Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 9 Min.

Ernährungsgewohnheiten: „Der Mensch braucht einfache Wahrheiten“


ÖKO-TEST Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 9/2012 vom 31.08.2012

Männer bestellen im Restaurant das Steak, Frauen gehen an das Salatbüfett. Männer machen sich nicht viel aus Süßem, während Frauen gern – wenn auch mit schlechtem Gewissen – naschen. Stimmt das wirklich? Hängen die Ernährungsgewohnheiten und -vorlieben tatsächlich vom Geschlecht ab?


Artikelbild für den Artikel "Ernährungsgewohnheiten: „Der Mensch braucht einfache Wahrheiten“" aus der Ausgabe 9/2012 von ÖKO-TEST Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: konradbak/Fotolia.com

Es ist offensichtlich. So ziemlich jeder Blick in die Einkaufswagen im Supermarkt oder auf die Teller im Restaurant beweist: Männer und Frauen haben unterschiedliche Vorlieben beim Essen. Jeder kennt ein paar davon und hat außerdem noch diverse mehr oder weniger gut fundierte Ansichten darüber, ...

Weiterlesen
Artikel 0,95€
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von ÖKO-TEST Magazin. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 9/2012 von Leserbriefe: Schreiben Sie uns. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Leserbriefe: Schreiben Sie uns
Titelbild der Ausgabe 9/2012 von Nachwirkungen: Was unsere Tests bewirkt haben: Reaktionen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Nachwirkungen: Was unsere Tests bewirkt haben: Reaktionen
Titelbild der Ausgabe 9/2012 von Neue Produkte: im Test: Tops und Flops. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Neue Produkte: im Test: Tops und Flops
Titelbild der Ausgabe 9/2012 von Bedingungsloses Grundeinkommen: Vision oder Spinnerei?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Bedingungsloses Grundeinkommen: Vision oder Spinnerei?
Titelbild der Ausgabe 9/2012 von Meldungen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Meldungen
Titelbild der Ausgabe 9/2012 von TEST Äpfel: Kein Sündenfall. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
TEST Äpfel: Kein Sündenfall
Vorheriger Artikel
TEST Äpfel: Kein Sündenfall
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel TEST Glyphosat in Getreideprodukten: Gift im Korn
aus dieser Ausgabe

Es ist offensichtlich. So ziemlich jeder Blick in die Einkaufswagen im Supermarkt oder auf die Teller im Restaurant beweist: Männer und Frauen haben unterschiedliche Vorlieben beim Essen. Jeder kennt ein paar davon und hat außerdem noch diverse mehr oder weniger gut fundierte Ansichten darüber, was Frauen gern essen und was bei Männern am liebsten auf den Teller kommt. Zum Beispiel: Männer mögen vor allem Fleisch, am liebsten noch ein bisschen blutig. Frauen dagegen bestellen im Restaurant bevorzugt den gemischten Salat – allerhöchstens mit Hähnchenbruststreifen. Fettarme Milchprodukte werden hauptsächlich von Frauen gekauft. Männer dagegen vertreten die Ansicht, ein vollfetter Joghurt könne doch eigentlich kaum Kalorien haben – da hat man ja schließlich kaum etwas zwischen den Zähnen. Frauen trinken deutlich weniger Alkohol als Männer, dafür viel mehr Mineralwasser. Männer lieben scharfes Essen und greifen nur zum Obst, wenn es keine Alternative gibt. Zumindest europäische Kerle essen nicht gern Reis, sondern bevorzugen Kartoffeln, am liebsten als frittierte Stäbchen. Gemüse gilt ihnen eher als lästige Beilage, während ihre weiblichen Tischgenossinnen sich dafür begeistern. Bei der Wahl zwischen dunklem und hellem Brot bevorzugen Männer das Weißbrot und Frauen die Vollkornschnitte. Stehen Kartoffelchips und Gummibärchen auf dem Tisch, nehmen sich Jungs die Chips und Mädchen die Süßigkeit. Und, und, und …

