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„ Erst im Chaos entstehen neue Lösungen“


The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 10/2021 vom 14.09.2021

Artikelbild für den Artikel "„ Erst im Chaos entstehen neue Lösungen“" aus der Ausgabe 10/2021 von The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 10/2021

BORN IN THE USA Jesse Marsch, hier in den Katakomben der Red Bull Arena in Leipzig, stammt aus Wisconsin und begann seine Karriere in Nordamerika.

Jesse Marsch ist ein hellwacher Gesprächspartner. Er doziert nicht, sondern versucht, sämtliche Fragen klar, deutlich und offen zu beantworten. Auf Deutsch, nur ausnahmsweise, wenn ein Wort nicht sofort kommen will, auf Englisch.

Marsch, 47, ist ein durch und durch ungewöhnlicher Fußballtrainer, und das nicht nur, weil er aus Wisconsin stammt, wo Fußball – also Soccer, wie er in den USA genannt wird – deutlich weniger Tradition hat als andere Sportarten wie Basketball oder Eishockey.

Vor seiner Lauf bahn als Fußballer in der US-amerikanischen Profi-Liga holte er sich einen Abschluss in amerikanischer Zeitgeschichte an der Eliteuniversität Princeton. Nach vierzehn Saisonen in der Major League Soccer wechselte Marsch den Job und wurde Co- Trainer der US-amerikanischen Nationalmannschaft. Über Stationen in Montreal und Princeton kam Jesse Marsch 2015 als Cheftrainer zu den New York Red Bulls, wo er ...

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... eine unvergleichlich erfolgreiche Periode einleitete, die meisten Siege in der Geschichte des Franchise (wie die Liga-Teilnehmer in den USA genannt werden) einfuhr und als „Trainer der Saison“ ausgezeichnet wurde. Nach dreieinhalb Jahren wagte er den großen Schritt nach Europa und wurde an der Seite von Ralf Rangnick Co-Trainer bei RB Leipzig. Jesse Marsch liebt es, ins kalte Wasser zu springen: Schon seine ersten Interviews gab er auf Deutsch.

Von Leipzig führte ihn sein Weg nach Salzburg, wo er zwei österreichische Meisterschaften gewann und mit den Salzburger Red Bulls in der Champions League für Furore und attraktive Auftritte sorgte. Im Juni 2021 kehrte Jesse Marsch als Cheftrainer nach Leipzig zurück und stellt sich seiner bisher größten Herausforderung: der Deutschen Bundesliga. Herausforderungen sind

auch d as Thema dieses Gesprächs. Jesse Marsch ist bekannt dafür, bei nahezu jeder Gelegenheit seine Komfortzone zu verlassen, um aus dem entstehenden Chaos seine Lehren zu ziehen. Ein Gespräch darüber, was der Fußball über das Leben lehren kann – und umgekehrt.

THE RED BULLETIN: Sie sind bekannt dafür, dass Sie sich erst wohlfühlen, wenn Sie Ihre Komfortzone verlassen. Was macht diese besondere Art der Anspannung mit Ihnen?

JESSE MARSCH: Wenn die Lage hektisch und unübersichtlich ist, sind die Herausforderungen besonders groß. Im Chaos entstehen zwangsläufig neue Gedanken und Lösungen. Nie arbeitet mein Kopf auf höheren Touren als im Chaos.

Ihre Formel lautet also: Sie brauchen Chaos, um kreativ zu sein?

Ja, ich glaube schon. Aber ich verstehe auch, dass hier in Deutschland viele Leute das Gefühl mögen, alles im Griff zu haben – die Agenda perfekt durchorganisiert, alle Aufgaben klar zugeteilt.

Wie lösen Sie diesen Widerspruch?

Wir haben das in den ersten Wochen innerhalb des Vereins thematisiert, mit dem Trainerstab, der Mannschaft, dem ganzen Umfeld. Wir müssen eine Balance finden, die für alle richtig ist – nicht nur für mich. Auf jeden Fall müssen wir in der Gruppe das Gefühl verankern, dass wir permanent dazulernen, dass wir permanent neue Dinge verstehen müssen.

Warum braucht es im Training Chaos?

