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Entscheidend is auf’m Platz


G Geschichte Porträt - epaper ⋅ Ausgabe 3/2021 vom 27.08.2021

LEIDENSCHAFT FUSSBALL

Artikelbild für den Artikel "Entscheidend is auf’m Platz" aus der Ausgabe 3/2021 von G Geschichte Porträt. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: G Geschichte Porträt, Ausgabe 3/2021

Schwarz-gelbe Liebe 1995 fiebern die Fans der Borussia dem Spiel entgegen. In der Saison 95/96 gewinnt der BVB unter Ottmar Hitzfeld den Pokal und die Meisterschaft

Zum Wildschütz«, Oesterholzstraße 60, Dortmund. Draußen ist es winterlich kalt, drinnen erhitzt sich zwischen Bierkrügen und Aschenbechern die Stimmung. Unter dem Werbeschild des Borussia-Biers braut sich etwas zusammen, das Pater Dewald unbedingt verhindern möchte. Einige Mitglieder der Jugendgruppe seiner Dreifaltigkeits-Gemeinde haben sich von der Versammlung davongeschlichen, um ihn zu rufen. Doch wegen Gemenge und Tumult kann er nicht vordringen. Seine Jugend ist verloren Wilden, vereint im Fußball: »Seit 1902 bin ich

Verloren an das rohe Treiben, verkommen zu Mitglied der Dreifaltigkeits-Jugend, seit 1906 spielen wir Fußball auf der ›Weißen Wiese‹«, erklärt Franz Jacobi den Anwesenden. »Wir Fußballer werden seit 1906 systematisch von unserer Kirche bekämpft und diffamiert. Das können wir nicht länger hinnehmen. Die Vereinsgründung ist zwingend.« So ruft er mit 17 weiteren ...

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... Rebellen den »Ballspiel-Verein Borussia« ins Leben. Inspiriert von der Borussia-Brauerei. Es ist der 19. Dezember 1909.

Die Rivalität zwischen Schalke und der Borussia entstand erst nach dem Krieg

Mehr als ein Jahr später, am 15. Januar 1911, läuft die Mannschaft erstmals auf. Das Trikot: nicht gelb-schwarz wie Bier und Kohle, sondern blau-weiß wie … der andere Verein, der aus Gelsenkirchen. Dass der BVB und FC Schalke 04 sich nicht ausstehen können, wissen heutige Fußballfans. Bei jedem Lokalderby kommt es zum Kampf um Ehre, den zugegebenermaßen millionenschwere Spieler aus Südamerika weniger euphorisch begehen, dafür manche Fans abseits des Spielfeldrandes zu sehr.

Die Rivalität zwischen den beiden schillerndsten Vereinen des Potts existiert jedoch erst seit etwa 1947, als Dortmund zum ersten Mal die Westfalenmeisterschaft gewinnt. Vorher war der BVB zu klein und Schalke zu erfolgreich.

»Wir fahren hin, hau’n die weg und fahren wieder zurück«

Peter Neururer, Trainer bei Bochum, Schalke und Duisburg

Längst haben sich die Verhältnisse umgedreht. Aktuell, am Ende der Saison 2020/21, laufen die Schalker Knappen zum vorerst letzten Spiel in der 1. Bundesliga auf. Sie »pöhlen«, wie man im Ruhrpott sagt, nächste Saison nur noch zweitklassig. Immerhin steigt mit dem VfL Bochum ein anderer Traditionsclub auf.

Ernst Kuzorra spielt sein erstes Spiel noch in Konfirmationsschuhen

Den Schmerz, den Schalker Jungs empfinden, kann ein Sympathisant eines Nicht-Ruhrgebiets-Vereins kaum verstehen. Bereits im Mai 1904 gründeten Jungbergleute der Zeche »Consolidation« den Verein »Westfalia Schalke«, sie wollen den Spielern des konkurrierenden »Spiel und Sport Schalke 96« (SuS Schalke 96) etwas entgegensetzen. Vor allem in den frühen Jahren des Fußballs treten nur Gymnasiasten und Realschüler, also Bürgerliche, vor den Ball. Es ist ein elitärer Sport, zu dem Arbeiter kaum Zugang haben. Ernst Kuzorra, eine Schalker-Legende, kickt bei seinem ersten Spiel gar in den Konfirmationsschuhen und bekommt dafür Prügel von seiner Mutter. Den Ball, den die jungen Arbeiter nutzen, mustert SuS Schalke aus.

