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Ent-deckt! Genderperspektiven auf die Übergangsphase Leaving Care


Forum Erziehungshilfen - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 16.07.2019

In der Übergangsphase von der Jugend ins Erwachsenenleben sind Prozesse der gendersegregierenden Statuszuweisung und des doing gender wirkmächtig. Die Debatte um Leaving Care kann die Kategorie Gender daher nicht ausblenden, sondern muss deren Einflüsse auf die Lebenslagen von Mädchen* (und Jungen*) gemäß § 9 Abs. 3 SGB VIII systematisch berücksichtigen und geschlechtsspezifischen Benachteiligungen aktiv entgegenwirken. Welche Erkenntnisse über Mädchen* und junge Frauen* in den Erziehungshilfen können dafür nutzbar gemacht werden? Und welche Perspektiven für Forschung und Praxis lassen sich daraus ...

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Keine Zeit! Statt Raum für Entwicklung und Selbsterprobung gestaltet sich die Jugendphase für Mädchen* und junge Frauen*, die in öffentlicher Erziehung aufwachsen, als „Rush Hour“.

Der Übergang ins Erwachsenenleben hat sich stark ausdifferenziert und gestaltet sich heute als ein Prozess mit zahlreichen Teilübergängen (kulturelle Selbstständigkeit, berufliche Qualifizierung, eigene Wohnung, Partnerschaft, eigenes Einkommen). Die Freiheit und der Druck, die eigene Biografie individuell zu planen, machen Selbsterprobung erforderlich, was Umwege, Vor- und Rückschritte einschließt. Für viele dauert dieser Übergang bis ins dritte Lebensjahrzehnt an (vgl. BMFSFJ 2017). Für junge Menschen hingegen, die erzieherische Hilfen in Anspruch nehmen, fällt mit Beginn des 18. Lebensjahres die Inanspruchnahme um fast die Hälfte ab. Hilfen werden überproportional häufig um diesen Zeitpunkt herum beendet, und zwar ohne dass sich dafür ein entwicklungsbezogener Grund erkennen lässt (vgl. Mühlmann/Fendrich 2017: 25). Junge Menschen, deren Entwicklungsmöglichkeiten häufig bereits in ihren Familien eingeschränkt waren, verfügen auch für die Schritte ins Erwachsenenleben oft über wenig materiellen und sozialen Rückhalt. Das Problembewusstsein für diese Diskrepanz und für die Folgen einer restriktiven Gewährungspraxis von Hilfen für junge Volljährige für die Zukunftschancen junger Menschen sowie für die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit von Hilfen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen1. In den Selbstäußerungen von Care Leavern* drückt sich diese in der Wahrnehmung aus, „keine Zeit“ zu haben und auf das Beherrschen formaler alltagspraktischer Fähigkeiten reduziert zu werden (vgl. Hearing im BMFSFJ; IGfH/Universität Hildesheim 2016).
An der Grenze zur Volljährigkeit sehen sich nach Mühlmann/Fendrich (2017) junge Frauen* und Männer* in Erziehungshilfen demnach gleichermaßen mit der Erwartung konfrontiert, auf eigenen Beinen zu stehen. Ein stabiler Befund genderbezogener Analysen der erzieherischen Hilfen ist allerdings auch, dass Mädchen* im Vergleich zu Jungen* lebenszeitlich später in stationäre Hilfen aufgenommen werden. Während Jungen* über alle Hilfearten und Altersgruppen hinweg in den erzieherischen Hilfen überwiegen, tauchen Mädchen* ab dem Alter von ca. zwölf Jahren häufiger bei den Gefährdungseinschätzungen gemäß § 8a Abs. 1 SGB VIII, bei den regulären Inobhutnahmen (ohne unbegleitete Einreise) und in den stationären Erziehungshilfen2 auf (vgl. destatis 2018a, 2018b, 2018c). Und die Hintergründe für die Hilfegesuche sind z.T. andere: Häufiger sind körperliche und sexualisierte Gewalt in der Familie der Grund für die Aufnahme, häufiger kommen die Mädchen* ohne vorherige Hilfen direkt aus ihren Familien in Heime oder Wohngruppen und häufiger werden sie selbst aktiv und wenden sich hilfesuchend an Lehrkräfte, Beratungsstellen oder Schutzstellen (ebd.).
Sowohl die Aufnahme in öffentliche Erziehung als auch das Ende einer stationären Hilfe stellen einen biografischen Einschnitt dar. Im Vergleich zu ihren Peers werden damit zusätzliche Übergänge geschaffen, die von den jungen Menschen kulturell, sozial, emotional und organisatorisch bewältigt werden müssen. Für Mädchen*, die beispielsweise vor (sexualisierter) Gewalt in ihren Familien davon laufen oder die ihre Autono- mie und Sicherheit nur durch Flucht vor patriarchalen Traditionen (z. B. bei Zwangsheirat o.Ä.) sichern können, bedeutet der Beginn einer Hilfe zudem häufig auch den Bruch mit der Familie. Durch das oft enge Zeitfenster zwischen Beginn und Ende der Hilfe entspricht die Jugendphase in den erzieherischen Hilfen insgesamt, insbesondere aber für Mädchen* weniger einer Phase der Selbsterprobung, sondern wird eher als „Rush Hour der Verselbstständigung“ institutionell hervorgebracht.
Mit welchen Bewältigungsanforderungen die Übergänge für die jungen Frauen* verbunden sind, wird in seinem Umfang erst sichtbar, wenn eine biografische Perspektive eingenommen wird und der Blick auch auf den Beginn der Hilfeverläufe und deren Anlässe gerichtet wird. Dazu wären z. B. auch geschlechterdifferenzierte Daten nicht nur über das Alter bei Beginn und Ende der Hilfen, sondern auch zu deren Dauer von Interesse.
Gerade im Übergang zum Erwachsensein, in dem junge Frauen* sich gesellschaftlich, sozial, beruflich und kulturell verorten, wirkt Gender als Strukturkategorie. Diese Einflüsse zeigen sich auf der Ebene a) der gesellschaftlichen Strukturen, b) der institutionellen Rahmungen und Erwartungen wie auch c) der Selbstkonzepte junger Menschen.

