Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 9 Min.

ENTSCHEIDEN: »Wir brauchen Entscheidungskompetenz «


Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 11/2018 vom 05.10.2018

INTERVIEW Ist das Entscheiden im digitalen Zeitalter schwieriger geworden? Der Psychologe Ralph Hertwig sagt: nein, solange valide Informationen erkennbar und demokratisch verteilt bleiben.


Herr Professor Hertwig, kann uns die Psychologie dabei helfen, bessere Entscheidungen zu fällen?
Sie kann uns zunächst einmal zu verstehen helfen, wie wir überhaupt entscheiden. Was genau passiert in der »Blackbox« im Kopf? Wie wirken emotionale und kognitive Prozesse bei der Entscheidungsfindung zusammen? Welche Rolle spielt die Intuition? Eine zentrale Frage der psychologischen Forschung lautet dabei: Wie gehen ...

Artikelbild für den Artikel "ENTSCHEIDEN: »Wir brauchen Entscheidungskompetenz «" aus der Ausgabe 11/2018 von Gehirn & Geist. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 11/2018

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Gehirn & Geist. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 11/2018 von GEISTESBLITZE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
GEISTESBLITZE
Titelbild der Ausgabe 11/2018 von PERSÖNLICHKEIT: Digitale Spuren des Selbst. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
PERSÖNLICHKEIT: Digitale Spuren des Selbst
Titelbild der Ausgabe 11/2018 von VERTRAUEN: Verlass dich auf mich!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
VERTRAUEN: Verlass dich auf mich!
Titelbild der Ausgabe 11/2018 von DIE GEHIRN&GEIST-INFOGRAFIK: Die größten Entscheidungsfallen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DIE GEHIRN&GEIST-INFOGRAFIK: Die größten Entscheidungsfallen
Titelbild der Ausgabe 11/2018 von DIE GRÖSSTEN EXPERIMENTE: Mach du das!. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DIE GRÖSSTEN EXPERIMENTE: Mach du das!
Titelbild der Ausgabe 11/2018 von Ich denke, also fahre ich. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Ich denke, also fahre ich
Vorheriger Artikel
VERTRAUEN: Verlass dich auf mich!
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel DIE GEHIRN&GEIST-INFOGRAFIK: Die größten Entscheid…
aus dieser Ausgabe

Herr Professor Hertwig, kann uns die Psychologie dabei helfen, bessere Entscheidungen zu fällen?
Sie kann uns zunächst einmal zu verstehen helfen, wie wir überhaupt entscheiden. Was genau passiert in der »Blackbox« im Kopf? Wie wirken emotionale und kognitive Prozesse bei der Entscheidungsfindung zusammen? Welche Rolle spielt die Intuition? Eine zentrale Frage der psychologischen Forschung lautet dabei: Wie gehen wir mit Unsicherheit um? Denn Entscheidungen sind immer Wetten auf morgen; sie materialisieren sich erst in der Zukunft. Und die Zukunft ist per se unsicher.

ARNE SATTLER; MIT FRDL. GEN. VOM MPIB, BERLIN

RALPH HERTWIG
ist Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Dort ergründet der 1963 geborene Psychologe und Kognitionswissenschaftler, wie Menschen angesichts von begrenzten Informationen, unsicherem Wissen und Zeitknappheit Entscheidungen treffen. 1995 promovierte Hertwig an der Universität Konstanz, danach war er unter anderem Professor für Psychologie an der Universität Basel von 2003 bis 2011.

Eine alte Maxime lautet: Mehr hilft mehr! Mehr Informationen sammeln, mehr nachdenken. Gibt es auch Fälle, in denen weniger Nachdenken zu besseren Entscheidungen führt?
Das kommt darauf an, was man unter besser versteht. Es gibt zum Beispiel die wichtige Unterscheidung zwischen so genannten Optimizern und Satisfizern: Erstere wollen immer die optimale Wahl treffen, ob beim Einkauf im Supermarkt, bei der Berufs- oder der Partnerwahl. Das ist natürlich schwierig, denn wie soll man aus den Myriaden an Möglichkeiten letztlich stets die beste herausfischen? Satisfizer wollen dagegen einfach zu einer Entscheidung finden, die gut genug ist. Ist die besichtigte Wohnung hinreichend groß und bezahlbar, suchen sie nicht weiter, sondern entscheiden sich für sie. Der Optimizer würde dagegen sagen: Erst mal schauen, vielleicht gibt es noch etwas Besseres. Wenn er Pech hat, ist die Wohnung in der Zwischenzeit allerdings schon vergeben – wie vielleicht auch der Mensch, in den er »unter Vorbehalt« verliebt war.

