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Erzähl mal!


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myself - epaper ⋅ Ausgabe 10/2022 vom 14.09.2022
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Wer im Gedächtnis bleiben will, muss lernen, Fakten mit einer Geschichte zu verknüpfen.

Als Robert Habeck im Juni dieses Jahres ans Rednerpult tritt, muss man als Zuhörerin ein Gähnen unterdrücken. Habeck sieht zwar wie immer spitze aus: Krawatte locker, Haare verwuschelt. Aber will man noch eine Rede zu Krieg und Krise hören? Und dann auch noch hier, auf dem langatmigen Tag der Industrie? Doch dann passiert in der Messehalle in Berlin etwas Seltsames. Robert Habeck, Wirtschaftsminister, 53, hält keine Rede – sondern er erzählt eine Geschichte: vom Joggen. Er erzählt, wie er sonntags durch den Wald trabte und dabei den Podcast der BBC über den Ukraine-Krieg hörte. Er berichtet von einem 19-jährigen Soldaten, der der BBC erklärt, dass seine Hoffnung nicht Frieden sei. Sondern der Wunsch, ein letztes Mal im Mittelmeer zu baden. Habecks Stimme bricht nicht, als er das erzählt. Aber sie kippt. Durch diese Geschichte habe er verstanden, „was gerade Phase in Europa ist“. Im Saal wird es ...

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... still. Und auch wenn das ein Klischee ist, alle hängen jetzt an seinen Lippen. Wie macht er das bloß?

Robert Habeck ist Teil eines erstaunlichen Trends. Ein Trend, der sich durch die Arbeitswelt, durch die Politik und bis hin zu unseren privaten Social-Media-Accounts zieht. Die Rede ist vom Erzählen von Geschichten – wofür es sogar ein eigenes Wort gibt: Storytelling. Der Begriff ist Teil des Bullshit-Bingos, das in Marketing-Abteilungen und Workshops aufgesagt wird – stimmt. Alles ist sustainable und organic, alle achten auf diversity und Storytelling. Dabei steckt hinter dem wolkigen Wort eine Werkzeugkiste voller Mittel, um ein Publikum mit einer Geschichte für sich zu gewinnen und in Erinnerung zu bleiben. Egal, ob es die zukünftige Chefin ist, die man in einem Bewerbungsgespräch umgarnt, die Kundin im Fahrstuhl, der Bekannte auf einer Party. Moment – professionelles Geschichtenerzählen? Das klingt auch nach Manipulation. Zu Recht. Denn gut erzählte Geschichten haben das Potenzial, zu motivieren, uns zu Tränen zu rühren.

Gut erzählte Geschichten haben das Potenzial, zu motivieren, uns zu Tränen zu rühren. Und uns um den Finger zu wickeln

Und uns um den Finger zu wickeln. Um Letzteres zu belegen, kauften die Amerikaner Joshua Glenn und Rob Walker 100 Gegenstände vom Flohmarkt. Gesamtwert: 129 Dollar. Dann baten sie Schriftstellerinnen, zu jedem Gegenstand eine Ministory zu schreiben. Den Krempel samt Story boten Glenn und Walker schließlich auf Ebay an. Und der Krimskrams verdoppelte nicht seinen Wert; er stieg um das 28-Fache. Geschichten steigern nicht nur den Wert einer Sache. Geschichten und ihre Erzählerinnen bleiben auch länger in Erinnerung als bloße Fakten – laut des Harvard-Professors Jerome Bruner: 22-mal. Was auch damit zusammenhängt, dass Geschichten (anders als Fakten) einen Teil unseres Gehirns ansprechen, der unter anderem für Empathie zuständig ist, den sogenannten Insellappen.

