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erziehung: Selbstgespräche ALLES ANDERE ALS SELTSAM


familie & co - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 03.07.2019

Ihr Kind redet laut mit sich selbst? Oder plaudert angeregt mit seinem Stofftier? Keine Sorge: Das ist völlig normal! Dieses Verhaltenfördert die Entwicklung und die seelische Ausgeglichenheit


Artikelbild für den Artikel "erziehung: Selbstgespräche ALLES ANDERE ALS SELTSAM" aus der Ausgabe 8/2019 von familie & co. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: familie & co, Ausgabe 8/2019

Plaudereien mit sich selbst helfen Kindern, die Sprache zu lernen und die Welt zu verstehen


War da nicht etwas? Doch, tatsächlich! Wenn ich nicht gerade gesehen hätte, dass mein Sohn ganz allein auf dem bunt gestreiften Teppich im Kinderzimmer sitzt und mit Lego spielt – ich hätte geschworen, dass noch ein anderer vierjähriger Mitspieler bei ihm ist. Doch es war nur mein Sohn, der da redete. Er war mit sich ...

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... selbst und seinen beiden Kuscheltieren offensichtlich in ein intensives, ernsthaftes Gespräch vertieft, bei dem es um Fußball zu gehen schien.

Monologe helfen in Zeiten des Übergangs
Mit etwa zwei Jahren beginnen Kinder, das Selbstgespräch zu kultivieren.
Während des gesamten Vorschulalters verarbeiten sie auf diese Weise ihre Erlebnisse, Gedanken und Gefühle. Häufi g hören Eltern ihre Kinder selbst abends beim Einschlafen noch murmeln. Aber auch beim Spielen oder wenn sie an etwas herumtüfteln, geschieht es häufi g, dass sie sich selbst Mut zusprechen, ihr Tun kommentieren oder sich befragen, wie es gehen könnte.
Der Münchner Entwicklungspsychologe Prof. Hartmut Kasten ist überzeugt, dass Monologe ganz besonders in Übergangsphasen der Entwicklung wichtig und hilfreich sind. In unsicheren Situationen nutzen Kinder Selbstgespräche dazu, sich über Dinge klar zu werden – etwa, wenn sie etwas gedanklich noch nicht durchdrungen haben oder motorisch noch nicht beherrschen. „Im Dialog mit sich selbst können sie noch Unverstandenes in Worte fassen und Handlungsmöglichkeiten schon einmal gedanklich durchspielen“, erklärt Hartmut Kasten.

Wunderbarer Einblick in das kindliche Denken
Dass kindliche Selbstgespräche kein Anlass zur Sorge, sondern vielmehr „wichtige Werkzeuge des Denkens“ sind, davon ist auch Adam Winsler überzeugt. Der USPsychologe von der George Mason University in Virginia forscht schon lange zu diesem Thema und versichert: „Eltern müssen sich nicht sorgen, wenn sich ihre Kinder in diesem Alter mit sich selbst besprechen. Das ist nicht verrückt oder seltsam.“
Er empfi ehlt Eltern sogar, ihren Nachwuchs dazu zu ermutigen – und unauffällig zuzuhören: Solche Monologe seien „fantastische Fenster zum Denken der Kinder“. Schließlich böten sie die Chance zu erfahren, wie das eigene Kind die Welt betrachtet, was es sorgt und worüber es sich freut, so der Experte. In der Studie „Should I let them talk?“ („Soll ich sie sprechen lassen?“) untersuchten Adam Winsler und seine Kollegen Vorschüler. Sie ließen sie Zählübungen machen und Dinge sortieren. Drei Viertel der Kinder verfi elen dabei spontan ins Selbstgespräch – was ihnen offensichtlich dabei half, die Denkaufgaben besser zu bewältigen.


