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Erfahrungswissen aus 2000 Jahren


ÖKO-TEST Spezial Gesund & Fit - epaper ⋅ Ausgabe 3/2009 vom 03.04.2009

Auch in der Medizin schreitet die Globalisierung voran. Therapien aus anderen Kulturkreisen werden immer beliebter. Das gilt besonders für die Akupunktur. Der Exportschlager aus dem Reich der Mitte kann vor allem Schmerzen nachhaltig bekämpfen. Die Wirkmechanismen sind jedoch noch ungeklärt.


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Foto: creatas

Eigentlich wollte derNew-York-Times -Reporter James Reston im Sommer 1971 über die Reise der USTisch tennismannschaft nach China berichten. Doch der Journalist erlitt einen Blinddarmdurchbruch, statt Ping-Pong-Diplomatie stand eine sofortige Operation im Anti-Imperialistischen Krankenhaus in Peking an ...

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Eigentlich wollte derNew-York-Times -Reporter James Reston im Sommer 1971 über die Reise der USTisch tennismannschaft nach China berichten. Doch der Journalist erlitt einen Blinddarmdurchbruch, statt Ping-Pong-Diplomatie stand eine sofortige Operation im Anti-Imperialistischen Krankenhaus in Peking an – und darüber berichtete Reston auch im Juli 1971 in seiner Zeitung. Es sei etwas absurd, eine Todesanzeige für den eigenen Blinddarm zu veröffentlichen, räumte der Reporter ein. Aber es ging ihm ja auch nicht um seinen entzündeten Wurmfortsatz, sondern um die Akupunktur, die nach der OP beeindruckende schmerzstillende Wirkung gezeigt hatte. Der Artikel über Restons Behandlung und die Rolle der Akupunktur elektrisierte die Leser – und offensichtlich auch den Leibarzt des damaligen US-Präsidenten Richard Nixon. Als Nixon 1972 China besuchte, beobachtete sein Arzt einige Operationen mit Akupunkturbetäubung und berichtete ebenfalls darüber. Damit hatte die fernöstliche Schmerzbehandlung den Durchbruch auch im Westen geschafft.

Scharlatane und Quacksalber?

Seit damals hat sich viel getan. Heute gehört die Akupunktur auch hierzulande zu den beliebtesten Verfahren innerhalb der Komplementärmedizin. Jeder zwölfte Bundesbürger findet im Laufe eines Jahres den Weg zum Akupunkteur. Jeder Vierte hat schon irgendwann einmal Erfahrungen mit den Nadeln gesammelt. Und bei keiner alternativen Heilweise ist die Wirkung so gut belegt wie bei Akupunktur. Naturwissenschaftlich lässt sich der Erfolg der Methode allerdings nur schwer erklären. Da werden Nadeln in Punkte gestochen, die auf Energieleitbahnen liegen, um so die Lebensenergie in bestimmten Organen zu harmonisieren. Die Theorie klingt esoterisch bis abstrus und hat dazu geführt, dass die Akupunktur bis heute von vielen Schulmedizinern als unwissenschaftlich abgetan wird.

Der Bremer Ärztefunktionär Till Spiro bezeichnete die Akupunktur imDeutschen Ärzteblatt als „Jahrtausende altes mystisch-magischen Verfahren“ und ord nete sie den „okkulten Methoden“ zu, die den „transzendenten Bedürfnissen größerer Bevölkerungsanteile“ Rechnung tragen. In der darauf anhebenden Leserbriefschlacht eilte ein emeritierter Professor dem Vorsitzenden der Bremer Kassenärzte zu Hilfe: „Man muss be fürchten, dass der Hinweis auf Jahrtausende alte Praktiken und auf fernöstliche Weisheit genügt, um Akzeptanz zu finden. Selten nur findet man Mediziner, die es wagen, Scharlatane auch wirklich Scharlatane und Quacksalber auch wirklich Quacksalber zu nennen.“

