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Entfremdung vom Sozialen


ZfSp Zeitschrift für Sozialpädagogik - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 28.09.2019

Elemente zu einer Gegenstandsbestimmung der Sozialpädagogik


Der Aufsatz bezieht Stellung zu den disziplinären Überlegungen einer disziplinären Gegenstandsbestimmung der Sozialpädagogik und erörtert in methodologischer Perspektive dessen Voraussetzungen. Er diskutiert den Vorschlag, den Gegenstand der Sozialpädagogik als die Bearbeitung des konflikthaften Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft unter pädagogischen Gesichtpunkten zu fassen. Über eine Analyse des Vergesellschaftungsmodus der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft wird dieser in seinen Konsequenzen als der einer „Entfremdung vom ...

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... Sozialen“ bestimmt. Die Entfremdung vom Sozialen hat ihre Ursachen in den spezifischen widersprüchlichen Formen der Produktion als auch des Bürgerstatus in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsformation. Abschließend werden die

Konsequenzen für die sozialpädogische Theoriebildung umrissen.

Stichworte: Gegenstand d. Sozialpädagogik; Vergesellschaftung; Entfremdung; Konflikt; Bürgerstatus

The paper takes a stand concerning current disciplinary deliberation on the subject matter of social pedagogy and reflects its methodological premisses. The suggestion within the debate that the subject matter can be conceived of as dealing pedagogically with the relationship of individual and society and its intrinsic conflicts will be examined. The analysis of the mode of socialitalisation („Vergesellschaftungsmodus“) of the bourgeois-capitalist society comes to the determination that in its consequences this can be specified as „estrangement from the social“. Estrangement from the social finds its cause both within the specific contractory way of production as well as in the contradictory dimensions of citizenship in bourgeois-capitalist societies. The consequences for the theoretical debate in social pedagogy will be discussed in the closing paragraph.

Keywords: subject matter of social pedagogy; socialitalisation; alienation/estrangement; conflict; citizenship

1. Prolog zur Methode

Eine wissenschaftliche Disziplin begründet sich wesentlich aus dem realisierbaren Anspruch, den „Gegenstand“, mit dem diese befasst ist, aus sich selbst heraus, d. h. aus ihrem Wissensbestand, den Diskursen über dieses Wissen und die Art und Weise seiner Gewinnung, hervorzubringen und zu bestimmen. Unabdingbare Voraussetzung in dieser Hinsicht ist Eigenständigkeit in der Sache und damit Unabhängigkeit von wissenschaftsexternen Definitionen. Erst mit einer Bestimmung des „Gegenstandes“ ist ein Rahmen gewonnen, vor dessen Hintergrund gehaltvolle theoretische Aussagen, oder gar sozialpädagogische Theorien entwickelt werden können und so etwas wie eine Disziplin entstehen kann.1 Damit ist zugleich impliziert, dass der Versuch einer Bestimmung des „Gegenstandes“ einer Wissenschaft über den Bezug auf die Gegebenheiten bestehender Bereiche und Felder gesellschaftlich- institutionalisierter Praxis, wie sie etwa für unseren Bereich im Diktum von Sozialpädagogik als „Inbegriff der gesellschaftlichen und staatlichen Erziehungsfürsorge, sofern sie außerhalb der Schule“ und der Familie liegt (Bäumer) repräsentiert ist, in dieser Hinsicht nicht tragfähig ist. Dies hat seinen Grund darin, dass mit dem „Inbegriff der gesellschaftlichen und staatlichen Erziehungsfürsorge“ die Faktizität der konkreten sozialstaatlich geprägten Formen sozialpädagogischer Intervention, wie sie auf der Grundlage politischer Kräfteverhältnisse in legislativen Prozessen institutionalisiert, in administrativer Weise organisationell gefasst wie auch in professioneller Weise handelnd ausgeübt werden, zum Ausgangspunkt einer systematischen Bestimmung eines Gegenstandes einer Disziplin herangezogen werden sollen. Ein solches Unterfangen muss scheitern. Es muss aus dem Grund scheitern, dass der als Ausgangspunkt gewählte Bereich aufgrund seinerunmittelbar politischen Institutionalisierung grundsätzlich einem kontinuierlichen Wandel politischer Herrschaftsverhältnisse unterworfen ist. Folgt man diesem Angang, so bestimmen letztlich politisch-legislative Setzungen darüber, was als Gegenstand der Sozialpädagogik als Wissenschaft zu gelten hat. Zudem unterliegen die vorfindbaren organisationalen Formen im Handlungsbereich der Sozialpädagogik einem beständigen politischen und ökonomischen Veränderungsdruck, der diese in ihrer empirischen Erscheinung kontinuierlichem Wandel aussetzt. Ein solcher Versuch, auf dem Weg einer Betrachtung eines gesellschaftlichen, sozialpolitisch institutionalisierten Handlungsbereiches an das Ziel der Konstituierung des Gegenstandes einer Disziplin zu gelangen, ist somit grundsätzlich wissenschaftsextern induzierten Kontingenzen ausgesetzt, die die für eine wissenschaftliche Disziplin notwendige Unabhängigkeit in der Bestimmung ihres Gegensatzes von vornherein ausschließen.2

In ähnlicher Weise ist es wenig sinnvoll, den Gegenstand der Sozialpädagogik als die Bearbeitung ‚sozialer Probleme’ zu fassen. Problematisch ist dieses Unterfangen, weil aus der Perspektive gesellschaftlich gesetzter Normen und formaler Normierungen die Verhaltensweisen von Personen als „Störungen einer prävalenten gesellschaftlichen Ordnung“ identifiziert und solche „Sozialen Probleme, die vergleichsweise unmittelbar mit Praktiken der kontrollunterworfenen Akteur*innen verknüpft sind“ (Thole/Ziegler 2018: 10 f.), der sozialpädagogischen Bearbeitung überantwortet werden. Damit würde sich die Gegenstandsbestimmung abhängig machen von gesellschaftlichen Normen und der disziplinexternen Identifizierung der Verstöße gegen diese. Ein solcher Versuch, die Gegenstandsbestimmung unter Bezug auf ‚soziale Probleme’ vorzunehmen, sehe sich zudem unweigerlich mit dem Sachverhalt konfrontiert, dass die Handlungsbereiche, auf die sich die Sozialpädagogik bezieht, einem Prozess der Weiterung unterworfen seien, die die „Lebensformen“ der von ihr Adressierten als ganze gestaltend in den Blick nehme und daher der Bezug auf als problematisch definierte Verhaltensweisen nur einen Teil der sozialpädagogischen Handlungsbezüge berücksichtige (ebd. 13). Hieran wird exemplarisch deutlich, dass die Konstituierung einer Disziplin auf der Grundlage einer eigenständigen Gegenstandsbestimmung für die Sozialpädagogik über einerseits eine bereichspezifische Betrachtung wie auch zum anderen über den Bezug auf die Bearbeitung sozialer Probleme nicht tragfähig ist. Die Frage geht nun dahin, welche Möglichkeiten für die disziplinäre Sozialpädagogik bestehen, eine unabhängige Bestimmung ihres disziplinären Gegenstandes vorzunehmen. Bevor diese Frage inhaltlich angegangen werden kann ist es sinnvoll, sich über das Vorgehen in methodischer Hinsicht Klarheit zu verschaffen.