Monologe sind weder Fehlverhalten noch sinnloses Geschnatter


Im Selbstgespräch auf den Punkt kommen
Entscheidend scheint dabei zu sein, dass die Monologe den kleinen Sprechern helfen, sich zu konzentrieren und ihre Aufmerksamkeit zu fokussieren. Adam Winsler und seine Kollegen konnten beobachten, dass vor sich hinplappernde Vierjährige Rätsel schneller und besser lösten als Fünfjährige, die zum Schweigen verdonnert waren.

Das Aussprechen hilft beim Fokussieren
Die Wissenschaftler vermuten, dass besonders Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten wie etwa ADHS davon profi tieren könnten, wenn sie beim Erledigen von Aufgaben laut sprechen dürften. Lehrer und Eltern sollten Selbstgespräche daher nicht als Störfaktor ansehen, sondern sie als sinnvolle Lernstrategie begreifen. Sie sind kein Fehlverhalten und auch kein sinnloses Geschnatter!
Außerdem sollten wir Erwachsenen uns klarmachen, dass Kinder es oft auch gar nicht schaffen, mit ihren Monologen aufzuhören; häufi g ist ihnen nicht einmal bewusst, dass sie laut mit sich selbst reden. Wer ein Kind auffordert, damit aufzuhören, riskiert, es aus dem Konzept zu bringen und seinen Arbeitsfl uss zu stören. Statt sie zu verbieten, sollten Eltern ihre Kinder deshalb zu Selbstgesprächen ermutigen, sogar, wenn sie nicht von selbst dazu neigen. Spürt ein Kind keinerlei Drang dazu, ist das aber auch kein Grund zur Sorge.

„Los, wir müssen zu einem Feuer!“ Wenn Kinder in ein intensives Spiel versinken, gehört lautes Reden dazu


Schwierige Gefühle mit sich selbst aushandeln
Das Gespräch mit sich selbst verbessert jedoch nicht nur die Konzentration. Es ist offensichtlich ein Multi-Talent, das auch zum seelischen Wohlbefi nden beitragen kann: Schwierige Gefühle wie Frustration, Trauer und Wut können auf diese Weise ein sozialverträgliches Ventil bekommen. Freude, Erfolge und andere beglückende Erfahrungen werden durch das Selbstgespräch oft bewusster wahrgenommen und in der Folge häufi g auch intensiver erinnert.
Und: Mit sich selbst zu reden hilft dabei, seine Gedanken zu sortieren und Aktionen zu planen: „Erst tue ich dies, dann jenes …“ Ebenso wie Erwachsene üben auch Kinder in solchen Situationen Selbstkritik oder überdenken beim Reden ihr Handeln. Mitunter nutzen sie Selbstgespräche auch dazu, sich ein wohlverdientes Lob auszusprechen: „Gut gemacht!“ Und ganz nebenbei trainieren sie dabei ihre Sprachfähigkeit und ihr Ausdrucksvermögen.

Zuhörer aus Stoff & magische Freunde
Bei kleineren Kindern fi ndet häufi g noch eine andere Form des Selbstgesprächs statt – das Plaudern mit Stofftieren, Spielsachen oder imaginären Freunden, die nur in ihrem Kopf existieren. Eltern reagieren mitunter verunsichert auf dieses magische Denken.
Die Sorge sei ganz und gar unnötig, beruhigt der Frühpädagoge Hartmut Kasten: „Lassen Sie sich gemeinsam mit Ihrem Kind auf die Magie von Geschichten ein – ob beim Vorlesen, beim Spielen oder sogar beim Fernsehen. Tauschen Sie sich über ihre Gefühle und Gedanken aus.“ Er rät aber auch dazu, den Kindern die Regie zu überlassen oder mit Feingefühl zu erkennen, wenn gerade keine weiteren Mitspieler erwünscht sind.
Obwohl es in der Regel ohne Publikum geschieht, fördert das Monologisieren auch die Sozialkompetenz von Kindern. Oft verlaufen solche Gespräche mit sich selbst nämlich dialogisch. Das Kind „spielt“ Erlebtes, zum Beispiel einen Konfl ikt im Kindergarten, noch einmal nach, übernimmt dabei verschiedene Rollen und probiert auf diese Weise aus, wie es reagieren könnte.
Die Psychologin Dr. Corinna Reichl, die am Zentrum für Psychosoziale Medizin am Universitätsklinikum Heidelberg forscht, fand sogar heraus, dass während des Selbstgesprächs dieselben Regionen im Gehirn aktiv sind, wie bei einem tatsächlichen Dialog.


