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ER IST WIEDER DA


National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 8/2021 vom 30.07.2021

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Bildquelle: National Geographic Deutschland, Ausgabe 8/2021

Auge in Auge Der Europäische Grauwolf war in Deutschland lange Zeit ausgerottet. Inzwischen leben hierzulande schätzungsweise wieder 1000 bis 1500 Wölfe in freier Wildbahn. Die Tiere meiden den Menschen ? nicht aber ihre Beute wie Schafe, Rinder, Rehe oder Wildschweine.

Es ist kurz nach sechs Uhr früh, als Ralf Högemann an seiner Rinderweide eintrifft. Auch wenn die Sonne jetzt im Juni schon am Himmel steht, ist es noch frisch im brandenburgischen Treuenbrietzen. Aber nicht die kühle Temperatur beschert dem Landwirt eine Gänsehaut. Er sieht schon von Weitem, was ihn erwartet.

„Ich erkannte gleich die üblichen Anzeichen“, erzählt Ralf Högemann. „Die Tiere standen verängstigt und eng zusammen. An einer Stelle am Rand der Weide flogen Raben auf.“ Der Rinderzüchter schluckt. „Da lagen sie dann: die Reste meines Kalbs.“ Es war ein zwei Monate junges Limousin-Bullenkalb, in zwei Teile gerissen, seine Weichteile komplett aufgefressen. Ein Bein lag abgetrennt ein paar Meter entfernt. Högemann rief einen Rissgutachter an, der das Tier untersuchte. Sein Befund: „Wolf nicht ausgeschlossen“, Amtsdeutsch für: Ein Wolf hat das Kalb getötet.

600 Rinder hält Högemann auf 500 Hek - ...

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... tar. In drei Jahren hat der Züchter 35 Kälber sowie ein Fohlen an die „Bestien“ verloren. „Meine Weide ist wie ein Supermarkt für Wölfe“, sagt Högemann, „schnell mal hin und was zum Essen holen.“ Einmal hat er sogar vier Wochen lang auf der Weide übernachtet, um die Herde zu schützen. „Ich weiß nicht, was ich noch tun soll. Manchmal habe ich den Eindruck, den Menschen sind die Wölfe wichtiger als wir Bauern.“

IN DER NÖRDLICHEN VELUWE ergrünen die Bäume, überall klingt Vogelgezwitscher. Der Landstrich bei Arnheim ist das größte zusammenhängende Waldgebiet in den Niederlanden und meine Heimat. Auch hierher ist der Wolf zurückgekehrt. Im Februar 2019 wurde mit der Wölfin GW998f offiziell das erste Tier der Art Canis lupus registriert, das sich seit 150 Jahren in den Niederlanden angesiedelt hat. GW998f war im Jahr 2016 in ein Rudel in Brandenburg geboren worden, nicht weit von Ralf Högemanns Hof entfernt, und dann über Sachsen-Anhalt und Niedersachsen bis in die Veluwe gewandert.

Die Fähe gehört zu den Hunderten Wölfen, die sich jedes Jahr auf den Weg nach Westen machen. Sie kommen aus Weißrussland, aus Polen, aus dem Osten Deutschlands. Sie suchen neue Territorien, neuen Lebensraum, und zwar genau dort, wo ihre Vorfahren im 19. Jahrhundert ausgerottet wurden.

Zusammen mit Mirte Kruit laufe ich über den lockeren Sandboden der Veluwe, entlang der Grenze des Territoriums, in dem GW998f ihren zweiten Wurf bekam. Kruit ist Försterin, sie war seit den ersten Hinweisen auf die Rückkehr der Wölfe in die Niederlande an deren Monitoring beteiligt. „Die Rückkehr der Wölfe ist Fakt“, sagt Kruit. „Das ist nicht zu ändern, ganz gleich, ob man dagegen ist oder es fabelhaft findet.“ Wichtig sei es, die Nervosität und die Zwischenfälle, die die Anwesenheit der Wölfe mit sich brächte, so gut es gehe einzudämmen, meint sie. Das beginne mit Information und einem effektiven Monitoring. Kruit ist nicht nur Försterin, sondern auch Koordinatorin der Meldestelle für Wölfe in der Nord-Veluwe. Eine Gruppe Freiwilliger sammelt DNA aus Kot, Haaren und Beuteresten. Überdies haben sie Kamerafallen strategisch positioniert.

