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„Erfahrbare“ Erlebnisräume: Möglichkeiten und Grenzen sozialräumlicher Aneignung aus der Perspektive von Mädchen und jungen Frauen mit Lernschwierigkeiten


Gemeinsam leben - epaper ⋅ Ausgabe 3/2021 vom 02.07.2021

Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit individuellen Erlebnisweisen sowie lebensweltlichen Handlungsspielräumen und Grenzen für selbstbestimmte Mobilität und die subjektive Aneignung von informellen Bildungs- und Entwicklungsressourcen aus der Perspektive von Mädchen und jungen Frauen mit Lernschwierigkeiten. Besondere Aufmerksamkeit erhalten die lebensweltliche Verbindung von städtischen Erlebnisräumen mit dem Wohnen in der Peripherie sowie die Bedeutung von Mobilität für die Realisierung einer selbstbestimmten Gestaltung von Freizeitaktivitäten und sozialen Beziehungen.

Das zugrundeliegende Datenmaterial stammt aus der qualitativ-empirischen Studie „Lebenssituation und Teilhabe von Frauen und Mädchen mit Beeinträchtigungen in Marburg“, die im Rahmen einer Wissenschafts-Praxis-Kooperation der Evangelischen Hochschule Darmstadt mit dem Gleichberechtigungsreferat der Universitätsstadt Marburg ...

Artikelbild für den Artikel "„Erfahrbare“ Erlebnisräume: Möglichkeiten und Grenzen sozialräumlicher Aneignung aus der Perspektive von Mädchen und jungen Frauen mit Lernschwierigkeiten" aus der Ausgabe 3/2021 von Gemeinsam leben. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Gemeinsam leben, Ausgabe 3/2021

Abbildung 1: Anonymisiertenonymisierte Subjektive Landkarte zum Sozialraum von Gabriele, 18 Jahre alt. Aus dem Projekt ?Lebenssituation und Teilhabe von Frauen und Mädchen mit Beeinträchtigungen in Marburg?
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... im Zeitraum von Juli 2018 bis Dezember 2019 durchgeführt wurde. 1 Aus der Perspektive von Frauen und Mädchen mit Lernschwierigkeiten sowie von gehörlosen Frauen wurden alltägliche Erfahrungen von Teilhabe und Ausschluss im lokalen Lebensumfeld sowie Ansatzpunkte für die Entwicklung von gendersensiblen, inklusionsorientierten Maßnahmen zur Stärkung der Sichtbarkeit und Partizipation von Frauen und Mädchen mit Beeinträchtigungen in der Kommune untersucht. In gleichstellungspolitischer Hinsicht zielte das Projekt auf die Förderung einer geschlechtergerechten Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-BRK) sowie auf eine Verzahnung von kommunalen Prozessen des Gender- und Disability Mainstreamings ab. Methodischer Anspruch im Sinne der Stärkung von Partizipation und Empowerment war es, die Frauen und Mädchen in der Forschung direkt zu befragen und einzubeziehen. Der qualitativ-empirische Ansatz lehnte sich an die Reflexive Grounded Theory (Breuer 2009) an. Er umfasste die Erhebung und Auswertung von leitfadengestützten, teilnarrativen Einzelinterviews sowie von Gruppeninterviews, die in Verbindung mit der Erstellung von Subjektiven Landkarten (Deinet/Krisch 2009) erhoben wurden. Insgesamt nahmen 32 Personen an der Studie teil, darunter 13 Frauen im Alter von 30 bis 50 Jahren sowie 17 Mädchen/junge Frauen im Alter von 13 bis 18 Jahren, die in Marburg Förderschulen besuchen. Ergänzend wurden zwei Expert*inneninterviews im Kreis der Gehörlosennetzwerke geführt. Die Ergebnisse wurden in Handlungsempfehlungen für die kommunale Praxis überführt und u. a. in leicht verständlichem Format veröffentlicht (vgl. Gerner 2021, Gerner 2020, Gerner/Lauer/Zühlke 2020.

Gabriele: Da ist Mama. Interviewerin: Hier unten? Gabriele: Ja, da ist Mama. Interviewerin: Und besuchst du deine Mama?

