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Entführt und lebendig begraben


Reader´s Digest Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 26.07.2021

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Bildquelle: Reader´s Digest Deutschland, Ausgabe 8/2021

WENN DU IHNEN nicht 75 000 Dollar gibst, bringen sie mich um. Sie schrecken vor nichts zurück.“ Ein Klicken, dann der Summton, der anzeigte, dass die Verbindung unterbrochen war.

Für Benny Baucom, den Gründer und Präsidenten des in La Marque im US­Bundesstaat Texas ansässigen Elektronikunternehmens Bebco Industries, begann damit eine Zeit qualvoller Ungewissheit. Es war Mittwoch, der 22. September 1982, als die Stimme seines 21­jährigen Sohns Michael durch das Telefon zu ihm drang. Sie war nur schwach zu hören, aber deutlich als Bandaufnahme erkennbar. Verstanden hatte er bloß ein paar Wortfetzen und dann den furchtbaren Schlusssatz: „Sie schrecken vor nichts zurück.“

Baucom überwand nur mit Mühe seine Bestürzung. Sein Sohn Mike war entführt worden! Er ging ins Vorzimmer und fragte seine Tochter Sherry, die bei ihm als Sekretärin arbeitete, ob sie wisse, wer ihn am Telefon verlangt habe. Es war ein ...

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... Mann gewesen, mehr konnte sie nicht sagen. Er rief eine Reihe leitender Angestellter zu sich und teilte ihnen mit, was geschehen war, schärfte ihnen aber ein, Stillschweigen zu bewahren und sich nichts anmerken zu lassen.

Während Baucom nach Hause fuhr, um seine Frau zu benachrichtigen, schwirrten ihm unzählige Gedanken durch den Kopf, die sich schließlich auf einen Namen konzentrierten: Ronald Floyd White. Er hatte als Vertreter bei Bebco gearbeitet, jedoch im Frühjahr gekündigt. Der Waffennarr, der sich gern als „Söldner“ bezeichnete, war Baucom nie ganz astrein vorgekommen.

UNSER KLASSIKER DES MONATS …

wurde diesmal von Schlussredakteur Jürgen Schinker ausgewählt. „Fünf Tage lang in einer engen Holzkiste eingesperrt und vergraben – schier unvorstellbar, was Mike Baucom aushalten musste. Aber auch seine Eltern, die zwischen Hoffen und Bangen schwankten, machten eine schwere Zeit durch. Der Vater versuchte verzweifelt, das Lösegeld zu übergeben, aber die Entführer spielten Katz und Maus mit ihm und dem FBI. Zum Glück fand die Polizei den jungen Mann und konnte ihn schließlich befreien. Geschichten wie diese zeigen, dass man die Hoffnung nie verlieren sollte, auch wenn die Lage aussichtslos erscheint.“

Mit einem Mal wurde Baucom alles klar. Er hatte sich schon über die Lösegeldsumme gewundert. Wieso ausgerechnet 75 000 Dollar? Warum nicht das Dreifache? Dann war ihm eingefallen, dass er vor ein paar Monaten für 80 000 Dollar ein Grundstück verkauft hatte. White wusste davon und hatte sich wohl gedacht, dass sein ehemaliger Arbeitgeber die Summe flüssig haben müsse. Nun stand es für Benny Baucom fest, dass White der Entführer seines Sohnes war.

DIE ENTFÜHRER FESSELN MIKE, VERBINDEN IHM DIE AUGEN UND KLEBEN SEINEN MUND ZU

AM ABEND ZUVOR hatte Mike Baucom um 21.30 Uhr in der zehn Kilometer vom väterlichen Betrieb entfernten Wohnsiedlung Santa Fe in seiner Wohnung vor dem Fernseher gesessen, als es dreimal an die Tür klopfte. Er öffnete – und sah in den Lauf einer Pistole.