Gerade im Übergang zum Erwachsensein, in dem junge Frauen* sich gesellschaftlich, sozial, beruflich und kulturell verorten, wirkt Gender als Strukturkategorie.

Gesellschaftliche Verhältnisse: Zurechtgestutzt! Fortbestehende genderbezogene Ungleichheiten begrenzen die Zukunftsoptionen junger Frauen*

Wer bin ich, wie will ich leben? Mit Blick auf Ausbildung und Existenzsicherung, Wohnsituation, Partnerschaften und soziale Beziehungen etc. sehen sich junge Menschen heute mit vielfältigen Anforderungen konfrontiert, die eigene Biografie zu planen. In einer individualisierten Gesellschaft, in der zudem die Gleichberechtigung formalrechtlich verankert ist, gilt vordergründig auch für junge Frauen* das Motto „anything goes“.
Tatsächlich verlaufen die damit verbundenen Such- und Orientierungsbewegungen aber kei- Bezienesfalls nur selbstbestimmt und selbstgesteuert, sondern werden durch gesellschaftliche Bedingungen, die u. a. das Geschlechterverhältnis dichotom und hierarchisch strukturieren, mitbestimmt und begrenzt (vgl. Stauber 2013): Junge Frauen* treffen nach wie vor auf geschlechtssegregierende Ausbildungs- und Arbeitsmärkte, in denen u. a. die sogenannten „Frauen*“-Berufe keine ausreichende existenzielle Absicherung bieten, in denen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nach wie vor als weiblich konnotiert wird, in denen die alleinige Sorge um Kinder staatlich nicht ausreichend abgesichert ist und das größte Armutsrisiko für Frauen* bleibt. Die Geschlechterhierarchie zeigt sich weiterhin darin, dass Frauen* häufiger im sozialen Nahraum Gewalt und Ausbeutung erleben, was ihre Lebensmöglichkeiten und Optionen nachhaltig beschränkt.

