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Entführung im Schnee


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Das goldene Blatt - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 05.03.2022

Der große abgeschlossene

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Für einen Moment blieb Judith stehen und hielt die Luft an und lauschte. Tatsächlich, nichts war zu hören außer dem leisen Rascheln des Windes, der über die schneebedeckten Äste der Bäume strich. Herrlich, genau so hatte sie sich ihren einsamen Ausflug vorgestellt, als sie sich für diesen Nachmittag von den Freunden in der Blockhütte trennte, um mal ganz allein auf ihren Skiern durch die Natur zu gleiten.

Judith mochte Lisa, Lukas, Franz, Gitte und Pascal, den Neuen in der Clique, von Herzen gern. Und sie war froh, mit ihnen für eine Auszeit-Woche in diese abgelegene Hütte gezogen zu sein. Aber diesen Tag nur für sich allein zu haben, genoss sie sehr.

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Manchmal hatte Judith eben das Bedürfnis, nicht über die Witze der anderen lachen zu müssen, wenn ihr gar nicht nach Lachen zumute war. Oder Gesellschaftsspiele zu spielen, wenn sie eigentlich nichts tun und ...

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... schweigen wollte.

Lag es vielleicht daran, dass sie immer noch als Single lebte? Möglich, überlegte sie, während sie elegant einen kleinen Felsen umkurvte, der aus der weißen Decke ragte. Schön, dieser jungfräuliche Schnee, auf dem höchstens mal die Fährte eines Rehs zu sehen war.

Nanu? Judith bremste abrupt ab und schaute verdutzt auf mehrere rote Flecken, die auf im Weiß deutlich ins Auge sprangen. Vorsichtig näherte sie sich der Stelle.

Rings um die unregelmäßig verteilten Tropfen war der Schnee auf mehreren Quadratmetern massiv plattgetreten. Wahrscheinlich war eine Rotte Wildschweine hier durchgezogen. Die Tiere wühlten bei ihrer Nahrungssuche begeistert nach Fressbarem in der Erde, wie Judith letztens in einem Film gesehen hatte. Als Stadtmensch war sie in dieser Hinsicht allerdings ziemlich unbedarft, wie sie sich eingestand. Trotzdem wurde sie bei genauerem Hinsehen doch stutzig. Denn an keiner Stelle zeigt sich der dunkle Erdboden. Nein, der Schnee war nicht durchgepflügt, sondern nur zusammengepresst worden. Und dann gab es da eben auch noch diese blutroten Tropfen …

Blutrot, wiederholte sie im Stillen und verspürte eine leichte Beklemmung. Sie beugte sich noch ein Stück weiter hinunter. Tatsächlich ließ sich an dieser Stelle ein Schuhabdruck erkennen. Keine Skispur, nein, es handelte sich um den Umriss einer Sohle. Merkwürdig. Soweit sie wusste, stand die Ferienhütte mutterseelenallein in dem weitläufigen Waldabschnitt.

Sie kniff die Augen zusammen. Der Träger des Schuhs dürfte ein recht großer Mann gewesen sein, denn sie schätzte den Abdruck so ungefähr auf Größe 46. Judith richtete sich auf. Hier war also vor nicht allzu langer Zeit ein Unbekannter umhergestreift. Misstrauisch blickte sie sich um. Eben noch hatte sie die Gegend als idyllisch empfunden, doch jetzt erschien sie ihr plötzlich irgendwie bedrohlich.

Und dieser merkwürdige Schatten dort neben der Tanne … lauerte da vielleicht jemand im Verborgenen und beobachtete sie?

So ein Quatsch, schalt sie sich selbst. Sicher gab es eine ganz harmlose Erklärung für diese niedergetrampelte Stelle. Und auch für das Blut. Denn darum handelte es sich bei den Flecken wohl. Allerdings waren es nur relativ wenige Tropfen, beruhigte sie sich.

Doch was war hier passiert? Vielleicht ging ja die Fantasie mit ihr durch, aber es sah fast so aus, als habe hier eine Rangelei stattgefunden. An mehreren Stellen schien nämlich mindestens eine weitere Person in das Geschehen verwickelt gewesen zu sein, allerdings ohne konkrete Abdrücke zu hinterlassen. Hatte hier gar ein Zweikampf stattgefunden?