Der Mann, der die Waffe hielt, hatte lange Haare und war ungefähr in seinem Alter. Hinter ihm stand ein zweiter Mann mit pechschwarzem Haar und einer Flinte in der Hand. Die beiden drängten Mike in die Küche, fesselten ihn, verbanden ihm die Augen und klebten ihm mit breitem Isolierband den Mund zu. Dann führten sie ihn zu seinem eigenen Lkw, schoben ihn ins Fahrerhaus und setzten rückwärts aus der Einfahrt.

Sie fuhren durch Houston und noch eine halbe Stunde weiter nach Norden bis in ein Waldgebiet in einem verlassenen Ölfeld. Dort ließen die Entführer den jungen Mann zwei Texte auf Band sprechen. Die eine lautete: „Ich bin in Gefahr. Die Leute schrecken vor nichts zurück. Wenn du ihnen nicht 75 000 Dollar gibst ...“

Die zweite Ansage enthielt nähere Anweisungen: „Fahr zum San­Jacinto­ Denkmal östlich von Houston, nimm bei Lynchburg die Fähre über den Kanal und warte bei den Telefonzellen am Parkplatz des Supermarkts Junior’s Minute Man an der Autobahn 10, bis du angerufen wirst.“

Nachdem die Bandaufnahmen gemacht waren, führten die beiden Männer Mike über ein Feld zu einem Erdloch mit einer nur 35 Zentimeter hohen Sperrholzkiste. „Wir lassen Ihnen ein halbes Brot und eine Kunststoffflasche mit Wasser da“, sagte der eine. „Keine Angst. Wenn alles klappt, holen wir Sie hier in ein paar Tagen wieder heraus.“

Sie zwangen ihn, sich in der Kiste auszustrecken, legten den Deckel auf und stießen zur Luftversorgung vier Kunststoffröhren von zwei Zentimetern Durchmesser hindurch. Dann schütteten sie die Grube zu, warfen zur Tarnung ein paar alte Autoreifen darüber und fuhren davon.

NACHDEM BAUCOM seiner Frau die schlimme Nachricht überbracht hatte, rief er den Chef des Polizeireviers Santa Fe, Bryan Lamb, an. Der war in zehn Minuten zur Stelle und ließ sich genau berichten. Baucom erzählte ihm auch von White und seinem Verdacht. Lamb wies den Fabrikanten an, sich in seinen Betrieb zu begeben und dort zu warten. Nachdem er in sein Revier zurückgekehrt war, verständigte er das Bundeskriminalamt (FBI).

MIKE LIEGT MIT DEM GESICHT AUF DEN KISTENBODEN GEPRESST UND KANN SICH KAUM RÜHREN

Auf dem Weg ins Werk fuhr Baucom an Mikes Haus vorbei und fand den Hof leer. Er schloss daraus, dass der junge Mann im eigenen Laster entführt worden war. Vor Wut kochend suchte er nach einem kurzen Aufenthalt in der Firma ein Sportartikelgeschäft auf und kaufte zwei Schachteln Patronen für das Jagdgewehr, das er schon zu Hause in den Kofferraum seines Wagens gelegt hatte. Er lud die Waffe und machte sich auf den Weg zu dem Campingplatz, auf dem White in einem Wohnanhänger hauste. „Wäre Mikes Lkw dort gewesen“, erzählte er später, „hätte ich alle umgebracht, die mir in die Quere gekommen wären.“

Das Fahrzeug war aber nicht da, und Baucom verlegte sich aufs Warten. Gegen 17 Uhr fuhr er schließlich zu einem nahen Geschäft und rief im Betrieb an. Man verband ihn mit einem ziemlich ungehaltenen FBI- Beamten. Er solle bleiben, wo er sei. Ein paar Beamte würden ihn sofort abholen und nach Hause begleiten. Im Einvernehmen mit der Ortspolizei hatte das FBI die Sache in die Hand genommen. Baucoms Haus sollte rund um die Uhr bewacht werden, und im Betrieb hatte ein Heer von Polizisten einen Befehlsstand eingerichtet.