Wissenschaftler schätzen die Zahl der Wölfe in den Niederlanden auf zehn bis fünfzehn Tiere, mit einem Rudel im nördlichen und einer Wölfin im mittleren Teil der Veluwe. Gesehen habe ich selbst noch kein Exemplar.

Der Wolf versteht es, im Verborgenen zu bleiben. Doch obwohl eine Begegnung unwahrscheinlich ist (s. Interview S. 62), erhitzen sich an ihm die Gemüter. Für manche ist er ein mordendes Monster, andere betrachten ihn als eine Art Bote, der uns mitteilt, dass die Natur wieder ins ökologische Gleichgewicht findet. Es gibt Menschen, die in ebendieser Natur eine Gefahr sehen, andere betrachten sie als rein und friedlich. Könnten die Wölfe selbst uns lehren, diese gegensätzlichen Positionen zu vereinen?

Am Rande eines sandigen Pfades zeigt Mirte Kruit auf einen langen haarigen Strang: eine Wolfslosung. Ich erkenne weiße Knochenstückchen, die in dichte schwarze Haarknäuel gewickelt sind. „Er hat wohl ein Wildschwein erbeutet“, erklärt Kruit. Der Wolf markiert sein Territorium mit Urin, Kot und Scharrspuren. Gerade dieses Grenzgebiet, das von Wölfen verschiedener Territorien durchquert wird, sei interessant für die Ermittlung des Wolfsverhaltens, sagt Kruit. Sie steckt die Losung in einen Plastikbeutel, für einen DNA-Test wird sie die Probe später zur Untersuchung an ein Institut der Universität Wageningen senden.

„Ich fühle mich dem Wolf sehr verbunden“, sagt Kruit. „Vor allem mit der Widerstandsfähigkeit der Natur, die er symbolisiert.“ Seine Resistenz hat das Tier auch bitter nötig. Denn die Menschen versehen den „bösen Wolf“ mit einem schlechten Ruf und haben ihn jahrhundertelang verfolgt. Als verschlagene Bestie wird er gemeinhin dargestellt, als Schattenwesen, blutrünstig, hinterlistig, mordlüstern. Allein schon der Name: „Wolf“ stammt aus dem Indogermanischen und leitet sich vom Wort uel ab. Das bedeutet „reißen“. Der Wolf, ein „Reißer“ also. In Fabeln, Sagen und Märchen wimmelt es von Wolfsungeheuern und Werwölfen. Ungefährlicher Wolf? Fragen Sie mal die sieben Geißlein oder Rotkäppchens Oma! Auch ansonsten assoziieren wir wenig Positives mit dem Tier: durch den Wolf drehen, sich einen Wolf laufen, der Wolf im Schafspelz. Klar, es gibt Romulus und Remus, die von einer Wölfin gesäugt wurden und ein Weltreich gründeten. Die alten Griechen und Germanen ordneten dem Tier Eigenschaften wie Mut, Kraft und Schnelligkeit zu. Und für manche nordamerikanischen Stämme ist der Wolf der Weltenschöpfer. Doch in den meisten Fällen ist sein Image mies.

Die gefühlte Bedrohung führt dazu, dass der Wolf seit jeher verfolgt wird. Mit Treibjagden, Speeren und Gewehren, vergifteten Ködern, Wolfsgruben oder auch Wolfsangeln. Jene mit Ködern versehenen Haken wurden so hoch an Ästen aufgehängt, dass das Tier danach springen musste, um den Köder zu fressen. Es blieb mit dem Maul hängen und verendete in einem langen Todeskampf. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war der Wolf in Westeuropa ausgerottet. Die verbliebenen Tiere zogen sich in die ausgedehnten Waldgebiete Rumäniens, Russlands und Polens zurück.