Jedes Spiel, das wir spielen, hat hektische, unübersichtliche Anteile. Die Spieler müssen lernen, jede Situation im Kopf zu verstehen, aber gleichzeitig körperlich mit voller Geschwindigkeit und Power reagieren zu können. Das ist meine Art, wie ich als Trainer eine Strategie für unsere Mannschaft entwickle.

Taugt die Theorie nur für den Sport?

Im Gegenteil, es geht um den Lernprozess an und für sich: Wie wir lernen, Situationen zu verstehen. Wie wir uns dadurch weiterentwickeln. Jeden Tag einen neuen Schritt zu machen ist ein großer Teil unseres Erfolgs. Ich habe immer gelernt: Der Erfolg kommt von allein, wenn wir ein Klima ständiger Lernprozesse und Herausforderungen schaffen.

Wie geht das? Sie arbeiten mit einer großen Gruppe. Wie kann man diese Gruppe so fordern, dass sowohl die einzelnen Spieler als auch die Gruppe als Gemeinschaft die Herausforderung spürt – und annimmt?

Die Idee unseres Fußballs, unsere Prinzipien und auch die Art, wie wir kommunizieren und Beziehungen pflegen, sind klar. Von diesem Fundament gehen wir aus und testen neue Möglichkeiten.

Die Ergebnisse hängen davon ab, wie schnell die Gruppe lernt.

„Wir genießen die Vielfalt. Im Team müssen nicht alle gleich sein.“

Unterschiedliche Menschen lernen unterschiedlich schnell.

Das stimmt. Manchmal lernt ein Spieler, indem man mit ihm ein Video analysiert, manchmal zeigt man einem Spieler etwas direkt am Platz. Manche Spieler brauchen ein ausführliches Gespräch, manchen erklären wir ihre Aufgaben auf der Taktiktafel, manche verstehen mich blind.

Welche Methode favorisieren Sie?

Ich muss mit allen diesen Situationen gut zurechtkommen. Was ist als Trainer, als Anführer wichtig für mich? Nicht das einzelne Detail, sondern die Summe aller Details. Je mehr wir in der Gruppe das Gefühl haben, dass alle Puzzlesteine zusammenpassen, desto mehr Klarheit gewinnen wir. Und das ist immer das Ziel: Klarheit.

War das auch in Ihrer eigenen Karriere so? Zuerst Chaos, dann Klarheit?

Ja. Ich habe immer viel gelernt, wenn die Situation schwierig war. In Salzburg musste unsere Gruppe zum Beispiel verstehen, dass Gewinnen nicht immer Fortschritt bedeutet. Alle mussten verstehen, dass schwierige Situationen mehr Gelegenheiten bieten, etwas zu lernen und sich weiterzuentwickeln.

Meinen Sie: Spiele zu verlieren?

Im Februar 2020 stand in den Medien, dass wir in einer Krise sind. Wir hatten von sechs Spielen nur eines gewonnen. Waren aus der UEFA Europa League geflogen. Hatten in der Liga ein paar Spiele verloren. Aber diese Niederlagen haben für mich einen Prozess gestartet. Ich begann zu lernen, wie in Österreich Fußball im Winter funktioniert. Welche Ideen es braucht, bei schlechtem Wetter auf schlechten Plätzen Spiele zu gewinnen.

„Das Wichtigste ist Selbstlosigkeit. Meine Bedürfnisse kommen zuletzt, nicht zuerst.“

Diese Auseinandersetzung startete den Prozess?

Genau. Und der Prozess war mein Ziel. Zuerst musste ich klären, was ich besser machen kann. Dann, was diese Ideen für die Gruppe bedeuten. Gemeinsam arbeiteten wir an Lösungen. Mit dem Resultat, dass wir für die nächsten 18 Monate fast unschlagbar waren. Dieser Erfolg wäre aber nicht möglich gewesen, wären wir nicht in Schwierigkeiten gekommen – und hätten aus der Situation nicht die richtigen Lehren gezogen.

Wie nehmen Sie diese Erfahrung mit, zum Beispiel von Salzburg nach Leipzig?

Ich nehme mit, wie wichtig es für mich war, in Schwierigkeiten zu sein. Die Lösungen, die in Salzburg funktioniert haben, kann ich hier nicht brauchen.

