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Entscheidung bei Bouvines


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G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 18.02.2022

PROLOG

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Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 3/2022

Lilie gegen Adler: Philipp II. attackiert Kaiser Otto IV.

Kaiserdämmerung

Sie gehen mit Piken und Lanzen auf den König los, packen ihn, reißen ihn aus dem Sattel. In seiner schweren Rüstung kommt Philipp II. von Frankreich nicht mehr alleine hoch. Er liegt auf der Erde des Schlachtfelds bei Bouvines. Um ihn herum kämpfen deutsche Kriegsknechte gegen seine Männer. In jedem Augenblick könnte sein Leben hier enden, auf nordfranzösischem Boden. Seit dem Vormittag laufen in der Region brutale Gefechte, seit dem Mittag kämpfen Philipps Hauptstreitkräfte bei Bouvines gegen das Heer von Otto IV., dem deutschen Kaiser. Auf diesem Schlachtfeld zwischen Tournai und Lille wird sich entscheiden, welche Dynastie Europa dominieren wird: die französischen Kapetinger oder die aus Deutschland stammenden Welfen.

Bouvines hat strategische Bedeutung, was nichts mit seiner Größe zu tun hat. Bedeutend an dem Ort ist lediglich der Flussübergang. Eine Brücke führt dort über ...

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... die Marcq. Schon oft haben Invasoren versucht, von Bouvines aus ins Innere Frankreichs vorzustoßen. Am 27. Juli 1214 rückt dort nun eine bunt zusammengewürfelte Allianz vor. Der römisch-deutsche Kaiser Otto IV. zieht gemeinsam mit Truppen des englischen Königs Johann, den Herzögen von Brabant und Limburg, den Grafen von Dortmund und Tecklenburg, sowie einigen abtrünnigen Vasallen des französischen Monarchen, darunter die Grafen von Flandern und Boulogne, in die Schlacht.

Ihr Gegenspieler, Philipp II. von Frankreich, hat am frühen Vormittag begonnen, seine Streitmacht über die Brücke von Bouvines zurückzuziehen. Er will seine Truppen auf der anderen Seite des Flusses formieren und gegen die Angreifer in Stellung bringen. Während seine Fußtruppen die Brücke überquerten, entdeckten seine Gegner die französische Armee. Ihre Vorhut traf am Vormittag auf Kämpfer der französischen Nachhut. Als Philipp II. erfuhr, dass erste Gefechte begonnen hatten, ließ er sich seine Rüstung anlegen. »Dann schwang er sich aufs Ross, heiter und mit so großer Freude, als müsste er zu einer Hochzeit oder einem Fest, zu dem er eingeladen wäre«, wird später sein Hofkaplan Wilhelm, der Philipp in die Schlacht begleitet, schreiben. Wie andere Geistliche auch ist er empört, dass die Feinde an einem Sonntag angreifen, an dem gute Christen zur Bibel und zum Kreuz greifen sollen, nicht zum Schwert.

Der König kämpft selbst in diesem Gemetzel. Wie seine Gegner auch führt er ungefähr 1500 Ritter und mehrere Tausend Fußsoldaten ins Gefecht. Otto und seine Verbündeten sind wohl leicht in der Überzahl. Rasch zerfällt die Ordnung auf beiden Seiten. Bei Bouvines kommt es, wie so oft im Mittelalter, nicht zu einer Schlacht zweier straff organisierter Linien, sondern zu zahlreichen kleineren und größeren Gefechten einzelner Verbände.