Inzwischen haben die Akupunkteure aber quasi amtlich bestätigt bekommen, dass ihre Behandlung wirkt. In den Jahren 2001 bis 2006 haben sich fast alle deutschen Krankenkassen an einer von drei großen Akupunkturstudien beteiligt, die zeigten, dass die Nadelung bei chronischen Schmerzen im Kopf, Kreuz oder Knie der schulmedizinischen Behandlung gleichwertig, oft auch überlegen ist. Und während Schmerzmittel nur kurzfristig für Linderung sorgen, hielt der Effekt bei Akupunkturbehandlungen oft noch sechs Monate nach der Behandlung an. Die Ergebnisse der Studien waren so beeindruckend, dass die gesetzlichen Krankenkassen seither Akupunkturbehandlungen zumindest bei chronischen Kreuz- und Knieschmerzen zahlen. Der gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten und Krankenkassen hat für diese beiden Krankheiten die Kostenerstattung genehmigt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) listet rund 50 Erkrankungen auf, bei denen Akupunktur sinnvoll sei. Neben vielen Schmerzarten gehören dazu auch Beschwerden wie Mandelentzündung, Bindehautreizung oder Verdauungsstörungen.

Piekfeine Sache: Studien belegen, dass Akupunktur viele Beschwerden wirksam lindert. Akupunkturpunkte werden dabei entweder genadelt oder per Laser stimuliert.


Foto: irisblende.de

Yin und Yang

Was für westliche Ohren ungewohnt klingt, beruht in China auf dem Erfahrungswissen von mehr als zweitausend Jahren und ist als Teil der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) in eine ganzheitliche Philosophie eingebunden. Im Mittelpunkt der TCM steht die Vorstellung vom Qi – sprich: tschi –, der Energie, die alles Lebendige durchdringt. Sie fließt auch als Lebenskraft auf Energiebahnen, den Meridianen, durch den Körper. Dabei kann man sich die Meridiane durchaus als System von Kanälen, Seen und Flüssen vorstellen, die die Landschaft des Körpers durchziehen und jeden Teil mit dem notwendigen Wasser versorgen. Das Qi steuert auch die Funktionen innerer Organe wie Verdauung, Immunabwehr oder Muskelbewegungen. Die einzelnen Meridiane stehen mit bestimmten Organen oder Körperfunktionen in Verbindung und sind zugleich den beiden polaren Kräften Yin und Yang zugeordnet. Diese gegensätzlichen Prinzipien wirken in allen Erscheinungen des Lebens und ergänzen sich wie zwei Seiten einer Medaille. Medizinisch steht Yin unter anderem für Blässe, chronische Beschwerden, Schläfrigkeit und Kälte. Yang dagegen drückt sich in Röte, akuten Beschwerden, Schlaflosigkeit und Hitze aus. Ist man gesund, sind Yin und Yang im Gleichgewicht, die Lebensenergie fließt in Harmonie und der Körper funktioniert einwandfrei. Krankheiten sind im Weltbild der TCM eine Störung im Fließen der Lebensenergie Qi, wobei die Balance zwischen Yin und Yang eine entscheidende Rolle spielt. Als tiefere Ursache der Krankheiten gelten meist Störungen bestimmter Organe. „Aufsteigendes Leber-Feuer“ kann chronische Kopfschmerzen verursachen, ein schwaches Nieren-Yang macht depressiv. Ausgelöst werden die Beschwerden dann von krankmachenden Faktoren wie Wind, Hitze, Kälte oder Feuchtigkeit. In manchen Fällen, etwa bei Zugluft oder Hitzschlag, entspricht das tatsächlich äußeren Faktoren, oft ist es jedoch bildlich zu verstehen.