Optimizer haben laut Studien ein erhöhtes Risiko, depressiv zu werden, oder?
Der oft uneinlösbare Anspruch, die optimale Entscheidung zu treffen, kann in der Tat hinderlich sein. Das hat etwa der Psychologe Barry Schwartz in Untersuchungen gezeigt. Und selbst wenn es gelänge, die absolut beste Wahl zu treffen, kann dies laut der »Range Frequency«-Theorie zu neuen Problemen führen: Wie gut tut es uns langfristig zum Beispiel, einmal den besten Wein der Welt getrunken zu haben? Nun, das Geschmackserlebnis ist vielleicht spektakulär, aber danach sind wir für alle anderen Weine »verdorben«. Unser Beurteilungssystem verschiebt sich. Bei einem durchschnittlichen, ja selbst bei einem sehr guten Tropfen ist die Enttäuschung dann unausweichlich. Das ist ein häufiges Phänomen unserer erlebnisorientierten Konsumwelt: Die Suche nach dem absolut tollsten Erlebnis, an das wir uns bitte schön für immer erinnern wollen, kann ironischerweise eher unglücklich machen. Denn vor diesem strahlenden Hintergrund verblasst alles andere.

Was folgt daraus? Sollten wir uns eher bescheiden?
Wir sollten uns zumindest in Erinnerung rufen, dass wir die Architekten unserer eigenen Erfahrungsumwelt sind. Das bedeutet: Es hängt zu einem Gutteil von uns selbst ab, welche Erfahrungen wir uns gönnen oder nicht, was wir uns zumuten und was nicht. Und das hat großen Einfluss darauf, wie es uns geht.

Häufig bewerten wir eine Entscheidung danach, wie die Sache ausging. Kann eine frühere Wahl nach den damaligen Maßgaben aber nicht trotzdem richtig gewesen sein, auch wenn sie sich rückblickend als falsch erwies?
Ganz genau. Es ist schwierig, fair zu beurteilen, wie angemessen ein Entscheidungsprozess zum damaligen Zeitpunkt und Kenntnisstand einer Person eigentlich war. Nachher, wie wir alle wissen, ist man immer schlauer. Praktisch alle Gerichtsurteile betreffen Entscheidungen und Handlungen, deren Ausgang man bereits kennt. Doch ob derjenige damals, in der betreffenden Situation, anders hätte handeln müssen, bevor klar wurde, wie es endet, ist oft schwer zu sagen. Wir glauben meist allzu leicht: »Das hätte man wissen können!« Oder denken Sie an das Abschneiden der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der WM in Russland. Nach dem Debakel hatte man das Gefühl, das war absehbar (»… in der Vorbereitung gegen Österreich verloren!«), und viele hatten gute Ratschläge parat, was man hätte anders machen müssen. Die Kunst ist aber, sich dieser Probleme und Ratschläge im Vorhinein gewahr zu sein.

Woher kommt diese Verzerrung, wenn wir quasi in den Rückspiegel schauen?
Das liegt daran, dass unser Gedächtnis unmöglich vollständige Kopien aller Momente unseres Lebens abspeichern kann. Daher wissen wir nicht mehr genau, was wir vor zwei Wochen, geschweige denn vor zwei Jahren wussten, gefühlt oder geahnt haben oder wie sicher wir uns waren. Wir beurteilen unsere einstigen Entscheidungen deshalb immer mit dem Wissen des Hier und Heute. Dieser Rückschaufehler hat freilich auch sein Gutes. Er zeigt, dass wir etwas dazulernen. Das ist sozusagen der Preis, den wir für unser ständig lernendes und effizientes Gedächtnis bezahlen, das nicht Milliarden an Kopien aufbewahrt.