Aber die Erfahrung, wie wir den Lernprozess aufgesetzt und durchgezogen haben, schon. Wir haben eine gute Mannschaft hier in Leipzig, wir sind in einer super Ausgangslage. Aber entscheidend wird sein, dass wir in jeder Situation lernbereit bleiben und die richtigen Prozesse in Gang setzen. Dann werden wir erfolgreich sein. Sehr erfolgreich sein.

Wie fühlt sich der Schritt nach Leipzig für Sie persönlich an? Es ist einerseits eine Rückkehr, andererseits eine neue Aufgabe.

Ich fühle mich sehr gut. Ich bin vertraut mit Leipzig. Ich war ja nicht nur als Co- Trainer bei Ralf Rangnick ein Jahr hier, sondern auch als Trainer von New York oft in Leipzig. Ich bin mit der Konstellation des Klubs und seinen Menschen vertraut. Ich habe ein Bild in meinem Kopf, wie ich mit dem Verein den nächsten Schritt machen kann.

Es gibt keinen anderen Fußballtrainer auf der Welt, der ein Ivy League Degree hat, oder?

Pellegrino Matarazzo (vom VfB Stuttgart; Anm.) hat an der Columbia studiert.

Sie kamen als Fußballer nach Princeton, aber einen Abschluss bekommt man davon nicht. Sie haben in Geschichte abgeschlossen. Mit welchen Themen haben Sie sich da beschäftigt?

Mit US-Geschichte des 21. Jahrhunderts. Aber das Wichtigste für mich war in Princeton die ständige Gegenwart herausragender Studenten, von denen ich Reife und Denken gelernt habe. Wo immer man hingeschaut hat – überall war Talent.

Fiel Ihnen das Lernen leicht?

Nein. Es war extrem schwer, Studium und Prüfungen zu schaffen und gleichzeitig die Zeitpläne als Sportler und Student einzuhalten. Es war Stress, sicher außerhalb meiner Komfortzone. Aber ich habe gelernt, dass außerhalb der Komfortzone die wichtigsten Dinge entstehen. Ich bekam viel mehr Selbstvertrauen und Persönlichkeit.

Sie lernten sich selbst besser kennen?

Und wie! Vor Princeton dachte ich, dass ich talentiert bin. In meiner Heimatstadt war ich ein guter Student und ein guter Sportler. Alles fiel mir leicht. Plötzlich war über Nacht alles schwierig. Es war wie Tag und Nacht. Erst kam ich damit nicht zurecht. Aber dann lernte ich, dass ich kämpfen muss. Wenn ich nicht kämpfe, habe ich keine Chance. Weniger reden, mehr zuhören, mehr arbeiten, weniger Spaß – das war damals die einzige Chance für mich, Erfolg zu haben.

Wie hat sich diese Erkenntnis auf Ihre Arbeit als Trainer ausgewirkt?

Ich habe gelernt, für den Erfolg zu kämpfen. Deutsch lernen, mehr Fußball lernen, Französisch lernen, Spanisch lernen, von anderen Trainern lernen. Die kompromisslose Bereitschaft zu lernen ist für mich ein Schlüssel zum Menschsein.

Fußball als Lebensschule?

Für mich ist Fußball die Plattform, auf der ich meine Lebensphilosophie umsetzen kann. Aber ich glaube, dass die besten Trainer in jedem Sport Erfolg haben könnten.

Wie das?

Ein guter Trainer kennt die Antwort auf die Frage „Was ist wichtig und was nicht?“. Ich habe eine klare Vorstellung davon, wie der beste Fußball funktioniert. Ich mag unsere Idee von Fußball hier bei Red Bull. Aber ich hoffe, dass auch meine Philosophie von Leben und Lernen funktioniert, egal in welchem Sport oder Lebensbereich. Es geht dabei um Menschlichkeit, Zusammenhalt und Beziehungen – und darum, wie man klug in diese Themen investiert.

Sie sind nach den ersten Trainerjobs für ein halbes Jahr auf Weltreise gegangen. Was hat das für Ihr Leben gebracht?