Für eine theoretische Bestimmung des Gegenstandes einer Disziplin wie auch für einzelne Theorien ist es sinnvoll, dass ihr Ausgangspunkt möglichst allgemein gehalten ist. In den „Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie“ hat Marx begründet, dass die Methode des „Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten“ wesentlich für die Gewinnung systematischer Theorieentwürfe ist. Damit ist gemeint: würde der Ausgangspunkt theoretischer Aussagen über die „Anschauung“ der Vielfalt und Heterogenität des „Konkreten“, also der empirischen Erscheinungen, gewonnen, „so wäre das eine chaotische Vorstellung des Ganzen, und durch nähere Bestimmung würde ich analytisch immer mehr auf einfachere Begriffe kommen; von dem vorgestellten Konkreten auf immer dünnere Abstrakta, bis ich bei den einfachsten Bestimmungen angelangt wäre“ (Marx 1974: 21). Der Weg der Analyse geht also zunächst von der Vielfalt der konkreten Erscheinungen zur Herausarbeitung allgemeiner, „einfachster Bestimmungen“ und Begriffe auf dem Weg der Abstraktion. „Von da wäre nun die Reise wieder rückwärts anzutreten“, bis zu der Vielfalt des Konkreten, „diesmal aber nicht als bei einer chaotischen Vorstellung eines Ganzen, sondern als einer reichen Totalität von vielen Bestimmungen und Beziehungen“ (ebd.).3 „Die Methode, vom Abstrakten zum Konkreten aufzusteigen, (ist) nur die Art für das Denken …, sich das Konkrete anzueignen, es als ein geistig Konkretes zu reproduzieren. Keineswegs aber der Entstehungsprozeß des Konkreten selbst“ (ebd.) Für unseren Zusammenhang bedeutet dies, dass im Hinblick auf eine theoretische Bestimmung des Gegenstandes der Sozialpädagogik es zunächst darauf ankommt, von der empirischen Vielfalt der konkreten Erscheinungen, die den Bereich der Sozialpädagogik ausmachen, auf möglichst „einfache Bestimmungen“ hin zu abstrahieren. Ist die Herausarbeitung eines solch abstrakten Ausgangspunktes als Resultat theoretischer Arbeit gelungen, kann von hier ausgehend die empirische Vielfalt konkreter Erscheinungen in einerspezifischen theoretischen Perspektive organisiert, verdichtet, systematisiert werden, sodass über den Prozess der begrifflichen Aneignung der Welt die „reiche Totalität von vielen Bestimmungen und Beziehungen“ als ein „geistig Konkretes … reproduziert“ wird.4 Ein solches Vorgehen in der Theoriearbeit hat den Vorteil, dass in einer so gefassten, abstrakten Bestimmung die Breite theoretischer Überlegungen – nicht nur jene, die die Sozialpädagogik als Ganze in den Blick nehmen, sondern auch die Theoretisierungen einzelner Aspekte – in strukturierender Absicht auf diesen Rahmen bezogen werden, resp. sich potentiell darauf beziehen können. Je allgemeiner und abstrakter die theoretische Bestimmung des Gegenstandes, umso mehr theoretische Sätze können in den Prozess der Konkretisierung als „Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten“, und damit zu Entwicklung aussagekräftiger Theorien einbezogen werden (vgl. Hamburger 2003: 25f).

2. Gegenstandsbestimmungen

Bereits vor einiger Zeit sind verschiedene Vorschläge gemacht worden, die auf der Grundlage sehr allgemeiner, abstrakter Begriffe theoretische Aussagen zum Gegenstand der Sozialpädagogik formulieren. Zu erinnern ist hier zunächst an Winkler (1988), der mit den Begriffen von „Subjekt“, „Ort“ und „Situation“ einen Rahmen schafft, von dem aus Sozialpädagogik neu gedacht werden kann. Gleiches gilt für die von Sünker (1989) mit „Bildung, Alltag, Subjektivität“ herausgesetzte Trias der „Elemente zu einer Theorie der Sozialpädagogik“. In beiden wird aus der Abstraktion von den empirischen Erscheinungen sowie aus der Kritik verschiedener Theoretisierungen eine Neustrukturierung des Gegenstandes der Sozialpädagogik vorgenommen, die in ihren theoretischen Konsequenzen auf jeweils eigene Art weitreichend sind. Andere Vorschläge gehen dahin, dasVerhältnis von Individuum und Gesellschaft als Gegenstand der Sozialpädagogik zu exponieren. Diese letzteren haben den Vorteil, von vornherein an einer Relation, genauer: einem Verhältnis zweier Elemente anzusetzen, das immer eine spezifische und historische Beschaffenheit aufweist: „Unter Sozialpädagogik wird hier nicht ein be- stimmtes Handlungsmodell verstanden, sondern ein Typus des Modellierens von Individuum-Gesellschafts-Beziehungen“ (Hamburger 2003: 23). Diese Aussage Hamburgers bezieht sich auf die Trouvaille eines eher unauffälligen Textes wenig umfangreichen Zuschnitts, den Böhnisch bereits im Jahr 1979 veröffentlicht hat. Hier bestimmt dieser Sozialpädagogik sehr grundsätzlich: „Sozialpädagogik ist nicht nur eine sozial- und erziehungswissenschaftliche Disziplin im allgemeinen Sinne, sondern gleichzeitig auch eine Theorie der Praxisinstitutionen – vor allem der Jugendhilfe und Sozialarbeit. Als erziehungswissenschaftliche Disziplin beschäftigt sich die Sozialpädagogik mit jenen sozialstrukturell und institutionell bedingten Konflikten, welche im Verlauf der Sozialisation von Kindern und Jugendlichen auftreten: Konflikte zwischen subjektiven Antrieben und Vermögen der Kinder und Jugendlichen und gesellschaftlichen und institutionellen Anforderungen, wie sie in Familie, Schule, Arbeitswelt und Gemeinwesen vermittelt sind. Sie versucht, diese Konflikte aufzuklären, ihre Folgeprobleme zu prognostizieren und in diesem Kontext die Grundlagen für erzieherische Hilfen zu entwickeln“ (Böhnisch 1979: 22, zit. n. Hamburger 2003: 14). Was Böhnisch hier in noch weitgehend unvermittelter Form versucht zusammenzubringen ist nicht weniger als der Anspruch, eine Disziplin zu begründen, die zugleich einen wissenschaftlich- disziplinären Aspekt in der Verhältnisbestimmung von Individuum/ Subjekt und Gesellschaft (als konflikthaft strukturiert) beinhaltet als auch die Bearbeitung praktischer Probleme einbezieht. In seinen Interpretationen dieser Textstelle weist Hamburger (2003: 17; 24) auf die systematische und außerordentliche Bedeutung der Kategorie des Konflikts für eine Konstitution des Gegenstandes der Sozialpädagogik hin. Dazu weiter unter mehr.