Sind Entscheidungen angesichts der Digitalisierung heute schwieriger geworden?
Sicher stehen uns viel mehr Informationen zur Verfügung als früher. Aber dass es mehr Wissen gibt, als der Einzelne je verwerten kann, war wohl von jeher so. Die Überbleibsel der ältesten Bibliothek in Deutschland, auf die man im Sommer 2018 in Köln gestoßen ist, lassen vermuten, dass dort vor 1800 Jahren bis zu 20000 Schriftrollen lagerten. Die hat bereits damals kaum ein Mensch alle lesen können. Das heißt: Menschen mussten sich schon immer selektiv Informationen beschaffen. Wir können nicht in allem Experten sein.

Was ist durch das Internet anders geworden?
Informationen sind inzwischen viel demokratischer verteilt. Ärzte, Banker, Politiker oder Wissenschaftler haben keinen alleinigen Anspruch auf die »Wahrheit« mehr. Patienten können sich selbst schlaumachen, welche Behandlung für sie in Frage kommt. Das Problem dieser partizipativen Informationsumwelt ist, dass die Vertrauenswürdigkeit von Informationen online oft schwer zu beurteilen ist. Denn selbst fragwürdige oder falsche Information werden hier professionell präsentiert und mit den Insignien der Vertrauenswürdigkeit ausstaffiert. Akademische Titel, »gefakte« Fachpublikationen, Pseudoseriosität machen es viel schwieriger, die Spreu vom Weizen zu trennen.

Viele Menschen trauen Autoritäten heute weniger als früher. Haben Experten einen schweren Stand?
Wir leben in einer hybriden Welt, in der einerseits Expertentum aus unterschiedlichsten Gründen angezweifelt wird. Das kann strategische Gründe haben, um eigene Ziele durchzusetzen, es kann aber auch ein grundlegendes Misstrauen dahinterstecken. Andererseits sind wir jedoch nach wie vor auf Experten angewiesen. Selbst Donald Trump, der ja wissenschaftliches Expertentum an allen Ecken und Enden in Frage stellt, würde, wenn er mit einem Tumor ins Krankenhaus käme, sicher sehr viel Geld ausgeben, um von den besten Medizinern und nicht von Quacksalbern behandelt zu werden. Ich denke, es ist wichtig zu verstehen, aus welchen Gründen, mit welchen Motiven Expertentum angezweifelt wird. Richtig ist sicher, dass heute niemand mehr sakrosankt ist, selbst die »Halbgötter in Weiß« müssen sich auf Kritik und informierte Patienten einstellen. Klar ist aber: Wir können uns nicht in allen Bereichen selbst schlaumachen. Wir müssen auf Experten oder auf Formen der kollektiven Intelligenz bauen. Allerdings können und sollten wir in Bereichen, die uns besonders wichtig sind, danach streben, mündig zu werden.

Wie fördert man den »mündigen Bürger«?
Ich finde es sehr bedenklich, dass wir heute eine Erosion des Vertrauens in öffentliche oder wissenschaftliche Institutionen beobachten, die etwa dazu führt, dass Interessenvertreter und Lobbyisten auf einmal mitbestimmen, was als Tatsache gilt und was nicht. Wir müssen daran arbeiten, dass im öffentlichen Diskurs Sachkompetenz und Unabhängigkeit wieder mehr zählt. Wie wir die Fakten bewerten, ist eine andere Frage, da kann man sehr wohl geteilter Meinung sein. Was wir allerdings brauchen, ist ein Konsens darüber, dass die verfügbare Evidenz, die Tatsachen, jedenfalls soweit wir sie kennen, auf den Tisch gehören. Transparente, valide Information ist eine Grundvoraussetzung, um mündig entscheiden zu können.

