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Erste Nationale ausgerufen rbe-Bäume


TASPO BAUMZEITUNG - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 06.12.2019

Um besonders alte Bäume in Deutschland besser zu schützen und deren Bedeutung herauszustellen, beruft die DDG (Deutsche Dendrologische Gesellschaft) ab sofort Nationalerbe-Bäume. Verbunden damit sind Sondermittel für notwendige Pflegemaßnahmen. Als erster Nationalerbe-Baum wurde am 5. Oktober die Heeder Sommer-Linde (Niedersachsen) ausgerufen – eine gelungene Premiere.


Artikelbild für den Artikel "Erste Nationale ausgerufen rbe-Bäume" aus der Ausgabe 6/2019 von TASPO BAUMZEITUNG. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: TASPO BAUMZEITUNG, Ausgabe 6/2019

Abb. 1: Die Dicke Linde (Tilia platyphyllos) in Heede/Emsland ist der erste Nationalerbe-Baum.


Es gibt in Deutschland fast keine über 1.000-jährigen Bäume mehr. Das hat zum Teil historische Gründe, aber ganz wesentlich ist die überzogene ...

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... Sicherheitserwartung an alte Bäume dafür verantwortlich. Sie werden zu häufig „zurecht - gesägt“, damit keine Äste mehr herunterfallen können, mit der Folge eines zunehmenden Siechtums und schließlich Ab - sterbens. Oder die Bäume brechen wegen unterbliebener sinnvoller Sicherungsmaßnahmen auseinander. Weitere Ursachen können Standortprobleme, Baumaßnahmen und Beschädigung von Wurzeln sein.

Bäume mit einem solchen Alter oder zumindest dieser potenziellen Lebens - erwartung sind neben Naturmonumenten auch Kulturgeschichte. Dies wird bei Veranstaltungen an besonderen Bäumen und Aktivitäten zu deren Existenz eindrucksvoll erlebbar.

Bereits bestehende Schutzkategorien (Naturdenkmal, Naturschutzgebiet, Nationales Naturmonument) reichen für solche national herausragenden Einzelbäume nicht aus, da die erstgenannte zu lokal/ regional ist und ihre Umsetzung/Einhaltung zudem spürbar von den verfügbaren Finanzen und den Prioritäten sowie der Motivation der dafür zuständigen Bearbeiter abhängig ist (Schröder 2019). Die beiden letztgenannten Kategorien bezwecken einen Flächenschutz, was zum Beispiel bei den Ivenacker Eichen sehr sinnvoll ist (BfN 2019), nicht jedoch bei Einzelbäumen im Stadtgebiet oder dörflichen Raum.

Anregung für die Ausrufung der National - erbe-Bäume waren zum Beispiel „National Heritage Trees“-Ernennungen in anderen Ländern wie England (Stokes & Rodger 2004), die es seit etwa 40 Jahren gibt.

Kompetenter Partner der Aktion National - erbe-Bäume ist die Deutsche Dendrologische Gesellschaft (DDG, www.ddg-web.de). Ihre Satzung nennt ausdrücklich auch einen solchen Vereinszweck: Bäume fördern und schützen. Zudem sind in der DDG besonders viele Baumkenner und -experten vereinigt und sie ist maßgeblich an der Champion Trees-Datenbank beteiligt, die viele potenzielle Kandidatenbäume enthält (www.championtrees.de).

Abb. 2: Der Ginkgo (Ginkgo biloba) im Schlosspark Riesa-Jahnishausen


Abb. 3: Ausrufung des zweiten Nationalerbe-Baumesmit Flötenspiel


Besondere Baumpflege ist nötig

Pflegemaßnahmen an solchen Altbäumen sollten nur ausgewiesenen Experten überlassen werden, teilweise können sie auch reduziert werden beziehungsweise sogar ganz unterbleiben, da diese Bäume die Lebens- und Wachstumsprozesse oft in besonderer Weise selbst optimieren. Die Uraltbäume sind auch aus wissenschaft - licher Sicht hochinteressant, zum Beispiel hinsichtlich ihrer Baumbiologie (Alterungsprozesse, Kronenrückzug), Genetik (Mutationen an alten Ästen) und Pathologie (Resistenzen).

Die Zeit ist reif, solche (potenziellen) Uraltbäume dauerhaft verantwortungsvoll zu schützen und gegebenenfalls zu pflegen, um ihnen damit langfristig ein „Altern in Würde“ zu ermöglichen. Dafür werden nun seit Juli 2019 insgesamt 100 „Nationalerbe-Bäume“ von den langlebigen Baumarten (siehe Kasten links) mit über 400 Zentimeter Stammumfang und möglichst über 400 Jahren alt von einem Kuratorium gesucht, ausgewählt und gekürt.

Für diese Bäume werden dann aus Sondermitteln notwendige Pflege-, Schutz- und Umfeld-Maßnahmen gefördert: Es liegt die Zusage der Eva Mayr-Stihl Stiftung (Waiblingen) vor, alle anfallenden Kosten für zunächst fünf Jahre zu übernehmen (die Perspektive dafür ist auch länger).