Einige Jahre später findet sich eine Bestimmung des Gegenstandes, die diese Überlegungen in ihrer Grundstruktur aufnimmt und in systematischer Weise weiterentwickelt. In der Bearbeitung der Frage, ob es eine „disziplinäre Identität der Sozialpädagogik“ geben könne, und welche Bedingungen hierfür zu erfüllen seien, stellt Hornstein (1995) die Frage nach der Bestimmung des Gegenstandes in das Zentrum seiner Überlegungen. Dabei greift er zurück auf die zwei zentralen historischen Traditionslinien der Sozialpädagogik, die in ihrer jeweiligen Bestimmung des Gegenstandes deutlich differente Wege und Perspektiven verfolgen und rekonstruiert diese in ihren Grundzügen: In der ersten Linie, für die der Name Natorp steht, fokussiert dieser Sozialpädagogik als die „konkrete Fassung der Pädagogik überhaupt“ und spitzt dies auf die bekannte dialektische Formel zu: „Danach muss dann auch die letzte umfassende Aufgabe der Bildung für den Einzelnen und für alle Einzelnen sich bestimmen. Die sozialen Bedingungen der Bildung also und die Bildungsbedingungen des sozialen Lebens, das ist das Thema dieser Wissenschaft“ der Sozialpädagogik (Natorp 1899, zit. n. Hornstein 1995: 17). Damit wird das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft in der Konstellation ihrer wechselseitigen Bedingung und Ermöglichung in den Blick genommen und zum Gegenstand von Sozialpädagogik als Wissenschaft gemacht. Gesellschaft und Individuum werden gleichermaßen unter theoretischem Gesichtspunkt thematisiert und damit analysierbar. Das Interesse der zweiten Traditionslinie hingegen richtet sich auf die Konsolidierung des noch jungen Praxisbereiches im Kampf um gesellschaftliche Anerkennung und gegen die seinerzeit vorherrschende Form der Anstaltserziehung. Sie ist zentral mit der Person von Gertrud Bäumer verbunden (vgl. Hornstein 1995: 19 f.). In unzweideutiger Abgrenzung zur Position Natorps formuliert sie, dass Sozialpädagogik nicht auf einem Prinzip der Erziehung beruhe, sondern einen Bereich bezeichne, der „Erziehung, aber nicht Schule und nicht Familie ist. Sozialpädagogik bedeutet hier den Inbegriff der gesellschaftlichen und staatlichen Erziehungsfürsorge, sofern sie außerhalb der Schule liegt“ (Bäumer 1929: 3). Der institutionalisierte Praxisbereich der Erziehungsfürsorge wird hier als der „Inbegriff“, also der Gegenstand von Sozialpädagogik deklariert, der in einem eindeutigen fachpolitischen Kampffeld situiert ist (vgl. hierzu ausführlich Hornstein 1995: 19). Diese letztere Linie, so Hornstein weiter, sei letztlich historisch dominierend geworden. Aufgrund der Vervielfachung der Handlungsfelder und der „Entgrenzung“ des Sozialpädagogischen in die gesamte Gesellschaft hinein kann aber der Gegenstand, das „Problem“ der Sozialpädagogik, „nicht im Institutionellen liegen“ (ebd.: 23). Vor dem Hintergrund und auf der Grundlage seiner Rekonstruktion entwickelt Hornstein schließlich seine Gegenstandsbestimmung von Sozialpädagogik, die beide Traditionslinien mit ihren disparaten Ausrichtungen aufnimmt und zusammenführt: „Es sind also … die historisch sich wandelnden Verhältnisse von Individuum und Gesellschaft, die unter einem bestimmten, – eben pädagogischen – Interesse das Problem darstellen, dessen Bearbeitung der Sozialpädagogik aufgegeben ist. Es ist also … der ‚geschichtliche Wandel der Vergesellschaftungsformen’ (Winkler 1988) (im Lebenslauf, also von der Kindheit bis ins Alter), die darin enthaltenen Konflikte und deren gesellschaftliche Bearbeitung (damit sind auch die Felder, die Bereiche einbezogen, in denen diese Bearbeitung erfolgt) was den Gegenstand der Sozialpädagogik ausmacht. Und dabei … ist es ein spezifisches Interesse, das hier am Werk ist, nämlich an der Entfaltung und Steigerung der Handlungs- und Lebensmöglichkeiten des Individuums“ (1995: 24). Auf diese Weise gelingt es, sowohl eine gesellschaftstheoretische Grundlegung – der für Hornstein für eine disziplinär sich verstehende Sozialpädagogik absoluter Primat zukommt – als auch eine handlungs- und praxisbereichspezifische Konkretisierung in einen systematischen Zusammenhang zu stellen und zu integrieren. Damit werden nicht nur die beiden divergenten Traditionslinien ‚aufgehoben’, sondern es wird zudem ein grundsätzlicher Konnex der Ebene der gesellschaftlichen Problemverursachung mit der Ebene der gesellschaftlichen Problembearbeitung in ihrer Vielfältigkeit hergestellt – und zudem mit einer Perspektive der Emanzipation und Selbstbestimmung verbunden, „weil so aus einer allgemein sozialwissenschaftlichen Beschäftigung ein pädagogisches Projekt wird“ (ebd.)5 Eine theoretisch zentrale Stellung nimmt hier, wie schon zuvor bei Böhnisch, die Kategorie des Konflikts im Verhältnis von Individuum und Gesellschaft ein.6 Für Natorp, so Hornstein, finde sich – obwohl in der dialektischen Formel nicht thematisiert – die Ursache des Konflikts in der „sozialen Ungleichheit der gesellschaftlichen Verhältnisse“ der industriellen Gesellschaft seiner Zeit.

Die Kategorie des Konflikts nimmt somit in den neueren Angängen der Bestimmung des Gegenstandes der Sozialpädagogikdie zentrale Position ein, um das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft inhaltlich zu qualifizieren. Mit der Trias dieser Begriffe – Individuum, Gesellschaft, Konflikt – und ihrer Relationierung ist eine tragfähige Bestimmung des Gegenstandes entwickelt worden, die aufgrund ihres hohen Grades an abstrakter Allgemeinheit nicht nur systematische Anschlussmöglichlichkeiten im Sinne des „Aufsteigens zum Konkreten“ eröffnet und damit einen Ausgangspunkt für eine inhaltliche und materiale Anreicherung sowie Differenzierung im Sinne einer „reichen Totalität von vielen Bestimmungen und Beziehungen“, einer „Einheit des Mannigfaltigen“ darzustellen in der Lage ist,7, 8 sondern aufgrund ihres hochabstrakten Charakters zudem einen Rahmen anbietet, auf den sich unterschiedliche Theorieentwürfe beziehen können, ohne substantielle Inhalte notwendig aufgeben zu müssen.