Judith identifizierte zwei Skispuren und Schuhabdrücke

Sie war derart in ihrer Grübelei versunken gewesen, dass sie erst jetzt die Spuren bemerkte, die von dem Ort des mysteriösen Geschehens wegführten. Und die ließ vor ihrem inneren Auge eine ebenso rätselhafte wie erschreckende Szene entstehen. Sie identifizierte zwei parallel verlaufende Skispuren, dazwischen die vertrauten, aber unregelmäßigen Schuhabdrücke – und noch weitere Blutstropfen!

Sie schluckte. Offenbar hatten sogar zwei andere Beteiligte auf Skiern den großen Mann in ihre Mitte genommen. Und dieser Unbekannte humpelte offenbar und verlor dabei immer noch Blut.

Ganz automatisch folgte Judith der Spur. Hier oben auf dem Berg war es sehr einsam. Von Lukas, der die Hütte für ihre Gruppe gemietet hatte, waren sie schon während der Vorbereitung darauf hingewiesen worden, dass es keinen Handyempfang geben würde. Dazu müsse man ins Tal hinabfahren.

„Wir sind ganz auf uns angewiesen, wenn etwas passieren sollte“, hatte er mit ernster Miene erklärt.

Judith hatte diese auch technische Abgeschiedenheit nur gut gefunden, doch jetzt bedauerte sie diesen Umstand doch. Sonst hätte sie die Freunde rasch zu Hilfe rufen können und sich nicht so allein gefühlt. Sie konnte natürlich umkehren und das Rätsel fürs Erste sich selbst überlassen. Aber irgendwie widerstrebte ihr das. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass sich hier jemand in echter Not befand.

Etwa fünf Minuten folgte Judith den Spuren. Nichts veränderte sich an ihnen. Der Mann ohne Skier hatte jetzt offenbar kaum noch Blut verloren, die beiden Begleiter – oder wie immer man sie bezeichnen sollte – waren an seiner Seite geblieben. Vielleicht einfach um ihm zu helfen? Möglich war natürlich auch das, aber aus einem Grund, den Judith nicht genauer zu benennen vermochte, glaubte sie das mit jeder Minute weniger.

Es begann schon zu dämmern, als sie eine kleine Lichtung erreichte. Ratlos blickte sie sich um, als ihr Herz vor Schreck einen Satz machte. Denn dort, direkt gegenüber und zunächst kaum wahrzunehmen, stand eine kleine windschiefe Hütte, die sich regelrecht in den Wald schmiegte. Rauch stieg aus dem Schornstein auf.

Tja, und was jetzt, Judith Büchner? Sollte sie einfach klopfen und fragen, ob sie helfen könne? Nein. Denn wenn auch nur ein Teil ihrer bösen Ahnungen zutraf, brachte sie sich damit in höchste Gefahr. Also brauchte sie Hilfe. Und zwar schnell. Schweren Herzens machte sie sich also auf den Rückweg.

„Es war Blut. Ganz bestimmt“, beteuerte sie zwei Stunden später zum x-ten Mal. Die Freunde saßen in der Hütte um den urigen, grob gezimmerten Holztisch herum und aßen Nudeln, während der gemütlich bollernde Ofen eine behagliche Wärme verströmte.

Lukas stach mit seiner Gabel in die Luft. „Deine Behauptung wird auch nicht wahrer, wenn du sie dauernd wiederholst, Judith. Ich glaube wirklich, mit dir ist die Fantasie durchgegangen. Tut mir leid. Aber denk doch mal in Ruhe nach. Die Mafia wird ihre Zentrale bestimmt nicht ausgerechnet hier oben in einem Hänsel-und-Gretel-Hexenhäuschen mitten im Wald einrichten. Und das auch noch ohne Internetverbindung.“

Alle lachten. Nur Judith nicht.

„Und außerdem ist es mittlerweile stockdunkel da draußen“, meinte Lisa. Sie hielt immer zu Lukas, Judith kannte das schon. „Wir brechen uns also ziemlich sicher den Hals, wenn wir uns jetzt noch auf die Skier schwingen.“

„Wir könnten aber morgen einen Ausflug in die Richtung unternehmen“, schlug Pascal vor. „Es ist doch egal, wohin wir fahren – Schnee bleibt Schnee –, und Judith wäre beruhigt.“ Er lächelte ihr aufmunternd zu, und sie erwiderte sein Lächeln vorsichtig.