MIKE BAUCOM WAR ES in der schauerlichen Einsamkeit seines Gefängnisses 130 Kilometer weiter nördlich inzwischen gelungen, sich auf den Bauch zu drehen. In dieser Stellung entdeckte er zwischen Kopfende und Seitenwänden der Kiste einen Spalt. Auf die Ellbogen gestützt, konnte er das kurze Brett lockern, doch da fiel ihm unter dem Gewicht der Erde der Kistendeckel auf den Kopf. Ihm blieb gerade noch Zeit, ihn mit einem Stück Holz abzustützen, das in dem impro- visierten Sarg zurückgeblieben war, und sich so vor dem Zerquetscht- werden zu retten. Doch nun lag er mit dem Gesicht nach unten an den Kistenboden gepresst und konnte sich kaum rühren.

AM NÄCHSTEN MORGEN, am Donnerstag, klingelte um halb fünf bei Baucom zu Hause das Te- lefon. Wieder vernahm er die Stimme seines Sohns. Es war das Tonband, das er schon kannte. Diesmal hörte er es sich nicht zu Ende an, sondern rief dazwischen: „Sagen Sie mir wenigstens, wie ich Ihnen das Geld geben soll!“

Nach Ablauf des Tonbands meldete sich eine männliche Stimme: „Sie haben zwei Tage Zeit, das Geld zu beschaffen.“ Das Gespräch hatte nur 25 Sekunden gedauert, zu wenig für die FBI-Leute, um festzustellen, woher es kam. Anweisungen für die Übergabe hatten sie noch immer nicht.

Baucom fuhr in den Betrieb und versuchte zu arbeiten. Wie gewöhnlich kamen ständig Anrufe von Vertretern und Ingenieuren, nur nicht der, auf den er wartete. Am Nachmittag holte er mit den Polizisten das Lösegeld. Sie wickelten ein Bündel von 500 Zehn-Dollar-Noten um einen Packen imitierter Scheine mit einem automatischen Peilsender darin.

Am Freitagabend endlich erfolgte der Anruf bei Baucom zu Hause. Eine Männerstimme trug dem Fabrikanten auf, in den Betrieb zu fahren und dort weitere Anweisungen abzuwarten.

In aller Eile wurden Vorbereitungen getroffen, denn das Werk bot ideale Voraussetzungen für einen Hinterhalt. Die beiden Beamten, die Baucom als Leibwächter zugeteilt waren, zogen ihm eine kugelsichere Weste an, steckten ihm in die Seitentasche des Jacketts ein Tonbandgerät und in die Brusttasche des Oberhemds einen Sender. Wenn er außer Hörweite geriet, sollte er in das Mikrofon sprechen.

Als sie bei der Fabrik ankamen, liefen die Beamten hinein, machten Licht an und sicherten das ganze Gebäude. Dann riefen sie Baucom herein. Um 22.30 Uhr klingelte das Telefon. Baucom hob ab und hörte vom Band Mikes Stimme: „Fahr zum San-Jacinto-Denkmal östlich von Houston ...“ Am Schluss der Anweisungen schrie Baucom: „Hallo, ich will meinen Sohn sprechen! Das Geld hab ich schon. Wo ist Mike?“ Aber die Verbindung war bereits wieder unterbrochen.

Nun begann die längste Nacht in Benny Baucoms Leben. Begleitet von den Leibwächtern, die vor den Rücksitzen unter einem Schlafsack hockten, fuhr er zum Denkmal und auf die Fähre. Die Beamten standen über Sprechfunk mit anderen FBI­Leuten in Autos, Suchflugzeugen und einem der Fähre folgenden Motorboot in Verbindung.

Nun musste Baucom allein weitermachen. Auf dem Rückweg zum Supermarkt ließ er die beiden Beamten aussteigen. Es war kurz nach zwei Uhr morgens. Am Ziel stellte er den Motor ab, machte Türen und Kofferraum auf – und wartete wieder.