Ich erzähle Ihnen eine Geschichte. Bevor ich Deutsch konnte, habe ich mir gemeinsam mit Jochen Schneider (damals Leiter Sport bei RB Leipzig; Anm.) ein Spiel in Wolfsburg angeschaut. Vor dem Spiel sah ich im VIP-Room ein Interview mit einem Spieler auf dem Bildschirm. Der Spieler verwendete etwa fünfzehnmal das Wort „Druck“. Dann kam der Trainer und verwendete auch fünfzehnmal das Wort „Druck“. Also fragte ich Jochen, was dieses Wort bedeutet. Er sagte:

„Pressure!“ Ich fragte zurück: „Pressure wie beim Auf-den-Mann-Gehen im Fußball?“ Er sagte: „Nein, Pressure wie sozialer Druck in der Öffentlichkeit!“ „Wieso?“, fragte ich. „Weil alle das Gefühl haben, Erfolg haben zu müssen“, sagte Jochen. Dabei ist Druck nur, was man aus Druck macht. Druck ist relativ.

Wenn man zum Stadion kommt und nur über Druck redet, dann kann man nicht mit freiem Kopf Fußball spielen oder Trainer sein.

Was hat das mit der Weltreise zu tun?

Ich habe auf meiner Weltreise gelernt, dass mehr als 99 Prozent der Menschen null Interesse daran haben, was etwa in der Major League Soccer passiert. Es ist diesen Menschen egal. Interessiert sie nicht. Viele haben einen ganz anderen Druck – Lebensdruck, nicht Fußballdruck. Auf dieser Reise habe ich gelernt, die Idee von Druck und Erfolg beiseitezulassen. Es ist viel wichtiger, einen Prozess in Gang zu bringen, dem Prozess treu zu bleiben und die Beziehungen mit den Menschen innerhalb dieses Prozesses zu vertiefen. Je besser wir das zusammen schaffen, desto besser können wir auch den Erfolg und die Ergebnisse kontrollieren.

Wie vermitteln Sie das Ihren Spielern?

Sie müssen verstehen wollen, was unser Plan ist. Aber sie dürfen niemals den Druck spüren, dass sie einen Erfolgspass spielen oder andere Erfolgsmomente herstellen müssen. Sie sollen im Moment bleiben, die Energie der Mannschaft und der Mitspieler spüren. Klar, es braucht Konzentration und Klarheit, aber Freiheit muss auch dabei sein.

Wie schaffen Sie diese Freiheit?

Über die Mentalität der Gruppe auf dem Platz. Wenn einer einen Fehler macht oder etwas Schwieriges passiert, müssen alle zusammenhalten. Unsere Stärke ist der Zusammenhalt. Die Spieler sollen verstehen, dass sie als Gruppe alles erreichen können. Sie stärken sich gegenseitig und entwickeln miteinander die Power.

Das stelle ich mir gar nicht so einfach vor. Viele Spieler sind Individualisten, die unterschiedliche Ideen davon haben, was dieser Job für sie bedeutet. Wie lassen Sie die Spieler spüren, dass sie ein Team sein müssen?

Es ist mein Job, die Jungs zu verstehen und zu lernen, wie sie ticken. Das Verständnis für den Einzelnen ist eine wichtige Botschaft an alle. Aber darüber stehen die Ansprüche der Gruppe. Und diese Ansprüche sind sehr, sehr hoch.

Das heißt, Respekt ist der Schlüssel?

Respekt füreinander entsteht, indem man einander versteht. Ich mache viele Dinge für den Teamspirit, damit die Jungs einander kennenlernen, die Kultur der einzelnen Spieler begreifen. Ich lasse sie zum Beispiel vor der Gruppe darüber reden, was in ihrem Leben zählt. Was bedeutet eine Fußball situation? Was bedeutet eine Lebenssituation?

Die Spieler präsentieren sich einander in all ihrer Unterschiedlichkeit?

Ja. Wir genießen die Vielfalt. Wir müssen nicht alle gleich sein. Im Fußball ist das nicht möglich. Hier bei RB Leipzig haben wir ganz viele Spieler aus verschiedenen Ländern, Herkünften und Kulturen.