„Also ich will morgen lieber zu dem Hochplateau, das wir beim Aufstieg gesehen haben“, widersprach Lisa entschieden. „Außerdem habe ich absolut keine Lust auf irgendwelche Detektivspiele. Da machen wir uns nur lächerlich. So ein paar Blutstropfen …“

„… die vermutlich gar keine sind“, assistierte Lukas ihr und grinste breit. „Vielleicht fuhr da ja einer mit einem undichten Beutel Rote Bete durch die Gegend.“

„Ich komme mit“, sagte Pascal. „Wir klären die Sache!“

Nur Lisa lachte über den schalen Witz. Natürlich. Judith spürte, wie sie wütend wurde. Sie machte sich wirklich Sorgen. Zugegeben, solch ein Erlebnis wirkte in der Dämmerung und allein wesentlich unheimlicher, als wenn man hier in der warmen und hellen Hütte davon erzählte. Trotzdem hatte sie immer noch ein mächtig ungutes Gefühl. Aber wie es schien, musste sie allein mit der Sache fertig werden.

„Ich komme mit“, erklärte Pascal in diesem Moment. Er schaute sie verständnisvoll an. „Gleich morgen früh gucken wir uns diese Hütte an und klären die Sache.“

„Danke“, sagte Judith. Das war wirklich sehr anständig von ihm, und ihr war es entschieden lieber, bei ihrem Vorhaben nicht auf sich allein gestellt zu sein. Gähnend stand sie auf. „Ich glaube, ich gehe jetzt ins Bett. Ich bin hundemüde.“

„Ja, tu das. Dann kannst du morgen frisch und munter die bösen Verbrecher jagen!“, flachste Lukas.

Wieder lachte nur Lisa.

Judith wachte früh auf, zog sich an und setzte sich leise an den großen Tisch, um die anderen nicht zu wecken. Sie hatte jedoch kaum an ihrem dampfenden Kaffeebecher genippt, als Pascal erschien – fix und fertig angekleidet. „Guten Morgen“, grüßte er leise. „Dachte ich mir doch, dass es dich nicht lange in den Federn hält.“

Judith reagierte mit einem stummen Nicken, und Pascal setzte sich neben sie. „Kaffee?“, fragte sie.

„Gern.“ Er schenkte sich einen Becher ein. „Wie wollen wir vorgehen? Hast du schon eine Idee?“

„Nein“, sagte Judith verblüfft. „Wir fahren zur Hütte und dann, äh, dann … schauen wir, dachte ich.“ Sie seufzte. „Also, eigentlich weiß ich es nicht so genau.“

„Das habe ich mir gedacht.“ Pascal beugte sich zu ihr. „Weißt du, ich glaube, es sollte sich auf jeden Fall nur einer von uns direkt in die Nähe der Hütte wagen. Der andere bleibt besser im Hintergrund.“

„Ach, du meinst“, sagte Judith zögernd, „falls etwas … Unvorhergesehenes passiert? Um dann Hilfe holen zu können?“

Pascal nickte. „Genau. Wenn sich deine Befürchtungen bewahrheiten und da tatsächlich ein krummes Ding läuft, dann sollten wir nicht völlig naiv an der Tür klopfen und alles Weitere dem Schicksal überlassen. Wenn die Leute wirklich gefährlich sein sollten, werden sie nicht lange fackeln.“

„Ja“, räumte Judith nachdenklich ein. „Da hast du recht.“ Sie warf ihm einen entschlossenen Blick zu und straffte sich. „Aber damit das mal klar ist: Ich bin diejenige, die sich vorwagt, während du im Hintergrund wartest.“

„Weil es dein Fall ist, wenn man so will. Ich verstehe“, antwortete Pascal ohne Umschweife. Judith zog ungläubig die Augenbrauen in die Höhe. Die meisten Männer, die sie kannte, hätten bei dieser Einteilung sofort Einwände erhoben und sich bestimmt in ihrer Ehre als der starke Beschützer gekränkt gefühlt. Pascal hingegen …

Verwundert bemerkte Judith, wie sich ein warmes Gefühl in ihrem Inneren auszubreiten begann. „Dann ist das also geklärt“, fuhr sie mit neuem Schwung fort. „Aber wir sollten für den Notfall noch ein Signal ausmachen. Es nützt ja nichts, wenn ich nach dir rufe. Im Gegenteil, dann wissen die Gangster gleich, was Sache ist. Nein, wenn ich zweimal laut huste, bedeutet das, dass du so schnell wie möglich Hilfe holen sollst.“

„Das ist eine gute Idee, so machen wir es“, stimmte Pascal auch diesmal ohne zu zögern zu.

