Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 3 Min.

Erkannt oder verkannt?


Kunst und Auktionen - epaper ⋅ Ausgabe 4/2019 vom 08.03.2019

Die Künstlerwitwen – gehasst, umschmeichelt und geplagt


Artikelbild für den Artikel "Erkannt oder verkannt?" aus der Ausgabe 4/2019 von Kunst und Auktionen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Elaine Sturtevant geriet ins Visier von Eva Beuys, weil sie einen Beuys’schen „Fettstuhl“ ihrer Appropriation Art unterwarf (Installationsansicht der Ausstellung „Sturtevant: Double Trouble“ im MoMA 2015)


Das allerschlimmste Weib, das Gott im Zorn erschuf, ist: die Witwe von Beruf“, behauptet ein Zweizeiler. Dafür stehen Cosima Wagner oder Nietzsches Schwester, oft als „Nietzsches Witwe“ bespöttelt. Und in jüngster Zeit haben vor allem Yoko Ono, Eva Beuys und Nina Kandinsky die Rolle der allzeit pikierten Witwe übernommen. Ono zog gegen einen Limonadenhersteller zu Felde, der seine Zitronenlimonade „John Lemon“ zu nennen gewagt hatte. Nina Kandinsky focht 13 Jahre lang durch alle Instanzen gegen Lothar-Günther Buchheim, weil sie die Abbildungen von Kandinskys Gemälden in seinem Buch über den „Blauen Reiter“ nicht als Bildzitate gelten lassen wollte. Und zugleich klagte sie: „Die Künstlerwitwe gerät ins Kreuzfeuer der Kritik, nur weil sie seriös das Werk ihres Mannes betreut.“ Zu dieser Seriosität gehörte in diesen Jahren übrigens auch, dass sie Kandinsky-Leihgaben für Ausstellungen in Deutschland blockierte.Hauptgrund dafür, so vermutete man allgemein, waren Passagen in Buchheims Buch, die die Bedeutung von Gabriele Münter für Kandinsky hervorhoben. Als besonders streitlustig hat sich Eva Beuys positioniert. Nicht nur in Sachen Beuys-Museum auf Schloss Moyland. Sie prozessierte beispielsweise bis zum BGH wegen Fotografien, die Manfred Tischer von Beuys-Performances aufgenommen hatte. Höchst problematisch war auch die Frage, ob das Museum einen Joseph-Beuys-Forschungspreis ausloben darf. Aber auch Elaine Sturtevant geriet in ihr Visier, als sie einen Beuys’schen „Fettstuhl“ ihrer Appropriation Art unterwarf (Abb.). Und besonders empörte sich die Witwe über drei Düsseldorfer Künstler, die als Happening à la Beuys aus einer Fettecke 16 Flaschen 50-prozentigen Schnaps destillierten.

Hochgradig kompliziert wird es, wenn – wie bei Arp, Räderscheidt oder Picasso – die Erstfrau einer Zweitfrau weichen musste. Da streiten dann beide um das Erbe, den künstlerischen Nachlass, die Tantiemen und vor allem um die Hoheit über Präsentation und Deutung. Und bald mischen sich noch Söhne und Töchter – die illegitimen eingeschlossen – und deren Söhne und Töchter ein. Dazu – gar nicht so selten – die zur Alleinerbin promovierten Lebensgefährtinnen. Das war und ist so bei Guttuso, de Kooning und Vasarely, bei Koller und Immendorff. Schließlich spricht das Urheberrecht den Erben für 70 Jahre alle Rechte – und damit auch die Einnahmen, die daraus resultieren – zu. Das Kartell der Picasso-Witwen, -Söhne, -Enkelinnen, das nach vier Jahren des Gegeneinanders zustandekam, ist dafür das wirkmächtigste Beispiel. Nicht anders ist es bei Calder-oder Miró-Ausstellungen, bei denen stolz auf die Enkel als Co-Kuratoren verwiesen wird, um zu kaschieren, dass man allenthalben auf ihre Interessen Rücksicht nehmen muss.

Die gerichtsnotorischen Streitigkeiten zwischen den Schlemmer-Erben blockierten bis zum Ablaufen des Urheberrechts 2013 eine kritische Würdigung von Schlemmers Werk. Das Hofer-Werkverzeichnis zog sich über Jahre hin, weil sich die Nachkommen und der Autor uneins waren. Das geplante Graubner-Museum in Hombroich ist gescheitert, weil sich die Stiftung der Insel und die Alleinerbin Kitty Kemr nicht zu einigen vermochten. Trotzdem ist kaum ein Haus so konsequent wie das Stedelijk Museum in Amsterdam, das 2018 wenige Wochen vor der Eröffnung die Ettore-Sottsass-Ausstellung aufkündigte, da man nicht bereit war, den Ansprüchen seiner Nachlassverwalter zu entsprechen.

Damit stellt sich zugleich die Frage, welche Qualifikationen Witwen, Söhne, Töchter, Schwiegersöhne und Schwiegertöchter, Enkel und Enkelinnen, die dem fraglichen Künstler kaum oder gar nicht begegnet sind, mitbringen, um die Authentizität seiner Werke zu beurkunden. Zwar wird das auf dem Kunstmarkt weithin goutiert – doch die Essener Ausstellung mit Aquarellen von Jawlensky, die sich als Fälschungen erwiesen, sind ein blamables Beispiel dieser Praxis. Schließlich hatten Marie Jawlensky, die Witwe des Jawlensky-Sohns, und ihre beiden Töchter viele dieser Arbeiten in das von ihnen verfasste Werkverzeichnis aufgenommen. Gabrielle Picabia wiederum bezeichnete bei Nachfragen alle Werke Picabias als unecht, die nach 1922 entstanden waren – als er sie wegen Germaine Everling verlassen hatte.

Daher gilt, was einst der Schriftsteller Wolfgang Ebert sagte: „Bei der Wahl seiner zukünftigen Witwe kann ein Künstler gar nicht vorsichtig genug sein.“


Abb.: The Museum of Modern Art, New York; Scala, Florenz; Foto: Thomas Griesel

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 4/2019 von Motiv von nationalem Interesse. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Motiv von nationalem Interesse
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von Glutvoll aus dunklem Fond leuchtend. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Glutvoll aus dunklem Fond leuchtend
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von Höhen und Tiefen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Höhen und Tiefen
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von Flagge zeigen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Flagge zeigen
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von Aus Liebe zur Kunst. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Aus Liebe zur Kunst
Titelbild der Ausgabe 4/2019 von Qualität vor Zustand. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Qualität vor Zustand
Vorheriger Artikel
Motiv von nationalem Interesse
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Glutvoll aus dunklem Fond leuchtend
aus dieser Ausgabe