Was also sind die Werkzeuge, die in der Storytelling-Kiste liegen? Das Allzweckwerkzeug ist die sogenannte Heldinnenreise. Gemeint ist damit das Grundmuster für die spannende Story an sich, vor rund 80 Jahren vom Mythologen Joseph Campbell entdeckt. Campbell hatte Sagen und Fabeln aus Kulturen von Australien bis Skandinavien verglichen und ein Muster entdeckt: die Heldinnenreise. Laut dieser braucht jede Story eine Person, die Heldin, die sich auf den Weg macht, um ein Problem zu lösen, was ihr dank einer Unterstützerin und manchmal auch dank eines besonderen Objekts gelingt. Noch verkürzter: Gute Storys handeln von jemandem, der ein Problem hat und es versucht zu lösen. Kein Problem? Keine Story. Urlaubserzählungen von weißem Strand und schönen Hotels sind sauöde, weil es keinen Gegner gibt. Erfolgsgeschichten, in denen immer alles klappt, sind so doof, weil die Heldin kein Problem löst. Wenn eine Freundin aber nach den Ferien erzählt, dass ihr in Palermo der Motorroller geklaut wurde (Problem) und sie ihn dank einer Polizistin wiederbekommen hat (Unterstützerin), hören wir zu und vergessen das Gehörte lange nicht. Was noch in der Storytelling-Kiste ist? „Eine gute Geschichte löst Bilder in den Köpfen der Zuhörer aus“, sagt Gunnar Brune, Gründer der Storytelling-Beratung Narrative Impact. „Wählen Sie Worte, die sich auf Objekte beziehen, die man sich vorstellen kann.“ Eine gute Story handelt nicht vom „entwendeten Fahrzeug“, sondern vom „roten Motorroller“. Der fährt sofort vor unserem inneren Auge los.

Alles eine Frage der Technik also? Ja – „und nein“, sagt Friedemann Karig, Journalist und Teil des Autorenduos Karig und Samira El Ouassil. Gute Geschichten sind immer faktisch, aber auch immer emotional. Die Erzählerin gibt etwas von sich preis, ist selbst involviert, angefasst, riskiert etwas – auch wenn es peinlich ist. Habecks Auftritt, der später auf Twitter zu Begeisterungsstürmen führte und einem eigenen Lob-Video auf , war eben auch und vor allem: emotional und echt. Storytelling-Experten wie Friedemann Karig und Samira El Ouassil glauben zudem, dass Geschichten Erfolg haben, die unseren Grundannahmen über die Welt entsprechen. Vorhang auf für ein weiteres Wort aus der Storytelling-Werkzeugkiste: das Narrativ – eigentlich nur das englische Wort für „Erzählung“, das aber so etwas wie „die dahinterliegende Wahrheit“ meint. „Das Narrativ ist die Moral der Geschichte“, erklärt Gunnar Brune. Der geklaute Roller in Palermo bedient das Narrativ vom kriminellen Sizilien. Die gleiche Diebstahl-Story in Kopenhagen klingt gleich anders und wirkt unter Umständen sogar weniger aufs Publikum, weil eine Grundannahme nicht bestätigt wird. „Geschichten, die unser Narrativ zu einem Thema nicht bestätigen, piksen uns. Und sich von dieser Festlegung durch ein Narrativ zu befreien oder ein neues zu entwerfen dauert lange“, so Karig.

Gute Geschichten sind immer auch emotional. Und echt

Zum Schluss? Brauchen Geschichten genau das: einen Schluss. Denn wir wollen ja wissen, ob die Heldin Erfolg hatte. Kein Wunder, dass Robert Habeck, der mitreißende Geschichtenerzähler und übrigens Romanautor, seinem Publikum verrät, wie es mit dem 19-jährigen Soldaten weiterging. Dieser bekam – vielleicht weil jemand den BBC-Podcast gehört hatte – eine Einladung für einen Ferienhaus-Aufenthalt. Zwar nicht am Mittelmeer, aber weit weg vom Krieg: auf einer Insel im Atlantik.

Zuhören, bitte!

Mai Thi Nguyen-Kim Wissenschaftsjournalistin, die Chemie, Pandemie, Klima in leicht zu verstehenden Bildern erklärt. Supersehenswert: ihre Wissenschaftsshow „Maithink X – Die Show“ im ZDF.

Samira El Ouassil Hat Bundestagsreden und Comedytexte geschrieben – und war sogar Kanzlerkandidatin. Toll: ihr Storytelling-Buch „Erzählende Affen“ (Ullstein, 25 Euro), das sie mit Friedemann Karig geschrieben hat.

Malcolm Gladwell Autor des wohl besten Podcasts über Geschichte: „Revisionist History“. Er kann über alles unterhaltsam erzählen: Unruhen in Irland, verrückte Politiker, den perfekten Basketballwurf.

Robert Harris Um die Wirkung von Geschichten zu messen, „mussten“ Studienteilnehmer einen Roman von ihm lesen – der Effekt war messbar im Gehirn der Teilnehmer. Der Brite schreibt irre spannend über Morde und Verbrechen jeder Art.

Marie Lampert Wer in den letzten Jahren professionelles Storytelling gelernt hat, hat eines ihrer Bücher gelesen oder auf Ideen geklaut. Sie ist Journalistin, aber vor allem: ein Geschichten-Mastermind.