Innerhalb dieser verdeckten Ambivalenzen zwischen dem Anspruch auf Planung und mangelnder Planbarkeit, zwischen dem Versprechen von Gleichberechtigung und den Erfahrungen realer Ungleichheiten suchen junge Frauen* ihren Weg. Dabei ist vielfach zu beobachten, dass sie ihre Wünsche und Ambitionen nach und nach den begrenzten Optionen anpassen. Solange strukturelle Begrenzungen verdeckt und nicht thematisiert werden, besteht die Gefahr, für ein mögliches Scheitern selbst verantwortlich gemacht zu werden bzw. sich dieses selbst zuzuschreiben. Wo gilt, dass jede „ihres Glückes Schmiedin“ ist, gilt eben auch, dass wer es nicht schafft, „selber schuld“ ist.
Care Leaver* – das belegen internationale Studien – zählen zu den am häufigsten von sozialer Ausgrenzung bedrohten Personengruppen (vgl. Thomas 2015). Im Vergleich zu gleichaltrigen Peers erwerben sie dreimal so häufig keinen Schulabschluss (vgl. Pothmann 2007) oder eine berufliche Ausbildung, sind häufiger von Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit und Armut betroffen, kommen häufiger mit dem Gesetz in Konflikt und sind gesundheitlich stärker z. B. durch psychische Erkran- kungen oder Suchtmittelabhängigkeiten eingeschränkt.
Mit Blick auf Mädchen* und junge Frauen* zeigen internationale Studien unterschiedliche Tendenzen: Zunächst verfügen sie auch in und nach stationärer Erziehung eher als ihre männlichen* Altersgenossen über Bildungsabschlüsse und tragen ein geringeres Risiko arbeitslos zu werden (vgl. Owusu-Bempah 2010: 99) – und ähneln hierin ihren gleichaltrigen Peers. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass das Aufwachsen in öffentlicher Erziehung die Bildungschancen schmälert statt fördert, denn „im Verhältnis zur altersgleichen Bevölkerung besuchten junge Menschen aus stationären Erziehungshilfen überdurchschnittlich häufig Schulen, die zu einem niedrigeren Schulabschluss führen“ (Pothmann 2007: 181).
Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass Bildungs- und Erwerbsbiografien von jungen Frauen* anderen Mustern und Optionen folgen. Trotz besserer Bildungsabschlüsse zeigen sich gendersegregierende Grenzen und Ausschlussprozesse für Frauen* häufig erst an späteren Schwellen im Erwerbsleben und können krisenhafte Entwicklungen auslösen: im Übergang von der Ausbildung in den Arbeitsmarkt, bei Aufstiegsmöglichkeiten und Gehaltserhöhungen, bei der Geburt von Kindern etc. Angesichts begrenzter oder mangelnder Bildungsoptionen wählen viele junge Frauen* zunächst Wege jenseits von Ausbildung und Beruf: Britische Studien zeigen, dass 50 Prozent der weiblichen Care Leaver* innerhalb von zwei Jahren nach Ende der Hilfen schwanger waren – davon hatte sich knapp ein Drittel bewusst mit dem Partner* für ein Kind entschieden (vgl. Baker 2017). Die damit verbundene Verantwortung spornt einige an, ihr Leben in den Griff zu bekommen und zu gestalten. Die damit verbundenen Hoffnungen auf ein gelingendes Familienleben und soziale Absicherung erfüllen sich aber nicht für alle. Andere versuchen der Anforderung der Existenzsicherung nachzukommen, in unterschiedlich adäquat vergüteten Tätigkeiten. Hinweise gibt es zudem darauf, dass in öffentlicher Erziehung aufgewachsene junge Frauen* in der Prostitution und in der Sexindustrie überrepräsentiert sind und dort ihr Geld verdienen – verbunden mit einem hohen Risiko sexueller Ausbeutung (vgl. Coy 2008). Und weitere schlagen sich durch, suchen Unterschlupf bei Bekannten, gehen prekäre Bezie hungen für ein Dach über dem Kopf ein, wie sich z. B. auch an der verdeckten Wohnungslosigkeit junger Frauen ablesen lässt (vgl. Daigler 2019).