Und wie vermitteln Sie die Gemeinsamkeit, die für die Mannschaft entscheidend ist?

Zum Beispiel, indem ich deutsch mit der Gruppe rede. Auch wenn es einfacher wäre, wenn ich englisch redete – die Mehrheit versteht Englisch besser als Deutsch. Aber wir sind eine deutsche Mannschaft, deshalb müssen sich alle ein bisschen anpassen und aus dieser Anpassung lernen. Mein Deutsch ist simpel genug, dass mich alle verstehen.

Es reicht für eine gute Kommunikation und gutes Verständnis. So kommen die Dinge zusammen und werden, Stück für Stück, ein Ganzes.

„Weniger reden, mehr zuhören, mehr arbeiten, das war meine Chance.“

Was leben Sie als Anführer der Gruppe vor?

Das Wichtigste ist Selbstlosigkeit. Meine Bedürfnisse kommen zuletzt, nicht zuerst. Und es muss ein Gefühl für alle da sein. Ich habe eine Phrase, sie lautet: „All in“. Für mich bedeutet „All in“, dass man alles für die Gruppe gibt, besonders wenn es schwierig ist. Ich akzeptiere kein anderes Bedürfnis als das der Gruppe.

Ich bin mit vielen Dingen sehr flexibel, außer damit. Auf Englisch heißt das „non-negotiable“, nicht verhandelbar.

Ich habe keine Flexibilität für egoistisches Verhalten.

Es gibt ein deutsches Wort, das heißt „Fehlerkultur“. Wie gehen Sie mit Fehlern um, auch mit den eigenen?

Ich bin nicht zufrieden, wenn Fehler passieren. Aber ich bin der Erste, der einen Fehler zugibt – vor der Gruppe, kein Problem. Verletzlichkeit ist für mich als Anführer wichtig. Aber was ist überhaupt ein Fehler? Ein Ballverlust? Ein Gegentor? Solche Fehler berühren nicht unsere Idee von Fußball, unsere Idee vom Leben. Es wäre ein Fehler, wenn wir nicht alles geben – und wenn wir nichts dazulernen. Das verstehe ich als Fehler.

Woher beziehen Sie Ihre Inspiration? Woher kommt Ihre Kreativität als Trainer?

Meistens aus anderen Sportarten. Schon als ich noch auf der Universität war, habe ich in meiner Freizeit immer zugeschaut, was in anderen Sportarten im Training gemacht wurde, und mit Trainern gesprochen. Ich habe viel vom Rudern gelernt, Wahnsinn.

Was lernt man von Ruderern für den Fußball?

Ruderer sind um fünf Uhr früh auf dem See und arbeiten. Sie gehen im Wettkampf bis an ihre Grenze und darüber hinaus. Nach einem Rennen im Achter fahren sie über die Ziellinie, und alle acht Athleten fallen buchstäblich tot um. Mein Ziel wäre eine Fußballmannschaft, die diese Mentalität hat.

Bringen Sie auch Erfahrungen aus ganz anderem Kontext ins Training ein?

Ich versuche es. Ich war zum Beispiel am Google Campus – eine überragende Erfahrung!

Inwiefern?

Weil diese Menschen eine total andere Idee vom Leben haben. Alles ist anders als sonst. Überall Farben und Ideen. Die Leute chaotisch. Die Türen sind immer offen, nicht geschlossen. Das ist für mich Inspiration, das bringt Innovation.

Auch Trainer wie Jürgen Klinsmann haben kulturelle Anreize gesetzt, Buddhafiguren aufgestellt oder mit den Spielern Yoga gemacht. Klingt das für Sie vertraut?

Ich habe mit vielen Mannschaften Yoga gemacht, aber ich ändere Dinge nicht, um etwas zu ändern. Veränderungen müssen tiefer greifen. Eine Kernfrage lautet: Wie können wir unsere Lebenserfahrung nutzen, um ein stimmiges Umfeld aufzubauen? Meine Kreativität zielt darauf ab, die Bedürfnisse der Gruppe zu erkennen und zu stützen. Mein Finger befindet sich am Puls der Gruppe, um zu erkennen, was sie für den nächsten Schritt braucht.

