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Erfüllter leben


Psychologie Heute - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 11.08.2021

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Bildquelle: Psychologie Heute, Ausgabe 9/2021

Der eine genießt sein stabiles Familienleben, gutes Essen und das Rumtoben mit den Kindern. Die andere geht ganz in ihrer zwar schmutzigen und anstrengenden, aber auch sehr befriedigenden Tätigkeit mit Tieren auf. Eine Dritte kann sich nichts Schöneres vorstellen, als spontane Reisen in unbekannte Gegenden zu unternehmen, wo sie manchmal freudvolle, manchmal beängstigende, aber immer spannende Dinge erlebt. Ein Vierter schließlich freut sich, dass er nicht mehr ständig nach Höchstleistungen streben muss, weil er sich endlich als gut genug akzeptieren kann.

Vier Menschen, die ganz unterschiedlich leben – und dennoch sagen alle vier, dass sie sich erfüllt fühlen. Was ist ein gutes Leben? Dies ist wohl eine der wichtigsten Fragen, die man sich stellen kann. Im Alltag sind wir oft zu beschäftigt, um darüber nachzudenken, aber es gibt Momente im Leben, in denen diese Frage wie von allein an die Oberf ...

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... läche kommt: der Auszug der Kinder, wodurch man plötzlich viel Freiraum hat; ein Burnout, der das bisherige Leben unmöglich macht; ein runder Geburtstag, der anzeigt, wie schnell die Jahre voranschreiten.

Auch jetzt, nachdem eine Pandemie eingespielte Routinen völlig auf den Kopf gestellt und uns mit Isolation, Verlust, wirtschaftlicher Not und anderen Herausforderungen konfrontiert hat, mag ein guter Zeitpunkt sein, grundsätzlicher nachzudenken. Wie stelle ich mir mein Leben „nach Corona“ vor? Soll es einfach wieder so werden wie zuvor? Oder habe ich schon vorher eine gewisse Leere und Unzu- friedenheit verspürt? Was fehlt, damit ich mehr Erfüllung finde?

In Psychologie und Philosophie wird die Frage nach dem guten Leben seit langem und immer wieder neu gestellt, von Aristoteles über Sigmund Freud bis zu den modernen Glücksforscherinnen. Die Antworten sind vielfältig, manchmal widersprüchlich. So wie Menschen in sehr verschiedenen Häusern gut wohnen können, kann ein erfülltes Leben ganz unterschiedlich aussehen. Wem was gefällt, ist auch eine Frage der Persönlichkeit (siehe Seite 20). Mindestens vier Entwürfe eines guten Lebens hat die Forschung ausgemacht: das glückliche Leben, das sinnerfüllte Leben, das psychologisch reiche Leben und das Leben, das „gut genug“ (good enough) ist.

1. Glück: Sich gut fühlen

Der 43-jährige Randy ist einer jener Menschen, die fast immer gute Stimmung verbreiten. Dabei hat er eine schwere Kindheit und eine schmerzhafte Scheidung hinter sich. Nach der Trennung von seiner ersten Frau hat er sich wieder aufgerappelt. Er ist in eine andere Stadt gezogen, hat einen neuen Job als Sicherheitsingenieur gefunden und wieder geheiratet. Jetzt genießt er das Familienleben mit den drei Stiefsöhnen. Er beschreibt sich als sehr glücklichen Menschen. Seine Lebensstrategie: versuchen‚ in jedem Unglück auch das Gute zu sehen.

Die meisten Menschen denken bei einem guten Leben wohl zunächst an Glück und Zufriedenheit. Dies sehen viele Psychologen und Philosophinnen ebenso, die diesen Zustand auch „hedonistisches“ beziehungsweise „subjektives Wohlbefinden“ nennen. Für den altgriechischen Philosophen Aristippos beispielsweise war das Streben nach hēdonē – das meint etwa Freude, Lust, Genuss – der Schlüssel zu einem guten Leben: „Die Kunst zu leben“, schrieb er, „liegt darin, die an uns vorüberziehenden Freuden zu ergreifen.“ Ähnlich argumentierte Epikur: Ein gutes Leben sei im Genuss zu finden, worunter er einen Zustand ohne körperliche und psychische Beeinträchtigungen wie zum Beispiel Ängste verstand. Sigmund Freud sah das „Lustprinzip“ (Lust suchen, Schmerz vermeiden) als Hauptmotivation der meisten Menschen an. Auch die positive Psychologie, also jene Forschungstradition, die sich die systematische Vermessung des guten Lebens zur Aufgabe gemacht hat, räumt dem Glück eine wichtige Rolle ein.