Für Deutschland sind Daten zu den biografischen Verläufen und deren genderbezogenen Ausprägungen bisher kaum vorhanden. Schon an den wenigen Beispielen wird aber deutlich, dass gendersegregierende Verhältnisse und Prozesse dazu führen, dass sich die Übergänge von Frauen* ins Erwachsenenleben zum Teil anders gestalten und zum Teil mit einem Rückgriff auf eher als privat geltende Bewältigungsstrategien und Lebensorte verbunden sind. Aus der öffentlichen Wahrnehmung werden sie damit ausgeblendet und mit ihnen die Tatsache, dass für viele damit risikobehaftete Abhängigkeiten verbunden sind.
Der Erwerb eines (Aus-)Bildungsabschlusses ist für ein selbstbestimmtes Leben eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung. Gerade für junge Frauen* ist es aber auch bedeutsam, den Abschluss einer (Aus-) Bildung nicht nur als ersten und zentralen Schritt in die Selbstständigkeit zu normieren, sondern die Option darauf lebenszeitlich länger offen zu halten und ebenfalls für den Übergang in Erwerbsarbeit Rückhalt und Begleitung zu gewährleisten. Die Sorge für andere, die die jungen Frauen* oft früh übernehmen, darf nicht mit dem Versorgtsein der jungen Frauen* selbst verwechselt werden.
Für die Übergangsbegleitung heißt das vor allem „dranzubleiben“ und jungen Frauen* Bildungschancen zu eröffnen, sie aber auch jenseits der Ausrichtung an Bildung und Qualifizierung zu begleiten und in Krisen materiellen und sozialen Rückhalt zu gewährleisten. Dabei gilt es immer wieder die Widersprüche in den biografischen Anforderungen offen zu legen und Aspekte weiblicher* Lebenswelten wie Gewalterfahrungen, Prostitution, Bilder von Mutterschaft und Vereinbarkeit etc. offensiv aufzugreifen, um Optionen auf ein selbstbestimmtes Leben zu erweitern und zu wahren.

Institutionelle Rahmungen: Nicht aus der Rolle fallen!? In das institutionelle Handeln sind normative Anforderungen an Weiblichkeit* eingewoben

Die Forschung zu Mädchen* in Erziehungshilfen hat nachweisen können, wie gesellschaftliche „Normalitäts“vorstellungen über anerkennenswerte Verhaltensweisen, Leben- sentwürfe etc. von Frauen* und Männern* durch institutionelles Handeln auch in der Kinder- und Jugendhilfe vermittelt werden und Aufmerksamkeiten und Handeln lenken (vgl. Hartwig/Kriener 2002). Aufnahmebegründungen, die sich stärker an normativen Weiblichkeitserwartungen als an den realen Problemlagen von Mädchen* und jungen Frauen* orientieren, die Tabuisierung und Bagatellisierung von Gewalt zugunsten einer Überhöhung von Familie als idealem Lebensort, ein höherer Anteil von Mädchen* in den familienorientierten Hilfen sind Ausdruck davon. „Wenn Mädchen aus der Rolle fallen, trifft sie der Zorn der Gesellschaft“ – auf diese Formel wurden die Forschungsergebnisse im Sechsten Jugendbericht (Blandow u. a. 1986) verdichtet.
Auf der symbolischen Ebene haben sich Genderrepräsentationen seither verändert und die Lebensoptionen junger Frauen* erweitert. Beruf und Erwerbstätigkeit sind heute fester Bestandteil weiblicher* Lebensentwürfe. Die Vielfalt geschlechtlicher Identitäten und sexueller Orientierungen ist präsenter und öffnet Räume z. B. für transgender oder intersexuelle Jugendliche. Mit diesen Erweiterungen sind aber normative Anforderungen keinesfalls aufgehoben. Wie die Präsenz von schönheits- oder gesundheitsbezogenen Normen durch die visuell ausgerichteten sozialen Medien zeigt, hat sich der normierende Blick auf den (weiblichen*) Körper sogar verstärkt. Genderbezogene Diskurse, die u. a. die Ergebnisse der Genderforschung spöttisch auf die Toilettenfrage reduzieren oder mit diskreditierenden Bildern von „Alphamädchen“ und „Bildungsverlierern “ polarisieren, belegen aber auch, wie normativ aufgeladen solche genderbezogenen Repräsentationen bleiben und von welchen machtvollen Auseinandersetzungen Veränderungsprozesse begleitet sind.
Wie auch in der Phase des Leaving Care normative Anforderungen an Weiblichkeit* nach wie vor wirksam werden, kann beispielhaft an zwei Entwicklungslinien abgelesen werden: Zum einen sind in den vergangenen Jahren die Unterbringungen in Mutter/Vater- Kind-Einrichtungen gemäß § 19 SGB VIII deutlich angestiegen; die Vermutung liegt nahe, dass ein nicht geringer Teil der überwiegend weiblichen* Nutzerinnen* selbst in öffentlicher Erziehung aufgewachsen ist. Mit der Verortung im Abschnitt „Allgemeine Förderung der Erziehung in der Familie“ sowie mit der Bezugnahme auf die Persönlichkeitsentwicklung und die Ermöglichung einer schulischen bzw. beruflichen Ausbildung ist die Hilfeform im Wesentlichen als Unterstützung für junge Frauen* und Männer *bei früher Elternschaft konzipiert. In der Praxis hat sich der Fokus aber deutlich in Richtung Kinderschutz verschoben, wodurch die jungen Frauen*stärker als „Risikomütter“ adressiert werden. Sie spüren die Gefahr, an ihnen nicht immer zugänglichen normativen Anforderungen an Mutterschaft zu scheitern und mit ihren eigenen Entwicklungsbedarfen dahinter zurückzustehen (vgl. Ott 2017).

