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Er boxte sich durch


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G Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 12/2021 vom 19.11.2021

PORTRÄT

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Bildquelle: G Geschichte, Ausgabe 12/2021

Sexsymbol mit Knautschgesicht: Belmondo bestritt in seiner Jugend mehrere Boxkämpfe und trug eine zertrümmerte Nase davon

BILDNACHWEIS: AKG, ULLSTEIN BILD/UNITED ARCHIVES

Mein allererstes Interview als Jungjournalistin bei einem großen Magazin führte mich 1990 zu Jean-Paul Belmondo nach Paris. Obwohl er damals schon graumeliert und im reifen Alter war, war ich ihm sofort, platonisch, verfallen. Er war beileibe kein Schönling, aber von einem herzerwärmenden Charisma.

Wir trafen uns wieder im Theater, wenn er zu seinen Premieren auf der Bühne des »Marigny« in Paris einlud, oder zufällig in seinem Lieblingsfischrestaurant »Tetou« während seiner und meiner Sommerferien am Golf Juan an der Côte d’Azur. Einmal durfte ich ihn als gelernte Dolmetscherin bei einer Pressekonferenz zu seinem Film »Der Löwe« in München begleiten und für ihn aus dem Französischen übersetzen. Ich war mächtig nervös, aber wie immer war er bescheiden, unkompliziert und ein Gentleman, der stets tief sonnengebräunte Mann mit dem berühmten ...

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... Knautschgesicht und der von diversen Schlägereien lädierten Nase. Immer war er freundlich, zugewandt. Um sich herum scharte er jedes Mal, wenn ich ihn traf, eine Clique von Kumpels aus alten Film- und Boxer- Tagen. Der Bodyguard, der zugleich bester Kumpan war, der Maskenbildner aus langjährigen Theaterzeiten, der Schauspielkollege seit den 1960er- Jahren. Jean-Paul Belmondo war eben nicht nur ein Homme à Femmes, sondern auch ein treuer Männerfreund.

Für die Franzosen war er »Bébel«, so sein Kosename, der einzigartige schauspielerische Nationalheld mit Weltruhm, der mit seiner lässig-unverschämten Art das Publikum verzückte. Er spielte Actionhelden, Gangster, Draufgänger. War ebenso Charakterdarsteller auf der Bühne wie ein Filmkomödiant. Der am 6. September verstorbene Schauspieler schrieb in den 1960er-Jahren schon lange Kinogeschichte, bevor er zum Mythos wurde.

In der Schule spielt er den Blödmann

Begonnen hat Bébels Geschichte im April 1933, als er im Pariser Nobelvorort Neuilly-sur-Seine geboren wurde. Der Vater war ein renommierter Bildhauer, die Mutter Tänzerin. Nach turbulenten Kriegsjahren zwischen Paris und der Provinz geriet der junge Jean- Paul zum aufmüpfigen Problemkind, Faulpelz und Klassenclown der Schule, musste sogar auf Geheiß des Vaters zum Intelligenztest antreten. Ergebnis: Der Junge ist debil. Weil der Vater aber erkannte, dass sein Sohn nur den Blödmann vorspielte, blieb er nachsichtig und verstand: Aus Jean-Paul würde mal ein guter Schauspieler werden.

Belmondo junior durfte sich schon als 13-Jähriger auf der Theaterbühne erproben. Gleichzeitig war das Boxen seine Leidenschaft, zertrümmerte ihm mehrfach die Charakternase und blieb lebenslang seine Passion.

Als junger Mann zieht Jean-Paul in den Algerien-Krieg, kehrt kurz danach zurück ans Pariser Theater und beginnt in den 1950er-Jahren seine zunächst mühsame Karriere beim Film. Er sei als zu »hässlich« für einige Rollen befunden und abgelehnt worden, erzählt er später trocken. Und dann kommt Jean- Luc Godard. Der Kultregisseur besetzt Belmondo an der Seite der zarten Jean Seberg mit ihrem burschikosen Kurzhaarschnitt im Film »Außer Atem«. Am Tag nach der Premiere am 16. März 1960 prangt Belmondos Konterfei auf jedem Titelblatt. Der coole Kino- Draufgänger anstelle des gut aussehenden Helden ist erfunden. Seine Leinwandkarriere läuft fortan ungebrochen.