Fallen Ihnen unkonventionelle Maßnahmen als Amerikaner leichter?

Hat Ihre Herkunft eine Auswirkung auf die Arbeit – oder auch nur auf die Wahrnehmung dieser Arbeit?

Ich bin nach Europa gekommen, um meine Lebensphilosophie in der Arbeit mit einer Mannschaft umzusetzen. In Salzburg habe ich gesehen, dass ich das dafür nötige Umfeld auf bauen kann und den Jungs das gebe, was sie brauchen.

Gemeinsam wurden wir zu einer richtig starken Mannschaft.

Bauen Sie dabei auf Vorhandenes auf, oder gehen Sie neue Wege?

Ich nehme alles, was gut zu mir und meiner Idee einer richtig guten Mannschaft passt. Aber dann will ich wissen, welchen nächsten Schritt die Gruppe braucht.

Welcher Prozess es uns ermöglicht, echt, ehrlich und klar zu sein. Ich glaube, das ist der Grund, dass ich – auch als Nachfolger erfolgreicher Trainer – an neuen Stationen Erfolg habe.

Sie sind optimistisch, dass das auch in Leipzig funktioniert?

Ich bin mir sicher. Ich hoffe, dass wir mehr Persönlichkeit aus unseren talentierten Spielern herausholen, weil wir umfassender denken. Nicht nur die Qualität auf dem Platz entscheidet, sondern die Qualität und der Charakter der ganzen Gruppe. Wenn wir die Menschen stärken, werden wir auch mehr von ihrem Talent sehen.

Das klingt fast wie die Handlungsweise eines Gurus.

Ein bisschen. Das kann sein. Ich bin kein Guru, aber ich achte immer auf die Menschlichkeit in der Gruppe.

Es interessieren Sie die Menschen, nicht die Spieler?

Sicher. Wenn wir die Menschen entwickeln, dann sind im Fußball die Botschaften relativ einfach. Wenn die Jungs im schwierigsten Moment die beste Leistung bringen können, weil sie mit sich selbst klar sind und unseren Plan, unsere Gemeinschaft und unsere Mentalität vor Augen haben, dann ist alles viel einfacher. Klarheit gibt Sicherheit auf dem Platz.

„Wenn wir die Menschen stärken, sehen wir mehr von ihrem Talent.“

Gibt nicht die Taktik Sicherheit?

Klar, Strategie und Taktik sind wichtig. Taktik bedeutet, wie man die Strategie umsetzt. Aber dafür braucht es Menschen. Die Spieler auf dem Platz sind Menschen, das muss im Plan vorgesehen sein. Und weil sie Menschen sind, brauchen sie ihre Freiheiten.

Wenn man Sie an der Seitenlinie sieht, ist da vor allem eines: Emotion.

Manchmal bin ich auch sauer, aber jede Emotion ist echt. Was Sie sehen, ist die Wahrheit.

Sie sind kein Schauspieler.

Nein, sicher nicht. Mir ist wichtig, dass die Spieler nicht mich anschauen, wenn sie auf dem Platz sind. Sie müssen auf die anderen Spieler schauen, nicht auf mich. Vor einem wichtigen Spiel sage ich in der Kabine oft: „Ich wünschte mir, ich wäre mit euch auf dem Platz. Aber ich bin auf der Bank. Mental und emotional bin ich bei euch.“

Was war bis jetzt der emotionalste Moment im Fußball für Sie?

Ich glaube, es waren die Abschiede in New York und in Salzburg. Da hatte ich ein gebrochenes Herz. Ich bin so stolz auf alles, was wir zusammen erreicht haben. Aber ich bin innerlich leer, weil ich Mannschaften verlassen habe, die mir ans Herz gewachsen sind.

Letzte Frage: Braucht ein guter Leader Humor? Muss man eine Gruppe zum Lachen bringen können?

Ich glaube, Verletzlichkeit bedeutet, dass man über sich selbst lachen kann.

Die Jungs müssen verstehen, dass ich nicht so ernst bin. Es gibt Momente, in denen wir konzentriert arbeiten.

Aber wir müssen die Situation immer genießen, Spaß haben und miteinander und übereinander lachen. Ja, Humor ist sicher eine Hilfe.

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