Mit dem Fall der Berliner Mauer und damit auch der Grenzanlagen des Eisernen Vorhangs im Jahr 1990 eröffneten sich dem Wolf erstmals wieder neue Möglichkeiten – und neue Wanderrouten nach Westen. In Wäldern, auf Truppenübungsplätzen und auf Industriebrachen fanden die Tiere Nahrung und Ruhe, um sich fortzupflanzen. Bereits 1979 war der Wolf in der Berner Konvention zur geschützten Tierart erklärt worden. Seit 1992 sind EU-Länder gemäß einer ergänzenden Habitat-Richtlinie dazu verpflichtet, Wölfe zu schützen, ein Jagdverbot zu erlassen und ihnen einen ungestörten Ort zu bieten, an dem sie sich fortpflanzen können. Eine Einladung zum Leben!

Im Seziersaal des Universitäts- und Forschungszentrums Wageningen öffnet der Ökologe Hugh Jansman die Tür einer Kühlzelle. Der scharfe Geruch gefrorenen Fleischs schlägt mir entgegen. Ich sehe Dutzende tote Tiere, in Plastikbeutel verpackt. Aus einem Beutel ragt die gelbe Klaue eines Seeadlers, in einem anderen Beutel erkenne ich den Schwanz eines Otters.

Die Labore in Wageningen verarbeiten die DNA-Proben der in den Niederlanden lebenden Wölfe. Auch die DNA, die man auf gerissenen Schafen sichert, wird hier analysiert. Findet ein Landwirt ein totes Schaf auf seiner Weide, zieht er einen Gutachter hinzu. Dieser lässt dann die Fotos von Sachverständigen beurteilen. Wenn sich anhand der Fotos nicht eindeutig ausschließen lässt, dass ein Wolf verantwortlich war, wird eine DNA-Probe entnommen. Doch häufig genügen die Fotos für eine gute Einschätzung: „Der Wolf setzt oft erst einen Kehlbiss an“, sagt Jansman, „und beißt danach den Brustkorb durch. Füchse oder Hunde sind meistens nicht dazu imstande, Knochen durchzubeißen.“

Als Projektleiter der Wolfsforschung beschäftigt Jansman sich mit dem genetischen Monitoring. Wenn irgendwo ein toter Wolf gefunden wird, ist er es, der die Obduktion durchführt. Die Raubtiere faszinieren ihn, täglich besucht er ein Wolfsterritorium. „Der Wolf hält uns den Spiegel vor“, findet er. „Seine sozialen Strukturen ähneln denen des Menschen.“ Das Elternpaar zum Beispiel investiere viel in die Aufzucht ihrer Jungen, die wiederum bei der Versorgung der Geschwister helfen. Manchmal bleibt der Nachwuchs vier oder fünf Jahre bei den Eltern. Es gibt aber auch Jungtiere, die ihr Rudel schon in ihrem ersten Lebensjahr verlassen, je nach Nahrungsangebot und Besetzung des Lebensraums. Sind die geeigneten Nachbarterritorien besetzt, bleiben die Jungen länger beim elterlichen Rudel – oder sie machen sich auf Wanderschaft, legen pro Nacht bis zu 50 Kilometer zurück, um sich ein Territorium zu erschließen. Auch wenn es um Führungsrollen gehe, könnten wir, meint Jansman, etwas von den Wölfen lernen: Nicht der stärkste Wolf werde Rudelführer, sondern der, der am besten kooperiere und Konflikte löse. „Man hält Wölfe oft für aggressiv, aber eigentlich gehen die Rudel sehr friedlich miteinander um“, betont der Wolfsexperte.