Alles Vorurteile? Oder ist es nicht wirklich so? Beim sommerlichen Grillfest jedenfalls stehen die Herren der Schöpfung am liebsten am glühenden Rost, wenden die reichlich vorhandenen Steaks und Würstchen, während die Frauen für die gesunden Beilagen zuständig sind: Kräuterquark und Rosmarinkartoffeln, Naschtomaten und Grünzeug. Begründet wird die gängige Aufgabenteilung gern mit urzeitlichen Instinkten und Angewohnheiten: Männer waren schon immer für das Jagen und Töten und somit für das Fleisch zuständig. Frauen dagegen sammelten Obst, Kräuter und Wurzeln, waren später für den Ackerbau und damit für die Feldfrüchte verantwortlich.

Lyoner für den Dirk

Auch die Werbung betont die allseits bekannten Unterschiede und Geschmacksvorlieben: Basketballstar Dirk Nowitzki betritt eine Fleischerei und die Gesichter des Personals leuchten bei seinem Anblick auf: der Dirk! Der ältere Metzger hinter der Theke macht seiner Frau ein Zeichen quer durch den Raum, diese reicht „dem Dirk“ eine Scheibe Wurst über die Theke. „Was ham wir früher immer gesagt?“, fragt die Fleischersfrau. „Damit du groß und stark wirst“, antwortet Nowitzki und steckt sich die Kinderlyoner lachend in den Mund.

Für Frauen sieht dagegen ein typischer Werbespot so aus: Eine junge Blondine mit Modelmaßen lässt in ihrer Wohnung und um ihre Hüften den Hula-Hoop-Reifen kreisen. Dabei beißt sie genussvoll in einen Schokoladenriegel; Bilder von Joghurt und herabschwebenden frischen Erdbeeren füllen den Bildschirm. Eine weibliche Stimme sagt: „Ganz lecker, ganz locker, der Geschmack von Joghurt und Erdbeeren, in praktischen kleinen Portionen.“ Das Wort Schokolade kommt in dem Spot nicht vor.

Kompakt

Das neue ÖKO-TEST Spezial Ernährung

Sind Vegetarier wirklich schlanker als Allesesser? Brauchen Männer tatsächlich mehr Fleisch als Frauen? Wissen Sie, woran man echte regionale Produkte im Lebensmittelregal erkennt? Kennen Sie sich immer genau aus mit all den Zusatzstoff en und Aromen, die sich in unserem Essen verbergen? Im neuen ÖKO-TEST Spezial Ernährung beantworten wir alle diese Fragen. Wir erklären, worin der feine Unterschied zwischen industriell hergestellten Nahrungsmitteln und hochwertigen Lebensmitteln besteht und wie man sich gesund und ausgewogen ernährt. Und als unwiderstehlicher Appetitmacher erkunden wir auf einer Reise rund um unseren Globus die Küchen der Welt.

Aus dem Inhalt
■ Von Vorlieben, Vorsätzen und Versuchungen
■ Bio und Fairtrade
■ Futtermittelskandale
■ Zusatzstoff e aus dem Gen-Labor
■ Tricksereien mit den Lebensmitteln von nebenan
■ Gesundheitsversprechen
■ Lebensmittel online shoppen
■ Die Wahrheit hinter dem Aroma

Das neue ÖKO-TEST Spezial Ernährung ist am 20. April erschienen. Es kostet 5,00 Euro. Sie bekommen es am Kiosk, per Telefon: 0 69 / 3 65 06 26 26 oder unter
http://shop.oekotest.de

Foto: Westend 61

Die Botschaften sind mehr als klar: Männer brauchen Fleisch für ihre körperliche Entwicklung und ihre Muskeln. Frauen lieben Schokolade, wollen aber nicht dick werden. Ohnehin betont Lebensmittelwerbung, die Frauen ansprechen soll, entweder die Vorzüge des Produkts für die Figur oder aber für die Gesundheit. Während Männer ohne Einschränkungen genießen dürfen.