Gabriele: Nein, weil es sehr weit weg ist.

Interviewerin: Aber da hast du geschrieben, mit Frau Rascher (Mitarbeiterin der Wohngruppe), fährt die dich dann zur Mama hin?

Gabriele: Mhm. (bejahend). Und das dauert drei Stunden.

Der Dialog zwischen Interviewerin und Gabriele bestätigt, dass die Mutter in Gabrieles Wahrnehmung sehr weit weg wohnt und Besuche nur selten stattfinden. Die Benennung der Mutter als „Mama“ wirkt gleichzeitig kindlich liebevoll. Interessant ist an dieser Stelle, dass sie die Frage nach Besuchen bei der Mutter verneint. Das könnte bedeuten, dass Besuche vielleicht eher in der Vergangenheit stattgefunden haben oder nicht (mehr) regelmäßig stattfinden. Die Abbildung der langen, verschlungenen Wegstrecke (blauer Pfeil) stellt so betrachtet sinnbildlich dar, inwiefern die dreistündige Entfernung von Gabriele möglicherweise als eine weite und besondere Reise erlebt wird. Diese kann jedoch nur dann stattfinden stattfinden, wenn eine Mitarbeiterin der Wohngruppe den Besuch mit ihr einplant und unternimmt. Ob die Mutter Gabriele in der Wohngruppe besucht, bleibt an dieser Stelle ungeklärt. Rechts neben dem Haus der Wohngruppe ist ein rotes Gesicht mit herausgestreckter Zunge und gekreuzten

Augen abgebildet. Dessen Bedeutung erklärt Gabriele mit dem Tod ihres Vaters: „Mein richtiger Papa“. Die nahe Platzierung zur Wohngruppe weist möglicherweise auf eine räumliche Nähe hin (ggf. zum Friedhof). Die durch den Eindruck eines Lächelns freundlichen Gesichtszüge oder auch die liebevolle Bezeichnung „Papa“ legen nahe, dass er zumindest präsent in Gabrieles Gedanken und Gefühlen ist. Die Benennung als „richtiger Papa“ lässt vermuten, dass es eine weitere Vaterfigur gibt, die jedoch keine Erwähnung findet.