Forschungsinstitute in Deutschland, Dänemark, Polen und den Beneluxländern haben gemeinsam eine umfangreiche Datenbank mit Wolfs-DNA erstellt. Wenn ein Wolf in den Niederlanden auftaucht, dessen DNA bisher nicht registriert wurde, lässt sich so feststellen, woher die Eltern kommen. Bis vor Kurzem konnten alle Wölfe in den Niederlanden und Belgien auf Populationen in Deutschland und Polen zurückgeführt werden. Vor ein paar Monaten allerdings entdeckten Jansman und seine Kollegen einen besonderen DNA-Typus: Der Wolf, der sich in der Provinz Brabant angesiedelt hatte, erwies sich als alpiner Wolf. Herkunft: die französisch-italienischen Alpen. „Das war eine besondere Offenbarung“, sagt Jansman. Für die Population in den Niederlanden sei eine neue Blutlinie eine wichtige Bereicherung, da ein größerer Genpool die Vitalität der Tiere erhöhe.

IN SASSO MARCONI, einem Dorf in den italienischen Bergen südlich von Bologna, beschäftigt sich Elisa Berti mit Wölfen jener alpinen Population. Durch die Entvölkerung der ländlichen Gebiete hatten die Tiere eine relativ große Überlebenschance. So konnten sie sich während der letzten Jahrzehnte erfolgreich fortpflanzen. Berti leitet das „Centro Tutela e Ricerca Fauna Esotica e Selvatica – Monte Adone“, eine Tierauffangstation. Berti zufolge steigt die Zahl der Wölfe in dem Berggebiet stetig. Und sie breiteten sich weiter Richtung Norden aus. Die alpine Population erreiche so Frankreich, die Schweiz, Österreich und Deutschland.

Elisa Berti trägt Arbeitskleidung, als ich an einem Sonntagmorgen per Videokonferenz mit ihr spreche. Sie kommt gerade aus der Wolfsstation, wo ein junger Wolf operiert wurde. Begeistert erzählt sie, dass die Wölfe einen besonderen Platz in der Auffangstation einnehmen. „Mit ihrer außerordentlichen Intelligenz und Anpassungsfähigkeit sind sie sich ihrer Umgebung bewusst. Sie wissen, dass wir ihnen helfen.“ Anders als beispielsweise ein verletztes Reh warte ein Wolf geduldig, bis er an die Reihe komme; ein Maulkorb sei oft gar nicht nötig.

2012 war die Auffangstation über Nacht berühmt geworden, als das Team einen Wolf aus dem eisigen Wasser des Bergflusses Limentra rettete. Das Tier hatte 35 Kugeln in seinem noch nicht ausgewachsenen Körper; es war gelähmt und bewusstlos. Als letzte Rettungsmaßnahme spendete Berti erfolgreich Mundzu-Mund-Beatmung – das Video ging um die Welt. Seitdem erhält sie Anfragen aus ganz Italien und dem Ausland, Wölfe aufzunehmen und zu untersuchen. Die Auffangstation hat auch ein Auswilderungsprogramm entwickelt. Verwundete Tiere werden in Monte Adone in aller Ruhe behandelt und auf ihre Rückkehr in die Freiheit vorbereitet.

Von den 53 Wölfen, die Monte Adone seit 2012 betreut hat, wurden 37 Tiere wieder ausgewildert – nicht immer mit gutem Ausgang, wie das Beispiel von Geronimo zeigt. Geronimo kam als wenige Monate junger Welpe geschwächt und krank in die Station. Sein Rudel war um die Bauernhöfe gestrichen, hatte sich von toten Nutztieren und Katzenfutter ernährt. Der Welpe hatte sich eine Infektionskrankheit zugezogen. Obwohl die Behandlung im Monte Adone erfolgreich war und Geronimo nach der Auswilderung wieder zurück zu seinem Rudel fand, überlebte er nicht. Von Natur aus fürchten die Wölfe den Menschen und gehen ihm aus dem Weg. Geronimo hatte jedoch gelernt, dass er in der Nähe von Bauernhöfen Nahrung finden konnte. Drei Wochen, nachdem er freigelassen worden war, fand man ihn tot auf. Sein Körper war von Schrotkugeln durchsiebt.