Eine verbreitete Definition beschreibt Glück als positiven geistigen und emotionalen Zustand, so die Psychologin und Autorin Emily Esfahani Smith. Eine einfache Art, das Glücksempfinden zu messen, besteht darin, Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer zu fragen, wie häufig sie positive Gefühle wie Stolz, Begeisterung und Achtsamkeit im Vergleich zu negativen wie Angst, Unruhe und Scham verspüren. Es gilt die Faustregel: Je größer der Anteil an positiven Gefühlen, desto glücklicher ist die Person.

Was bestimmt, wo man auf der Skala des Glücks liegt, und – noch interessanter – inwieweit hat man selbst Einf luss darauf? Solchen Fragen geht Sonja Lyubomirsky von der University of California seit vielen Jahren nach. Ein Faktor, so zeigt ihre und andere Forschung, sind die Gene. So hat jede und jeder von uns eine Art Sollwert (set point) für Glück, ein persönliches Normalniveau. Dieser individuelle set point ist über die Zeit hinweg weitgehend stabil, bei der einen höher, beim anderen niedriger. Dies führt dazu, dass man – ausgenommen psychische Erkrankungen wie Depression – selbst nach schweren Schlägen nach einer Weile wieder in Richtung seines ursprünglichen Glücksniveaus tendiert.

Das gilt auch umgekehrt: Viele Dinge, in die Menschen hohe Glückserwartungen setzen, bringen oft nur einen begrenzten Effekt. Ein hochbezahlter Job, eine Schönheitsoperation, eine schicke Eigentumswohnung mögen zunächst glücklicher machen, aber wahrscheinlich nur eine kurze Zeit. Dahinter steht eine Dynamik, die Wissenschaftler „hedonistische Tretmühle“ oder Adaptation nennen: Menschen gewöhnen sich meist schnell an Verbesserungen ihrer Lebensumstände, was vor allem an steigenden Erwartungen und sozialen Vergleichen liegt. Das große Haus, das man kauft, fühlt sich nach einer Weile „ganz normal groß“ an und man bemerkt die Häuser in der neuen Nachbarschaft, die noch größer sind.

Doch der set point der Lebenszufriedenheit ist nicht gänzlich unverrückbar. Neben den Genen sind auch die Lebensumstände ein wichtiger Faktor des persönlichen Glücks. Heimatland, Einkommen, Status, Beruf, religiöse Zugehörigkeit, Familienstand, Alter, Kindheitserfahrungen – all dies hat Einf luss darauf, wie glücklich und zufrieden man ist. So sind Verheiratete tendenziell glücklicher als Unverheiratete, Geschiedene und Verwitwete; Menschen, die ein ausreichendes Einkommen haben, sind zufriedener als jene, die um Nahrung und Unterkunft bangen müssen.

Und schließlich bestimmt auch das, was wir tun und denken, darüber, wie glücklich wir sind. Und dies, so Lyubomirsky, könne man bewusst einsetzen, um sein Glücksempfinden zu erhöhen. Dazu zählt beispielsweise, eine optimistische Sichtweise zu kultivieren, wie es Familienmensch Randy tut: sich eher auf die Erfolge als auf die Niederlagen zu konzentrieren und mit Hoffnung und Selbstvertrauen in die Zukunft zu blicken.