Kinder verarbeiten im Selbstgespräch auch ihre Sorgen


Im Schulalter werden die Gespräche immer leiser


Effektives Mittel zur Selbstmotivation
Monologe sind oft auch eine wirksame Methode, sich verbal anzuspornen. Vieles lässt sich leichter meistern, wenn man dabei laut denkt und sich selbst Anweisungen gibt. Das konnten die Zuschauer auch bei der TV-Übertragung des Viertelfi nales der Australian Open 2007 feststellen. In einer Spielpause beschimpfte und ermutigte sich der deutsche Tennisprofi Thomas Haas selbst lautstark: „So kannst du nicht gewinnen, Hasi! Zu schwach einfach! Zu viele Fehler!“, lamentierte er am Spielfeldrand vor sich hin. Und motzte weiter: „Ich habe keinen Bock mehr. Wieso, weshalb, warum? Ich kapier das nicht.“ Doch Sekunden später beendete der Tennisspieler seinen Monolog mit den Worten: „Du bist ein Vollidiot, aber du gewinnst das Match. Du kannst nicht verlieren! Kämpf!“

Weniger Stress, mehr Selbsterkenntnis
Sportpsychologen haben in zahlreichen Studien herausgefunden, dass Selbstgespräche motivierend und leistungssteigernd wirken können. Sich selbst Mut zuzusprechen oder das eigene Tun zu kommentieren, kann in Stresssituationen entlas- tend wirken. Im Gespräch mit sich selbst gelingt es den Athleten, Fehler zu erkennen, Gefühle und Gedanken zu kanalisieren, ihre Konzentration zu steigern und Druck zu verarbeiten.
Thomas Haas belegte diese Erkenntnisse eindrucksvoll: Am Ende setzte er sich in fünf Sätzen gegen den Russen Nikolai Dawydenko durch. (Zu sehen ist die köstliche Selbstanfeuerung auf YouTube: „Tommy Haas talking to himself.“) Kinder reden oft genauso lautstark mit sich selbst wie der prominente Tennisspieler. Doch nach und nach werden ihre Gespräche immer leiser, bis es – wie auch bei den allermeisten Erwachsenen – nur noch innere Monologe sind.

Irgendwann wird’s peinlich. Leider!
„In unserer Gesellschaft werden Selbstgespräche als peinlich oder seltsam empfunden. Ab einem gewissen Alter spüren Kinder diese Bewertung natürlich. Oder sie werden wegen ihres Geplappers von Freunden oder Mitschülern gehänselt. Ab dem Schulalter lassen die für andere hörbaren Selbstgespräche daher stark nach“, erklärt der Entwicklungspsychologe Hartmut Kasten. Eigentlich ganz schön schade …