Judith grinste. „Fertig, Watson?“

Pascal legte wie salutierend die Rechte an eine nicht vorhandene Mütze. „Aye, aye, Sherlock.“

Eine knappe Stunde später standen sie atemlos auf der kleinen Lichtung und starrten angestrengt zu der Hütte hinüber. Sie wirkte zwar auch im Hellen ziemlich baufällig und verlassen, doch der rauchende Schornstein entlarvte diesen ersten Eindruck als trügerisch.

„Sie sind noch da“, flüsterte Judith, obwohl das Flüstern bei dieser Entfernung völlig unnötig war.

Pascal drückte sie. „Und vergiss nicht zu husten, Judith!“

„Ja, eindeutig“, murmelte Pascal und deutete auf die unberührte Schneedecke vor ihnen. „Man sieht keinerlei neue Spuren, die von der Hütte ausgehen, weil es die ganze Nacht über geschneit hat.“

„So ein Mist“, entfuhr es Judith spontan. Pascal sah sie erstaunt an. Sie unterdrückte ein Seufzen. Aus dem Mann würde bestimmt kein Detektiv werden. „Das ist blöd, weil sie dadurch natürlich unsere Spuren umso besser verfolgen können. Denn es werden die einzigen – und dazu ganz frischen – sein, die zum Haus hin-und wieder in den Wald zurückführen.“ Judith warf einen Blick in den bleigrauen Himmel. „Allerdings sieht es so aus, als ob wir Glück haben könnten. Es müsste bald wieder anfangen zu schneien. Und dann wird jeder Hinweis auf unseren heimlichen Besuch schnell verdeckt sein. “ Sie holte Luft. „Also los!“

Doch ehe sie sich abstoßen konnte, legte Pascal seine Hände auf ihre Schultern und drückte sie fest. „Viel Glück, Judith. Sei vorsichtig. Und vergiss nicht zu husten, wenn … etwas passiert.“

Ohne ein weiteres Wort stieß sie sich ab, immer am Rande der Lichtung entlang, damit sie hinter einem Baum Schutz suchen konnte, falls jemand plötzlich aus der Hütte trat. Doch nichts passierte.

Kurz bevor sie ihr Ziel erreicht hatte, stieg sie von den Skiern und versteckte sie hinter einem Baum. Dann eilte sie die letzten Meter auf die Hütte zu. Den Rücken eng an die rauen Bohlen gepresst, schob sie sich seitlich an das Fenster heran, als sie aus dem Inneren der Hütte ein Stöhnen vernahm.

„Nein“, erklang eine männliche Stimme. „Das werde ich nicht tun. Auf gar keinen Fall. Lassen Sie meine Frau aus dem Spiel. Ich mache alles, was Sie wollen, aber lassen Sie sie aus dem Spiel!“

Judith stellten sich vor Entsetzen alle Härchen am Körper auf. Sie hatte also recht gehabt! Dort drinnen geschahen schlimme Dinge!

„Will dich deine Alte vielleicht gar nicht zurückhaben, Amigo?“ Die Stimme eines anderen Mannes klang spöttisch und grausam zugleich. „Sonst würde deine Familie doch zahlen, um ihren heiß geliebten Papa endlich wieder in die Arme schließen zu können. Und es gibt schon zu denken, dass du dich immer wieder ganz allein zum Skilaufen in diese Ödnis begibst.“

„Ich weiß zwar nicht, wie Sie das herausbekommen haben, aber Sie brauchen sich um meine Ehe keine Sorgen zu machen. Das ist für mich nur hin und wieder die Gelegenheit, unerkannt mal total abzuschalten.“ Den bemüht sachlich geäußerten Worten der ersten Stimme hörte man deutlich an, dass ihr Sprecher eisern um Fassung rang. „Und ich kann Sie beruhigen: Man wird zahlen. Aber eine Million Euro lässt sich nicht von der Sparkasse abheben.“

Judith stockte der Atem. Es ging tatsächlich um eine Erpressung.

„Ach was, das sind doch Peanuts für schwerreiche Leute wie dich.“

„Sie haben da eine nicht ganz zutreffende Vorstellung“, entgegnete der Gefangene mit einem leisen Anflug von Ironie, um dann todernst fortzufahren: „Hören Sie, noch mehr Druck würde meine Frau nicht aushalten. Sie ist … eher von zarter Natur. Deshalb können Sie Ihr Smartphone stecken lassen. Ich werde keinesfalls in einem Video um mein Leben flehen.“

Judith musste schlucken, ihr Mund war staubtrocken.