Um fünf Uhr rührte sich im Halbdunkel am Parkplatzrand endlich etwas. Ein Mann, der sich als FBI­ Beamter entpuppte, trat auf ihn zu und sagte: „Die Sache ist abgeblasen. Eben haben die Gangster bei Ihnen zu Hause angerufen und erklärt, dass “ die Übergabe auf unbestimmte Zeit verschoben ist.“

„ICH HAB KEIN WASSER MEHR“, STÖHNT MIKE. ABER DIE MÄNNER GEHEN WIEDER

Auf dem Parkplatz des Supermarkts, bei dem Baucom auf den Anruf der Entführer warten sollte, standen vier Telefonzellen. Der Fabrikant stieg mit dem Geldpaket in der Hand aus. Eines der Telefone klingelte. „Ist dort Benny Baucom?“, erkundigte sich eine Stimme. „Fahren Sie auf der Autobahn 10 in westlicher Richtung zur Exxon­Tankstelle an der Ausfahrt Uvaldestraße, und warten Sie an den beiden Telefonzellen auf weitere Anweisungen.“

Zwei Stunden später klingelte dort eines der Telefone. Diesmal meldete sich eine Frau: „Fahren Sie zum Supermarkt zurück, parken Sie unter den Leuchten, machen Sie Türen und Kofferraum Ihres Wagens auf. Warten Sie auf weitere Anweisungen.

AM SAMSTAGABEND besuchten zwei Männer das Geiselversteck. Als sie mit einer Taschenlampe in eine der Belüftungsröhren leuchteten, hörten sie Mike mit matter Stimme stöhnen: „Ich hab kein Wasser mehr. Ich brauche neues.“ Aber sie gingen wieder.

TROTZ DES STARKEN EINSATZES von FBI­Leuten schwand die Hoffnung auf ein gutes Ende immer mehr. Dann kam der Polizei jedoch der Zufall zu Hilfe. In der Nacht auf Sonntag um halb eins rief jemand im Polizeirevier des Verwaltungsbezirks Montgomery, 65 Kilometer nördlich von Houston, an und meldete, bei einem Laden in seiner Nachbarschaft stehe ein verdächtiges Fahrzeug.

Die diensthabenden Beamten Jim Hall und John Orr fuhren hin und sahen neben einem zerbeulten alten Pkw einen schwarzhaarigen Mann, der an einem Wasserhahn Kunststoffflaschen füllte. Der Mann erzählte Hall, er sei dabei, den Wasservorrat für ein Waldlager zu ergänzen. Unterdessen leuchtete Orr mit seiner Taschenlampe das Wageninnere ab. Plötzlich rief er: „Pass auf, Jim! Auf dem Vordersitz liegt eine Pistole.“

Nachdem sie den Mann abgetastet hatten, durchsuchten sie den Wagen. Dabei fanden sie auf den Rücksitzen eine Schrotflinte und im Kofferraum eine Maschinenpistole und Munition, ein Tonbandgerät, Draht und Stricke sowie eine Aktentasche mit einem Pass auf den Namen Ronald Floyd White. Der Name sagte den Beamten nichts; sie hatten von dem Entführungsfall Baucom keine Ahnung.

Der Verdächtige gab an, er heiße Timothy Connelly. Zwei Männer hätten ihm Geld für die Beschaffung des Wassers für ihr Lager geboten. Wo das Lager sei, wisse er nicht. Die Leute hätten ihm gesagt, dass sie ihn abholen würden. Während er erzählte, entdeckten die Beamten einen Zettel, der zwischen den Autositzen steckte. Er enthielt Wegbeschreibungen und Anweisungen für die Entgegennahme von Telefonanrufen. Eine Zeile lautete: „Sie werden Mike lebend wiedersehen, wenn ...“

Hall und Orr riefen ihr Revier an und baten darum, sofort bei allen texanischen Polizeidienststellen Erkundigungen über White einzuholen. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Er stand unten im Süden auf der Fahndungsliste – als Verdächtiger in einem aktuellen Entführungsfall!

