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Erfolgsmodell Leisetreten oder: Das Geheimnis einer glücklichen Ehe


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Das Satiremagazin EULENSPIEGEL - epaper ⋅ Ausgabe 11/2022 vom 27.10.2022

Ich bin zum Glück ein stiller Mensch. Im rechten Moment die Klappe zu halten, das hat mir hinweggeholfen über 40 Jahre Diktatur und 40 Jahre Ehe (was nicht immer identisch war), und auch jetzt in der großen Freiheit fahre ich gut damit.

Das Maulfaule liegt bei uns in der Familie. Der schwerste Fall ist mein Vetter Bernd. (Früher nannte ich ihn »Cousin«, aber bei seinem heutigen Gewicht sage ich lieber »Vetter« zu ihm.) Schon als Schulkind musste Bernd mit ärztlichem Attest von mündlichen Prüfungen befreit werden, weil er vor Aufregung keinen vernünftigen Satz herausbrachte; und später bei Frauen war es – ohne Attest! – noch schlimmer. Er ist Single geblieben, bis heute.

Aus ihm ist leider nicht viel geworden, auch das scheint in unserer Familie genetisch angelegt zu sein. Dabei kann Bernd intellektuell durchaus mithalten, ist mir geistig vielleicht sogar ebenbürtig, nur gelingt es ihm noch weniger ...

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... als mir, seinen inneren Reichtum nach außen zu vermitteln. Sein ganzes Berufsleben verbrachte er als Rechner (analog) in Buchhaltungen, und keine Klausel in seinem Arbeitsvertrag gefiel ihm besser als die über die Schweigepflicht.

Noch heute schiebt er, um überflüssiges Gerede zu vermeiden, in »Uschi’s Einkaufsquelle«, unserem Tante-Uschi-Laden, wortlos seinen Wunschzettel über den Tresen. Dort weiß man Bescheid und packt ihm, genauso stumm, seine Siebensachen in den betagten Dederonbeutel. Nur die Schlussformel stört die wunderbare Stille: »Macht achtzweiundsiebzig!«

Im Vergleich zu Bernd hab ich Schwein gehabt. Gleich nach der Schule hatte ich die Weichen richtig gestellt: Wegen meiner ebenso starken Abneigung gegen das gesprochene Wort bin ich gleich unter die Schreiber gegangen und Redakteur geworden. Bis zur Pensionierung war ich in unserem Heimatblatt zuständig für Rätsel, Schach und das Fernsehprogramm. Eine schöne Aufgabe. Und verantwortungsvoll! Was glauben Sie, was los war, wenn sich ins Rätsel ein Fehler eingeschlichen hatte!

Mein Plus gegenüber Bernd: Ich entdeckte früh, wie wertvoll meine Redehemmung war. Viele Mädchen, stellte ich fest, interessierten sich gar nicht so sehr für die forschen Großfressen, sondern eher für die schüchternen Typen. Eine Traumrolle für mich! Im Schweigen war ich unerreicht. Selbst in geselliger Runde blieb ich stumm; nur manchmal habe ich – wenn es das gibt – ironisch gelächelt, um anzuzeigen, dass ich noch am Leben und irgendwie auch am Gespräch beteiligt war.

Das muss geheimnisvoll gewirkt haben, vielleicht sogar magisch, jedenfalls konnte ich mich über Kontakte zu jungen Damen nicht beklagen. Obwohl ich nie den ersten Schritt gegangen bin! Natürlich nicht. Vermutlich glaubten die Mädels, hinter dem Verklemmten würde sich ihnen etwas ganz Wunderbares offenbaren, wenn sie erst mal die Klemme lösten. Na ja, Schwamm drüber.

Nein, ich war kein Jäger, habe nie um eine Frau gekämpft, sondern in Ruhe abgewartet, wer übrigblieb. Das waren die Dankbaren. Bei denen musste ich nicht viel reden. Es reichte völlig, große Augen zu machen und ihnen warm in dieselben zu gucken. Das ist intellektuell unaufwendig und kommt immer gut an. Männliches Schweigen muss was Tolles für eine Frau sein, sie denkt dann, man hört ihr zu. Im Grunde interessierte mich aber nur eins: was sie mit mir vorhatte. Und siehe da, über kurz oder lang war es genau das, was ich auch wollte.

Heute, in Rentnerkreisen, zieht diese Nummer nicht mehr, schon gar nicht bei meiner Angetrauten. Was Charlotte einst romantisch fand, bringt sie heute in Wallung.

