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ENTDECKUNG DER LANGSAMKEIT: Von der hohen Kunst des Flanierens


Herzstück - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 13.02.2020

Flanieren ist mehr als langsam gehen. Flanieren ist eine Lebenseinstellung, die einst dem Adel und dem Bürgertum vorbehalten war. Eine vergessene Kunst des genussvollen Müßiggangs, des freudvollen Nichtstuns und selbstbewusster Zeitverschwendung, die derzeit wiederentdeckt wird. Lassen wir uns davon inspirieren, lassen wir uns durch den Tag treiben, schlendern wir durch die Straßen – einmal ganz ohne Ziel, ohne Hast und Pflicht. Vielleicht werden wir dabei einen ganz neuen, achtsamen Blick auf unseren Alltag entdecken, und auf uns selbst …


Artikelbild für den Artikel "ENTDECKUNG DER LANGSAMKEIT: Von der hohen Kunst des Flanierens" aus der Ausgabe 2/2020 von Herzstück. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Herzstück, Ausgabe 2/2020

Einfach schlendern, ohne Ziel und sich vom Leben treiben lassen – ...

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... wer hat für so etwas heute schon Zeit? Umso glücklicher kann es uns machen, die hohe Kunst des Flanierens wieder für uns zu entdecken – Schritt für Schritt


„Hierzulande muss man müssen, sonst darf man nicht. Hier geht man nicht wo, sondern wohin. Es ist nicht leicht für unsereinen.“


FRANZ HESSEL

Lauren Elkin, Autorin und Flaneuse: „Ich gehe, weil es in gewisser Hinsicht wie lesen ist.”


Flanieren – das klingt ein bisschen nach guter alter Zeit. Nach Bohème und Nichtstun klingt es, ziemlich elitär, schick und mondän. Es klingt nach Berlin, Paris oder New York. Nach Boulevards, Alleen und Promenaden. Nach Reifröcken und Korsetts oder nach „Frühstück bei Tiffany‘s“. Noch vor hundert Jahren war es das wohlhabende Bürgertum, das tagsüber beim Flanieren in den Städten das Leben zelebrierte.

Die Lektüre der Straße

Als wollte es demonstrieren, dass es alle Zeit der Welt hatte zum Schlendern und Lustwandeln – arbeiten, das mussten die anderen. Dazu kamen die Lebenskünstler und Kreativen. Flanieren bestimmte nicht nur das Tempo, es war eine Lebenseinstellung. Aber wer hat heute noch Zeit zum Flanieren? Zeit für Müßiggang? Wir haben Besorgungen zu erledigen, haben immer ein Ziel vor Augen und im Kopf. Wir schlendern nicht mehr, wir gehen irgendwohin. Wer stehen bleibt, sich einen Augenblick Zeit lässt, fällt sofort auf. „Ich bekomme immer misstrauische Blicke ab, wenn ich versuche, zwischen den Geschäftigen zu flanieren. Ich glaube, man hält mich für einen Taschendieb“, schrieb der Schriftsteller Franz Hessel schon vor fast hundert Jahren. Sein Buch „Spazieren in Berlin“ wurde zum Klassiker.

Wenn wir versuchen, die Stadt durch die Blume zu sehen, wirkt vieles gleich ganz anders


Der Klang der Schritte der Menschen – das ist die Musik der Flaneure


Pure Achtsamkeit

Er schreibt über den Geist einer Lebenshaltung: „Flanieren ist eine Art Lektüre der Straße, wobei Menschengesichter, Auslagen, Schaufenster, Café-Terrassen, Bahnen, Autos, Bäume zu gleichberechtigten Buchstaben werden, die zusammen Worte, Sätze, Seiten eines immer neuen Buches ergeben.“ Nun sind leider die goldenen Tage des genussvollen, eitlen, aufmerksamen Flanie- rens vorbei. Obwohl wir uns gerade heute Zeit dafür lassen sollten, wenn wir wieder mal durch das Leben hetzen, anstatt uns einfach treiben zu lassen. Einzutauchen in der Menge. Ein Schritt vor den anderen – und schauen, wo es uns hintreibt. Flanieren ist eigentlich Meditation in der Schule der Achtsamkeit. Wir gehen, atmen, schauen, nehmen wahr, ohne zu bewerten. Wir lauschen auf unseren Herzschlag. Beobachten Vögel im Park oder die Menschen um uns herum. Setzen uns ein Weilchen, trinken einen Cappuccino im Café, gehen weiter. Wir nehmen uns keinen bestimmten Weg vor. Wir treffen Entscheidungen im Moment – oder lassen uns von Empfindungen leiten. Was vorher wichtig war, ist es nun nicht mehr. An Dingen, an denen wir sonst achtlos vorbeigehen, bleiben wir nun stehen und schauen. Ein Hauseingang, eine Statue, ein hübsches Gässchen. Wenig reden, uns einmal nur selbst genügen.