Dass die These vom „Zorn der Gesellschaft“ als Antwort auf Regelverstöße auch gegen Normen von Weiblichkeit nicht gänzlich überwunden ist, kann auch ein Blick auf strafrechtlich auffällige junge Frauen* stützen: Insgesamt werden jungen Frauen* deutlich seltener inhaftiert als junge Männer*. Eine englische Studie kommt aber zu dem Ergebnis, dass Frauen* in Haft im Vergleich zu Männern* überproportional häufig zeitweilig in stationärer Erziehung aufgewachsen sind (vgl. Williams u. a. 2012). Rund zwei Drittel der minderjährigen jungen Frauen* in Haft sind demnach in öffentlicher Erziehung aufgewachsen, während dieser Anteil für die jungen Männer* nur bei knapp einem Drittel liegt. Dieser Trend scheint sich im Erwachsenenalter fortzusetzen. Das heißt: Von den jungen Frauen*, die strafrechtlich auffällig werden, tragen diejenigen, die in öf- fentlicher Erziehung aufgewachsen sind, ein höheres Risiko mit einer Haftstrafe belegt zu werden. 3
Die These liegt also nahe, dass Orientierungen an normative Bilder von Weiblichkeit* auch weiterhin die Zukunftsoptionen und Lebensverläufe junger Frauen* nach der stationären Erziehungshilfe mitbestimmen. Zu der Frage, welche Erwartungshaltungen und genderbezogenen Normen das institutionelle Handeln und die Haltungen von Fachkräften prägen und wie diese von jungen Menschen in der Übergangsphase erlebt und verarbeitet werden, bedarf es dringend aktualisierter Forschungen. Für die pädagogische Praxis muss es vor allem darum gehen, die eigenen Genderkonstruktionen und -bilder immer auch kritisch zu reflektieren, sowie das Verhalten von Mädchen* und Jungen*, jungen Frauen* und Männern* nicht an normativen Anforderungen zu messen, sondern zusammen mit ihnen deren Sinn auch als situativ funktionale Überlebensstrategie entschlüsseln zu können.