„Verstehst du, Löwi?“

Ob Teddy, Schlafschaf oder Kuschelhund: Die felligen Gesellen sind geduldige Gesprächspartner in allen Lebenslagen
Dem englischen Kinderarzt Donald Winnicott fi el bereits in den 1950er-Jahren auf, dass schon sehr junge Babys „Gegenstände“ benutzen, um sich selbst zu beruhigen. Ab dem Kita-Alter werden Stofftiere oder Puppen für viele Kinder zu Spielgefährten und zu treuen Zuhörern.
Stress abbauen Zugegeben, es ist bloß Plüsch, Plastik oder Stoff. Aber mithilfe der Kuscheltiere können Kinder ihre Gefühle zum Ausdruck bringen und Erlebnisse verarbeiten: An anstrengenden Tagen oder nach Streitigkeiten mit anderen Kindern stehen die Gefährten dem Kind verständnisvoll zur Seite.
Macht erleben Mit ihren felligen Freunden, die nie widersprechen und sich stets dem Willen ihrer Besitzer beugen, erleben Kinder sich als groß und überlegen. So geht es etwa Christopher Robin, dem Besitzer des wohl berühmtesten Stofftiers aller Zeiten, „Winnie Puuh“. Wie oft muss er seinen „silly old bear“, wie er ihn liebevoll schilt, aus Notlagen retten?
Rollen ausprobieren In „Als ob“-Spielen müssen die beseelten Stofftiere zum Arzt gehen oder einen Streit mit dem großen Bruder ausfechten. Die Gefährten übernehmen dabei eine Stellvertreter-Funktion. Anstelle des Kindes müssen sie die Situation noch einmal „über sich ergehen lassen“.
Klarheit gewinnen Wie geht das? Was sage ich? Wenn Kindern ihren Kuscheltieren etwas erklären, strukturieren sie dabei ihre Gedanken und durchdringen Probleme. Das hilft auch bei Entscheidungen.

INTERVIEW


„Kinder keinesfalls beschämen“


Der Münchner Entwicklungspsychologe Professor Hartmut Kasten erforscht seit mehr als 30 Jahren, was in Kindern vorgeht. In seinem Buch „Wie unsere Kinder die Welt sehen“ fasst er seine Erkenntnisse zusammen

familie&co: Ab wann sprechen Kinder mit sich selbst?
Prof. Hartmut Kasten: Das beginnt mit etwa 24 Monaten, wenn sie ihre ersten Zwei- und Drei-Wort-Sätze bilden. Sobald dann der Wortschatzspurt einsetzt, also zwischen zwei und drei Jahren, werden die Selbstgespräche schnell mehr und natürlich auch komplexer.
Sprechen alle Kinder gleich viel mit sich selbst? Oder gibt es richtige Dampfplauderer und auch Kinder, die sich selbst gegenüber eher schweigsam sind?
Auf jeden Fall! Wie häufi g und intensiv Kinder Monologe führen, ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Das konnten wir beobachten. Warum das so ist, wissen wir noch nicht genau. Auf diesem Gebiet gibt es noch viel zu erforschen. In den 1970er-Jahren etwa hielt man das Plaudern mit sich selbst für problematisch und vermutete bei Kindern Entwicklungsstörungen. Diese Theorie kann man getrost als überholt betrachten. Genauso wenig ist belegbar, dass Kinder, die viel mit sich selbst sprechen, hochbegabt oder besonders kreativ sind.
Gibt es auch Selbstgespräche, die Eltern aufmerken lassen sollten?
Hinweise auf traumatische Erlebnisse sind Selbstgespräche sicherlich nur in absoluten Ausnahmefällen. Solche Erfahrungen fi nden ihren emotionalen Ausdruck anders, eher in unkontrollierten Wutanfällen, sozialem Rückzug oder selbstschädigendem Verhalten. Was jedoch stimmt: Kinder verarbeiten in ihren Selbstgesprächen ihre kleinen und großen Alltagssorgen, den Streit mit der Freundin, Unsicherheiten, Unverstandenes oder den Verlust eines Haustieres.
Wie können Eltern klug auf die Selbstgespräche ihrer Kinder reagieren?
Ganz wichtig ist es, sich nicht darüber lustig zu machen oder die Kinder in irgendeiner Form zu beschämen oder sie einzuschränken. Mit sich selbst zu sprechen, ist gerade in der frühen Kindheit ein ganz und gar normales Verhalten, das die Entwicklung sogar befördert. Zudem können Eltern, wenn sie dem Gemurmel ihrer Kinder lauschen, viel über deren Gefühle und Gedanken erfahren.

BUCHTIPPS

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Was geht in meinem Kind vor? Der Entwicklungspsychologe erklärt die kindliche Sichtweise.

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