„Tatsächlich nicht? Nun, da gibt es natürlich noch ein paar andere Methoden, um dich vielleicht doch noch zu überzeugen. Du machst jetzt, was ich will, verstanden?“

Judiths Gedanken rasten, aber es half nichts, sie musste einen Blick ins Innere der Hütte riskieren. Also gab sie sich einen Ruck und linste vorsichtig am seitlichen Rahmen vorbei durch das Fenster.

Der Gefangene, tatsächlich sehr groß, lag auf einer kargen Pritsche, an Händen und Füßen gefesselt. Seine Nase war stark geschwollen und blutverkrustet. Aha, daher also die Tropfen im Schnee.

Mit dem Rücken zu ihr stand ein noch gewaltigerer Hüne von Mann, der auf sein Opfer hinabblickte.

Judith fotografierte die Tätowierung geistesgegenwärtig

Judith überlegte fieberhaft. Der Riese trug auf dem breiten Nacken ein auffälliges Tattoo: eine sich rekelnde, halb nackte Frau, über der ein Namenszug prangte. Auf die Schnelle konnte Judith das nicht erkennen. Doch sie zückte ihr Handy und fotografierte den Mann mit seinem markanten Körperschmuck.

Sie war kaum fertig, als sie den Entführer gelangweilt sagen hörte: „Wir bringen dich um, wenn deine Familie uns nur hinhält und die Polizei einschaltet. Das weißt du.“

Der Entführte nickte. „Also sag ihnen das besser noch einmal. Sonst bekommen sie dich in Einzelteilen zurück. Ein kleiner Finger zuerst, oder vielleicht ein Ohr … Na, wie gefällt dir das, Amigo?“

Sein Opfer gab keine Antwort, und Judith hatte Mühe, ihre aufsteigende Übelkeit zu beherrschen. Sie musste so schnell wie möglich hier verschwinden und Hilfe holen. Denn allein oder auch mit Pascal konnte sie nichts unternehmen! Der Typ war bestimmt bewaffnet. Außerdem war er nicht allein, wie ihr die Skispuren verraten hatten. Also schlich sie so hastig wie möglich zurück zu ihren Skiern, schnallte sie an und sauste los.

Erst jetzt fiel ihr ein, dass sie vor ihrer überstürzten Flucht ein zweites Foto von dem ganzen Raum hätte machen sollen. Zu spät.

„Komm. Wir müssen uns beeilen“, keuchte sie, als sie Pascal erreicht hatte. „Es geht in diesem Hexenhaus um Leben und Tod.“

Sie kehrten gar nicht erst zur ihrer ütte zurück, sondern glitten gleich hinab zum Dorf im Tal. Als sie die kleine Polizeistation erreichten, fing es an zu schneien.

„Wir müssen eine Entführung melden“, platzte Judith gleich heraus, als sie vor dem Besuchertresen standen. „Oben auf dem Berg in einer versteckten alten Hütte liegt ein Gefangener. Der Entführer droht, ihn umzubringen.“

„Aha.“ Der ältere, recht wohlbeleibte Beamte erhob sich trotz ihrer dramatischen Worte bedächtig. Ein Namensschild wies ihn als Clemens Werner aus. „Und Sie haben das selbst beobachtet?“

„Ja!“, bestätigte sie atemlos.

„Aha“, wiederholte er nur.

Judith starrte ihn fassungslos an. „Nun tun Sie doch etwas!“, blaffte sie ihn an. „Der Entführer hat gedroht, sein Opfer in Einzelteilen an seine Familie zurückzuschicken, wenn die nicht zahlt. Eine Million Euro werden verlangt! Und wer weiß, wann er damit anfängt! Mit dem … Zerschneiden, meine ich.“ Sie würgte. Pascal legte ihr tröstend eine Hand auf die Schulter.

„Entführt, sagen Sie?“ Der Beamte kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Also, da gibt es aber keinerlei entsprechende Meldung, und das wäre bei der Dimension wohl bundesweit der Fall. Und dann auch noch ausgerechnet hier bei uns in den Bergen … Nein, das glaube ich nicht. Und bevor ich jetzt Alarm schlage …“, er richtete sich im Rahmen seiner Möglichkeiten kerzengerade auf, „… schaue ich mir die Sache lieber erst einmal persönlich an.“ Umständlich klappte er die Tresenplatte hoch und quetschte sich zu ihnen durch.