Selbstkonzepte: Jenseits vom Opfer! Mädchen entwickeln ihre geschlechtliche Identität aus der Auseinandersetzung mit den vorgefundenen Bildern von Weiblichkeiten*. Ihr Selbstkonzept wirkt sich auf ihre Zukunftsoptionen und Gestaltungsmöglichkeiten aus

Im Hinblick auf Lebens- und Entwicklungsverläufe identifiziert eine englische Studie (Stein 2005) drei Typen resilienter Care Leaver*: Die„Moving on“- group hat zumindest zeitweilig stabile Bindungen und kontinuierliche Lebensverhältnisse erlebt, verfügt über positive Bildungserlebnisse und verlässt die öffentliche Erziehung später und gut vorbereitet für den Übergang. In dieser Gruppe überwiegen die weiblichen* Care Leaver*, die tendenziell häufiger über bessere Bildungsabschlüsse und Kompetenzen zur Alltagsorganisation verfügen. Die zweite Gruppe, die der„survivors“, transiblickt auf brüchigere und mit vielfältigen Beziehungsabbrüchen verbundene Biografien zurück, die sich oft nach dem Auszug aus Heim oder Pflegefamilien fortsetzen, der ebenfalls oft spontan und wenig vorbereitet geschieht. Ihre Lebenswege nach dem Leaving Care werden vor allem dadurch beeinflusst, auf welche weitere professionelle und private Unterstützung sie zurückgreifen können. Ihr Selbstkonzept zeichnet sich dadurch aus, sich trotz widriger Umstände durchzuschlagen. Die dritte Gruppe, die der„victims“, ist am stärksten von sozialer Benachteiligung und Ausgrenzung betroffen, ohne dass dieses durch öffentliche Erziehung und Unterstützung kompensiert werden konnte. Diese Gruppe benötigt häufig nach dem Ende der Heimerziehung eine dauerhafte Begleitung.

Diese Ergebnisse belegen, dass Lebensverläufe von Care Leavern* durch die Vorerfahrungen, die Bildungsmöglichkeiten, die während der stationären Unterstützung und danach bereitgestellte Unterstützung und Hilfe sowie die Selbstkonzepte der jungen Menschen beeinflusst werden. Alicia Colbridge et al. (2017) zeigen in einer Studie mit weiblichen* Care Leavern*, dass die Selbstwahrnehmung weiblicher* Care Leaver* vor allem darauf fußt, welches Wissen und Verständnis sie für ihren Hintergrund und ihre Biografie entwickeln können („How I became me“), wie sie sich selbst und ihre Einflussmöglichkeiten auf ihr Leben wahrnehmen („Who am I“) und wie sie sich im Spiegel der Wahrnehmungen und Reaktionen anderer Menschen erfahren („How my identity plays out“) (vgl. Colbridge 2017).
Mädchen* erfahren tagtäglich, dass sie als weiblich* wahrgenommen und adressiert werden und dass damit nach wie vor unterschiedliche Erwartungshaltungen und Anforderungen einhergehen. Sie konstruieren sich selbst, ihre Identität im Wechselspiel damit – ob in Form der Übernahme oder auch im Widerspruch dazu. So prägen sich ihre Selbstkonzepte genderbezogen aus.
Über die Praxis einer genderbewussten Pädagogik und den Rückgriff auf solche Erkenntnisse wissen wir wenig. Einblicke in den genderbezogenen Alltag in der stationären Erziehungshilfe liefern neuere Studien, die im Kontext der Wahrnehmung von Schutzkonzepten durch Jugendliche entstanden sind. So haben Sophie Domann und Tanja Rusack (2016) Gruppendiskussionen mit Jugendli chen in Heimerziehung zum Umgang mit Sex und Gender geführt. Auszüge daraus machen deutlich, wie im Gruppenzusammenhang von Jugendlichen untereinander Vorstellungen von Weiblichkeit und Männlichkeit verhandelt werden. In die geschilderten Alltagssituationen sind Bilder vom (passiven) „Opfer“ und der „Schlampe“ für die Mädchen*, von „Rettern“ und „Helden“ für die Jungen* nach wie vor vorherrschende Bezugspunkte.
Das Wissen um die Wirkungen solcher Bilder auf die Selbstwahrnehmungen und um die Bedeutung des Selbstkonzepts für den weiteren Lebensverlauf untermauert einmal mehr die Notwendigkeit, solche Bilder pädagogisch aufzugreifen und damit auch einer Bearbeitung zugänglich zu machen. Eine genderbewusste Pädagogik im stationären Alltag ist notwendig, um überkommene Bilder des weiblichen* Opfers und des männlichen* Helden nicht zu perpetuieren, sondern Verletzbarkeit und Handlungsfähigkeit für beide Geschlechter thematisierbar und sichtbar zu machen. Dazu braucht es neben konzeptionellem Willen, Fortbildung und Qualifizierung auch mehr Forschung über Genderdynamiken und -konstruktionen im stationären Alltag.