Es lässt sich festhalten, dass familiäre Bindungen als Ressourcen in Gabrieles Lebenswelt zwar vorhanden, als gelebte Kontakte und Beziehungen für sie jedoch nur sehr eingeschränkt verfügbar sind. Umso bedeutsamer ist für sie die Wohngruppe als Lebensmittelpunkt, zu Hause und Ort der sozialen Zu- und Zusammengehörigkeit. An dieser Stelle rückt die Bedeutung der Peergroup in den Vordergrund. Gemeinsam mit anderen Bewohner*innen der Wohngruppe geht Gabriele einer Vielzahl von Aktivitäten nach: Reiten (Pferd Yaya), Schwimmen (Schwimmbad), Musizieren (Musikinstrument) und Singen (Chor). Viele dieser Freizeitaktivitäten sind in Marburg oder im Umland verortet. Sie finden in schulischen oder institutionellen Settings statt und werden durch Fahrdienste erreicht. Eine zentrale Rolle für die Mobilität im Sozialraum spielt an dieser Stelle der Bus der Wohngruppe. Auch in Gabrieles Bild erhält er eine beeindruckende Präsenz: Die Darstellung des Busses erinnert an eine Rakete oder ein Wohnmobil, das mit seinem leuchtend roten Feuerantrieb sogar über der Sonne zu fliegen scheint. Der zugeordnete Strich, der Wohngruppe und Bus verbindet, hat keine bestimmte Richtung; allerdings zeigt die Fahrtrichtung an, dass der Bus in einem weiten Bogen von ihr wegfährt. Mit dem Bus kann – das ist zu erkennen – ein großer Mobilitäts-Radius erschlossen werden. Die aus dem Auspuff schlagenden Flammen verdeutlichen zudem die Geschwindigkeit und Dynamik, die damit verbunden wird. Im Gruppeninterview wird die Bedeutung des Busses im Alltag der Mädchen und jungen Frauen ersichtlich: Er ist das Transportmittel zur Schule, zu Aktivitäten oder für Fahrten nach Marburg und sichert damit Bewegungs- und Handlungsfreiheit. Gleichzeitig repräsentiert er allerdings auch die Angewiesenheit der Schülerinnen auf die organisierten Fahrdienste der Schule und Wohngruppe. In den Gruppeninterviews entpuppt sich der Bus gleichzeitig als ein eigener, spezifischer und im Alltag der Mädchen und jungen Frauen sehr wichtiger Sozial- und Kontaktraum: Im Gespräch mit der Forscherin wird ausgiebig und genau verhandelt, welche Schüler*innen wann und wo in welcher Bus-Route zusteigen oder welche*r Fahrer*in sie wann wo genau hinfährt. Die Fahrer*innen sind bekannt und werden namentlich benannt. Sie sind vertraute Personen und geben Orientierung. Die Fahrdienste (sinnbildlich der Bus) stellen somit eine sehr zentrale Ressource dar, die Mobilität und die Umsetzbarkeit von Aktivitäten und sozialen Kontakten ermöglicht. Bei den alltäglichen Fahrten finden Begegnungen mit erwachsenen Bezugspersonen und Peers statt; gerade für Schülerinnen, die in der ländlichen Peripherie wohnen, stellen sie zudem die einzig verfügbare räumliche Verbindung zwischen entfernten Erlebnis- und Erfahrungsräumen her. Die Bedeutung von autonom zugänglichen Erfahrungsräumen für die Gestaltung von Peerkontakten zeigt sich auch in der Subjektiven Landkarte von Gabriele: Dort dargestellt ist das rot umrandete, blaue Herz mit der Beschriftung „Chris“. Vorgestellt wird Chris von ihr so: „Und da ist mein Freund“. Wie sich im Gespräch herausstellt, wohnt er nur wenige Häuser entfernt, so dass Gabriele ihn zu Fuß besuchen kann. Die räumliche Nähe ist durch den kurzen Pfeil erkennbar, der das Herz mit dem Haus der Wohngruppe verbindet. Im Gruppeninterview erzählt Gabriele, wie sie ihn kennengelernt hat:

Interviewerin: Und woher kennst du Chris? Gabriele: Weil als ich immer zum Rewe gegangen bin, da ist er immer mitgegangen.

Der kurze Interviewausschnitt gibt Hinweise auf die wichtige Bedeutung von alltags- und lebensweltnahen Erfahrungsund Erlebnisräumen, die unabhängig von institutionellen Strukturen und ohne Kontrolle durch Erwachsene soziale Begegnungen mit Peers und Erfahrungen von Autonomie und Handlungswirksamkeit eröffnen. Das gegenseitige Kennenlernen über den gemeinsamen Einkaufsbesuch zeigt gleichzeitig, dass Gelegenheiten und Handlungsspielräume für die autonome Aneignung des Sozialraums, sobald sie da sind, aktiv aufgegriffen und in eigensinniger Weise genutzt werden.

Zusammenfassende Betrachtung und Ausblick

Ausgehend von Subjektiven Landkarten und Gruppeninterviews wurden Ressourcen und subjektive Aneignungsprozesse, aber auch Hindernisse für Autonomie in lebensweltlichen Kontexten von Mädchen und jungen Frauen mit Lernschwierigkeiten skizziert. Am Beispiel der Verbindung von ländlichen und städtischen Erfahrungsräumen konnte die Gleichzeitigkeit von Ermöglichung und Abhängigkeit im Hinblick auf selbstbestimmte Mobilität und die Erschließung sozialräumlicher Ressourcen genauer in den Blick genommen werden.

Schutzräume und autonom „erfahrbare“ Möglichkeitsräume

Es wird deutlich, dass es in vielen Fällen gut gelingt, Mädchen und junge Frauen mit Lernschwierigkeiten mit Freizeit- und Bildungsangeboten im städtischen Raum zu erreichen. Wohngruppen, Schulen, Fahrdienste sowie institutionell und familiär gerahmten Freizeitorte stellen Schutzräume dar, die eine lebensweltnahe, vertraute Alltagsstruktur sicherstellen.