Judith hätte den Mann ohrfeigen können. Wahrscheinlich hatte man ihn in dieses Kaff abgeschoben, weil er so eine unbrauchbare Lusche war! „Hören Sie“, begann sie scharf, doch er unterbrach sie mit einer raschen Handbewegung.

„Nein, Sie hören, meine Liebe. Sie tischen mir hier eine wahre Räuberpistole auf. Da müssen Sie doch Verständnis dafür haben, dass ich sie nachprüfen möchte.“

„Habe ich ja“, knirschte Judith. „Aber die Zeit drängt. Mit diesen Entführern ist nicht zu spaßen.“

„Ach, nun sind’s schon mehrere.“ Ihr Gegenüber blickte sie abschätzend an. „Sie waren noch nie allein auf einer Skihütte, habe ich recht? Ich meine, die Dunkelheit, das Rauschen des Windes, das Bewusstsein, dass man von der Welt abgeschnitten ist … da geht bei manchem die Fantasie durch.“

„Sie wollen also behaupten, dass ich mir alles nur eingebildet habe?“ Vor lauter Wut und Empörung bekam Judith kaum noch Luft.

„Etwas Sahniges beruhigt!“, sagte der Polizist nachsichtig

„Na ja …“ Das klang sehr nachsichtig. „Ist zumindest eine Möglichkeit, nicht wahr?“ Er wandte sich Pascal zu. „Haben Sie das denn auch alles gesehen, Herr …?“

„Pascal Sievers. Äh … nein. Ich habe gesehen, dass Rauch aus dem Schornstein der Hütte quoll“, versuchte Pascal zu retten, was zu retten war. Judith sank der Mut.

„Na immerhin. Nun, dann werde ich mal.“ Umständlich zog Clemens Werner sich die dicke Polizeijacke über. „Und damit wir uns richtig verstehen: Sie meinen die verlassene Hütte auf der kleinen Lichtung, nicht die andere, die an Feriengäste vermietet wird?“

„Nein, die bestimmt nicht“, erwiderte Pascal. „Da wohnen wir ja zurzeit mit unseren Freunden.“

„Verstehe. Sie beide warten hier. Allein bin ich schneller.“ Der Polizist deutete mit der Hand einen Halbkreis an. „Führen Sie die Dame doch ins Café gleich um die Ecke und spendieren Sie ihr etwas Sahniges. Das beruhigt.“

In weniger als einer Stunde war Clemens Werner wieder zurück. Auf seinem stark geröteten Gesicht lag ein Ausdruck, den Judith nicht zu deuten vermochte. Umständlich klopfte er sich den Schnee von der Kleidung. „Und?“, fragte Judith bang, als er auf sie zutrat. „Lebt der Gefangene noch?“

„Tja“, sagte Werner knapp, gab der Bedienung ein Zeichen und setzte sich an ihren Tisch. „Da war nichts.“ Er ließ die Worte sacken.

„Wie? Wieso war da nichts? Ich habe beide Männer doch gesehen und gehört!“, rief Judith empört.

„Die Hütte war aber leer“, behauptete Werner in stoischer Ruhe.

„Unsinn“, widersprach sie heftig. „Ich bilde mir da doch nichts ein. Ich war Augenzeugin, und es hat sich genau so abgespielt, wie ich es Ihnen geschildert habe!“

„Sie haben sich geirrt. Die Hütte ist leer“, beharrte der Beamte kopfschüttelnd. „Ich bin reingegangen, habe mich umgeschaut. Stimmt, der Ofen ist warm. Aber das passiert immer wieder, das sich in der Bude ungebetene Gäste einnisten. Und die hier sind anscheinend gerade erst wieder ausgezogen. Spuren konnte ich allerdings nicht mehr entdecken. Da ist inzwischen schon wieder zu viel Neuschnee runtergekommen.“ Er beugte sich vor und tätschelte tröstend Judiths Rechte. „Diese Leute haben Sie bestimmt zufällig entdeckt. Harmlose Wanderer, die sich eine normale Unterkunft nicht leisten können oder wollen.“

Clemens Werner lehnte sich zufrieden zurück und verschränkte die Arme vor seinem beachtlichen Bauch, während ihm die Bedienung schweigend ein riesiges Stück Mohnkuchen hinstellte.