Literatur

Vertiefende Literatur wird zusätzlich unter www.igfh.de < Publikationen > Forum Erziehungshilfen < Jahrgang 2019 > ForE 3-2019 zum Beitrag eingestellt
Domann, S./Rusack, T. (2016): Wie sehen Jugendliche Gender und Sex in öffentlicher Erziehung? Rekonstruktionen der Perspektiven von Adressat_innen der Kinder- und Jugendhilfe. In: GENDER, Heft 3, S. 81-97.
Hartwig, L./Kriener, M. (2002): Mädchengerechte Entwicklung der Erzieherischen Hilfen. In: Sachverständigenkommission 11. Kinder- und Jugendbericht (Hrsg.): Mädchen- und Jungenarbeit – eine uneingelöste fachliche Herausforderung? München, S. 75-100.
Mühlmann, Th./Fendrich, S. (2017): Ab 18 nicht mehr zuständig? Volljährigkeit als folgenreiche Schwelle bei den erzieherischen Hilfen. In: KomDat, Heft 2+3, S. 22-27, Download: www.akjstat.tu-dortmund.de/komdat/ausgabe/komdat-02-032017/(10.4.2018)
Statistisches Bundesamt (Destatis) (2018c): Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Vorläufige Schutzmaßnahmen. o.O. Download: www.destatis.de
Stauber, B. (2013): Junge Erwachsene – Zur Herstellung von Geschlecht und anderen Unterschieden in Übergängen von der Jugend zum Erwachsenensein. In: Forum Erziehungshilfen, Heft 1, S. 4-9.


Baker, C. (2017): Care leavers‘ view on their transiblickt tion to adulthood. A rapid review of the evidence. London.

BMFSFJ (2017): 15. Kinder- und Jugendbericht. Berlin.
Colbridge, A. K./Hassett, A./Sisley, E. (2017): “Who am I?” How Female Care Leavers Construct and Make Sense of Their Identity. In: Sage open, Heft 1-3.
Coy, M. (2008): Young Women, Local Authority Care and Selling Sex: Findings from Research. In: The British Journal of Social Work, Volume 38, Issue 7, S. 1408-1424.
Daigler, C. (2019): Verdeckte Verhältnisse – Prekäres Wohnen von jungen Frauen zwischen Jugendhilfe, Freunden und Wohnungsnotfallhilfe. In: Forum Erziehungshilfen, Heft 1, S. 19-22.
IGfH e.V./Stiftung Universität Hildesheim 2016: Dokumentation: Care Leaver Hearing am 12. Mai 2016 im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Frankfurt, Hildesheim. Download: careleaver-online.de/wp-content/uploads/2016/09/Dokumentation-Care-Leaver-Hearing-final-web.pdf (10.4.2019)
Ott, M. (2017): Mutterschaft und Kindeswohl im Rahmen stationärer Betreuung. In: Betrifft Mädchen. Heft 4: „Mit gepacktem Rucksack“ – Mädchen in stationären Erziehungshilfen, S. 169-173.
Owusu-Bempah, K. (2010): The Wellbeing of Children in Care: A New Approach for Improving Developmental Outcomes. Abingdon, New York.
Prison Reform Trust (Hrsg.) (2016): In Care, Out of Trouble. How the life chances of children in care can be transformed by protecting them from unnecessary involvement in the criminal justice system.
Statistisches Bundesamt (Destatis) (2018a): Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Gefährdungseinschätzungen nach § 8a Abs. 1 SGB VIII 2017. o.O. Download: www.destatis.de
Statistisches Bundesamt (Destatis) (2018b): Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe – Erzieherische Hilfen, Eingliederungshilfe für seelisch behinderte junge Menschen, Hilfe für junge Volljährige. o.O. Download: www.destatis.de
Thomas, S. (2015): Care Leaver auf dem Weg in ein eigenständiges Leben. Übergänge aus stationären Erziehungshilfen kreativ denken und begleiten. In: Jugendhilfe aktuell, Heft 2, S. 20-23. Download: www.lwl.org/lja-download/pdf/Jugendhilfe-aktuell-2-2015.pdf (10.4.2018)
Williams, K. et al. (2012): Prisoners’ childhood and family backgrounds. Results from the Surveying Prisoner Crime Reduction (SPCR) longitudinal cohort study of prisoners. Hrsg. vom Ministry of Justice Analytical Services. o.O.