3. Konkretisierungen

Diese abstrakte Bestimmung des Gegenstandes der Sozialpädagogik als der einer wissenschaftlichen Disziplin bildet nun den Ausgangspunkt für erste Konkretisierungen, die zunächst auf allgemeiner Ebene sich auf basale systematische wie historische Konstellationen richten. Im Folgenden soll dies auf einer sehr grundsätzlichen Ebene geschehen. Der Versuch, von der Gegenstandsbestimmung unmittelbar auf die gegenwärtigen Verhältnisse im Sozialstaat und der Sozialpädagogik (kurz) zu schließen, würde Verkürzungen induzieren, die theoretisch wenig produktiv und kaum begründbar wären. Was hier zu klären ansteht ist in einem ersten Schritt die Konkretisierung dessen, was unter dem Konflikt und seiner Genese im Verhältnis von Individuum und Gesellschaft zu verstehen ist – also die Frage nach der Art und Weise, wie Individuen und Gesellschaft aufeinander bezogen sind, die Frage nach der „Ver-Gesellschaftung“.

In einer kritischen Absetzbewegung sowohl gegenüber einer Soziale-Probleme- Perspektive als auch machtanalytischen Positionen in der Gegenstandsbestimmung der Sozialpädagogik hat Holger Ziegler den Vorschlag gemacht, das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft als eines der „Entfremdung“ zu fassen.9 Ausgehend von der Überlegung, dass im Zentrum der Aufmerksamkeit der disziplinären Sozialpädagogik die Probleme der Lebensführung der Subjekte stehen, rekurriert er im oben herausgearbeiteten Sinne zunächst grundsätzlich darauf, dass es – in abstrakter Fassung – Aufgabe der Sozialpädagogik sei, „Vermittlungsleistungen im widersprüchlichen Verhältnis von Individuum und Gesellschaft“ zu generieren. Dieses als widersprüchlich verstandene Verhältnis wird von ihm als eines der „Entfremdung“ gefasst. Dieses qualifiziert er vorab dergestalt, „dass Menschen von ihren Entwicklungsmöglichkeiten abgeschnitten werden“,10 und zwar sowohl in individueller als auch in sozialer Hinsicht. Entfremdung betrifft – erstens – die „Nichterreichbarkeit relevanter Zielhorizonte und Sozialbeziehungen.“ Zweitens, die Entfremdung in der Autonomie der Handlungsfähigkeit, eigene Projekte zu realisieren und – drittens – die Entfremdung von einem gelingenden Selbstverhältnis und gelingender Bezugnahme auf Andere. Insbesondere in diesem letztgenannten: dem gelingenden oder nicht gelingenden Verhältnis zu sich selbst und zu allen anderen – als Allgemeinheit, so möchte ich hinzufügen – ist ein zentraler Bezugspunkt einerkritischen Theorie derSozial pädagogik gewonnen. In Weiterführung der Argumentation Zieglers bezeichne ich diesen Bezugspunkt als dieEntfremdung vom Sozialen . Um diesen Bezugspunkt systematisch begründen zu können geht mein Vorschlag dahin, dem Begriff der Entfremdung den Begriff derVergesellschaftung zur Seite zu stellen und beide aufeinander zu beziehen.

3. Konkretisierungen

Diese abstrakte Bestimmung des Gegenstandes der Sozialpädagogik als der einer wissenschaftlichen Disziplin bildet nun den Ausgangspunkt für erste Konkretisierungen, die zunächst auf allgemeiner Ebene sich auf basale systematische wie historische Konstellationen richten. Im Folgenden soll dies auf einer sehr grundsätzlichen Ebene geschehen. Der Versuch, von der Gegenstandsbestimmung unmittelbar auf die gegenwärtigen Verhältnisse im Sozialstaat und der Sozialpädagogik (kurz) zu schließen, würde Verkürzungen induzieren, die theoretisch wenig produktiv und kaum begründbar wären. Was hier zu klären ansteht ist in einem ersten Schritt die Konkretisierung dessen, was unter dem Konflikt und seiner Genese im Verhältnis von Individuum und Gesellschaft zu verstehen ist – also die Frage nach der Art und Weise, wie Individuen und Gesellschaft aufeinander bezogen sind, die Frage nach der „Ver-Gesellschaftung“.

In einer kritischen Absetzbewegung sowohl gegenüber einer Soziale-Probleme- Perspektive als auch machtanalytischen Positionen in der Gegenstandsbestimmung der Sozialpädagogik hat Holger Ziegler den Vorschlag gemacht, das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft als eines der „Entfremdung“ zu fassen.9 Ausgehend von der Überlegung, dass im Zentrum der Aufmerksamkeit der disziplinären Sozialpädagogik die Probleme der Lebensführung der Subjekte stehen, rekurriert er im oben herausgearbeiteten Sinne zunächst grundsätzlich darauf, dass es – in abstrakter Fassung – Aufgabe der Sozialpädagogik sei, „Vermittlungsleistungen im widersprüchlichen Verhältnis von Individuum und Gesellschaft“ zu generieren. Dieses als widersprüchlich verstandene Verhältnis wird von ihm als eines der „Entfremdung“ gefasst. Dieses qualifiziert er vorab dergestalt, „dass Menschen von ihren Entwicklungsmöglichkeiten abgeschnitten werden“,10 und zwar sowohl in individueller als auch in sozialer Hinsicht. Entfremdung betrifft – erstens – die „Nichterreichbarkeit relevanter Zielhorizonte und Sozialbeziehungen.“ Zweitens, die Entfremdung in der Autonomie der Handlungsfähigkeit, eigene Projekte zu realisieren und – drittens – die Entfremdung von einem gelingenden Selbstverhältnis und gelingender Bezugnahme auf Andere. Insbesondere in diesem letztgenannten: dem gelingenden oder nicht gelingenden Verhältnis zu sich selbst und zu allen anderen – als Allgemeinheit, so möchte ich hinzufügen – ist ein zentraler Bezugspunkt einerkritischen Theorie derSozial pädagogik gewonnen. In Weiterführung der Argumentation Zieglers bezeichne ich diesen Bezugspunkt als dieEntfremdung vom Sozialen . Um diesen Bezugspunkt systematisch begründen zu können geht mein Vorschlag dahin, dem Begriff der Entfremdung den Begriff derVergesellschaftung zur Seite zu stellen und beide aufeinander zu beziehen.