Eine ungemütliche Stille machte sich zwischen ihnen breit. Am liebsten wäre Judith aufgesprungen und hätte ihren Frust laut herausgebrüllt. Sie litt doch nicht unter Halluzinationen! Sie wusste genau, was sie gesehen hatte.

Es war Pascal, der sich in das lastende Schweigen hinein räusperte. Seine Miene war nachdenklich und konzentriert zugleich. „Nein“, widersprach er dem Beamten ruhig. „Ihre These muss so nicht stimmen. Es hat zwar inzwischen geschneit, sodass man jetzt nichts mehr sieht. Aber den ganzen Morgen über tat es das nicht.“

„Und?“, fragte Judith drängend, als er nicht weitersprach. Clemens Werner hatte aufgehört zu essen.

„Das heißt, dass die Entführer Judiths Fußspuren am Fenster sowie unsere gemeinsamen Skiabdrücke heute Morgen durchaus gesehen haben könnten. Weil es eben erst später geschneit hat.“

„Und du meinst, daraufhin haben sie sich eilig aus dem Staub gemacht?“, führte Judith seine Theorie aufgeregt weiter aus. „Weil sie wussten, dass sie entdeckt worden waren, aber nicht, wer sie aufgespürt hatte?

„Genau“, stimmte Pascal zu. „Die haben kalte Füße gekriegt und sind schnellstens abgehauen.“

Judith blickte Pascal an. Sie lächelte. Es fühlte sich wunderbar an, jemandem an der Seite zu haben, der einem glaubte. Und der einen vorbehaltlos unterstützte.

„So einfach ist das also?“, machte Werner das wortlose Einverständnis zwischen ihnen kaputt, während er sich erneut ein Kuchenstück in den Mund geschoben hatte. „Da bin ich anderer Meinung. Und Sie haben keine Beweise. Deshalb kann ich nichts machen.“

Er schob den Stuhl zurück, stand auf und schaute sie ernst an. „Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf: Vergessen Sie die ganze Geschichte und genießen Sie Ihren Skiurlaub. Das bekommt Ihnen besser als die Detektivspielerei.“

Judith schäumte vor Wut. „Und was machen wir jetzt?“

„Das gibt es doch nicht. Dem Mann drehe ich den Hals um.“ Judith schäumte auch eine halbe Stunde später noch immer. „Ich habe es genau gesehen und …“

Pascal nahm ihre Linke in seine Hand und drückte sie. „Ich glaube dir ja. Deine Beschreibung der Hütte, des Gefangenen und des Entführers war so detailliert … das kann man sich nicht einbilden. Die Frage ist nur: Was machen wir?“

„Wir könnten mit dem Chef dieses Möchtegernpolizisten sprechen“, schlug Judith zweifelnd vor.

Pascal winkte ab. „Der wird uns auch nicht glauben. Nein, wir sind auf uns allein gestellt. Uns muss irgendetwas einfallen.“

„Hmm“, machte Judith nachdenklich, als ein gerade Mann vor dem Caféfenster stehenblieb. Er zog sein Handy aus der Jackentasche und fing an zu telefonieren. Judith musterte ihn. Ein Handy? Sie hatte doch in der Hütte …

„Was ist denn?“, fragte Pascal.

„Der Kerl da. Der könnte der Entführer sein. Von der Größe und der Statur her käme es hin.“

„Aber sicher weißt du es nicht?“ „Nein. Doch!“, rief sie wie elektrisiert. „Es gibt nämlich einen Weg, das herauszukriegen. Wie konnte ich das nur vergessen! Aber bei dieser so unerwarteten Reaktion auf unsere Anzeige ist da anscheinend bei mir etwas ausgehakt. Ich habe ihn heute Morgen nämlich von hinten fotografiert, weil er im Nacken ein auffälliges Tattoo hat.“

Wie auf ein Kommando starrten sie beide auf den Schal, der Hals und Nacken des Verdächtigen leider komplett verdeckte.

„Wir müssen ihn dazu bringen, dass er das auszieht“, sagte Judith und gab der Bedienung ein Zeichen. „Komm. Schnell. Wir dürfen ihn nicht aus den Augen verlieren.“

Während Pascal zahlte, eilte sie bereits hinaus und schlenderte dann betont unauffällig zu dem Schaufenster eines benachbarten Ladens, während sie zu verstehen versuchte, was der Verdächtige sagte. Doch er sprach so leise, dass sie keine Chance hatte.

