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Erdnussflips unter der Fettschürze


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Das Satiremagazin EULENSPIEGEL - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 27.01.2022

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Bildquelle: Das Satiremagazin EULENSPIEGEL, Ausgabe 2/2022

»Aber holla, fesch!«, ruft Kranführer Matze, der heute sein schönes magentafarbenes Kleid trägt, zu mir herunter. Ich, Bauleiter auf einer zeitgemäß divers besetzten Baustelle, winke ihm freundlich zu, doch erst daheim begreife ich.

»Trägst du wieder meine besten Ballerinas, Joseph?«, fragt mich Thekla entnervt.

»Ich weiß nicht«, erwidere ich wahrheitsgemäß, denn mein prüfender Blick bleibt an der Wölbung meines stattlichen Bauches hängen. Erst im Flurspiegel kann ich das kleine Malheur erkennen – wegen meines Vorbaus sehe ich oft nicht, wenn ich versehentlich (ich habe mädchenhaft kleine Füße) in Schuhe von Thekla schlüpfe.

»Was gibt’s zu essen?«, frage ich, um auf Wichtigeres zu fokussieren. »Vegane Leber mit Kartoffelbrei.«

Ich verdrehe die Augen, aber mein allzeit gesunder Appetit treibt’s rein. Da unsere Teller nach meinem Dafürhalten viel zu klein geraten sind, schaufle ich mir einen kolossalen ...

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... Berg Kartoffelbrei direktemang aufs Serviertablett. Vorerst gesättigt, erkundige ich mich bei Thekla, ob Geschlechtsverkehr als nächster Programmpunkt im Rahmen der Möglichkeiten läge.

»Meinetwegen«, antwortet sie. Nachdem sie ihn, auf mir sitzend, reingefriemelt hat, verweigert sie jedoch jeden weiteren körperlichen Einsatz, schaut stattdessen entgeistert in die Spiegel des Schlafzimmerschrankes. »Als würde eine Nixe auf einem harpunierten Walfisch sitzen«, stellt sie mit tonloser Stimme fest. Ich bin aufrichtig erbost. Ich will Thekla abschütteln, indem ich meine Massen in Schwingung versetze, und dabei kommt es ihr, immerhin. Sie revanchiert sich, indem sie mir dabei hilft, wieder aus dem Bett hochzukommen.

»Also Joseph«, ihre Gelenke knacken unter der Belastung, »ich will jetzt nicht sagen ›erbarmungswürdiger Fettwanst‹ oder dich daran erinnern, dass wir die Hochzeitsreise nach Nashville noch immer nicht machen konnten, weil wir gleich drei Sitzplätze im Flugzeug für dich buchen müssten, aber nimm unverzüglich ab, sonst ...«

»So lasse ich nicht mit mir umspringen, Madame!« Ich halte kurz inne, um wütend die matschig-schweißigen Erdnussflips zu verschlingen, die ich soeben unter meiner Fettschürze ertastet habe. »Das ist Bodyframing, was du da mit mir machst!«

»Es heißt Bodyshaming, du Puddingdampfer«, meint sie, »aber nun genug der Worte.«

Jawohl, genug der Worte, was folgt, sind Taten! Aus Trotz, Kränkung, Selbsthass und selbstverstä ndlich weil es mir so gut schmeckt, fresse ich jetzt erst recht; ich entreiße den Schulkindern auf der Straße gierig die Haribo-Schlümpfe, den Kollegen auf dem Bau die Stullen. Thekla wird bald sehnsüchtig zurückdenken an die segensreichen Tage, wo sie sich im Flur noch mit etwas Vaseline an mir vorbeiquetschen, wo sie mich anlässlich einer Kohabitation noch ohne den Klapptritt besteigen konnte. Sie entwickelt jetzt allerdings einen befremdlichen Humor. »Iss nur tüchtig, mein Gutester!«, sagt sie gebetsmühlenartig, und als ich die schon länger anvisierte 170-Kilo-Grenze meistere, gratuliert sie mir mit einer doppelstöckigen Cremetorte. Mit derartigen Herzinfarktbeschleunigern arbeitet sie offenbar auf meinen Exitus hin, weil sie spürt, dass etwas anderes bei mir nicht mehr zu bewirken ist, womit sie verdammt noch mal recht hat.

Natürlich ist nicht zu verhehlen, dass ein Body-Mass-Index von 75 auch Nachteile hat. Als ich einmal an Matzes Brote will, bleibe ich auf der Leiter im Kranturm stecken.

»Den gesamten Mistkran demontieren, aber gefälligst behutsam!«, brülle ich, meine Befugnisse eiskalt ausspielend, den angewidert heraufstarrenden Kollegen zu. Die daraus resultierende Abmahnung seitens meiner Vorgesetzten – die »ästhetische Zumutung« meines Anblicks würde angeblich den betrieblichen Frieden stören – hat keine arbeitsrechtliche Grundlage, doch es wird zusehends schwieriger, zur Arbeit zu gelangen. Ins Auto passe ich längst nicht mehr, Miet-E- Scooter zerbröseln unter mir wie Zwieback, und die U-Bahn-Fahrerin auf der U19 verweigert mir aus Angst um die Karosserie das Zusteigen – diese kranke Gesellschaft findet Genugtuung vor allem in der Ausgrenzung von Randgruppen.

