratzer und Familie Vogg, der britische Parcourschef Mike Etherington-Smith samt Co-Aufbauer Martin Plewa stellten einen championatswürdigen Kurs auf die Beine, mit vielen Wendungen und Kurven, aber allen Aufgaben, die auf EM-Niveau gelöst werden müssen. Mit „Busch“ hatte die Geländestrecke auf der Rennbahn und dem angrenzenden Trainingsareal freilich wenig zu tun. Ein paar Fußballfelder aneinandergereiht und kleine Häuser, Boote und Hecken, die aussahen, als habe ein Riese sie aus Versehen fallen lassen.

Die Briten: Schalter umgelegt

Mannschaftsgold und alle drei Einzelmedaillen gingen nach Großbritannien. Ein sensationeller Erfolg, an dem Chris Bartle, bis ...

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... 2016 deutscher Honorartrainer, wesentlichen Anteil hat. Seitdem der Badminton-Sieger und Olympiadressurreiter das Coaching seiner Landsleute übernommen hat, gewinnen sie wieder – alle Team-Titel seit 2017, außer bei der EM 2019. Bartle hat den deutschen Buschreitern viel gegeben, aber er gibt auch zu, dass er viel mitgenommen hat, was er sich bei den Dressur- und Springspezialisten hierzulande abgeguckt hat. Was ihm hilft, ist die breite Basis in England, die es er- möglichte, zwei Spitzenteams für Tokio und die EM aufzustellen und noch ein drittes Team, das Aachen gewann.

Mussten die britischen Reiter früher im Gelände ihre Dressurnoten kompensieren, so nahm das Bartle-Team in Avenches schon in der Dressur das Heft in die Hand und gab es nicht mehr her. Nur Ingrid Klimke konnte sich knapp mit 0,4 Minuspunkte Vorsprung mit Hale Bob an der Dressurspitze halten. Am Ende rangierten alle vier britischen Team- und die beiden Einzelreiterinnen unter den Top Ten. Alle sechs waren, uncharmant gesagt, alte Fahrensleute, zwischen 35 und 48 Jahren. Profis, die ihre Meriten in Fünf-Sterne-Events und Championaten haben. Die neue Europameisterin Nicola Wilson (44), eine Schülerin von Chris Bartle, lange bevor er Teamcoach wurde, ritt den zehnjährigen Holsteiner Dublin v. Diarado, nur knapp 45 Prozent Vollblut, souverän durch alle Teilprüfungen und endete als eine von drei Reitern mit ihrem Dressurergebnis (20,9). Die anderen waren Silbermedaillengewinnerin Piggy March auf dem Iren Brookfield Inocent (23,3) und Michael Jung auf Wild Wave (4., 23,9). Die Bronzemedaille ging an Sarah Bullimore auf dem nur 1,57 Meter kleinen Oldenburger Fuchs Corouet v. Balou du Rouet (23,6). Mehr hatte sich Weltmeisterin Ros Canter erhofft, die nach Platz zwei in der Dressur nach zwei Gelände-Verweigerungen ins Hinterfeld (46.) abrutschte.

Die Deutschen: durchwachsen

Die Basis an Vier-Sterne-fähigen Vielseitigkeitspaaren hierzulande ist begrenzt, das wusste man schon vorher und das zählt natürlich doppelt in einem Jahr, in dem zwei Championate bestückt werden mussten, die Olympischen Spiele und die EM. Wo die Briten immer neue Paare aus dem Hut zauberten, musste sich Bundestrainer Hans Melzer seine guten Leute schon zusammensuchen.

Anna Siemer

Anna Siemer ritt nicht nur zum ersten Mal in der Mannschaft, sie musste mit der 14-jährigen Butts Avondale auch als „Pfadfinder“, als erste Reiterin starten, eine Aufgabe, die sie mit Bravour meisterte. Für ihre saubere, aber vorsichtige Dressur bekam sie 31,5 Punkte, das war eher streng bewertet. Das Gelände mit seinen wechselnden Böden (Rasen- und Sand) und vielen Wendungen waren für die kleine Stute, die ja mehr als 90 Prozent Vollblut führt, kein Problem. Nur 1,6 Zeitfehler, 4 Sekunden über der Zeit von 10:07 Minuten, das gab Lob von allen Seiten. Mit einem Hinterhandfehler an einem Oxer im Parcours standen am Ende 37,1 Minuspunkte zu Buche. Platz 17 – das klingt schlechter als es war und zeigt, wie dicht die Reiter beieinander lagen.

Andreas Dibowski

Andreas „Dibo“ Dibowski startete mit der besten Dressur, die man von seiner Contendro-Tochter Corrida je gesehen hat. „Sie fühlt sich wohl mit der Kandare“, sagt Andreas Dibowski, und das sah man auch. Leider ging es nicht so weiter. Im Cross pullte die Hannoveraner Stute los und arbeitete sich quasi an sich selbst ab. „Sie war schon sehr stark und dann verliert man halt an jedem Sprung ein, zwei Sekunden“, so Dibo nach seinem Ritt. Am Ende war, auch nach einigen kritischen Momenten, bei Reiter und Pferd die Luft raus, beide schienen sich irgendwie aufgegeben zu haben. 15,2 Zeitfehler waren in diesem Feld zu viel. Nach einer sicheren Springrunde wurde es am Ende Platz 22 (40,8), das deutsche Streichergebnis, enttäuschend, nicht nur für den Reiter.