»Mein Gott, nun sag doch endlich mal was!«, entfuhr es ihr kürzlich, unbeherrscht, wie sie ist.

»Mein Gott« ist erst mal eine akzeptable Anrede, dachte ich, den Rest aber wies ich zurück: »Was soll ich denn sagen, um Himmels willen?«

»Na, irgendwas musst du doch denken.« »Ich? Was soll ich denn denken?« Charlotte geriet in Fahrt: Ich säße da wie ein fetter Buddha, ohne Regung, und würde blöd ins Leere stieren. Demnächst werde sie zu meinen Füßen brennende Kerzen aufstellen und sich jede volle Stunde ehrfurchtsvoll vor Buddha verneigen. Also vor mir.

Keine schlechte Idee, aber ich glaube, sie meinte es nicht ernst. Wäre sie zum Buddhismus konvertiert, hätte ich bestimmt davon gehört.

Ich weiß nicht, warum der weibliche Teil der Menschheit so zum Auftrumpfen neigt. Wo ist die Dankbarkeit geblieben? Ich hab’ immer gedacht, mit dem Alter käme die Abgeklärtheit, da stellten sich Nachsicht und Güte von allein ein. Pustekuchen.

Ich dagegen bin noch nie in den Verdacht geraten, ein Rechthaber zu sein. Wenn zwei sich streiten, irrt einer. Und das bin gerne ich. Ohne langes Hin und Her nehme ich die Schuld auf mich. Man hat weniger Stress. Bei drohendem Konflikt sofort die eigene Meinung zurückziehen – anders kann ich mir einen ruhigen Lebensabend mit Charlotte gar nicht vorstellen. Und die Stille des Hauses bedeutet mir viel.

Wenn mein Freund Schorsch einen intus hat, nennt er mich manchmal einen Leisetreter. Wahrscheinlich aus Neid. Nachzugeben – im klaren Bewusstsein, es besser zu wissen – empfindet er als Schmach. Es ist aber keine Schwäche, wie er meint, sondern Charakterstärke. Klein beizugeben zeugt von Größe. Was juckt es Jupiter, wenn ein Ochse recht haben will, sagten schon die alten Römer. Jupiter sollte nur innerlich nicht wackeln. Im Stillen muss ich unerschütterlich zu meiner Meinung stehen, die Selbstachtung darf durch das taktische Einlenken keinen Schaden nehmen.

Ich bin nun mal keine Führungsfigur wie Schorsch, der eine lange Karriere als Leiterpersönlichkeit hinter sich hat. Zu Hause hätte meine Frau das auch nie geduldet! Wie sich letztens wieder zeigte, als wir Freizeitbekleidung für mich suchten (Freizeit ist ja jetzt den ganzen Tag). Vor den Ohren der Verkäuferin herrschte sie mich plötzlich an, ich solle mich, bitte schön, zu dem Angebot äußern und nicht so pfeifig danebenstehen, als ginge mich das alles nichts an. Prompt entwickelte sich, was ich vermeiden wollte: ein Disput über Jogginghosen. Während ich eine grüne mit zwei Streifen favorisierte, sie war schön billig, konnte sich Charlotte angesichts einer schwarzen Markenhose mit den berühmten drei Streifen gar nicht fassen. »Très chic, très chic«, stöhnte sie, als wären wir in Paris auf der Prèt-à-porter-Modenschau.

Ich war mir vollkommen sicher, dass die grüne Hose viel besser zu dem braunen Cordsamt-Sofa passen würde, auf dem ich gewöhnlich meine Tage verbringe. Aber genauso klar war mir, dass meine Frau in Geschmacksfragen nicht mit sich reden lässt.

Es sieht, finde ich, ein bisschen assimäßig aus, wie ich seitdem rumlaufe. Aber bitte, damit muss sie nun leben!

Manchmal beneide ich jetzt meinen Vetter Bernd. Sogar unserer Uschi von der »Einkaufsquelle« ist aufgefallen, welchen Wert er auf seine Kleidung legt. »Ihr Cousin«, sagte sie neulich anerkennend (und es war wohl nicht als Spitze gegen mich gemeint), »sieht wirklich zu jeder Tageszeit tipptopp aus. Ein feiner Mann.«

Kunststück, er hat ja auch niemanden, der ihn modisch berät.

Leicht gekürzt aus: Jürgen Nowak: »Hey, Alter!«