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ERKENNEN & HEILEN: Wege aus der Depression


Hörzu Gesundheit - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 20.03.2020

Sie greift nach der Seele, hüllt sie ins Dunkel. Und sie ist eine der tödlichsten Erkrankungen. Wie eine Depression genau entsteht, wird noch erforscht. Klar ist aber: Es gibt Hilfe


Artikelbild für den Artikel "ERKENNEN & HEILEN: Wege aus der Depression" aus der Ausgabe 1/2020 von Hörzu Gesundheit. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Hörzu Gesundheit, Ausgabe 1/2020

Seelentief: Fast jede vierte Frau ereilt hierzulande in ihrem Leben mindestens einmal eine Depression


Manchmal scheint es den Wissenschaftlern, ein Virus habe die Menschen ergriffen: Wie eine hochansteckende Krankheit hat sich die Depression in der Bevölkerung festgesetzt. Fast jede vierte Frau, jeder achte Mann hierzulande rutscht laut einer Studie der AOK in seinem Leben mindestens einmal in ein Seelentief. Unabhängig von ...

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... Bildung, Status oder Erfolg, unabhängig sogar von einer Lebenskrise: Manche trifft es im Urlaub, nach der Hochzeit oder wenn das erste Kind geboren wird.

Psychopharmaka wirken in den meisten Fällen - aber man weiß noch nicht, warum. „Oftmals sind sie aber die Voraussetzung dafür, dass wir überhaupt mit einer Psychotherapie beginnen können“, sagt Dr. Nikolas Kahlke, Leitender Chefarzt des Psychiatrischen Zentrums Rickling in Schleswig-Holstein: „Denn manchmal sind depressive Menschen von der Erkrankung so blockiert, dass sie an ihre eigene Willenskraft gar nicht mehr herankommen oder sogar schon an einem Realitätsverlust leiden. Psychopharmaka können da stützend eingreifen.“ Und zusammen mit einer kognitiven Verhaltenstherapie, die auch von den Krankenkassen bezahlt wird, gelten sie als bislang hoffnungsvollstes Mittel gegen Depressionen.

Immer noch ein Rätsel: Stimmungsaufheller

Aber wie wirken diese Medikamente überhaupt? Die Forschung geht davon aus, dass sie dafür sorgen, dass Botenstoffe wie Dopamin oder Serotonin länger im synaptischen Spalt zwischen zwei Nervenzellen bleiben und dadurch die Empfängerzelle länger anhaltend erregen. Der Effekt stimmt zumindest: Die Stimmung hellt sich auf. Bei depressiven Menschen werden die Botenstoffe, die als Neurotransmitter zwischen den insgesamt 86 Milliarden Nervenzellen unseres Gehirns fungieren, zu schnell wieder von ihrer Ursprungszelle eingesammelt. Diese sendet bis zu 500-mal in der Sekunde Botenstoffe, die an den Rezeptoren der empfangenden Nervenzelle andocken können. Bei einer Depression aber verbleiben diese Neurotransmitter dort nicht lange genug. Und genau das ändern Psychopharmaka. „Positive Gefühle wie Liebe, Freude, Spaß am Lernen und andere Vergnügen sind dann wie- der möglich“, weiß Dr. Nikolas Kahlke. In Verruf kamen Psychopharmaka allerdings, als sich bei einigen Studien zeigte, dass sie bei Schwermut kaum wirksamer als Placebos - Scheinpräparate - waren. Heute geht man davon aus, dass ihre Wirksamkeit mit der Schwere einer seelischen Erkrankung steigt. Je gravierender die Depression, desto effektiver greifen sie also in den Hirnstoffwechsel ein.


5,1 Prozent der Männer und etwa doppelt so viele Frauen sind derzeit an einer Depression erkrankt


Prof. Dr. Ulrich Hegerl

Der Arzt und Psychotherapeut ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, leitet das Deutsche Bündnis gegen Depression sowie die European Alliance Against Depression

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Auch eine Reaktion auf Stress und Trauma

„Heute, im Zeitalter der modernen Antidepressiva und Psychopharmaka, gerät allzu leicht in Vergessenheit, dass die Depression eine natürliche Reaktion auf jede Art von Stress und Trauma ist und dass in sehr vielen Fällen zunächst körperliche Ursachen Stimmungsstörungen auslösen“, sagt der Mediziner Dr. Eberhard J. Wormer in seinem Buch „Natürliche Antidepressiva“ (Mankau Verlag). Und er empfiehlt: „Wer erstmals in die düstere depressive Welt gerät, sollte zunächst nachStörungen der unzähligen, eng verzahnten Regelwerke seines Körpers suchen. Am häufigsten wird man Störungen der Hormonbalance oder Mangelzustände entdecken, die leicht - und oft sehr erfolgreich - behandelt werden können.“ Zum Beispiel leiden Frauen in mehreren Phasen ihres Lebens unter Hormonschwankungen: während der Periode, nach Geburten oder in den Wechseljahren, wenn der Körper die Produktion der Sexualhormone herunterfährt. Das könnte auch erklären, warum sie viel häufiger betroffen sind als Männer: „Frauen verlieren mit dem Eingang in die Postmenopause innerhalb weniger Jahre 90 Prozent der hormonellen Versorgung“, warnt die Wiesbadener Gynäkologin Dr. Sheila de Liz. Das muss nicht einfach so hingenommen werden. Treten dadurch Schlafstörungen oder Stimmungsschwankungen auf, empfiehlt sie wie auch andere Mediziner, das Defizit durch bioidentische Hormone auszugleichen. Allerdings nur, wenn kein Bluthochdruck-, Brustkrebs-, Thrombosen- oder Schlaganfallrisiko vorliegt.