Abb. 4: Die Eibe (Taxus baccata) in Flintbek bei Kiel mit Ernennungstafel


Fotos: Roloff

Gelungene Premiere in Heede mit großem Medienecho

Die Ausrufungen haben am 5. Oktober mit dem ersten Nationalerbe-Baum begonnen: der Heeder Sommer-Linde (Niedersachsen). Mit etwa 17 Meter Stammumfang ist sie der dickste vollstämmige Baum Deutschlands, bei einem Alter von etwa 600 bis 800 Jahren – sicher einer der am besten geeigneten ersten Kandidaten überhaupt (Abb. 1). Vor Ort waren alle Beteiligten und Verantwort lichen sofort begeistert von dieser Auszeichnung und beteiligten sich intensiv an der Vorbereitung der Veranstaltung.

Die Zeremonie zur Kür der Linde in Heede war eine rundum gelungene Veranstaltung. Etwa 150 TeilnehmerInnen feierten mit, es wurden zahlreiche Grußworte gesprochen (Bürgermeister, Bundestagsabgeordnete, Landkreisvertreter, DDG-Präsident), ein Musikverein und eine umfangreiche Verkostung sorgten für gute Stimmung. Eigens für die Ausrufung wurde zudem eine Lindenblüten-Schokolade (!) von diesem Baum hergestellt. Für Fachinformationen sorgten die Ausstellung der DDG sowie Holz- und Baumexponate von Uwe Thomsen. Die aufgestellte repräsentative Tafel zum Baum fügt sich sehr gut in das Baumumfeld ein.

Dies war eine optimale und vor Ort sehr gut vorbereitete Premiere. Das Medienecho übertraf alle Erwartungen, ebenso die vielen begeisterten Zuschriften über diese Initiative. Ein Video zur Ausrufung in Heede findet sich unter www.ndr.de/fern sehen/sendungen/hallo_niedersachsen/ Dicke-Linde-wird-zu-Nationalerbe-erklaert, hallonds54358.html).

Zweite Ausrufung: Ginkgo

Am 19. Oktober folgte die zweite Aus rufung mit dem zweitstärksten Ginkgo Deutschlands in Riesa-Jahnishausen (Sachsen) mit einem Stammumfang von 5,15 Meter (an der Taille) bei einem Alter von etwa 210 Jahren (Abb. 2, 3). Dieser Baum beeindruckt vor allem durch seinen einmaligen Habitus mit tief gegabeltem, wulstigem Stamm und den vielfach gebogenen Stämmlingen. Er ist daher schon jetzt ein „Charakterbaum“ (Hartig & Roloff 2018, Roloff 2018) und steht zudem an prägnanter Stelle im roman tischen denkmalgeschützten Schlosspark Jahnishausen. Die Denkmalschutz-Konzeption des Parks wird derzeit neu überarbeitet und angepasst, dabei soll der Ginkgo nun einen noch höheren Stellenwert erhalten.

Auch hier übertraf die Ausrufungs - zeremonie die Erwartungen bei Weitem, sowohl die Teilnehmerzahl (250) betreffend als auch die Aktivitäten der Grundstückseigentümer-Gemeinschaft, welche drei Wochen lang eigens Fingerfood hergestellt hatten (salziges und süßes Gebäck, zum Beispiel gebackene Ginkgo-Blätter).

Dritter Baum: Eibe in Flintbek

Als dritter Nationalerbe-Baum folgte am 27. Oktober eine Eibe in Flintbek bei Kiel (Schleswig-Holstein) mit einem bewegenden Sonntags-Gottesdienst zum Baum, da es sich um einen Kirchenbaum handelt. Der Pastor hat dabei in seiner Predigt intensiv Bezug auf Bäume und diese Eibe genommen, auch die Lieder wurden danach ausgewählt. Die 85 Gäste waren von dieser Besonderheit der Ausrufung sehr beeindruckt.

Mit ihrem Alter von 600 bis 900 Jahren ist sie eine der ältesten Eiben des Landes, bei einem Stammumfang von 3,93 Meter in 1,30 Meter Höhe (Abb. 4). Sie steht auf Kirchgrund nicht weit von der imposanten Holzkirche entfernt auf einer Gelände - rippe, die nach Süden und Westen un - mittelbar hinter dem Baum etwa zehn Meter tief abfällt, was neben der von Natur aus gegebenen Langsamwüchsigkeit der Eibe zur moderaten Stammstärke dieses alten Baumes geführt hat.

Inzwischen treffen viele interessante (zu zum Teil noch unbekannten Uraltbäumen), bewegende (mit teils sehr starkem emotionalen Bezug der Meldeperson) und begeisterte (über die Initiative) Meldungen und Zuschriften aus allen Teilen der Republik ein. Daraus werden die Kandidaten für das kommende Jahr ausgewählt und dann vor Ort geprüft, bevor sie öffentlich gemacht werden.