Wie kann man Menschen angesichts existenzieller Probleme dazu bringen, wissenschaftliche Evidenz wertzuschätzen?
Ich denke, Bildung ist hier ein wichtiger Faktor. Schon seit einiger Zeit ist Nudging in aller Munde. Im engeren Sinn bedeutet das, die Leute »anzustupsen« und ihre Irrationalität zu benutzen, um sie zu wünschenswertem Verhalten zu bewegen. Mir scheint, als ob man damit dem Projekt der Aufklärung den Rücken kehrt. Neben dem Stupsen ist es mindestens ebenso wichtig, Menschen in die Lage zu versetzen, Informationen kritisch zu bewerten und die Kompetenz zu haben, selbstständig zu entscheiden.

Können Sie ein Beispiel dafür geben?
Nehmen wir unsere Ernährung. Stupser, bestimmte Lebensmittel zu uns zu nehmen, sind zum größten Teil kommerzieller Art, sprich: Werbung. Ein kritischer und mündiger Bürger muss Werbung aber durchschauen und verstehen, dass die Produzenten von Softdrinks die Gefahren des Zuckers anders darstellen als ein Ernährungswissenschaftler. Es gibt in vielen Lebens- und Entscheidungsbereichen Interessenkonflikte, und ein weiterer Baustein in dem Projekt mündiges Entscheiden ist es, diese Konflikte und ihre Konsequenzen – etwa für die jeweils angebotene Information – in Grundzügen zu verstehen.

MEHR WISSEN AUF » SPEKTRUM.DE «

Die Psychologie des Entscheidens behandelt auch unser digitalesSpektrum Kompakt »Bauch oder Kopf – Wie entscheiden wir?«

www.spektrum.de/shop

Sie ziehen »Boosting«, die Förderung der Informations- und Entscheidungskompetenz, also dem Nudging vor?
Wir brauchen sicher beides. Der Staat kann nicht nur auf Aufklärung setzen, er muss auch ökonomische Anreize setzen, um gesellschaftliche Entwicklungen zu lenken, er muss sozusagen in Entscheidungsarchitekturen eingreifen. Ich finde es zum Beispiel richtig, die Staatsbürger um eine aktive Wahl beim Thema Organspende – »Will ich Organe spenden, oder will ich das nicht?« – zu bitten. Neben der äußeren Gestaltung der Entscheidungsarchitektur geht es aber auch darum, die Bürger mündig und kompetent zu machen, so dass sie etwa lernen, vertrauenswürdige von manipulativer Information zu trennen. Nudging allein ist keine Grundlage für eine funktionierende Demokratie.

Einerseits müssen wir uns andauernd entscheiden, andererseits wissen wir nie, ob wir dabei richtiglagen. Ist das nicht ein ewiger Quell der Sorge?
Nicht umsonst ist die Entscheidungsfindung ein Dauerbrenner in der Psychologie. Ich denke, es kommt auf die Fähigkeit an, unnötige Komplexität zu reduzieren, um uns dann auf jene Dinge konzentrieren zu können, die uns wichtig sind. Es gibt dieses schöne Beispiel von Barack Obama. Als er US-Präsident war, sagte er einmal, auf seinem Schreibtisch landen nur die schwierigen Fälle – alles andere haben schon andere entschieden. Um sich aufs Wesentliche zu konzentrieren, wolle er nicht auch noch seine Kleiderwahl zum Problem machen. Deshalb hingen in seinem Schrank nur 20 dunkle Anzüge, und er griff jeden Morgen einfach einen davon heraus.

Sollten wir uns von der Idee verabschieden, es gebe einen goldenen Weg zur ultimativ richtigen Entscheidung?
Was eine Entscheidung richtig macht, hängt von vielen Dingen ab, etwa von der Situation, unseren Vorlieben, kulturellen Einflüssen und persönlichen Bewertungen. Je nach unseren individuellen Erfahrungen können wir ein und dieselbe Wahl ganz verschieden betrachten. Aber das macht das Leben ja gerade spannend. H

Die Fragen stellte »Gehirn&Geist«-Redakteur Steve Ayan.

QUELLEN

Hertwig, R., Engel, C.: Homo ignorans: Deliberately Choosing not to Know.In: Perspectives on Psychological Science 11, S. 359–372, 2016

Hertwig, R., Grüne-Yanoff, T.: Nudging and Boosting: Steering or Empowering Good Decisions.In: Perspectives on Psychological Science 12, S. 973–986, 2017

Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1589554