Kritiker bemängeln, dass die positive Psychologie die Möglichkeit, das Glücksempfinden zu steigern, zu optimistisch darstelle und ohnehin die Konzentration auf positive Gefühle – Stichwort Glückshype – zu einem Leben ohne Tiefgang und wahre Erfüllung führe. In einer aktuellen Studie zeigte sich allerdings, dass die Mehrheit das glückliche Leben als ideales Leben ansieht (siehe Kasten Seite 18).

2. Sinn: Verbunden sein, Gutes tun, sich selbst begreifen, sich eingebettet fühlen

Ashley ist Tierpf legerin im Zoo von Detroit, wo sie sich um Giraffen und Kängurus kümmert. Die Mittdreißigerin arbeitet schwer, hat fast nie Urlaub und verdient wenig. Dennoch kann sie sich keinen anderen Beruf für sich vorstellen. Schon als Kind hat sie sich zu Tieren hingezogen gefühlt. Jetzt sieht sie es als ihre Mission an, ihren Schützlingen eine möglichst natürliche, anregende und gesunde Umgebung zu schaffen, auch wenn das für sie bedeutet, täglich stundenlang Mist zu schippen.

Ashleys Beispiel veranschaulicht ein zweites wichtiges Konzept des guten Lebens: Sinnerfüllung. Es geht auf das griechische Prinzip der Eudaimonia zurück (siehe links). In einer eudaimonischen Haltung spielen ein höherer Lebenszweck, Zielstrebigkeit, Kohärenz, Hingabe und Opfer eine große Rolle.

▶Eudaimonia Das griechische Konzept geht auf Aristoteles zurück. Eudaimonia steht zwar für Glück, doch damit ist kein flüchtiges Glücksgefühl gemeint. Wer ein Leben der Eudaimonia führt, kultiviert seine besten moralischen und intellektuellen Eigenschaf ten und setzt sie wann immer möglich ein. Ein solch es Leben ist aktiv. Es ist ein Leben, in dem man sich in die Gemeinschaft einbringt und seine Talente einsetzt, statt s ie zu verschleudern

In ihrem Buch Die vier Säulen eines erfüllten Lebens beschreibt Emily Esfahani Smith die zentralen Elemente eines eudaimonischen, sinnerfüllten Daseins: – Zugehörigkeit. Das Gefühl der Verbundenheit entsteht, wenn sich Menschen mit Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Fürsorge begegnen. Dies kann bei Kontakten mit Freundinnen, Angehörigen, Kolleginnen und dem Partner geschehen, aber auch wenn man sich beispielsweise mit einer Fremden an Bord eines Flugzeugs einfühlsam unterhält. – Lebenszweck. Man muss sich nicht gleich zum Ziel setzen, den Hunger auf der Welt besiegen zu wollen. Befriedigend kann es schon sein, im Büro eine angenehmere Atmosphäre zu schaffen oder eben einer Giraffe das Leben schöner zu machen. Zwei Kriterien sind entscheidend: Erstens sollte es ein stabiles und weitreichendes Ziel sein, das ein Ordnungsprinzip des eigenen Lebens bildet. Und zweitens sollte es eine externe Komponente haben: den Wunsch, etwas in der Welt zu bewirken, sei es in der Familie, der Nachbarschaft oder einem größeren Rahmen.

Indem wir die Bestandteile unseres Lebens zu einer Erzählung zusammenfügen, können wir es als schlüssig und sinnerfüllt begreifen

– Narration. Indem wir die einzelnen Bestandteile unseres Lebens zu einer Erzählung zusammenfügen, entsteht ein zusammenhängendes Ganzes. Nur so können wir unser Leben als schlüssig begreifen – und Schlüssigkeit ist nach psychologischen Erkenntnissen eine wesentliche Sinnquelle, schreibt Smith. Geschichten helfen uns, zu verstehen, warum uns etwas widerfährt, und eine Vorstellung davon zu entwickeln, wer wir sind und wie wir so geworden sind.

– Transzendenz. Während einer transzendenten Erfahrung verspüren wir eine tiefe Verbindung zu anderen Menschen, dem Universum, der Natur oder einer religiösen Kraft. Während wir uns als Teil eines größeren Ganzen erfahren, lassen wir den Alltag eine Zeitlang hinter uns, und unsere Selbstwahrnehmung tritt zurück. Ängste, die mit unserer Existenz und dem Tod zusammenhängen, lösen sich auf, und einen Augenblick lang scheint der Sinn des Lebens offenkundig.