Wenn die Emotionen hochkochen

Auch emotionale Faktoren wie Wut, Trauer oder Sorgen können die Lebensenergie stören und somit krank machen. Das gilt vor allem dann, wenn diese Gefühle plötzlich und intensiv auftreten oder aber verdrängt werden. Im System der TCM schwächt Angst die Niere, in der die Lebensenergie wohnt. Der Patient verliert an Lebensmut. Traurigkeit wiederum dämpft die Lungenenergie. Die ist für das Immunsystem zuständig, das tatsächlich durch depressive Stimmungen geschwächt wird. Wut und Zorn stören das Gleichgewicht der Leber. Das Ergebnis ist meist ein Zuviel an Blut und Qi in der Brust und im Kopf. Der läuft bei Zornanfällen rot an, die Augen quellen heraus, man könnte platzen vor Wut. Die Beispiele zeigen, dass die Zusammenhänge zwischen seelischer Befindlichkeit und körperlichen Symptomen in der TCM sehr genau beobachtet werden. So ist es auch ein selbstverständlicher Bestandteil der TCM-Diagnose, die Gefühle eines Patienten zu erfragen. Die westliche Schulmedizin hat diese Wechselbeziehungen zwischen seelischen und körperlichen Vorgängen in den vergangenen Jahrzehnten als Psychosomatik wieder entdeckt.

Durch eine ausführliche Betrachtung von Puls und Zunge des Patienten sowie eine Einordnung aller Symptome in ein System verschiedener Konstitutionstypen stellt der TCM-Arzt fest, um welche Art von Störung es sich genau handelt. Er wählt dann für jeden Patienten individuell aus, welche Akupunkturpunkte er nadelt. In einer Sitzung werden jeweils fünf bis 20 verschiedene Punkte gestochen, die bestimmte Eigenschaften haben. Manche wirken schmerzstillend, andere beruhigend oder aktivierend. Die Kombination der Stiche soll Fülle dämpfen, Schwäche anregen, Blockaden lö sen und so das harmonische Fließen des Qi fördern. Anders formuliert: Mit den Nadelstichen wird dem Körper Energie zugeführt oder abgezogen und damit der gestörte Energiefluss wieder harmonisiert. Neben der Akupunktur setzen die TCM-Mediziner oft auch Heilkräuter, Massagen, Bewegungstherapie und Ernährungsberatung ein. Denn der Mensch wird als Ganzes gesehen und entsprechend behandelt.

Körperlandschaft: Die Akupunkturpunkte liegen auf Meridianen, die mit Organen und Körperfunktionen in Verbindung stehen.


Akupunktur aus der Sicht der Naturwissenschaft

Dass die Nadeln wirken, haben viele Studien gezeigt. Warum dies so ist, da rüber streiten jedoch westliche Mediziner. Seit einigen Jahren versuchen Forscher deshalb, die Wirkweise naturwissenschaftlich zu entschlüsseln. Tatsächlich lässt sich zumindest ein Teil der schmerzstillenden Wirkung der Akupunktur schul medizinisch erklären. Zum einen aktivieren Nadelstiche die körpereigene Schmerzabwehr und sorgen für die Ausschüttung schmerzhemmender körpereigener Endorphine. Außerdem konnten Wissenschaftler nachweisen, dass Akupunktieren die Ak tivität verschiedener Gehirnregionen steigert, den Zuckerstoffwechsel im Gehirn oder die Produktion bestimmter Botenstoffe im Blut be einflusst. Warum konkrete Akupunkturpunkte einen solchen Einfluss auf den Körper haben können, dafür hat der Medizinprofessor Hartmut Heine von der Universität Witten-Herdecke bereits 1988 eine mögliche Erklärung gefunden: Es gibt unter der Haut zahlreiche millimetergroße Öffnungen, durch die Bündel von Nerven und Gefäßen aus dem Körperinneren in die Haut hineinreichen – vergleichbar mit einem Kanalsystem, das an einigen Stellen mit Gullys an die Straßenoberfläche kommt. Heine glaubte, dass es sich bei den meisten Akupunkturpunkten der TCM um solche Öffnungen unter der Haut handelt, die demnach eine direkte Verbindung ins Körperinnere ermöglichen.

Egal, wohin man sticht?