GERONIMOS GESCHICHTE ZEIGT, dass auch das unabsichtliche Füttern wilder Tiere, wie etwa von Wölfen, tödliche Folgen haben kann. Die Wildtiere suchen dann nicht mehr selbst ihre Nahrung und stecken sich leichter mit Krankheiten an. In den meisten Ländern, auch in Deutschland, ist es so, dass Wölfe, die „dreist“ werden – die also ihre Scheu und Vorsicht verloren haben – als „Problemwölfe“ deklariert werden. Das ist der Fall, wenn die Tiere Menschen in direkter Nähe dulden, sich annähern oder gar aggressiv verhalten. „Auslöser für die Entwicklung zum dreisten Verhalten von Wölfen ist eigentlich immer der Mensch“, betont Gesa Kluth von der Dokumentations-und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf im sächsischen Spreewitz. „Fruchten alle Maßnahmen nicht, bleibt als letzter Schritt nur eins: die letale Entnahme.“ Zu Deutsch: der Abschuss.

Kluth lebt im Wolfsland an der Grenze der beiden wolfreichsten Bundesländer Brandenburg und Sachsen. Seit 20 Jahren arbeitet sie im Wolfsmonitoring und untersucht das Verhalten der „großen Beutegreifer“, wie Biologen Raubtiere wie Wölfe nennen. „Es sind faszinierende Tiere, und ich bin jedesmal bewegt, wenn ich einen Wolf in freier Wildbahn sehen kann“, sagt Kluth. „Leider komme ich immer häufiger mit toten Wölfen in Kontakt, die überfahren worden sind.“

Im Monitoringjahr 2019/20 wurden in Deutschland 126 tote Wölfe gefunden, 98 von ihnen starben auf der Straße oder Schiene. Gerade mal elf, so die Statistik, wurden illegal getötet. „Hier gibt es aber vermutlich eine sehr große Dunkelziffer“, glaubt Kluth. Erboste Bauern und Jäger versuchten schon seit jeher, die Wolfspopulation auf eigene Faust zu regulieren. Und nur selten kommen Tötungen ans Licht. „Maishäcksler, Biogasanlagen, Versenken in Gewässern und tiefes Verbuddeln – es gibt viele Möglichkeiten, einen Wolf verschwinden zu lassen“, sagt ein Bauer, der anonym bleiben will.

IN EINER AUSGEDEHNTEN MOORLANDSCHAFT in Niedersachsen treffe ich mich mit dem niederländischen Biologen Erwin van Maanen. Er hat in Osteuropa und im Kaukasus an Schutzprojekten für größere Raubtiere mitgewirkt, darunter bekomme ich endlich, nach monatelangem Suchen, einen echten Wolf zu sehen? Van Maanen lächelt über meine Neugier. „Einen Wolf sollte man nicht sehen wollen. Er sieht dich.“ Der Ökologe stellt regelmäßig Kamerafallen auf und ist froh, wenn ein Foto eines Wolfes gelingt. Interessanter jedoch findet er das Verhalten des Tieres in seiner natürlichen Umgebung. Die Fährten, Geräusche und Beutereste, die er während seiner Feldarbeit entdeckt, sind dafür sehr aufschlussreich. „Die große Frage, die sich jetzt stellt, ist: Wie wird sich die Wolfspopulation regulieren? Was geschieht, wenn alle geeigneten Gebiete besetzt sind?“