3. Psychologische Fülle: Interessiert und angeregt sein

Wie bei Ashley sind auch Natalyas Arbeitstage lang. Ihre Tätigkeit als Computerprogrammiererin macht ihr Spaß, aber sie definiert sich nicht über ihren Beruf und schätzt ihre Freizeit sehr. Sie liebt Bücher und Filme ganz unterschiedlicher Art: Krimis, kitschige Romanzen, Geschichten aus unterschiedlichen Ländern und Zeiten. Auch im echten Leben ist sie neugierig: Sie kann sich nichts Schöneres vorstellen, als am Wochenende stundenlang mit ihren Freunden neue Stadtteile zu erkunden und dabei die Besonderheiten und Macken der Bewohner genau zu beobachten. Ihre Lieblingsausf lüge sind ungeplant: Sie folgt gerne ihrer Stimmung und dem, was im Moment gerade ihr Interesse weckt. Zum Leidwesen ihrer Familie muss man sich bei Reisen mit ihr auch mal auf spontane Übernachtungen in heruntergekommenen Motels einlassen. Natalya würde immer das Unerwartete dem Sicheren vorziehen, und statt Einheitsfreude erlebt sie lieber ein Wechselbad intensiver Emotionen – von Traurigkeit und Schreck bis hin zu Staunen und Nostalgie.

Natalya lebt das, was der Psychologe Shigehiro Oishi und die Philosophin Lorraine Besser ein „psychologisch reiches Leben“ nennen. Es ist ein Leben, in dem Menschen interessante und emotional anregende Dinge erleben, geprägt durch Komplexität, Neuheit und Perspektivwechsel. Das können Erfahrungen aus erster Hand oder stellvertretende Abenteuer in Romanen oder Filmen sein. Sie schubsen uns aus der Normalzone des Alltagserlebens und fordern uns kognitiv und emotional heraus, was zu einem Zustand psychischer Aktivierung (arousal) führt.

Das Bestechende an einem psychisch reichen Leben ist laut Oishi und Besser, dass es vielen Menschen zugänglich und in Abstufungen umsetzbar sei. So gebe es Menschen, die ihr gesamtes Leben auf psychischen Reichtum ausrichten – so wie Andy, ein Naturfotograf und Videofilmer, dessen Beruf ihn durch die ganze Welt und von einer anregenden Erfahrung zur nächsten führt. Aber auch Menschen wie Natalya, deren beruf licher Alltag eher durch Routine bestimmt ist, können ein mental anregendes Leben führen, indem sie neugierig sind und ihre Freizeit mit interessanten Erfahrungen füllen.

In einer Studie aus dem Jahr 2007 baten die Psychologen Todd Kashdan und Michael Steger Freiwillige, drei Wochen lang aufzuzeichnen, was sie jeden Tag so taten und wie sie sich dabei fühlten. Es zeigte sich, dass diejenigen, die sich an einem bestimmten Tag häufig neugierig fühlten, am zufriedensten mit ihrem Leben waren.

4. Genügsamkeit: Gut genug

Was ist der meistversprechende Job, der ideale Partner, die höchste Leistung, die ich erbringen kann? Wir streben danach, die besten Lösungen zu finden, unser Leben und uns selbst zu optimieren.

Es gebe jedoch noch einen anderen Weg, so der Autor Avram Alpert: the good enough life, ein Leben, das zwar nicht optimal, aber gut genug ist. Im Buddhismus gebe es die Idee des mittleren Weges, schreibt Alpert, ein Leben, das weder übermäßig materialistisch noch zu asketisch ist. Auch romantische Dichter und Philosophen hätten betont, dass wir im Gewöhnlichen, Grundlegenden und Vertrauten große Freude finden könnten, die an uns vorbeigehe, wenn wir Sinn nur im Großartigen sähen.