Ausgangspunkt der folgenden Argumentation ist die Überlegung, das ‚Soziale’, das Gesellschaftliche, in einem systematischen Zusammenhang mit den realen, materiellen Prozessen der Selbsterzeugung des Menschen und seiner Lebenserhaltung zu denken. Insofern ist, wenn die Art und Weise des Einbezugs der Individuen in den gesellschaftlichen Zusammenhang einer Untersuchung unterzogen werden soll, vorauszuschicken, dass in der materialistischen Theorie der Marxschen Prägung die Perspektive der Vergesellschaftung über alle historischen Zeitepochen hinweg an diegesellschaftliche Arbeit gebunden ist. Menschen gehen zur Lebenserhaltung und Selbstverwirklichung durch Arbeit gesellschaftliche Verhältnisse ein: „In Gesellschaft produzierende Individuen – daher gesellschaftlich bestimmte Produktion des Individuums ist natürlich der Ausgangspunkt“, so der erste Satz in den „Grundrissen“ (Marx 1974: 5).11 Wenn dies über alle historischen Gesellschaftsformationen hinweg als Grundbedingung menschlichen Lebens gelten kann, so ist im Hinblick auf den konkreten Einbezug der Individuen in Gesellschaft für die gegenwärtige, historische Gesellschaftsform der bürgerlich- kapitalistischen Gesellschaft zu klären, auf welche Weise die Individuen sich ver-gesellschaften und vergesellschaftet sind.

Vergesellschaftung in der bürgerlichen Gesellschaft gründet auf dem Privateigentum an Sachen, die in den gesellschaftlichen Tauschverkehr gebracht und nach Maßgabe von Äquivalenz und gerechtem Tausch ausgetauscht werden sollen, also der Ware. In der Philosophie der frühen bürgerlichen Gesellschaft wird schlagend deutlich, was die Kriterien sind, die über die Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu dieser Gesellschaft entscheiden. Historisch betrachtet ist nur der Vollmitglied,citoyen dieser Gesellschaft, der alsbourgeois in den Warentausch der „Eigentumsmarktgesellschaft“ (Macpherson 1973) involviert ist und auf diese Weise seinen Lebensunterhalt bestreitet. Kant vertritt dies eindrucksvoll:

„Derjenige nun, welcher das Stimmrecht in dieser Gesetzgebung hat, heißt ein Bürger (citoyen, d. i.Staatsbürger , nicht Stadtbürger, bourgeois). Die dazu erforderliche Qualität ist, außer dennatürlichen (daß es kein Kind, kein Weib sei) die einzige: daß ersein eigener Herr (sui iuris) sei, mithin einEigentum habe (wozu auch jede Kunst, Handwerk oder schöne Kunst, oder Wissenschaft gezählt werden kann), welches ihn ernährt, d. i. daß er, in denen Fällen, wo er von anderen erwerben muß um zu leben, nur durchVeräußerung dessen, wassein ist erwerbe, nicht durch Bewilligung, die er anderen gibt, von seinen Kräften Gebrauch zu machen, folglich daß er niemandem als dem gemeinen Wesen im eigentlichen Sinne des Wortes diene“ (Kant 1975: 151. Herv. i. O.).

Diese, auf dem Prinzip des Besitzindividualismus aufruhende Form der Gesellschaft von Bürgern, schließt alle die von sich aus, die nicht über die Voraussetzung verfügen, ihre „eigene Reproduktion vorschießen und somit gegenüber Auftraggebern sich autonom verhalten zu können“ (zur Lippe 1975: 10; vgl. ausf. 83 ff.). Kant sieht hier durchaus das Problem, dass es für die Konstitution seiner bürgerlichen Gesellschaft hinter dem Rücken der Einzelnen einen Unterschied macht, ob sie aus den Tauschhandlungen freier Warenbesitzer oder abhängiger Arbeiter hervorgeht. Letztere sind für Kant als Nicht-Bürger nicht für die Mitwirkung an der Gesetzgebung qualifiziert, gleichwohl als „passive Teile des Staats“, als „Schutzgenossen“ (Kant 1975: 150) den von den Bürgern verfertigten Gesetzen unterworfen. Für Kant war zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar erkennbar, was erst mit der Durchsetzung der „großen Industrie“ im umfassenden Maßstab sich herausstellen sollte: dass nämlich für die meisten Menschen der Verkauf ihrer Arbeitskraft zur gesellschaftlichen Realität, und vor allem: Normalität geworden war – dass sich also die gesellschaftliche „normale“ Form der Lebenserhaltung, basierend auf der Verallgemeinerung der Warenförmigkeit der Arbeit, durchgesetzt haben würde.