IN ZENTRALEUROPA haben wir Menschen seit mehr als eineinhalb Jahrhunderten nicht mehr mit dem Wolf zusammengelebt. Wie sich die Tiere in einer Umgebung behaupten, die sich stark verändert hat, dichter besiedelt ist, lässt sich noch nicht abschließend sagen. Was sich auch für Wölfe. „Der Wolf findet unter allen Umständen seinen eigenen Weg“, sagt er. „Ob es sich um Wildnis oder um Kulturlandschaft handelt – solange ein Ort genügend Ruhe und Nahrung bietet, kann er sich dort ansiedeln.“ Wölfe spielten eine regulierende Rolle in der Naturlandschaft. „Sie jagen junge und schwache Tiere“, sagt van Maanen. Dank ihres hervorragenden Geruchssinnes spüren sie sehr schnell kranke Beutetiere auf. Dadurch bleiben starke, gesunde Tiere zur Fortpflanzung übrig. Die Anwesenheit des Wolfes wirkt sich auch auf die Flora aus. Van Maanen spricht von der „Ökologie der Angst“: Hirsche und Rehe seien wachsamer und blieben nicht so lange an einem Ort, an dem sich auch ein großes Raubtier aufhält. Dadurch hätten Bäume und Sträucher die Möglichkeit zu wachsen. Dies wiederum komme der Artenvielfalt zugute. Hier gelte das jahrhundertealte Sprichwort: „Wo der Wolf jagt, wächst der Wald.“

„Nicht der stärkste Wolf führt das Rudel, sondern das Tier, das am besten zusammenarbeiten und Konflikte lösen kann. Wölfe werden oft für aggressiv gehalten, aber eigentlich gehen die Rudel sehr friedlich miteinander um.“

—Hugh Jansman, Ökologe

Während wir durch die Moorlandschaft laufen, zeigt van Maanen auf große Pfotenabdrücke: Wolfsspuren. Ich sehe mich um und fühle eine erwartungsvolle Spannung. Vielleicht herausgestellt hat, ist, dass der Wolf keinesfalls unbedingt unberührte Natur und Wildnis zum Überleben benötigt. Er gedeiht auch in Kulturlandschaften. „Die Koexistenz ist definitiv möglich“, sagt Wolfsforscherin Kluth. In Deutschland, wo sich die ersten Wölfe im Jahr 2000 ansiedelten, leben inzwischen 128 Rudel, 39 territoriale Paare und neun Einzeltiere. Experten schätzen die Gesamtzahl auf 1000 bis 1500 Exemplare. 176 bestätigte Wolfsterritorien gibt es in Deutschland. Insgesamt habe das Land Potenzial für 700 bis 1400 Territorien, ergab eine Habitatstudie des Bundesamts für Naturschutz aus dem Jahr 2020. Diese Zahl ist freilich ein rotes Tuch für Weidetierhalter und Schäfer.

„Die Bestie hat uns in den letzten 200 Jahren nicht gefehlt“, sagt Reinhard Jung, „doch plötzlich sollen sich die Menschen auf dem Land an diese Großraubtiere anpassen.“ Der Nebenerwerbslandwirt aus Lennewitz gehört den 1200 „Freien Bauern“ an, die fordern, dass Deutschland wieder zu einer weitgehend „wolfsfreien Zone“ wird. Mit Wolfswachen und Demos protestieren sie gegen die Ausbreitung. „Wölfe sind keine bedrohte Art“, sagt Jung, „aber Weidetierhalter könnten eine bedrohte Art werden.“ Die naturnahe Haltung von Tieren auf Weiden werde ansonsten wieder in die Ställe zurückverlegt oder ins Ausland abwandern. „Ich kenne viele Bauern, die aufgeben wollen“, sagt Jung, „wollen wir das wirklich?“

An der gebremsten Ausbreitung der Wölfe, wie etwa in Brandenburg, könne man erkennen, dass immer mehr Bauern zur Selbsthilfe griffen, sagt Jung und ergänzt: „Selbsthilfe, bei der Wölfe zu Tode kommen.“ Klar, es gebe Herdenschutzmaßnahmen wie Zäune oder Hütehunde und Entschädigungszahlungen, werde mal ein Schaf oder ein Kalb gerissen. „Hier werden Millionen an Steuergeldern versenkt.“ Der tatsächliche Wert des Verlusts werde allerdings nie erstattet. Die beste Lösung: „So schnell wie möglich so viele Wölfe wie möglich schießen.“