Als nächstes bleibe ich dann beim Lebensmittelgroßhändler im Lastenaufzug stecken, im eigentlichen Wortsinn. Dem Katastrophenschutz gelingt es, mich nach Teilsprengung des Gebäudes zu bergen, doch nach vierzig Minuten ohne Nahrungszufuhr findet man mich beinahe leblos vor. Eilig fährt mich Matze, der seit neuestem für mich Chauffeurdienste leistet, mit dem Sattelkipper zur Rettungsstelle – eine unruhige Fahrt, da er mit seinen Pumps permanent von den Pedalen abrutscht, mit meinen Ballerinas wäre er besser beraten. Im Krankenhaus bestürmt mich der diensthabende Internist mit der Frage, ob mein Körper nach meinem »jederzeit zu erwartenden Ableben« zu Studienzwecken »zu gerechten Teilen« auf die Universitätskliniken der Länder verteilt werden könne.

»Was wäre die Alternative?«, erkundige ich mich schwer schnaufend.

»Das Einsetzen eines besonders strapazierfähigen Magenballons«, antwortet er sichtbar enttäuscht.

»Ich will aber einen bunten Luftba...«, stoße ich noch hervor, dann verliere ich vor Hungerpein das Bewusstsein.

Lächelnd gleite ich vom schmalen Brokat-Kanapee, um federnden Schrittes ins Bad zu eilen. »Willkommen in deinem neuen Leben, du attraktiver, schlanker Mann«, flüstere ich beglückt, als ich mich im Spiegel bewundere. Der Magenballon ist ein durchschlagender Erfolg, nach einer Mandarine oder einem Pfefferminzblättchen bin ich in der Regel pappsatt.

»Bist du wach, mein Adonis? Um elf geht der Flug«, höre ich Thekla aus dem Schlafzimmer flöten. Wir zwei sind wieder innig. Allerdings muss ich dieser Tage ob der Unmenge überschüssiger Haut, die nach der enormen Gewichtsreduktion an mir herabhängt, auf dem Kanapee nächtigen. Thekla hat im Bett zu meinem Leidwesen immer danach gegriffen, weil sie dachte, es sei die Decke. Erst in einem Vierteljahr wollen die Ärzte den Hautüberschuss absäbeln. Der kommt dann, wie man mir hinter vorgehaltener Hand verriet, bei den Discountern als Mortadella ins Kühlregal.

Um einiges später, kurz vor Landung auf dem Nashville International Airport – Nashville, Mekka der Country-Musik; wir lieben die schnarrende Stimme von Willie Nelson – kommt die Durchsage: »Liebe Cowgirls und Desperados, wie ich soeben erfuhr, verheeren aktuell sechzehn Tornados Tennessee. Für uns reine Routine, aber wir setzen nun etwas zügiger zur Landung an, um die Maschine schnellstmöglich am Boden vertäuen zu können. Good luck and God bless you all!« Hiernach geht der Pilot direkt in den Sturzflug über.

»Das wird ein herrlicher Urlaub!«, schreie ich in weiser Vorahnung im Tumult der panischen Mitreisenden zärtlich Thekla zu. Uns beiden steht die Vorfreude in die Gesichter geschrieben.

Unmittelbar nach der Landung im Löschteich des Flughafens ereilt uns, Thekla und ich haben gerade die verschmorte Gangway betreten, einer der tobenden Tornados. Er pulverisiert noch rasch pflichtschuldig den Passagierterminal, dann ist er brüllend über uns. Die wütende Windhose macht sich keine neuen Freunde, als sie Thekla den von Matze akkurat genähten, mit Strass- Colts besetzten Cowboyhut und mir mein peppiges Westernhemd mit den silberglänzenden Zier-nähten entreißt. Doch kaum biete ich dem widerlichen Wind den bloßen Oberkörper dar, entfaltet sich meine überschüssige Haut nach allen Seiten, worauf ich flugs, einem Gleithörnchen gleich, abhebe. Ich kann Thekla noch am Schlafittchen packen, da trägt uns der wüste Wirbel schon von dannen. Der sinistre Sturm – ich segle bald bewundernswert gewandt dahin, wobei Thekla sicher auf meinem Rücken reitet – zeigt uns dann unfreiwillig halb Amerika. Wir genießen die Ausblicke auf einzigartige Landschaften und Metropolen, und nur streckenweise wird es unkommod, wenn über dem Ländlichen die Großfamilien mit ihren Schnellfeuergewehren, ihr Recht auf Selbstverteidigung wahrnehmend, das Feuer auf die böse Bö eröffnen. Die Indianer in ihren Reservaten hingegen lassen die Pfeile in den Köchern und wünschen uns einen weiterhin guten Flug. Es ist ein unvergesslicher Moment, als wir nahe Manhattan in luftiger Höhe einen im Bau befindlichen Wolkenkratzer passieren, wo, auf einem Stahlträger sitzend aufgereiht, Mittagspause machende Arbeiter zu uns herübergrüßen. Als Mann vom Fach brülle ich den Männern sowohl Fachkundiges als auch Anerkennendes bezüglich ihrer bisherigen Arbeitsleistung zu. Später fliegen wir durch ein »Victoria’s Secret«-Geschäft, wo sich Thekla mit Reizwäsche eindeckt und ein paar todschicke Halterlose als Mitbringsel für Matze ergattert. Als uns dann tags darauf bei den Präsidentenköpfen am Mount Rushmore Willie Nelson mit im Wind flatternden Zöpfen lässig auf einem anderen Tornado entgegenreitet und im Vorbeifliegen Autogramme gibt, sind es die glücklichsten Momente unseres Lebens, und der wunderbare Wirbelwind, wir sind längst Freunde, brummt zustimmend, als wir ihn bitten, uns als nächstes nach Disneyland hinüberzutragen.

GREGOR OLM