Voraussetzung für Verkauf wie Kauf von Arbeitskraft ist, dass der Verkäufer über diese seine Arbeitskraft in der Form des Privateigentums verfügen kann. Der Arbeiter kann deshalb nicht Sklave, nicht Leibeigener, sondern muss „formell freier Lohnarbeiter“ sein, der seine Arbeitskraft dem Käufer auf der Basis eines Vertrages für einen definierten Zeitraum zur Anwendung nach dessen Bedingungen und Willkür zur Verfügung stellt. Verträge können nur diejenigen schließen, die dies aus freien Stücken tun, nicht aber in unmittelbarer Abhängigkeit vom je anderen Vertragsteilnehmer – dies wäre erkennbar ein Diktat und der bürgerlichen Gesellschaft nicht angemessen. Deshalb muss dem Träger von Arbeitskraft auch das Besitzrecht an dieser zuerkannt werden. Als Rechtssubjekt des Vertrags kann so der Besitzer und Verkäufer der Arbeit als freier und gleicher an die bürgerliche Gesellschaft angeschlossen werden – zumindest dem Prinzip nach, formell an der Oberfläche, nicht aber materialiter – dies meint die Rede vom „doppelt freien Lohnarbeiter“.12 Gleichwohl, im Anwendungsprozess seiner Arbeitskraft unterliegt er dem Direktionsrecht des Käufers seiner Arbeitsware und muss diesem Folge leisten, ist abhängig vom Käufer seiner Arbeitskraft, weil er über keine Mittel verfügt, die ihn von der Notwendigkeit befreien, seine Arbeitskraft zu veräußern. Kant hatte, fest auf dem Boden der bürgerlichen Gesellschaft stehend, schon einen richtigen Verdacht, was die Autonomie dessen anlangt, der anderen die „Bewilligung gibt, von seinem Kräften Gebrauch zu machen“: dass dieser sich durch den Verkauf und im folgenden Prozess der Anwendung einer Arbeitskraft einer fremden Macht unterwerfen muss, was seine Autonomie als freies Subjekt des Tausches und damit die Möglichkeit zur bürgerlichen Selbstgesetzgebung zugleich dementiert. Zum zweiten bringt es die Form der vertraglich vereinbarten Überlassung der Arbeitskraft gegen Lohn mit sich, dass im Hinblickauf demkapitalistischen Charakter der bürgerlichem Gesellschaft der Arbeiter unter der Oberfläche des gerechten Tausches Mehrarbeit verrichtet, für die er nicht bezahlt wird und dessen Produkt vom Käufer der Arbeitskraft privat angeeignet wird – er also, obwohl er als freier Warenbesitzer seine Arbeitsware auf der Basis eines eingegangenen Vertrages veräußert, der Ausbeutung seiner Arbeitskraft durch eine fremde Person unterliegt. Dass die Träger von Arbeitskraft nun wie von selbst darauf verfallen, angesichts dieser tiefgreifenden Grundwidersprüchediese Form der Vergesellschaftung zu akzeptieren und einzugehen, ist eine höchst unwahrscheinliche Annahme. Auch aus dem „stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse“allein ist dies nicht zu erklären. Es ist das Verdienst von Lenhardt und Offe (1977), in funktionstheoretischer Perspektive herausgearbeitet zu haben, dass dieser Prozess der Vergesellschaftungdurch die Herstellung der Warenförmigkeit der Arbeitskraft nicht ohne staatliche Politik, Sozialpolitik im weiten Sinne, möglich war und ist. Grundlegend ist hier die Unterscheidung der Politiken der „passiven“ und „aktiven Proletarisierung“. „Passive Proletarisierung“ bezeichnet in historischer wie systematischer Perspektive die umfassende und gewaltsame Einschränkung der Alternativen zur Lohnarbeit – der Arbeiter wird hier von vornherein als „virtueller pauper“ (Chassé 1988) politisch hergestellt und nicht erst ex post prekarisiert. „Aktive Proletarisierung“ hingegen meint zum einen die mentale Einrichtung der Arbeitskraft durch Sozialisationspolitiken, zum anderen die staatliche Institutionalisierung marktexterner Subsysteme, in denen die Arbeitskraft vom unbedingten Verkaufszwang suspendiert ist und schließlich den Ausgleich der Schwankungen der Nachfrage nach Arbeit. Beide, „aktive“ wie „passive Proletarisierung“ sindkonstitutive Voraussetzungen , damit die Reproduktion des Kapitalverhältnisses durch die Zufuhr von Arbeit auf Permanenz gestellt werden kann. Die Kommodifizierung der Arbeitskraft durch Prozesse und Institutionen ihrer temporären Dekommodifizierung sind zentrale staatliche Strategien der Sozialpolitik, die als Voraussetzung – und nicht wie gemeinhin argumentiert: als „Kompensation“ – für den Vergesellschaftungsprozess durch Lohnarbeit unabdingbar sind: „Vergesellschaftung geschieht nicht durch den Markt allein, sondern dieser bedarf der Sanktionierung durch einen staatlichen Herrschaftszusammenhang, durch staatliche Gewalt. Der Besitzer von Arbeitskraft wird erstals Staatsbürger zum Lohnarbeiter“ (Lenhardt/Offe 1977: 107). Es ist die Folge dieser Weise der Einbeziehung in den bürgerlich kapitalistischen Vergesellschaftungszusammenhang, dass sich das „Soziale“ für die Träger von Arbeitskraft aus ihrer Perspektive als eine hoch widersprüchliche Form darstellt. Dies gilt auch, nachdem der formell gleiche Bürgerstatus in langen historischen Kämpfen auch auf die Träger von Arbeitskraft ausgedehnt wurde. Sie sind nun Mitglieder der Gesellschaft, doch zugleich hinsichtlich der Bedingungen der von ihnen dem Käufer ihrer Arbeitsware zur Anwendung überlassenen Arbeitskraft unterworfen. Mit diesem Arbeitsvermögen erzeugen sie im Produktionsprozess durch Mehrarbeit – relativ zu dem vertraglich erhaltenen Lohn – Werte, die nicht ihnen zukommen, sondern dem Käufer ihrer Arbeitskraft. Ver-Gesellschaftung bedeutet hier, auf der Oberfläche der Erscheinungen als freier und gleicher Warenbesitzer – als bourgeois – zu fungieren und durch äquivalente Tauschakte sich als Bürger des Gemeinwesens – als citoyen – zu betätigenund zugleich über die Resultate der Verausgabung seines Arbeitsvermögens nur höchst eingeschränkt verfügen zu können, weil sie anderseitig ohne Äquivalent angeeignet werden. Der gesellschaftliche Zusammenhang, in den diejenigen einbezogen sind, die nichts weiter zu verkaufen haben als ihre Arbeitskraft, bleibt ihnen in dieser seiner fundamentalen Widersprüchlichkeit fremd.

Bis hierhin wurde die Entfremdung vom Sozialen zunächst auf der Ebene der Zirkulation der „Eigentumsmarktgesellschaft“ untersucht. Betrachtet man nun die Sphäre der Produktion, so findet sich hier eine Widerspruchsstruktur, die in ihren Konsequenzen für die von ihr erfassten Menschen und ihr Verhältnis zu ihrem Sozialen, ihrem gesellschaftlichem Zusammenhang von noch fundamentalerer Art ist, weil sie die Entfremdung auf der Zirkulationsebene mitbedingt. Dies ist oben als Folgen von Entfremdung bereits anthematisiert und in der Weise bestimmt worden, „dass Menschen von ihren Entwicklungsmöglichkeiten abgeschnitten werden“ (Ziegler). Trotz der grundsätzlichen Übereinstimmung mit dieser Perspektive soll hier der Akzent in der Analyse von Entfremdung anders gesetzt und bezogen werden auf den klassischen „Urtext“, die ökonomisch- philosophischen Manuskripte von Marx aus dem Jahre 1844 (Marx 1977, 465 ff, insb. 510 ff.) um diese Überlegungen kategorial genauer an die bisherigen Ausführungen zu den Prozessen der Ver-Gesellschaftung anschließen zu können. Marx arbeitet drei Verhältnisbestimmungen der Arbeit unter den Bedingungen des „nationalökonomischen,gegenwärtigen Faktums“, also kapitalistischen Produktionsverhältnissen auf der Basis des Privateigentums, heraus: erstens, die Entfremdung des Arbeiters von denProdukten seiner Tätigkeit, in denen seine „Verwirklichung“ als „Vergegenständlichung“ greifbar werden kann, im „nationalökonomischen Zustand“ jedoch in die „Entwirklichung des Arbeiters“ verkehrt ist (ebd. 512). Zweitens, die Entfremdung von der eigenen produktivenTätigkeit , dem „Akt der Produktion“, indem Arbeit reduziert wird auf ein bloßes „Mittel , um Bedürfnisse außer ihr zu befriedigen“ (ebd. 514) – der Zustand der Selbstentfremdung. Arbeit wird auf diese Weise zu „Zwangsarbeit“, sodass „sobald kein physischer oder sonstiger Zwang existiert, die Arbeit als eine Pest geflohen wird.“ Drittens die Entfremdung vomGattungswesen , indem die entfremdete Arbeit das Gattungsleben – die sich selbst bewusste Produktion der gegenständlichen Welt – zu einem „Mittel seiner individuellen Existenz“ (ebd. 517) verkehrt. Aus diesen drei Bestimmungen folgt:

„Eine unmittelbare Konsequenz davon, daß der Mensch dem Produkt seiner Arbeit, seiner Lebenstätigkeit, seinem Gattungswesen entfremdet ist, ist dieEntfremdung des Menschen von demMenschen . (…) Überhaupt, der Satz, daß der Mensch seinem Gattungswesen entfremdet ist, heißt daß ein Mensch dem anderen, wie jeder von ihnen, dem menschlichen Wesen entfremdet ist. (…) Die Entfremdung des Menschen, überhaupt jedes Verhältnis, in dem der Mensch zu sich selbst [steht], ist erst verwirklicht, drückt sich aus in dem Verhältnis, in welchem der Mensch zu d[em] anderen Menschen steht.“ (ebd. 517 f.)