Die Wolfsforschung wird in Deutschland vom Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung angeführt. „Die Nutztierhalter sollten präventive Maßnahmen ergreifen, um Angriffe zu verhindern“, sagt Institutsleiter Heribert Hofer. Untersuchungen hätten ergeben, dass durch abschreckende Maßnahmen die Zahl gerissener Schafe abnehme, selbst wenn die Zahl der Wölfe steige. „Gleichzeitig wissen wir, dass wir niemals alle Angriffe verhüten können. Wo der Wolf mit dem Menschen zusammenlebt, kann es zu Konflikten kommen.“

Nach Hofers Ansicht hat die Angst vor Wölfen in der deutschen Bevölkerung allmählich abgenommen. Als sich vor 20 Jahren die ersten Wölfe in der Lausitz ansiedelten, hätten sich die Leute davor gefürchtet, allein in den Wald zu gehen. „Inzwischen gehen sie problemlos Sonntagmittag mit der ganzen Familie zum Pilzesammeln, ohne Angst vor der Begegnung mit dem Wolf zu haben.“

Hofer hat 33 Jahre lang in Tansania gelebt, wo er vor allem den Erhalt von Raubtierbeständen untersuchte. Dort, wo die Tiere nie fort gewesen sind, sei ihre Anwesenheit viel weniger umstritten. „In Rumänien leben die Menschen mit Bären und Wölfen, und in Tansania ist die Bevölkerung mit Hyänen und Löwen vertraut.“ Dortige Tierhalter wüssten, so Hofer, dass sie ihre Herden gut vor Raubtieren schützen müssten, aber auch, dass die reale Gefahr bestehe, gelegentlich ein Tier zu verlieren, „wie eben Nutztierhalter auch Tiere durch Krankheiten und Infektionen verlieren.“

Demgegenüber steht das in Mitteleuropa oft gehörte Argument, für Wölfe gebe es keinen Platz. Man betrachtet sie als Störenfriede, die ungebeten in eine gut organisierte Kulturlandschaft einfallen. Die Rückkehr der Wölfe zwingt uns, über unseren eigenen Platz in der Natur nachzudenken. Viele Menschen betrachten Natur und Kultur als zwei verschiedene Welten, die nicht ineinandergreifen dürfen. Der Wolf zeigt uns, dass wir nicht alles kontrollieren und voraussagen können.

Das Tier konfrontiert uns auch mit einem Dilemma, nämlich der Kluft zwischen Stadt und Land. Vielerorts ist der alte Streit zwischen den Landbewohnern, die meinen, dass Europa ihre Sorgen nicht wahrnehme, und den Städtern, die häufig das politische Vorgehen bestimmen, wieder aufgeflammt. Um auf Dauer eine ausreichende Akzeptanz der Wölfe zu erreichen, ist es wichtig, die Sorgen und Argumente der Menschen ernst zu nehmen, die auf dem Land – und vom Land – leben.

WÄHREND DER LETZTEN WOCHEN hat der Wolf mich in Kontakt mit Wissenschaftlern, Naturschützern und Idealisten gebracht. Doch mit einer Partei habe ich noch nicht gesprochen: den Jägern. Sie und ich haben eine wichtige Gemeinsamkeit mit dem Wolf – wir alle, auch ich, sind Jäger. Regelmäßig höre ich von Mitjägern, dass Raubtiere wie der Wolf nicht hierhergehörten, weil es für sie in unserer Kulturlandschaft nicht genügend Wildbeute gebe. Stimmt das? Ich sehe mich in meiner Heimat, der Veluwe, um. „Wölfe lassen die Reste ihrer Beute im Feld liegen“, sagt Cees de Jong, Tiermanager der staatlichen Forstverwaltung hier. Wir knien nebeneinander im Sand neben einer Wolfsspur. Es ist Oktober, die Zeit der Hirschbrunft: durchdringendes Röhren von Hirschen, das Krachen aneinanderschlagenden Geweihs, Jährlinge, die aus sicherer Entfernung furchtsam, neugierig zuschauen. De Jong ist in seinem Revier verantwortlich für das jährliche Abschießen von 500 Wildschweinen und 200 Hirschen, um das Gleichgewicht im Ökosystem zu erhalten. Mit der Rückkehr des Wolfes hat er Hilfe erhalten.