Resümee und weiteres Vorgehen

Die Rückmeldungen während der Veranstaltungen, die Meldungen von Kandidaten und die Kommentare zu dieser neuen Baum-Kategorie in Deutschland lassen bereits jetzt erkennen, dass es damit gelingen wird, alte Bäume ganz allgemein mehr wertzuschätzen, zu schützen und der Nachwelt zu erhalten. Hier entsteht neues Bewusstsein und Respekt, verbunden mit sehr persönlicher und emotionaler Kommunikation und einer signifikant zunehmenden Zahl von Baumliebhabern. Es wird sehr spannend, dies weiter zu verfolgen. Mehrere Uraltbäume sind bereits jetzt durch diese Initiative vor ihrem Absägen oder Verstümmeln bewahrt worden – alleine deshalb, weil sie auf die Liste möglicher Kandidaten gesetzt worden sind.

Für jeden dieser Bäume wird ein Pflegekonzept mit Baumpflegern vor Ort erarbeitet, sofern sinnvoll und notwendig. Pflege-/ Sicherungs- und Schutzmaßnahmen werden jeweils am konkreten Baum besprochen, festgelegt (soweit der Eigentümer zustimmt) und finanziert.

Das Kuratorium wird über die weiteren Kandidaten beraten und dabei zunächst vorrangig sowohl die noch fehlenden Baumarten als auch die weiteren Bundesländer berücksichtigen, da alle zeitnah mit dabei sein sollen. Aufgrund der umfang - reichen Vorarbeiten zu jedem Baum und einer begrenzten Zahl infrage kommender Wochenenden ist dabei maximal mit zehn Ausrufungen pro Jahr zu rechnen. Somit könnte die erste Runde 2021 abgeschlossen sein. Dann werden auch Baumarten und Bundesländer zum zweiten oder dritten Mal ausgewählt werden.

Inzwischen sind bereits zahlreiche Baumvorschläge eingetroffen, geeignete Kandidaten werden in einer halböffentlichen Kandidatenliste geführt. Die Reihenfolge wird sich dabei vor allem aus Baum- oder Pflege-Besonderheiten, der Lokation und einer angemessenen Berücksichtigung der Baumarten ergeben. Auf der Homepage www.nationalerbe-baeume.de finden sich tagaktuell mehr Informationen, auch über die weiteren Planungen und vertraglich festgelegte Kandidaten.

Literatur

BfN (Bundesamt für Naturschutz) 2019: https://www.bfn.de/themen/gebietsschutzgrossschutzgebiete/ nationale-naturmonumente.html [Aufruf 15.10.2019] Hartig, A.; Roloff, A., 2018: Bäume mit Charakter. BaumZeitug 06: 33–36.
Roloff, A., 2018: Der Charakter unserer Bäume – ihre Eigenschaften und Besonderheiten.
Ulmer, Stuttgart.
Roloff, A. (Hrsg.), 2019: Die starken Bäume Deutschlands – 111 faszinierende Naturerben und ihre Geschichten. Quelle & Meyer, Wiebelsheim.
Schröder, R., 2019: Ernste Gefahr für die Baum-Naturdenkmale: 90 von 212 Naturdenkmalen des Landkreises Görlitz sollen aufgehoben werden. Ginkgoblätter 157: 19–26.
Stokes, J.; Rodger, D., 2004: The Heritage Trees of Britain and Northern Ireland. Constable & Robinson, London

LANGLEBIGE BAUMARTEN

Die sogenannten langlebigen Baum arten können regelmäßig ein Höchst alter von über 400 Jahren erreichen, einzelne Exemplare zum Teil sogar über 1.000 Jahre. Solche Baumarten sind: Eibe, Stiel-/Trauben-Eiche, Ginkgo, Ess-Kastanie, Sommer-/Winter-Linde, bisweilen auch Platane und Flatter-Ulme (im Gebirge: Berg-Ahorn, Arve, Europä ische Lärche). Diese Baumarten stellen nachvollziehbar den höchsten Anteil unter den Baum-Naturdenkmalen.

Das macht deutlich, welche Verantwortung wir für solche alten Bäume haben und dass alles daranzusetzen ist, sie der Nachwelt zu erhalten. Es ist auch beeindruckend, sich bewusst zu machen, dass sie über so lange Zeiträume alle Ereignisse, Veränderungen und Variabilitäten von Standort, Umfeld und Klima tolerieren können müssen. Demzufolge darf man bei ihnen auch von einem besonders hohen Anpassungspotenzial aus - gehen.

– AR –

DER AUTOR

Prof. Dr. Andreas Roloff ist Direktor des Instituts für Forstbotanik und Forstzoologie sowie des Forstbotanischen Gartens der TU Dresden in Tharandt und leitet das Kuratorium Nationalerbe-Bäume.