Während Hall und Orr Connelly weiter verhörten, kam über Funk die Meldung, dass Kollegen im Wald ein Lagerfeuer gesichtet hätten. Als sie am angegebenen Ort eintrafen, wurden dort gerade zwei weitere Verdächtige in Gewahrsam genommen: ein bärtiger, langhaariger Mann namens Mark Oler und eine junge Frau, die Debbie Williams hieß. Von Ronald Floyd White gab es keine Spur.

Jim Hall bekam schließlich aus Oler heraus, dass White ein paar Stunden vorher im Lager gewesen war. Der Beamte kannte den vollen Namen des Entführungsopfers immer noch nicht. Er wusste nur aus den Erpressernotizen, dass der Vorname Mike war. So versuchte er sein Glück mit einem Bluff und sagte: „Sehen Sie, Oler, wir wissen, Sie haben diesen Mike in Ihrer Gewalt, und es sieht ganz danach aus, dass White abgehauen ist und Sie in der Tinte sitzen gelassen hat. Für uns sind Sie der Entführer, und wenn dem Opfer etwas zustößt, dann sind Sie dran wegen Mord.“

Der Trick funktionierte. Oler führte die Polizei zu dem verlassenen Ölfeld. Hall kletterte aus dem Wagen in die Morgenkühle und rief: „Mike!“

Kaum hörbar meldete sich eine dumpfe Stimme. Er rief noch einmal. Wieder dieselbe leise Antwort. Die Polizisten gruben wie wild mit den bloßen Händen. Als sie auf einen Hohlraum stießen, langte Hall hinein, so tief er konnte. Er fühlte eine Hand sich fest um seine schließen.

Am selben Morgen um halb acht hörte Benny Baucom die Haustür aufgehen. „Wir haben Mike gefunden“, sagte Revierchef Lamb. Draußen wartete ein Polizeiwagen, der das Ehepaar zum Amtsgericht Montgomery brachte. Dort erfuhren die Eltern, was ihr Sohn durchgemacht hatte.

Mike habe sehr stark abgenommen, scheine aber abgesehen von einem Hautausschlag durch Insektenstiche und Austrocknung in recht guter Verfassung zu sein. Ein paar Minuten später tauchte der junge Mann frisch geduscht und mit einem Polizeioverall bekleidet auf.

Nachdem er seine Eltern umarmt hatten, schilderte Mike zunächst den Polizisten und dann einer Schar Reporter sein fünftägiges Martyrium. Minuten später saß er im Streifenwagen. Man fragte ihn, was er sich wünsche. Kalten Sprudel, gab er zur Antwort. Vor allem aber wolle er seine Freude mit anderen teilen.

Ehe die Beamten recht begriffen, was er meinte, hatte er schon das Mikrofon des Funkgeräts in der Hand und rief: „Hier spricht Mike Baucom. Ich danke allen, die mich aus dem Erdloch herausgeholt haben. Ich bin draußen, und ich lebe!“

Drei Tage danach fasste man White nach einer Autoverfolgungsjagd bei Rio Hondo in Texas. Zusammen mit seinen Komplizen Connelly, Oler und Williams wurde er später wegen Entführung verurteilt.

Wenn der Mensch keinen Genuss mehr in der Arbeit findet und bloß arbeitet, um so schnell wie möglich zum Genuss zu gelangen, so ist es nur ein Zufall, wenn er kein Verbrecher wird.

THEODOR MOMMSEN, DT. HISTORIKER (1817–1903)

Gefangenschaft ist eine Art Schlaf. Das Leben geht unbemerkt weiter, denn richtig lebendig fühlen wir uns nur, wenn wir alle unsere Fähigkeiten auch nutzen können.

CHARLES LOUIS NAPOLÉON BONAPARTE, FRANZ. PRÄSIDENT U. KAISER (1808–1873)

Alle Verfehlungen und vielleicht gar alle Verbrechen haben als Grundlage eine falsche Überlegung oder eine ausschweifende Selbstsucht.

HONORÉ DE BALZAC, FRANZ. SCHRIFTSTELLER (1799-1850)