Für Irritation sorgt allerdings ein weiterer Befund der Krankenkassenstudien: In vielen Fällen spielte es für den Erfolg der Methode nämlich überhaupt keine Rolle, ob die Nadeln an den besonderen Akupunkturpunkten, sogenannten Verum-Punkten, oder an irgendeiner beliebigen Stelle in den Körper gestochen wurden. Ist es also am Ende völlig egal, wohin man sticht? „Es gibt über 100 kontrollierte Studien zur Akupunktur, die zu signifikanten Unterschieden zwischen Verum- und Schein-Akupunktur kommen“, meint Gabriel Stux, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Akupunktur. Dass auch das Nadeln falscher Punkte manchmal wirkt, erklärt er damit, dass jeder Stich ein Signal auslöst, das die körpereigene Schmerzabwehr aktiviert und für die Ausschüttung von Endorphinen sorgt. „Hinzu kommt, dass die Patienten auch bei einer Nadelung falscher Punkte eine halbe Stunde ruhig liegen, sich entspannen und auf ihren Körper konzentrieren. Das entfaltet ebenfalls eine heilende Wirkung“, argumentiert der Akupunkturexperte. Doch auch wenn das Nadeln an falscher Stelle positive Effekte habe, glaubt Stux, deutlich wirksamer sei dennoch eine traditionelle chinesische Akupunktur nach allen Regeln der Kunst. Andere Wissenschaftler sind da skeptisch. „Wir haben relativ gute Studien, die zeigen, dass die Methode vermutlich nicht oder nur teilweise über die Mechanismen funktioniert, die ihre Anwender befürworten“, sagt Dr. Klaus Linde, der sich am Zentrum für naturheilkundliche Forschung der Technischen Universität München seit Jahren mit der Komplementärmedizin befasst. Dennoch nimmt auch Linde an, dass die Nadeln bei bestimmten Beschwerden wirken: „Für die Akupunktur ist recht gut belegt, dass sie zumindest bei Schmerzen gewisse Erfolge hat. Ich glaube nicht, dass man diese Effekte mit einer Placebo-Pille erreichen kann.“

Das Beste aus zwei Welten

Trotz unklarer Wirkmechanismen ist Akupunktur in Deutschland zunehmend gefragt und gehört in vielen Schmerzambulanzen zum Handwerkszeug der Ärzte. Eine solide TCM-Ausbildung, die in China so lange dauert wie bei uns ein Medizinstudium, haben hierzulande jedoch nur wenige Mediziner absolviert. Rund 50.000 Ärzte und Heilpraktiker können zumindest Basiskurse im Nadeln vorwei sen, etwa ein Drittel von ihnen praktiziert regelmäßig. Daneben haben rund ein Dutzend Kliniken die TCM in ihren Behandlungsalltag integriert. Auch an mehreren Universitäten wird deren Wirkung erforscht. Dabei gilt der Exportschlager aus China nicht als Gegensatz, sondern als Ergänzung zur westlichen Medizin. Professor Gustav Dobos vom Lehrstuhl für Naturheilkunde der Uniklinik Duisburg-Essen sagt: „Wir wollen den Patienten das Beste aus zwei Welten bieten.“ Auch andere TCM-Verfahren werden immer beliebter: Qigong-Kurse ge hören zum Standardangebot der Volkshochschulen, selbst die chinesische Ernährungslehre hat Eingang in deutsche Küchen gefunden. Das erste Fünf-Elemente-Kochbuch, das Lebensmittel in das System der TCM einordnet, erscheint in der 26. Auflage und hat ein Dutzend Nachahmer gefunden. Seither gibt es zahlreiche Köche, die nicht mehr Kalorien zählen, sondern darauf achten, dass die Holz- und Metallanteile im Essen ausgewogen sind.

Made in China: Entspannungstechniken der Traditionellen Chinesischen Medizin wie etwa Qigong haben hierzulande mittlerweile Einzug in den Alltag gehalten.