Monika Weber, Fachberatung Allgemeiner Sozialer Dienst, LWL Landesjugendamt, dr.monika.weber@lwl.org

1 Angesichts längerer Ausbildungszeiten und einer zunehmend entgrenzten Jugendphase greifen junge Menschen im Übergang in die Selbstständigkeit heute länger auf familiäre Unterstützung aus ihrer Herkunftsfamilie zurück. Dieses Recht muss auch für Care Leaver* gelten: Im Übergang brauchen sie strukturelle Rahmenbedingungen, die ihnen materielle und emotionale Sicherheit bieten können und kontinuierliche Begleitung, Wohnraum und Ausbildung verbindlich gewährleisten – das untermauern die Erfahrungsberichte von jungen Menschen, die (zeitweilig) in öffentlicher Erziehung aufgewachsen sind (vgl. Berliner Erklärung 2019). Online in www.igfh.de <Stellungnahmen> Diverse Materialien zur Abschaffung der Kostenheranziehung Berliner Erklärung.
2 Für die Heimerziehung galt über Jahre, dass der Anteil der Mädchen* mit zunehmendem Alter ansteigt und ab ca. 14 Jahren Mädchen* und Jungen* gleichermaßen vertreten sind bzw. der Anteil der Mädchen* bei den neu begonnenen Hilfen sogar überwiegt. Seit 2015 sinkt der Anteil von Mädchen* in den stationären Erziehungshilfen und auch von den neu begonnenen Hilfen entfällt in den höheren Altersgruppen jetzt der höchste Anteil auf junge Männer*. Grund dafür ist die erhöhte Inanspruchnahme stationärer Hilfen durch junge Menschen – zu 90 Prozent junge Männer* –, die unbegleitet nach Deutschland gekommen sind.
3 Für die Delikte scheinen auch geschlechtsbezogene Ursachenzusammenhänge von Relevanz zu sein. So berichten die jungen Frauen* häufiger über Erfahrungen von Misshandlung und sexuellem Missbrauch, Vernachlässigung und häuslicher Gewalt in ihrer Familie und geben an, dass sie die Straftaten eher wegen familiärer Probleme oder zur Unterstützung ihrer Kinder ausgeübt haben (vgl. Williams u. a. 2012)

Gerade im Übergang zum Erwachsensein, in dem junge Frauen* sich gesellschaftlich, sozial, beruflich und kulturell verorten, wirkt Gender als Strukturkategorie.

Trotz besserer Bildungsabschlüsse zeigen sich gendersegregierende Grenzen und Ausschlussprozesse für Frauen* häufig erst an späteren Schwellen im Erwerbsleben und können krisenhafte Entwicklungen auslösen.

Die These liegt also nahe, dass Orientierungen an normative Bilder von Weiblichkeit* auch weiterhin die Zukunftsoptionen und Lebensverläufe junger Frauen* nach der stationären Erziehungshilfe mitbestimmen.

Mädchen* erfahren tagtäglich, dass sie als weiblich* wahrgenommen und adressiert werden und dass damit nach wie vor unterschiedliche Erwartungshaltungen und Anforderungen einhergehen. Sie konstruieren sich selbst, ihre Identität im Wechselspiel damit – ob in Form der Übernahme oder auch im Widerspruch dazu.