Die Erwartung ist, dass Hirsche und andere Huftiere mit der Zeit größere Herden bilden, um in der Gruppe Schutz zu finden. Eine auffällige Tatsache ist auch, dass das Mufflon aus der nördlichen Veluwe verschwunden ist. Diese Wildschafart ist eigentlich in den Bergen heimisch. Bei Gefahr fliehen die Tiere auf schwer erreichbare Felsen. Durch das Fehlen dieser Möglichkeit in der Veluwe, so glauben Fachleute, war das Mufflon eine einfache Beute für die hier siedelnden Wölfe.

Die Überreste eines Wolfsrisses wie dem Mufflon werden von Raben, Wildschweinen, Füchsen und Dachsen gefressen. „Davon profitiert auch das Leben im Boden“, sagt de Jong, „der mineralarme Boden nimmt die Nährstoffe auf.“ Im Gegensatz zu vielen anderen Jägern betrachtet er den Wolf nicht als Konkurrenten. „Auch wenn wir dieselben Tiere jagen, bedeutet das nicht, dass es weniger Wild gibt.“

Der Tiermanager findet, man mache es sich zu leicht, wenn man dem Wolf die Schuld an Veränderungen gebe. Es sei letztlich der Mensch, der für die meisten Störungen sorge: „Man denke nur an das Roden der Wälder, die Fußgänger, die nicht auf den Wegen bleiben, die Helikopter während militärischer Übungen.“

Blicke ich über die weite Sandfläche hinweg, denke ich daran, dass die Hirsche jetzt ihren Lebensraum mit einem weiteren Jäger teilen müssen. Hier, im Territorium der Wölfe, spielen die hitzigen Debatten draußen keine Rolle. Das mystische Tier begegnet uns in vielerlei Versionen: als Studienobjekt von Wissenschaftlern, Feind der Nutztierhalter, Natursymbol für Idealisten. All diese Bilder wurden vom Menschen erschaffen – sie sind Produkte unserer Interessen und Gedanken, unserer Erziehung und Überzeugungen. Welche Debatten auch geführt werden, Wölfe erobern den Raum, den sie bekommen können, und passen sich der neuen Umgebung an.

WÄHREND DER LETZTEN MONATE haben sich meine Spaziergänge durch die Veluwe verändert. Gebannt halte ich Ausschau nach grauen Schatten zwischen den Bäumen und suche nach Wolfsspuren. Das Wissen um den umherstreifenden Wolf, der seine Jungen ernährt und Hirsche, Rehe sowie Wildschweine jagt, verleiht meinen Streifzügen eine neue Dimension. Doch immer, wenn ich glaube, einen Wolf zu sehen, und vergeblich versuche, einen Blick auf das Tier zu erhaschen, fallen mir die Worte des Biologen Erwin van Maanen wieder ein: „Einen Wolf sollte man nicht sehen wollen. Er sieht dich.“ j Aus dem Niederländischen von Monika Althaus

Die Fotografin Marielle van Uitert bereiste für diese Geschichte mehr als ein Jahr lang ganz Europa. Die Journalistin Marijke Ottema schrieb mehrfach für NATIONAL GEOGRAPHIC, etwa über den Nutzen von Nahrungswäldern. Die redaktionelle Bearbeitung und Recherche in Deutschland übernahm der Journalist Stefan Wagner.