Ein schneller Sieg? Der französische König ist in tödlicher Gefahr

Philipp II. führt als sein Feldzeichen ein Lilienbanner, das an einer hohen Stange angebracht ist. Schon von Weitem ist der Monarch so auf dem Schlachtfeld zu erkennen. Er hat sich im Zentrum seiner Infanteristen positioniert. Anhänger des deutschen Kaisers Otto IV. haben Philipp II. erkannt und seinen Trupp angegriffen. Womöglich steckt dahinter eine Strategie des Kaisers: Mit einem entschiedenen Schlag gegen das gegnerische Zentrum könnte er den royalen Gegenspieler ausschalten und so den Sieg erlangen. Fast mühelos schlagen die Deutschen das Fußvolk vor dem gegnerischen Monarchen, dann gehen sächsische Ritter direkt gegen Philipp und die ihn schützenden Reiter vor. Fällt der französische König oder gerät er in Gefangenschaft, dann geht der Sieg an Otto und seine Verbündeten, darunter der englische König Johann Ohneland. Die Welfen würden über die Kapetinger triumphieren.

»Nach diesem Sieg wagte es niemand mehr, gegen den König zu kämpfen«

Ein anonymer Chronist über den Sieg Philipps II.

Doch nun greifen französische Ritter in das Getümmel ein. Sie erschlagen die Kriegsknechte, die ihren Herrscher umzingelt haben. Seine Getreuen heben Philipp II. wieder in den Sattel. Frankreichs Herrscher sammelt seine gepanzerten Reiter und prescht mit einem stattlichen Kontingent auf seinen Kontrahenten Otto los. Ein französischer Kämpfer greift mit seinem Dolch den Kaiser an. Ein erster Stoß prallt an Ottos Rüstung ab, der zweite Stich verletzt dessen Pferd. Das Tier galoppiert daraufhin in Panik davon, bricht nach wildem Ritt zusammen. Als Otto auf ein anderes Pferd steigen will, attackieren ihn abermals Franzosen. Seine Garde rettet ihn. Der Kaiser, der leicht verwundet ist, kehrt nicht auf das Schlachtfeld zurück. Seine Standarte mit dem Reichsadler bleibt mit gebrochenen Schwingen liegen. Die Franzosen erbeuten die Trophäe.

Ein gestürzter Reichsadler und der Triumph der französischen Lilie

Philipp II. nutzt diesen Moment, er ruft aus, dass der Kaiser geflohen sei. Seine Männer sehen darin ein Gottesurteil. Sie verspotten die Deutschen und kämpfen dann umso entschlossener. Die Franzosen nehmen viele bedeutende Gegner gefangen – von bis zu 300 Adeligen, die in die Hände Philipps fallen, berichten Chronisten. Darunter sind mehrere Grafen. Philipp II. wird horrende Lösegeldzahlungen erlangen. Aber viel wichtiger für ihn ist, dass seine Armee die Feinde hart und entschlossen schlägt.

Johann Ohneland, der englische König, hat es mit einem weiteren Kontingent nicht nach Bouvines geschafft. Zu Hause rebellieren die Barone. Seine politische Bilanz ist katastrophal: 1204 hat der König die Normandie verloren.

Sein Versuch im folgenden Jahr, das Herzogtum zurückzuerobern, ist kläglich gescheitert, er musste die Operation abbrechen, weil der eigene Adel ihn im Stich gelassen hatte – nur die strategisch wichtigen Kanalinseln konnte er wieder für seine Krone gewinnen.

Bevor er sich um die Lords in Großbritannien kümmern konnte, wollte er in Frankreich einen Erfolg erzielen, um seine Anhänger hinter sich zu scharen. Johann trägt nicht nur die englische Krone: Als Spross der Plantagenet- Dynastie mit normannisch-französischen Wurzeln ist er zudem Herzog der Normandie und Aquitaniens sowie Graf von Anjou. Damit beansprucht er fast die Hälfte Frankreichs. Aber seinen Besitz auf dem Kontinent hat er zu großen Teilen an Philipp II. verloren.