Jetzt beendete er das Gespräch und wandte sich zum Gehen. Judith schloss sofort auf. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass auch Pascal ihnen folgte.

So als Trio näherten sie sich zügig der Polizeistation auf der Hauptstraße. „Wir rempeln ihn einfach an und reißen den Schal herunter“, schlug Judith vor. „Am besten machen wir das direkt vor der Wache. Ruf unseren tollen Freund und Helfer an! Rasch! Ich folge dem Typen so lange weiter.“

Gehorsam ließ Pascal sich zurückfallen, während Judith mit klopfendem Herzen dem mutmaßlichen Entführer folgte. Sie musste ihn zunächst unbedingt in ein Gespräch verwickeln, denn seine Stimme hatte sie gehört. Und wenn die ihr bekannt vorkam, dann …

Sie beschleunigte ihre Schritte. „Ach, entschuldigen Sie“, sprach sie den Kerl entschlossen an. Widerwillig drehte er sich zu ihr um. „Ich … können Sie mir sagen, wo ich hier einen Supermarkt finde?“

„Nein. Bin selbst fremd hier.“ Er nuschelte derart, dass sie nicht hätte sagen können, ob er es war oder nicht. Also weiter im Text!

„Dann sind Sie auch im Urlaub hier?“ Judith bedachte ihn mit einem sonnigen Lächeln. „Na, so ein Zufall. Aber die Gegend ist auch wirklich wunderschön, nicht?“

„Mhm“, brummte er und wandte sich wortlos zum Gehen. Mit klopfendem Herzen schielte Judith nach hinten, wo Pascal jetzt mit raschen Schritten auf sie zueilte. Dann warf sie einen Blick nach vorn. Dort wurde in diesem Moment die Tür der Polizeistation geöffnet, und Clemens Werner erschien auf den Stufen.

Die Situation war günstig. Jetzt oder nie! Sie nahm allen Mut zusammen, gab sie sich einen Ruck, stürzte sich mit einem lauten Schrei auf ihr Opfer, grapschte nach seinem Schal und zog fest daran.

„Jawohl, das ist der Entführer!“, erklärte Judith triumphierend

„Sind Sie verrückt geworden?“, bellte er sie augenblicklich an.

„Nein, bin ich nicht“, keuchte Judith. Dabei hielt sie das Ende des Schals weiterhin umklammert. „Nehmen Sie Ihren Schal ab!“

„Was soll ich? Du liebe Güte, Sie sind ja völlig durchgeknallt.“

„Den Schal. Nehmen Sie ihn ab“, herrschte Judith ihn wütend an, während Pascal und Clemens Werner aus unterschiedlichen Richtungen auf sie zustürmten.

„Sie … ich …“, protestierte er, aber Judith zog und zerrte weiter. Endlich hielt sie den Schal in der Hand. Mittlerweile waren Pascal und der Polizeibeamte bei ihnen, eine kleine Menschentraube hatte sich gebildet. Überrumpelt gab der Mann jede Gegenwehr auf.

„Er ist höchstwahrscheinlich ein Entführer“, erklärte Judith laut, während sie mit einem Griff seinen Jackenkragen hinabbog. „Jawohl! Er ist es“, rief sie triumphierend. „Sie können ihn festnehmen, Herr Werner. Ich kann es beweisen.“

Aufgeregt deutete sie auf das nun freiliegende Tattoo. „Ich habe das nämlich fotografiert, als ich ihn heute Morgen belauscht habe. Hier“, sie angelte nach ihrem Handy. „Da ist das Foto. Das dürfte doch wohl genügen, oder?“

Clemens Werner warf einen Blick auf den Nacken, anschließend auf das Foto. Dann trat er vor.

„Würden Sie mich bitte begleiten?“, sagte er höflich zu dem Fremden. „Ich denke, wir haben einiges zu besprechen. Und Sie, Frau Büchner und Herr Sievers, Sie folgen mir bitte ebenfalls.“

Judith nickte mit leuchtenden Wangen. Pascal griff nach ihrer Hand. „Das war sehr mutig“, flüsterte er. „Gut gemacht, Sherlock!“

Sie strahlte ihn an. „Nun ja, ohne meinen Watson hätte ich das aber nicht hingekriegt. Ich danke dir“, raunte sie zurück. Dann reckte sie sich und küsste ihn zart auf die Wange. Jemand in der Menge fing spontan an, zu applaudieren.

ENDE

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LIEBES-ROMAN