Was Marx hier als Entfremdung des Menschen von dem Menschen herausstellt, ist das Resultat der Vergesellschaftung des Arbeiters als Ware13 unter den Bedingungen des Kapitalverhältnisses. Die Entfremdung „des Menschen von dem Menschen“ bezeichnet so das Verhältnis zu den anderen Menschen, zu ihren sozialen Beziehungen. Die „in Gesellschaft produzierenden Individuen“ sind im „nationalökonomischen Zustand“ ihren gesellschaftlichen Bezügen entfremdet; sie treten ihnen als fremde Macht gegenüber, erscheinen wie die übrige Natur nun als unveränderliche „zweite Natur“: Dies meint die Rede von der „Entfremdung vom Sozialen“. Die Konsequenzen dieser entfremdeten Verhältnisse bleiben nicht auf die Sphäre der materiellen Reproduktion beschränkt. Vielmehr erfassen sie die Beziehungen der Menschen und damit die Gesellschaft in ihrer Gänze und reproduzieren sich auf der Ebene der Zirkulation, indem nur denjenigen, die ihr Privateigentum in den gesellschaftlichen Tauschverkehr bringen, die Konstitution der bürgerlichen Gesellschaft zugesprochen wird, in die die Verkäufer von Arbeitskraft, wie oben dargelegt, zunächst nicht, dann aber nur auf äußerst widersprüchliche Weise einbezogen sind. Diese Widersprüche induzieren weitere Widersprüche, die hier in wenig systematisierter Form nur angedeutet werden können:14 die Entfremdung vom Gesellschaftlichen wird zu kompensieren versucht durch die Projektion der Erfüllung sozietärer wie emotionaler Bedürfnisse ins Private, das – einerseits – durch seine Trennung vom Gesellschaftlichen selbst eine entfremdete Sphäre darstellt, die – andererseits – strukturell diese Erfüllung nicht zu leisten in der Lage ist und somit neue pathogene Widersprüche und Konflikte hervorbringt: der Widerspruch von entfremdeter Arbeit mit Unterordnung unter herrschaftliche Disziplin einerseits und vermeintliche Verlegung der Ausübung freier Tätigkeit in einen als „Freizeit“ benannten Bereich, der als Resultat der Trennung von möglicher Verwirklichung in der Arbeit selbst wiederum entfremdet und überdies fast vollständig von der Warenförmigkeit seiner Ausgestaltung erfasst ist; der Widerspruch von Individualismus und Partikularismus auf der einen und ethnischem Nationalismus auf der anderen Seite; der zwischen der entsinnlichten, abstrakten Arbeit und der Suche nach befriedigender Innerlichkeit in spirituellen und religiösen Formen …

4. Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft: die doppelte Entfremdung

Das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft, als disziplinärer Gegenstand der Sozialpädagogik, kann nun in einem ersten Schritt alsEntfremdung vom Sozialen konkretisiert werden: Wie dargelegt wurde, finden sich zwei unterscheidbare Ebenen, auf denen die Entfremdung ihren Ausgang nimmt und sich manifestiert. Es ist dies zum einen die Entfremdung, wie sie der Grundlage der privatkapitalistischen Einrichtung gesellschaftlicher Produktion entspringt und darin kulminiert, dass die „Entfremdung des Menschen von dem Menschen“ als entfremdete Gesellschaftlichkeit beständig mit- und reproduziert wird. Auf der zweiten Ebene, die sich über die Zirkulation der Produkte der Arbeit konstituiert, reproduzieren sich die Privateigentumsverhältnisse politisch: die bürgerliche Gesellschaft kennt Bürger – citoyens – nur als Warenbesitzer – bourgeois. Diejenigen, die nichts Anderes zu Markte zu tragen haben als ihre Arbeitskraft, sind aufgrund ihrer suspendierten bürgerlichen Freiheit im Anwendungsprozess ihrer Arbeitskraft immer nur prekär in diese einbezogen. Wir haben es also mit einerdoppelten Entfremdung vom Sozialen auf Seiten derer zu tun, die ihre Arbeitskraft zu einer verkäuflichen Ware machen müssen: auf der Seite der gesellschaftlichen Produktion auf Basis des Kapitalverhältnisses und auf der Ebene der privatkapitalistischen Konstitution des Modus’ bürgerlichen Vergesellschaftung. Die aus dieser doppelten Entfremdung hervorgehenden Widersprüche sind grundlegend für den Modus der Vergesellschaftung, in dem „persönliche Unabhängigkeit aufsachlicher Abhängigkeit gegründet“ ist (Marx 1974: 75). Dass es bei diesen Widersprüchen bleibt ist eine unwahrscheinliche Annahme. Vielmehr können diese als die Quelle der Konflikte im entfremdeten Verhältnis von Individuum und Gesellschaft gelten – die zumeist, aber nicht in jedem Fall – virulent werden und manifest auftreten, sondern als latente oder intrapersonale Konflikte, als gesellschaftlich und individuell verdrängte, überdeckte sich unter der Oberfläche von Normalität prolongieren und gelegentlich in Pathologien oder in eruptiven Prozessen Ausdruck verschaffen. Für eine Gegenstandbestimmung der Sozialpädagogik ist daraus der Schluss zu ziehen, dass eine Konkretisierung dessen, was als das konfliktöse Verhältnis von Individuum und Gesellschaft gefasst werden kann, aufruht auf dem Verhältnis von entfremdeter Arbeit, der prekären Vergesellschaftung über den Warencharakter von Arbeit und der hierin angelegten und nicht hinweg zu therapeutisierenden Widerspruchsstruktur bürgerlich-kapitalistischer Ver-Gesellschaftung. In funktionstheoretischer Perspektive kommt ihr, der Sozialpädagogik als staatlicher Veranstaltung, die Aufgabe zu, die aus diesen nicht stillzulegenden Widersprüchen hervorgehenden konflikthaften Situationen einer gesellschaftlichen Bearbeitung zu unterziehen, so, dass diese die Gesamtstruktur nicht tangieren. In normativer Perspektive geht es darum, die in der entfremdeten Konstellation der bürgerlichen Gesellschaft gleichwohl angelegten Gehalte für Selbstbestimmung im Zusammenhang mit allen anderen, freizulegen und zu stützen. In einer professionellen Perspektive sind die Ursachen des Leids, das auf die entfremdeten Verhältnisse zurückzuführen ist, um der Vermeidung des Zynismus willen in den Blick zu nehmen und in die (politischen) Strategien zu einer Revidierung des Verursachungszusammenhanges einzubeziehen.