Der Sozialwissenschaftler Herbert Simon kombinierte die Wörter satisfy (befriedigen) und suffice (ausreichen) zum Begriff satisfice, der ausdrückt, dass eine Lösung angemessen ist. „Eine solche zufriedenstellende Lösung kann die beste Wahl sein, wenn wir die Kosten für die Suche nach Alternativen berücksichtigen“, erläutert Philosoph Aaron Ben-Ze’ev. Das könne auch bedeuten, sich nicht dafür zu schämen, dass man eine Ehe führt, die „gut genug“ ist, zitiert er den Paarpsychologen Eli Finkel. „Ein ständiger Vergleich mit anderen ist tödlich“, so Ben-Ze’ev.

Das hat auch die New Yorkerin Melissa erkannt. Als Teenager schien die Studentin das perfekte Leben zu haben: hervorragende Schulnoten, einen gutaussehenden und liebevollen Freund, verständnisvolle Eltern, eine beneidenswerte Figur, sportliche Erfolge. „Ich wünschte, ich wäre du“, sagten andere zu ihr. Doch sie selbst hegte Zweifel, wie sie in Psychology Today erzählt. Sie wollte intelligenter, schneller, dünner, besser sein, sich selbst übertreffen. Nach einer Phase von Depressionen und Drogen zog sie Bilanz – und realisierte, dass sie alles, was sie brauchte, schon hatte. „Ich bin dankbar, ich zu sein“, ist heute ihr Mantra.

Fazit: Es gibt nicht den einen Weg zum guten Leben, wie der humanistische Psychologe Barry Scott Kaufman unterstreicht: „Letztlich muss jeder den Weg finden, der am besten zu ihm passt.“ Oder wie Friedrich Nietzsche es formulierte: „Niemand kann dir die Brücke bauen, auf der gerade du über den Fluss des Lebens schreiten musst, niemand außer du allein. Zwar gibt es zahllose Pfade und Brücken und Halbgötter, die dich durch den Fluss tragen wollen; aber nur um den Preis deiner selbst; du würdest dich verpfänden und verlieren.“

ZUM WEITERLESEN

Sonja Lyubomirsky: Glücklich sein. Warum Sie es in der Hand haben, zufrieden zu leben. Campus, Frankfurt 2018

Emily Esfahani Smith: Die vier Säulen eines erfüllten Lebens. Was wirklich zählt. Goldmann, München 2020

Alle Quellen zu diesem Beitrag finden Sie auf unserer Website: psychologieheute.de/literatur

Das ideale Leben

Welche Art von Leben wollen Menschen führen? Dies untersuchte Shigehiro Oishi von der University of Virginia zusammen mit 22 Mitforschenden aus aller Welt in einer 2020 veröffentlichten Studie. Sie befragten rund 3700 Personen aus den USA, Japan, Korea, Indien, Norwegen, Singapur, Portugal, Deutschland und Angola, für welche dieser drei Optionen sie sich entscheiden würden: ein glückliches Leben (charakterisiert durch Vergnügen, Freude, Stabilität und Komfort), ein sinnhaftes Leben (basierend auf Erfüllung und Sinn) oder ein psychologisch reiches Leben (mit einer Vielzahl von interessanten und perspektivverändernden Erfahrungen).

Das Ergebnis: In allen Ländern entschied sich die Mehrheit für ein glückliches Leben. Besonders beliebt war es in Korea (69,9 Prozent), Japan (65,5 Prozent) und den USA (62,2 Prozent). Den zweiten Platz erreichte das sinnerfüllte Leben, das je nach Land zwischen 33,9 und 14,4 Prozent der Befragten präferierten. An dritter Stelle landete das psychologisch reiche Leben, das zwischen 16,8 und 6,7 Prozent der Befragten als ideal ansahen.

In Deutschland war die Wahl zwischen den drei Varianten interessanterweise am ausgeglichensten: 49,7 Prozent der Angesprochenen entschieden sich für das glückliche, 33,5 Prozent für das sinnerfüllte und 16,8 Prozent für das psychologisch reiche Leben.