Die allgemein bekannten Auffassungen und Vorurteile werden regelmäßig mit neuen Studien und deren populärwissenschaftlichen Interpretationen unterfüttert. Die letzte Nationale Verzehrsstudie aus dem Jahr 2008 liefert auf Hunderten von Seiten akribisch aufgelistete Feinheiten im Ess- und Kochverhalten von Männern und Frauen. Aber warum isst Mann dies und Frau das? „Das ist von Natur aus so“ – dieser Erklärungsversuch ist jedenfalls zu kurz gegriffen. Denn ein Blick in die Natur zeigt, dass die Menschenaffen, unsere nächsten Verwandten, keine geschlechtlich unterschiedliche Nahrung zu sich nehmen – doch auch dort sind die Männchen schwerer und haben mehr Muskelmasse.

Aber Affen kochen ja auch nicht und da sind wir beim Kern des Problems. Die Zuweisung verschiedener Nahrungsmittel an Mann und Frau beginnt mit der Zubereitung der Speisen und den verschiedenen Rollen, die den beiden Geschlechtern traditionell zugeschrieben und von ihnen eingenommen werden. Auch wenn Männer heutzutage ihr Essen selten selbst erlegen, bleibt es Konsens, dass der Genuss von dunklem, blutigem Fleisch eine männliche Domäne ist. Schließlich herrschte einst der Glaube, dass die Kraft des erlegten Wildes auf den Jäger übergeht. Und Kraft kann schließlich auch heute noch jeder Mann brauchen – deshalb darf ruhig ein blutiges Steak auf dem Teller liegen.

Ob Männer mehr Fleisch brauchen, ist fraglich

Laut der schon zitierten Nationalen Verzehrsstudie essen Männer etwa doppelt so viel Fleisch und Wurst wie Frauen. Manchmal wird das – immerhin etwas wissenschaftlicher als der Verweis auf die Urzeit – auch damit begründet, dass Fleisch besonders eiweißreich und daher wichtig für den Muskelaufbau sei. „Körperliche Unterschiede werden immer dann herausgestellt, wenn es um die Begründung sozialer Stellungen geht“, schreibt die Soziologin Jana Rückert-John von der TU Berlin in einem Aufsatz zum Thema Essen und Geschlecht im Fachblatt Ernährung im Fokus.

Ob Männer wirklich mehr Fleisch brauchen, ist fraglich. Denn Eiweiß ist nicht nur für die Muskeln wichtig, sondern auch für das Blut, die Sehnen, die Organe, die Haut – also alles, was Frauen auch haben. 0,8 Gramm Eiweiß pro Kilo Körpergewicht brauchen Erwachsene täglich, egal welchem Geschlecht sie angehören. Außerdem steckt auch in pflanzlicher Nahrung Eiweiß, zum Beispiel in Hülsenfrüchten. Und Fakt ist auch, dass der hohe Fleischkonsum vielen Männern gesundheitliche Probleme bringt, zum Beispiel Gicht.

Aber zum Bild des Mannes gehört eben auch, dass Mann sich nicht vorschreiben lässt, was und wie viel er zu essen hat. Er is(s)t selbstbestimmt, was und wie viel ihm schmeckt. Das macht ihn allerdings auch unvernünftig. Männer haben häufiger Übergewicht und Adipositas als Frauen (66 Prozent gegenüber 50,6 Prozent), aber sie machen trotzdem weniger Diäten. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der DAK haben 44 Prozent der Frauen, aber nur 16 Prozent der Männer schon (mindestens einen) Diätversuch gestartet. Das männliche Ernährungswissen ist kleiner als das von Frauen, und selbst wenn sie es besser wissen, handeln sie konträr und wischen sich gesundheitliche Bedenken mit der Serviette von den fetttriefenden Lippen.

Er isst, was ihm schmeckt. Und sie isst „vernünftig“. Am Ende des Tages haben sich aber beide nicht so gesund ernährt, wie es Ernährungsexperten gerne hätten.