Im Hinblick auf einen Abbau der lebensweltlichen Separierung und die erweiterte Realisierung von Spontaneität, Freiheit und Autonomie als einer wichtigen Dimension des Heranwachsens zeigt sich gleichzeitig eine Diskrepanz zwischen den vergleichsweise geschlossenen, institutionell geprägten Alltagsstrukturen sowie den Wünschen und Bedürfnissen der Mädchen/ jungen Frauen, im Alltag freie Zeit mit Peers selbstbestimmt und auch außerhalb von institutionellen Settings verbringen zu können. Verstärkt in den Vordergrund rücken damit auch die Bedeutung der Zugänglichkeit von autonomen Sozialräumen und Gelegenheiten für non-formelle Bildungs- und Aneignungsprozesse, die den Mädchen/jungen Frauen Möglichkeiten bieten, sich auszuprobieren und eigene Interessen mit Altersgenoss*innen teilen zu können, ohne bevormundet oder viktimisiert zu werden. Schulen, Einrichtungen, Fachkräfte und Eltern sind hier gefordert, Alltagsroutinen im Spannungsfeld von Autonomie und Schutz kritisch zu reflektieren und Mädchen hinsichtlich einer Erweiterung der eigenen Handlungs- und Bewegungsspielräume zu stärken und zu ermuntern. Eine wichtige Voraussetzung ist an dieser Stelle auch das Vertrauen und die Sensibilisierung von Eltern – sowohl in Bezug auf die Fähigkeiten ihrer Töchter als auch auf die Qualität und Vertrauenswürdigkeit von Angeboten, öffentlichen bzw. halböffentlichen Sozialräumen und Veranstaltungen. Planungsverantwortliche und Jugendförderungen in Kommunen sind gefordert, jugend- und gleichstellungspolitisch ausgerichtete Entwicklungsprozesse auf lokaler Ebene konsequent inklusiv und teilhabeorientiert zu denken. Ein Ausgangspunkt kann an dieser Stelle die Frage danach sein, wie sich die Erlebnisqualität und Zugänglichkeit von jugendrelevanten Orten und Sozialräumen im „Erlebnisraum Stadt“ für Jugendliche jeglichen Geschlechts (auch unterschiedlich) darstellt und welche spezifischen Teilhabe-Voraussetzungen, Barrieren und sozialen Alltagserfahrungen (unter Berücksichtigung von Vielfalt) hierbei zum Tragen kommen. Hinsichtlich einer selbstbestimmten Zugänglichkeit von attraktiven Freizeitorten und Sozialräumen für Heranwachsende von zentraler Bedeutung ist außerdem – dies zeigen die Subjektiven Landkarten aus dem hier vorgestellten Projekt – die eigene Bewegungsmöglichkeit und räumliche Mobilität. Die Fahrdienste der Wohngruppen, Eltern oder Schulen können von den Schüler*innen als ein wichtiges Bindeglied zwischen ländlichem und städtischem Raum genutzt werden. Sie ermöglichen Teilhabe durch die Verbindung von alltagsrelevanten Orten, Erlebnisräumen und sozialen Kontakten. Räumliche Distanzen können auf diese Weise überwunden und die eigenen Bildungs- und Erfahrungsräume in einem vertrauten und geschützten Rahmen wahrgenommen werden. Als Kehrseite müssen Mobilität und Aktivitäten institutionellen und familiären Routinen angepasst werden, wodurch die Umsetzung einer stärker selbstbestimmten Alltagsgestaltung sowie die Ausbildung und Einübung dahingehender Handlungsressourcen erschwert werden kann. Die mit den Fahrdiensten verbundene Vertrautheit, Verlässlichkeit, Orientierung und Sicherheit steht in einem diametralen Gegensatz gegenüber der Komplexität, Fehleranfälligkeit und Anonymität des öffentlichen Nahverkehrs, der eigene Wissensbestände, Handlungsroutinen, Orientierungsfähigkeiten und Selbstvertrauen voraussetzt. Am Beispiel der geschützten Mobilität zeigt sich an dieser Stelle daher in zugespitzter Weise die Ambivalenz und Diskrepanz zwischen dem Anspruch Autonomie und Teilhabe zu stärken, gleichzeitig jedoch auch Dynamiken der Fremdbestimmung und Abhängigkeit fortzuschreiben. Die Stärkung von Partizipation, Selbstbestimmung und Teilhabe erfordert auch an dieser Stelle eine konsequente Ausrichtung an Empowerment und Ermöglichung. Gleichzeitig sind grundlegende Überlegungen notwendig, wie geschlossene Alltagsstrukturen im Aufwachsen von Schüler*innen mit Beeinträchtigungen aufgebrochen werden kön- nen. Am Beispiel der Mobilität kommen gleichzeitig strukturelle Voraussetzungen und gesellschaftliche Aufgaben von Inklusion in den Blick: Wie können selbstbestimmte Mobilität in der Stadt sowie eine selbstbestimmte Anbindung der ländlichen Peripherie durch eine entsprechenden Ausgestaltung des ÖPNV gestärkt und so auch für junge Menschen mit Beeinträchtigungen Wahlmöglichkeiten geschaffen werden? Hier zeigt sich politischer Handlungsbedarf, Übergänge und Verbindungen inklusiver ländlicher und städtischer Erfahrungsräumen zu gestalten, ohne zu separieren.