Wir folgen keinen alten Fußstapfen, sondern gehen neue Wege


Das Leben spüren

Zum Flanieren braucht man nicht viel. Eine Stadt, einen größeren Ort. Keine Begleitung, kein Buch – ja, vor allem kein Ziel. Und dann höchstens noch eine Handtasche oder einen Rucksack mit dem Allernötigsten. Und natürlich Zeit.
Der klassische Flaneur machte sich zuvor ausgehfein. Wir dürfen das natürlich auch, wenn wir das möchten. Es geht ja schließlich auch darum, uns mal wieder so zu zeigen, wie wir uns selbst sehen oder wie wir von anderen gesehen werden möchten. Aber wichtig ist, dass wir stets daran denken: Wir flanieren nicht für die anderen, wir flanieren einzig und allein für uns selbst. Wir sind stille Beobachter und doch Teil eines Ganzen – der pulsierenden Stadt, der Menschenmenge, die uns umgibt. Wir flanieren, um das Leben zu spüren – und um uns selbst mit jedem Schritt näher zu kommen. „Ich will zu Fuß gehen, in meinem eigenen Tempo. Ich will spüren, wie das Leben durch mich hindurch- und um mich herumfließt. Ich will Drama“, so beschreibt es die amerikanische Autorin Lauren Elkin. „Ich will überraschend gerundete Straßenecken. Ich will aufregende Kirchen, hübsche Schaufenster und Parks, in die ich mich legen kann. Die Stadt erweckt uns, setzt uns in Bewegung, lässt uns laufen, denken, wollen, interagieren. Die Stadt ist Leben.“
Flanieren, das ist viel mehr als ziellos umherschlendern. Es ist sogar ein Stück Feminismus und Emanzipation. Der klassische Flaneur war ein Mann. Eine „anständige“ Frau alleine auf dem Trottoir unterwegs? Undenkbar! Es gab sogar Zeiten, in denen es als schädlich für ihre Gesundheit galt. Das waren schon besonders kühne Frauenzimmer, die so etwas wagten. Wer es doch tat, trug Handschuhe und Hut – und durfte sich nicht wundern, wenn man sie trotzdem für ein Freudenmädchen hielt. Aber wer will schon immer anständig und angepasst sein? Höchste Zeit, dass wir uns die Stadt zurück erobern!


„Ihr habt keine Zeit? Dahinter steckt falscher Ehrgeiz, ihr Fleißigen!“


FRANZ HESSEL

Angekommen – am Ziel, aber hoffentlich auch ein wenig bei uns selbst


FOTOS: ADOBE STOCK, ISTOCKPHOTO, MARIANNE KAST, JOVANA RIKALO/STOCKSY UNITED (3), THOMAS EICHLER, PR (2); ILLUSTRATIONEN: ISTOCKPHOTO


Das Stadtbild verändert sich – und unsere Seele mit ihm.


Flanieren ist Veränderung

Lauren Elkin schreibt: „Nachdem ich einmal angefangen hatte, nach der Flaneuse Ausschau zu halten, fand ich sie überall. Vielleicht ist sie Schriftstellerin, vielleicht Künstlerin, vielleicht Sekretärin oder Aupair- Mädchen. Vielleicht ist sie arbeitslos. Vielleicht arbeitsunfähig. Vielleicht ist sie Ehefrau oder Mutter oder völlig ungebunden. Wenn sie müde ist, nimmt sie vielleicht den Bus oder die Bahn. Aber meistens geht sie zu Fuß. Sie lernt die Stadt kennen, indem sie durch ihre Straßen streift, ihre dunklen Ecken erkundet, hinter Fassaden blickt und in geheime Innenhöfe lugt. Sie nutzt die Stadt als Bühne und als Versteck, um Ruhm und Reichtum zu finden oder die Anonymität, um sich aus Unterdrückung zu befreien oder anderen Unterdrückten zu helfen, um ihre Unabhängigkeit zu erklären, um die Welt zu verändern oder sich von ihr verändern zu lassen.“
Also, lassen wir uns verändern und bleiben doch wir selbst. Suchen wir nach nichts, gehen wir sogar ein bisschen verloren. Und finden am Ende doch wieder den Weg zurück – zu uns selbst.

Zum Weiterlesen: „Flaneuse – Frauen erobern die Stadt” von Lauren Elkin (btb Verlag, 22 €, ab Mai 2020 auch als Taschenbuch erhältlich) und „Einfach losgehen” von Bertram Weisshaar (Eichborn Verlag, 20 €).

EXPERTEN-INTERVIEW: Gehen bedeutet Zeit-Reichtum!

Bertram Weisshaar ist Spaziergangsforscher aus Leipzig und beschäftigt sich seit über zwanzig Jahren mit dem Gehen und Wandern. Mehr Infos über seine verschiedenen Arbeiten: www.atelier-latent.de


Was ist das Besondere am Flanieren?
Flanieren ist eigentlich etwas sehr Demokratisches: Raus gehen aus der eigenen Wohnung und rein in den öffentlichen Raum – das ist jedem erlaubt, da wird keiner ausgegrenzt. Idealerweise gilt das für alle Altersschichten, für alle Sozialschichten gleichermaßen. Alle dürfen teilnehmen. Man braucht kein Geld, man muss nichts konsumieren, man ist einfach nur da.

Spazieren in der Stadt – ist das überhaupt interessant?
Na klar – da gibt es doch viel zu sehen und auch zu hören. Für einen Audio-Spaziergang in der Stadt habe ich Ton-Aufnahmen gemacht und bemerkt, dass Fußgängerzonen total toll klingen. Das kommt dadurch, dass dort viele Menschen zu Fuß unterwegs sind, und dieses Meer von Schritten macht einen schönen Klangteppich. Das ist etwas, was den Flaneur oder die Flaneuse ein bisschen berauschen kann. Es kann ja nicht entstehen, wenn ich alleine irgendwo unterwegs bin.

Wer kann es sich denn leisten, einfach durch die Stadt zu flanieren?
Früher mussten die armen Leuten gehen. Sie konnten es sich nicht leisten zu fahren. Inzwischen hat sich das ziemlich umgedreht: Wenn man heute gehen will, dann muss man über Zeit-Reichtum verfügen. Du bist dann wohlhabend, wenn du es dir leisten kannst, eine Strecke von fünf Kilometern in der Stadt zu Fuß zu gehen.