Foto: Foxy A/Fotolia.com

Es gilt als männlich, über die Stränge zu schlagen, auch beim Essen und beim Alkohol. Junge Männer greifen zu Fast Food und Bier, auch wenn sie gerade erst in der Schule gelernt haben, dass das auf Dauer nicht guttut. „Gesündere“ Produkte werden gern als weibisch abgetan und despektierlich benannt: Alkoholfreies oder -armes Bier ist ein „Mädchengesöff“ – und natürlich nichts für ganze Kerle. Wenn Männer sich dazu entschließen, und viele tun das zweifelsohne, dass Salat essen guttut, dann deshalb, weil dies gesellschaftlich inzwischen akzeptiert ist. Und nicht etwa, weil die Salat essenden Frauen sich besser ernähren und deshalb als Vorbild gelten.

Schlankheitsideal bestimmt das Essverhalten

Die Herren lieben es scharf, herb, würzig. Ein echter Mann kann eine Peperoni schlucken, ohne mit der Wimper zu zucken – scharf bis an die Schmerzgrenze. Das ist eine Mutprobe, ein Härtetest, die Sensationslust, die männliches Verhalten auch jenseits des Esstisches prägt. Frauen tun sich das nicht an. Sie sind von Kindesbeinen an weniger auf Risiko getrimmt. Sie wissen, was gesund ist, welche Nahrungsmittel viele Vitamine, Mineral- oder Ballaststoffe haben und welche fett- und zuckerreich sind.

Doch sind sie deshalb die größeren Genießer? Ja, würden die Frauen behaupten. Nein, würden die Männer sagen. Es ist, wie so häufig, alles eine Frage der Definition. Wenn Genießen bedeutet, dass man sich Zeit fürs Essen nimmt, für die Zubereitung wie für die Mahlzeit, dann sind Frauen wahrscheinlich genussvoller. Wenn Genießen aber bedeutet, dass man sich vom Essen verführen lässt und ohne schlechtes Gewissen isst, dann sieht es schon schlechter für die weiblichen Esser aus.

Denn bei fettigem Frittierten, cremigen Sahnesoßen, gehaltvollen Desserts oder üppigen Torten, ja manchmal schon bei Eis und Schokolade, schaltet sich bei vielen Frauen schnell der warnende Verstand ein: Das ist nicht nur ungesund, sondern blankes Hüftgold, das wieder ein paar Gramm Fett mehr auf die Rippen bringt.

Das Schlankheitsideal bestimmt das Essverhalten des weiblichen Geschlechts häufig mehr als der Genuss. Viel zu viele Frauen schlucken Abführmittel, nehmen Appetitzügler und lernen Kalorientabellen auswendig. Und wenn sie dann doch einmal die Kontrolle verloren und gesündigt haben, bestrafen sie sich mit irgendeiner absurden Diät oder quälen sich über das gesunde Maß hinaus auf dem Laufband.

Auch Frauen ernähren sich nicht so gesund

Die Statistiker jedenfalls behaupten zu wissen, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern gar nicht so groß sind. Denn auch Frauen ernähren sich längst nicht so gesund, wie gemeinhin vermutet wird. Die Nationale Verzehrsstudie von 2008 hat einige verblüffende Ergebnisse zutage gefördert. Zwar hat sich bestätigt, dass Männer viel mehr Fleisch essen und auch deutlich häufiger Alkohol trinken, vor allem Bier und harte Sachen. Beim Naschen von Schokolade, Bonbons, Eis, süßen Aufstrichen und Zucker aber waren die Resultate für Männer und Frauen gar nicht so weit voneinander entfernt: Im Schnitt verzehrten Männer 55 Gramm Süßwaren pro Tag, Frauen kamen auf 48 Gramm.