Belmondo spielt allein bis 1964 in 28 Filmen, neben Größen wie Sophia Loren, Jeanne Moreau, Claudia Cardinale. Danach dreht er für Spitzen–Regisseure wie Philippe de Broca und François Truffaut, unter anderem mit der schönen Catherine Deneuve, Klassiker wie »Borsalino« oder »Abenteuer in Rio«.

In den 1970er-Jahren ist Belmondo ganz oben angekommen, neben seinem Freund und ewigen Gegenspieler Alain Delon der Star im französischen Kino. Zum Ruhm gesellt sich die Verfolgung durch die Boulevardjournalisten und Paparazzi. »Sie werden mir lästig«, bekennt er in seiner Autobiografie (siehe Lesetipp). Diese »Typen« hätten ihn jahrelang gefragt: »Wie schaffen Sie es, Ihrer Frau treu zu bleiben, bei den vielen umwerfend schönen Frauen, die Sie ständig in den Armen halten?« Man ha be ihn, damals mit der Tänzerin Elodie verheiratet, zu Unrecht verdächtigt, Liebhaber von Claudia Cardinale, Françoise Dorléac oder Jeanne Moreau gewesen zu sein, klagt er. Sogar Lover von einem Mann wie Jean Rochefort.

Und dann passiert es, Belmondo verliebt sich in seine Schweizer Filmpartnerin Ursula Andress, lässt sich von Elodie scheiden. »Alle stimmten die Leier über die lockeren Sitten und das Lotterleben von Schauspielern an«, beklagt sich der Darling der Franzosen. Er fühlt sich verfolgt von der Presse, auch während seiner vielen anderen schlagzeilenträchtigen Amouren. Und er wird Kritikern gegenüber empfindlich.

Schicksalsschläge und Affären prägen seine späten Jahre

Das Publikum bleibt Belmondo indes treu, auch nach den 1990ern, als er kaum noch im Kino auftritt, sondern eher in seinem eigenen Theater in Paris, dem Théâtre des Variétés. Privat erlebt er Schicksalsschläge, seine Tochter Patricia stirbt bei einem Wohnungsbrand. 2001 erleidet er einen Schlaganfall, von dem er sich nie mehr so richtig erholt. Ein paar Jahre später lässt er sich von seiner Frau Nathalie Tardivel, ebenfalls eine Tänzerin, scheiden. Und gerät in einen Skandal um seine neue junge Freundin Barbara Gandolfi, gegen deren Ex-Mann wegen Geldwäsche und Zuhälterei ermittelt wird. Die Franzosen verzeihen ihm auch diese Affäre.

Belmondo zeigt sich, obwohl durch den Schlaganfall geschwächt, weiterhin lächelnd und ewig braun gebrannt an den Stränden der Côte d’Azur. Scheinbar alterslos und unsterblich. Wirklich? Sein ewiger Rivale, der drei Jahre jüngere Freund Alain Delon, sagte mir mal ein wenig boshaft-scherzend bei einem Doppelinterview der beiden zu einem gemeinsamen Dreh: »Ich nenne ihn Opa. Ich lasse ihn zuerst durch die Tür.« Durch diese Tür ist Jean-Paul Belmondo jetzt zuerst gegangen.

LESETIPP

Jean-Paul Belmondo: »Meine tausend Leben. Die Autobiografie«. Heyne 2018, € 22,–

Über die Autorin

Die Journalistin Marika Schaertl hat zahlreiche Prominente in Frankreich interviewt. Mit Jean-Paul Belmondo traf sich die Autorin dieses Artikels gleich mehrfach – vor den Selfie-Zeiten, sodass sie kein gemeinsames Foto mit ihm hat. Hier sprach sie mit dem 2008 verstorbenen Modeschöpfer Yves Saint-Laurent