Michael Jung

Michael Jung präsentierte ein neues Championatspferd, Wild Wave v. Water Dance xx, einen eher kalibrigen Holsteiner, der am Ende schneller und geschickter war, als ihm manch einer zugetraut hatte. Mit seinen neun Jahren war er für diese Aufgabe noch jung, hoffentlich mit Blick in die Zukunft nicht zu jung. Es begann mit einer sehr guten Dressur. Eine Fehlbenotung durch den Schweizer Richter, der ihm für den raumgreifenden, taktsicheren, fleißigen Schritt nur eine 6,5 zubilligte – seine Kollegen zogen die Acht – kosteten Punkte, vielleicht die 0,3 Pünktchen, die Jung am Ende von Einzelbronze trennte. Trotzdem war Jung hochzufrieden mit Wild Wave. Durchs Gelände lief er wie ein Alter: die Nase vorn, oft zwischen den Sprüngen mit relativ langem Zügel, ließ sich das Pferd vor den Hindernissen wieder willig aufnehmen. Am Ende stand die schnellste Zeit des Tages, 9:56 Minuten, elf Sekunden unter Bestzeit. Ein Nullparcours rundete die Leistung ab, Platz vier, bester Deutscher.

Ingrid Klimke

Ingrid Klimke kam zugute, dass der 17-jährige Oldenburger Hale Bob wegen der Pandemie und wegen des schweren Sturzes seiner Reiterin im Mai eine lange Turnierpause hatte. Zeit, die er nun, so sieht es aus, seiner Karriere anhängen kann. Aus dem dritten EM-Einzeltitel wurde nichts, das hätte nur ohne die 1,2 Zeitfehler und den Abwurf am drittletzten Parcourshindernis geklappt, so wurde es Platz fünf. Aber auch so war es eine reife Leistung der Schlussreiterin.

Die Dressur Ingrid-like: sicher, souverän und genau auf den Punkt, Zwischenführung mit 20,2 Punkten. Das Gelände, in dem ja ohnehin die fixen kleinen Pferde im Vorteil waren, meisterte „Bobby“ problemlos. Die entscheidenden drei Sekunden verlor Ingrid Klimke ihrer Ansicht nach im Mittelteil des Kurses.

„Man durfte keinen Galoppsprung liegen lassen“, sagte sie. „Dies war ein Kurs wie im Stechen, rum, rum, rum. Ich freue mich schon auf den nächsten Kurs, wo ich wieder auf langen Linien schön vorwärts galoppieren kann.“

Christoph Wahler

Einzelreiter Christoph Wahler übertraf auf dem zwölfjährigen Carjatan v. Clearway die Erwartungen mit dem siebten Platz. Mit einer sehr guten Dressur, fehlerlos bis auf einen versprungenen fliegenden Galoppwechsel, schuf Wahler sich eine gute Ausgangsbasis fürs Gelände, das dem kalibrigen Schimmel nicht unbedingt entgegenkam. „Das war harte Arbeit für mein Pferd“, sagte er nach seinem Ritt.

Wahler sprang als einer der wenigen die Sprungfolge 6/7, zwei sehr stark versetzte Hecken direkt, selbst Michael Jung hatte die sichere, aber nicht viel langsamere Alternative gewählt. Nur zwei Sekunden fehlten zur Bestzeit („Da habe ich zweimal zuviel gezogen“), ein Nullparcours rundete die vorzügliche Leistung ab. Manche hätten Wahler auch gerne im Team gesehen, angesichts wechselnder Leistungen in der Vergangenheit hatte sich der Bundestrainer anders entschieden. Erstens wäre man auch mit Wahlers Ergebnis nicht an den Briten vorbeigekommen und zweitens konnte er so unbelastet von Team-Rücksichten sein Ding machen. Alles richtig gemacht und das nächste Mal ist er im Team.

Dirk Schrade

Nicht so glücklich lief es für den anderen deutschen Einzelreiter, Dirk Schrade auf dem elfjährigen Casino v. Casillo. Aber auch hier klingt Platz 44 (74,1) schlechter, als es war. Die Dressur, in der man die Möglichkeiten des Schimmels zwar erkennen konnte, er sich aber zweimal von den Hilfen freimachte und losbrettern wollte, war mit 30,5 Punkten noch wohlwollend bedacht. Im Gelände gab es gleich am Anfang an Sprung 4C, einer Hecke im rechten Winkel versetzt nach dem Coffin, ein Missverständnis und 20 Miese, von da an schaltete Schrade um auf Trainingsrunde, hatte kein Problem mehr an irgendeinem Hindernis, dafür 23,6 Zeitfehler und verabschiedete sich schließlich mit einem Nullparcours. Bei dem Paar ist noch Luft nach oben für kommende Aufgaben.

Fazit: Die Briten geben die Richtung an in diesem Sport: Platz 2, 3, 6, 8 in der Dressur, schnelle Geländerunden (0/0/0,8/0,8 Zeitfehler) und vier blitzsaubere Parcours, so wird man Europameister. Kein Raum für Irrtümer.

Autor

Gabriele Pochhammer

Fühlte sich bei dieser Busch-EM an gute alte Zeiten erinnert, als Corona noch kein Thema war.