Überraschend waren auch die Ergebnisse für Gemüse und Obst. Frauen essen im Schnitt 243 Gramm Gemüse pro Tag, Männer 222 – empfohlen werden aber 400 Gramm pro Tag. Diese Empfehlung unterschreiten 88,5 Prozent der Männer und 86,3 Prozent der Frauen. Ähnlich sieht es beim Obst aus: Frauen greifen zwar deutlich häufiger zu Apfel, Orange und Co. als Männer. Trotzdem erreichen 54 Prozent der Frauen die DGE-Empfehlung von 250 Gramm pro Tag nicht, bei den Männern sind es 65 Prozent. Und ebenfalls recht unerwartet kommt die Erkenntnis, dass junge Männer mehr Milch und Milcherzeugnisse verzehren, als dies junge Frauen tun.

Ist das Geschlecht also gar nicht so ausschlaggebend für das, was wir essen? Nein, interpretiert die Nationale Verzehrsstudie die Untersuchungsergebnisse. Viel gravierender wirken sich andere Rahmenbedingungen auf unsere Ernährungsgewohnheiten aus: der soziale Status, das zur Verfügung stehende Einkommen, die Bildung.

„Wir sind uns ähnlicher, als behauptet wird“, urteilt auch die Soziologin Rückert-John. Warum also ist das bisschen Unterschied einen solchen medialen Popanz wert? Rückert-John hat eine Erklärung: Das Männliche und das Weibliche sind eine starke Ordnungskategorie in unserer Gesellschaft. Wir können nicht anders, als durch diese Brille schauen; das gehe selbst den Wissenschaftlern so. Anders als andere soziale Kategorien wie Bildung ist das Geschlecht nicht wegzureden. „Offenbar braucht der Mensch einfache Wahrheiten.“

Interview

Eltern leben oft noch das alte Schema vor

Dr. Jörg Zittlau ist Wissenschaftsjournalist und befasst sich seit Längerem mit dem Speiseplan der Geschlechter. Sein Buch Frauen essen anders, Männer auch ist im Eichborn-Verlag erschienen.

ÖKO-TEST: Haben Sie schon mal eine Diät gemacht?
Jörg Zittlau: Noch nie, aber ich habe auch keine Gewichtsprobleme. Wenn ich wirklich abnehmen müsste, würde ich keine Diät machen, sondern versuchen, auf Schokolade zu verzichten.
ÖKO-TEST: Warum unterstellt man immer nur Frauen diesen Hang zur Schokolade, obwohl doch auch Männer Süßes essen?
Zittlau: Frauen werden schon als Kinder mit Süßem getröstet. Wenn sie sich das Knie gestoßen haben, bekommen sie ein Bonbon. Bei kleinen Jungs heißt es stattdessen: Indianer kennen keinen Schmerz. Deshalb belohnen sich Frauen auch als Erwachsene häufig mit Schokolade oder trösten sich damit über Frust hinweg. Männer belohnen sich mit anderen Sachen, mit Alkohol zum Beispiel.
ÖKO-TEST: Hat die elterliche Erziehung wirklich einen solch großen Einfluss auf das spätere Essverhalten?
Zittlau: Eltern leben leider zu oft noch das alte Schema vor. Beim Jungen sagen sie: „Lass die Kartoffeln liegen, iss das Fleisch auf.“ Beim Mädchen bremsen sie schon beim Auftun auf den Teller: „So viel isst du doch gar nicht.“ Dahinter steckt das alte Denken, dass Frauen sich unter Kontrolle haben sollen, eben auch beim Essen. Das macht es übergewichtigen Frauen so schwer. Sie gelten als maßlos. Dicke Männer werden in der Regel nicht so abgeurteilt.
ÖKO-TEST: Aber unterstellen Männer den Frauen denn nicht auch, dass sie sinnlich sind und sexuell genießen können, wenn sie gern essen?
Zittlau: Dass Spaß am Essen gleich Spaß am Sex bedeutet, halte ich für vollkommenen Quatsch. Ich kenne keinen wissenschaftlichen Beweis für die Abhängigkeit beider Lüste. Es gibt sinnliche Esser, die keinen Sex haben, und sinnliche, sexuell genießende Menschen, die keine Gourmets sind.