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Manchmal bessert sich das seelische Tief auch durch Gabe von Vitamin D, Vitamin B12 oder Eisen und Magnesium. An diesen Stoffen mangelt es nämlich meist, wenn Stress ins Spiel kommt. Das kann Topmanager, Spitzensportler wie auch alleinerziehende Mütter oder erwachsene Kinder pflegebedürftiger Eltern betreffen. Stress verbraucht unglaublich viel Energie und nagt an den Nährstoffreserven im Körper. Denn er verhindert die Aufnahme von B-Vitaminen, Vitamin C, aber auch von Kupfer, Zink, Eisen, Magnesium, Kalzium, Selen und Coenzym Q10 im Darm.

Dazu kommt, dass Stresshormone den Körper überfluten. Das führt zu Entzündungen, die große Mengen dieser Mikronährstoffe verbrauchen. Wenn die dann nicht ausreichend vorhanden sind, können nicht genügend spezielle Botenstoffe gebildet werden, die jedoch wichtig sind, um den Stresshormonen Paroli zu bieten. „Wenn in unserem Körper Entzündungsvorgänge stattfinden, dann spüren wir das auf vielfältige Art und Weise“, sagt der Facharzt für Innere Medizin, Integrative Medizin und Geriatrie Dr. Peter Niemann: „Mattheit, Müdigkeit, Schwäche, Lust- und Antriebslosigkeit.“ Die Depression, vermutet er, sei dann nicht weit: „Tatsächlich konnten Forscher nachweisen, dass in vielen Fällen Entzündungsreaktionen mitverantwortlich sind“, schreibt er in seinem Buch „Die Anti-Entzündungs-Strategie“ (Trias Verlag). „Auch die Selbstmordraten sind bei Menschen mit chronischen Entzündungsvorgängen deutlich erhöht.“ Aber es ist nicht nur Stress, der die stillen Entzündungen im Körper auslöst. Pestizide, Feinstaub- und Plastikpartikel sowie vor allem chemische Zusatzstoffe in Lebensmitteln hat die Forschung als Ursachen für diese „Silent Inflammation“, die versteckten Entzündungen, ausgemacht.

Negative Gefühle aus dem Darm?

Solche Schädlinge gelangen durch die Nahrung in den Darm, verändern dort womöglich die Zusammensetzung der Darmbakterien, des Mikrobioms also - und damit auch unser Gefühlsleben. Das zumindest legen neueste Forschungsergebnisse nahe: Wurde ängstlichen Mäusen der Stuhl von aktiven, „mutigen“ Mäusen übertragen, änderten sie plötzlich ihr Verhalten. Aus den scheuen Tieren wurden plötzlich wagemutigere. Die Forschung ist auf diesem Feld noch ganz am Anfang. Unbestritten ist aber, dass es eine Nervenverbindung zwischen Kopf und Bauch gibt, die sogenannte Darm-Hirn-Achse, die einen regen Austausch von Informationen ermöglicht.

Für den Psychiater Prof. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Inhaber der Senckenberg-Professur an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, spielt allerdings die Veranlagung die größte Rolle bei der Entstehung einer Depression. „Die kann schlicht vererbt, aber auch erworben sein - zum Beispiel durch traumatische Erlebnisse in der Kindheit, die lang anhaltend den Stoffwechsel im Gehirn und das Erleben und Verhalten verändern.“ Ist die Diagnose Depression gestellt, empfiehlt er eine konsequente Behandlung mit Antidepressiva oder kognitiver Verhaltenstherapie. Manchmal macht eine Kombination aus beidem Sinn. Sport kann den Heilungsprozess positiv begleiten. Sogar gezielter Schlafentzug in der zweiten Nachthälfte, wie er in vielen Kliniken angeboten wird.

Auch ohne Behandlung klingt eine depressive Episode meist nach etwa sechs bis acht Monaten von allein ab. „Dann ist alles wieder normal“, sagt Prof. Ulrich Hegerl, „und die Menschen sind wieder genuss- und leistungsfähig.“ Was dennoch bleibt, ist das Risiko, erneut zu erkranken. Die gute Nachricht: „Das Risiko eines Rückfalls kann aber durch Psychopharmaka und Psychotherapie um etwa 70 Prozent reduziert werden.“

lifeline.de/depression

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FOTOS: RUSSANOV/GETTY IMAGES