Der englische Herrscher suchte sich 1214 Verbündete für den Angriff auf den Franzosen. Rasch gewann er Kaiser Otto, seinen Neffen, für den Schlag gegen Philipp II. Auch Otto brauchte einen Erfolg auf dem Schlachtfeld, um Stärke zu demonstrieren. Der Welfe wurde von einem Rivalen, Friedrich II. von Hohenstaufen, herausgefordert – seinem Gegenkönig, der von Frankreich und Papst Innozenz III. unterstützt wurde. Mit einem Zangenangriff wollten der englische König und der deutsche Kaiser ihren royalen Gegner Philipp bezwingen. Otto ging mit einem Heer im Osten gegen Frankreich vor, während Johann Ohneland vom Westen aus gegen die Loire-Region losschlagen sollte.

Kampf um Anjou, die Normandie und das reiche Aquitanien

Auch für den französischen Monarchen steht viel auf dem Spiel. Philipp II. will endlich uneingeschränkter Herrscher im eigenen Königreich sein, den Einfluss der Plantagenets abstreifen. Er hat bereits die Normandie und Anjou besetzt, aber als ihr rechtmäßiger Herr gilt immer noch Johann Ohneland. Und der englische König wollte auf seinen Besitz nicht verzichten, begann im Februar seinen Feldzug und landete in Aquitanien.

Philipp II. durchschaute die Pläne seiner Gegner und schickte den Engländern ein Heer unter dem Kommando seines Sohnes entgegen. Er selbst wandte sich gegen die Deutschen. Deren Heer, verstärkt durch französische Dissidenten und mit englischem Gold gekaufte Adelige, erschien ihm bedrohlicher.

Johann Ohneland wollte erst den französischen Kronprinzen Ludwig stellen und danach seine Truppen mit dem Heer Ottos vereinen. Doch im entscheidenden Moment ließen ihn seine aquitanischen Verbündeten im Stich. Johann Ohneland verfügte nun über zu wenige Kämpfer. Er zog sich zurück, forderte Unterstützung aus England an und wartete. Während der König tatenlos zusehen musste, trafen englische Truppen unter dem Earl von Salisbury an der Seite Kaiser Ottos am 27. Juli 1214 bei Bouv ines auf das französische Kontingent. Und so zählen auch die Engländer zu den Verlierern.

Mit seinem klaren Sieg macht Philipp II. sein Frankreich endgültig zur christlichen Führungsmacht. Die Kapetinger haben sich gegen die Welfen durchgesetzt. Für Otto haben seine Niederlage und die schmachvolle Flucht vom Schlachtfeld dramatische Folgen. Er verliert seine Krone an Friedrich II. von Hohenstaufen, den Enkel Friedrich Barbarossas. Philipp II., dem der Machtkampf im Nachbarland nützt, lässt Friedrich II. den ramponierten goldenen Adler schicken, der bei Bouvines zu Boden gegangen war. Fast wären seine ambitionierten Pläne dort von den Klingen deutscher Kriegsknechte niedergemacht worden. Aber nun gilt er als mächtigster Mann Europas.

König Johann Ohneland muss seine Hoffnungen aufgeben, sein verlorenes Territorium zurückzugewinnen. Der englische Monarch bittet seinen französischen Rivalen um einen Waffenstillstand. Diese Gunst seines Gegners erhält er natürlich nicht umsonst. Johann muss die gewaltige Summe von 60 000 Pfund dafür bezahlen. Mit leeren Händen und leerer Kasse kehrt er nach England zurück. Dort warten die Barone auf ihn, die seine Abwesenheit genutzt haben, um ihre Rebellion auszuweiten. Sie fordern mehr Rechte gegenüber ihrem Herrscher. Die Barone zwingen ihn, die Magna Carta zu akzeptieren. In 63 Artikeln hält das Werk die Rechte des Adels und der Freien gegenüber ihrem König fest. Die Macht des britischen Monarchen ist damit beschnitten.

LESETIPP

Dan Jones: »Spiel der Könige. Das Haus Plantagenet und der lange Kampf um Englands Thron«.

C. H. Beck 2020, € 29,95