Anmerkung

1 Die Finanzierung erfolgte durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst, die Universitätsstadt Marburg und das Service- Center Forschung der Evangelischen Hochschule Darmstadt.

Literatur

Behnken, Imbke/Zinnecker, Jürgen (2013): Narrative Landkarten. Ein Verfahren zur Rekonstruktion aktueller und biographisch erinnerter Lebensräume. In: Friebertshäuser, Barbara/ Langer, Antje/Prengel, Annedore (Hrsg.): Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Weinheim/Basel: Beltz Juventa. 4. Aufl., S. 547-562.

Breuer, Franz (2009): Reflexive Grounded Theory. Eine Einführung für die Forschungspraxis. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Deinet, Ulrich/Krisch, Richard (2009): Subjektive

Landkarten. In: sozialraum.de, Jahrgang, 1.

URL: http://www.sozialraum.de/subjektivelandkarten.php [Zugriff: 30.02.2021]

Deinet, Ulrich (2006): Aneignung und Raum – sozialräumliche Orientierungen von Kindern und Jugendlichen. In: Deinet, Ulrich u. a. (Hrsg.): Neue Perspektiven in der Sozialraumorientierung. Dimensionen – Planung – Gestaltung. S. 44-63.

Gerner, Susanne (2021): Subjektive Landkarten. Forschungszugänge zu Lebenssituationen von Mädchen und jungen Frauen mit Lernschwierigkeiten in Marburg. In: Betrifft Mädchen Heft 02/2021, S. 82-87.

Gerner, Susanne (2020): Bericht und Handlungsempfehlungen „Lebenssituation und Teilhabe von Frauen und Mädchen mit Beeinträchtigungen in Marburg“ URL: https:// www.marburg.de/portal/meldungen/projekt-lebenssituation-und-teilhabe-von-frauen-und-maedchen-mit-beeintraechtigungen-inmarburg--900006930-23001.html [Zugriff 05.02.2021]

Gerner, Susanne/Lauer, Mandy/Zühlke, Johanna (2020): Wie ist Dein Leben in und um Marburg? Teilhabe von Frauen und Mädchen – ein Forschungsbericht. Marburg: Büchner-Verlag.

Kessl, Fabian/Reutlinger, Christian (2007): Sozialraum. Eine Einführung. Wiesbaden: VS Verlag.

Spatschek, Christian/Wolf-Ostermann, Karin (2016): Sozialraumanalysen. Opladen/Toronto: Barbara Budrich.

Prof. Dr. Susanne Gerner Evangelische Hochschule Darmstadt University of Applied Sciences Studienstandort Schwalmstadt-Treysa Elisabeth-Seitz-Str. 9 34613 Schwalmstadt-Treysa E-Mail: susanne.gerner@eh-darmstadt.de

Johanna Zühlke, Soziale Arbeit M.A. E-Mail: JohannaZuehlke@web.de