Lehrer und Schüler haben den Ballsport aus Großbritannien mitgebracht, wo seit Mitte des 19. Jahrhunderts das Leder rollt. In Deutschland gruppieren sich seit den 1870er-Jahren erste Abteilungen in bürgerlichen Turnvereinen. Für viele, wie Pater Dewald, hat Fußball im Gegensatz zu den Turnvereinen und deren militärischer Verbundenheit etwas Unchristliches und Unpatriotisches. Vielleicht auch wegen des Hangs zu Kloppereien und Kneipen, deren Besitzer oft auch den Vorsitz übernehmen, verweigert der Westdeutsche Spielverband vielen »Proletenvereinen« die Aufnahme.

Als erster Club im Pott fummelt – wie man für »Zweikampf« sagt – sich der »FC Witten 1892« mit seinen Realgymnasiasten über die Wiese.

Die erste, noch immer bestehende Mannschaft wird nicht am Dortmunder Borsigplatz, sondern weiter westlich im Schatten der Zeche »Westende« geboren: Am 2. Juni 1902 gründet sich dort der »Meidericher Spiel-Verein«, später in MSV Duisburg umbenannt.

Zum Mythos für die Massen mutiert der Fußball in den 1920er-Jahren, als er treffsicher ins Arbeitermilieu hineingrätscht. Viele haben ihn als Soldaten im Ersten Weltkrieg kennengelernt. Zudem kann auf der Straße, Wiese oder Hof jeder »bolzen« (Fußball spielen), und das, als die Arbeitszeit verkürzt wird, auch am Wochenende. Kameradschaft, Kampf, Dreck und Robustheit erblühen als Tugenden, die Knappen und Pöhler verbinden. Ob unter Tage oder auf ’m Platz: Firlefanz verpönen Ruhris, hier wird »malocht« (gearbeitet). Und das auch zusammen mit den vielen polnischen Einwanderern oder ihren Kindern wie auf Schalke, auf der dortigen »Glückauf-Kampfbahn«.

Die von Ernst Kuzorra erfundene Spielweise des »Schalker Kreisel« katapultiert den Verein an die Spitze. Sechsmal erringen die Knappen in der NS-Zeit die Deutsche Meisterschaft. Perfekter Nimbus auch für die Propaganda, sodass sich Kuzorra und sein Schwager Fritz Szepan für die Parteiwerbung einspannen lassen.

Nach dem Krieg erstarken die regionalen Ligen: In der Oberliga West sind die Zechenmannschaften wie die Sportfreunde Katernberg aus Essen, die STV Horst-Emscher aus Gelsenkirchen oder SV Sodingen aus Herne vertreten. Viele Vereine, viele Spieler, viele Stadien, viele Fans, wenig Raum, aber genug, um Leidenschaften zu schüren. So ist das im Pott.

Mit einer Flasche Bier unter der Dusche ist der Fußballer im Revier ganz bei sich

Auch wenn längst viele Zechen verlassen und Vereine abgetaucht sind, Fußball ist im Ruhrgebiet weiterhin Kult und Kultur. Vielleicht keine Hochkultur, aber eine aus dem Herzen. Bis hinein in die Kreisliga und zu den Amateuren. Denn, wie man sagt, »entscheidend is auf ’m Platz« oder »anne Theke« (an der Theke). Wenn unter der Dusche jeder eine Flasche Bier dabeihat, aber keiner ein Duschgel, wenn das Abkreiden etwas aus dem Lot läuft, wenn jeder Pass gefeiert wird, wenn es heißt: »Die Idee war gut« – dann liegt das Innerste des Revierfußballs offen. Hier heißt es »pöhlen« mit der »Pocke«. »Fummelmeks« bekommen Knoten »inne Pinne« und die Zuschauer die »Pimpernellen«. »Fisimatenten« mag keiner. Und wenn die Kreisliga-Helden selbst nicht zocken, pilgern viele von ihnen in die Tempel im Revier. Zur Nordkurve auf Schalke oder »auf die Süd«, ins schönste Stadion der Welt, wie eine englische Zeitung den Dortmunder Signal Iduna Park mal adelte.

Wer hier Stadionwurst isst und »You’ll Never Walk Alone« mit 20 000 anderen singt, dem hüpft das Herz auch am Montag noch, wenn es wieder »anne Schüppe« (zur Arbeit) geht. Fans beschimpft man nicht als Romantiker, auch wenn es natürlich ums Geld geht und in den Logen keine Jungs aus Aplerbeck sitzen. Aber wenn der Vater mit seinem Sohn samstags um 15.30 Uhr im Stadion verabredet ist, dann spricht ohnehin das Herz und nicht die Klatschpappe.

LESETIPPS

Klaus-Hendrik Mester: »Fußball leben im Ruhrgebiet«. Arete 2013, € 9,95

Ronald Reng: »Spieltage. Die andere Geschichte der Bundesliga«. Piper 2014, € 12,–