Literatur

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Autor*innen-Angaben Prof. Dr. Andreas Schaarschuch Universität Wuppertal Fakultät 2 Erziehungswissenschaft/Sozialpädagogik 42097 Wuppertal E-Mail: schaarschuch@uni-wuppertal.de www.erziehungswissenschaft.uni-wuppertal.de/forschung/sozialpaedagogik.html

Eingereicht am: 03.05.2019
Angenommen am: 06.06.2019

1 Vorliegender Text thematisiert Sozialpädagogik als Teildisziplin der Erziehungswissenschaft.
2 Vgl. hierzu auch Hamburger (2003: 24): „Eine wissenschaftliche Definition kann nicht einfach dem Selbstverständnis von >>Praxis<< oder >>gesellschaftlicher Realität<< folgen und dieses abzubilden versuchen. Sie müsste dabei einem ständigen Wandel folgen und könnte diesen nicht aus einer eigenen Perspektive heraus begreifen.“
3 Marx weiter: „Das Konkrete ist konkret, weil es die Zusammenfassung vieler Bestimmungen ist, also Einheit des Mannigfaltigen. Im Denken erscheint es daher als Prozeß der Zusammenfassung, als Resultat, nicht als Ausgangspunkt, obgleich es der wirkliche Ausgangspunkt und daher auch der Ausgangspunkt der Anschauung und der Vorstellung ist. Im ersten Weg wurde die volle Vorstellung zu abstrakter Bestimmung verflüchtigt; im zweiten führen die abstrakten Bestimmungen zur Reproduktion des Konkreten im Weg des Denkens.“
4 Diese Überlegungen zur Methode der (Kritik) der Politischen Ökonomie hat Marx selbst konsequent ausgeführt, in dem er im Band 1 des „Kapital“ von der abstrakten Kategorie der „Ware“ als Nukleusform mit dem ihr inhärenten Widerspruch von Gebrauchswert und Tauschwert mitsamt der darin angelegten Dynamik der Wertform ausgehend die gesamte, im weitesten Sinn ökonomische „Anatomie“ der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsformation freilegt und entwickelt.
5 Es sind in diesem Entwurf einer Gegenstandsbestimmung noch weitere wichtige Momente enthalten, die hier der Konzentration auf den Argumentationsgang willen nicht thematisiert werden können.
6 Dabei kann davon ausgegangen werden, dass Hornstein die Position Böhnischs bekannt gewesen sein dürfte; resp. dass beide – gerade was die Prominenz der Kategorie des Konflikts anlangt, darüber diskutiert haben. Beide waren in den 1970er Jahren einige Zeit gemeinsam am Deutschen Jugendinstitut in München tätig.
7 „Mit der Orientierung an einem allgemeinen Begriff wie dem des >>Konflikts<< geht sie [die ‚Arbeitsdefinition’ der Sozialpädagogik sensu Böhnisch, s. o., A.S.] über die beschreibende Definition eines Praxisfeldes hinaus und konstituiert ihren Gegenstand durch eine theoretisch gehaltvolle Bestimmung“ (Hamburger 2003: 24)
8 Kessl (2017: 53) hingegen ist der Auffassung, dass die „Gestaltung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft . fachlich umstritten“ sei. „Auch die beiden Bestandteile, ‚Individuum’ und ‚Gesellschaft’ stellen in sich hoch umstrittene Konzepte innerhalb der Theoriedebatten der Sozialen Arbeit dar“. Wer und mit welchen Argumenten dies bestreitet, wird nicht ausgeführt. Die von Kessl weiter referierten Strukturmerkmale der Sozialpädagogik, Winklers „Modus der Differenz“, Böhnischs These von der Sozialpädagogik als „sekundärem System“ und Hornsteins Analyse des konflikthaften „Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft“ gelten ihm als bedeutsam „für eine Bestimmung der Sozialen Arbeit wie sie bis ins 20. Jahrhundert als Instanz der Erziehungs-, Bildungs- und Sorgetätigkeiten im wohlfahrtsstaatlichen Kontext etabliert wurde.“ Und weiter: „Angesichts der grundlegenden Transformationen dieses Kontextes seit dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts . erweisen sich derartige Schlussfolgerungen allerdings inzwischen als nicht mehr unumstritten“ (ebd.). Damit wird die von Hornstein, Böhnisch, Winkler, Hamburger u.v.a.m herausgearbeitete Grundstruktur des konfliktösen Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft letztlich zu einem Phänomen des 19., ggf. noch des 20. Jahrhunderts, erklärt, das für die gegenwärtige Situation aber aufgrund „grundlegender Transformationen“ – man wüsste gern welcher Art – systematisch bezweifelt werden müsse. Auch wenn vieles, gerade auch Theoretisches, seinen Zeitkern hat, so ist allerdings das, was Hornstein und andere mit der Verhältnisbestimmung herausgearbeitet haben, auf elementare Grundstrukturen bürgerlich-kapitalistischer Gesellschaftsformationen bezogen. Dass diese nun so grundlegend transformiert seien, dass sie außer Kraft gesetzt seien, scheint angesichts der realen Verhältnisse wenig wahrscheinlich.
9 In einem Beitrag zur Theorie-AG im Dezember 2014. Das Manuskript des Vortrags wurde dem Verfasser von Holger Ziegler dankenswerterweise zur Verfügung gestellt.
10 Etwas präziser und weiterführender könnte dies als „Trennung von den Möglichkeiten der Verwirklichung“ bestimmt werden. 11 In ihrem grundlegenden Bezug auf die gesellschaftliche Produktion der materiellen Lebensbedingungen setzt diese Argumentation somit anders an als derjenige Begriff von Entfremdung, der auf das ‚Abgeschnittensein von den Entwicklungsmöglichkeiten’ von Menschen fokussiert.
12 Der Arbeiter ist „frei in dem Doppelsinn, daß er als freie Person über seine Arbeitskraft als Ware verfügt, daß er andrerseits andre Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen“ (Marx 1979/ MEW 23: 183)
13 Hier spricht Marx noch davon, dass der Arbeiter zu einer Ware wird: „Die Arbeit produziert nicht nur Waren; sie produziert sich selbst und den Arbeiter als eine Ware, und zwar in dem Verhältnis, in welchem sie überhaupt Waren produziert“ (ebd. 511). Später wird er von Arbeit oder der Arbeitskraft als Ware sprechen.
14 Vgl. hierzu grundlegend: Krovoza 1976, insb. 151 ff; Vinnai 1973; Brückner 1972; Ottomeyer 1977