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ERZIEHUNG: Wer ist hier der Boss?


Partner Hund - epaper ⋅ Ausgabe 6/2020 vom 06.05.2020

Hand aufs Herz: Wer bestimmt bei Ihnen, wo es langgeht? Sie oder Ihr Vierbeiner? Ist Chefsein out oder sind unsere Führungsqualitäten in der Mensch-Hund-Beziehung doch gefragt? Wir beleuchten das Thema von den unterschiedlichsten Seiten. Wer hat in welchen Situationen wirklich die Hosen an und wie wirkt sich das aufs Zusammenleben von Mensch und Hund aus?


Artikelbild für den Artikel "ERZIEHUNG: Wer ist hier der Boss?" aus der Ausgabe 6/2020 von Partner Hund. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Partner Hund, Ausgabe 6/2020

Die Meinungen uber die richtige Hundeerziehung sind kontrovers, Diskussionen werden zum Teil erbittert gefuhrt. Auch wenn Ruckschlusse vom Wolfsverhalten auf das Hundeverhalten verlockend und auserst beliebt sind, so sind diese nicht in jeder Situation ...

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... zielfuhrend und oft auch gar nicht zutreff end. Heute weis man, dass frei lebende Wolfe in Familienverbanden leben. Viele Konflikte legen sie ziemlich unspektakular mittels ihrer prazisen Korpersprache bei. Mittlerweile erkennen immer mehr Hundehalter, dass die Erziehung ohne Gewalt, Unterordnung um jeden Preis und Dominanzgebaren auskommen kann und muss. Allerdings: Nachgiebigkeit und Regellosigkeit sind keine Garantien fur eine stabile und gute Beziehung, weder unter Wolfen oder Hunden noch in der Hund- Mensch-Beziehung - im Gegenteil. Und genau das ist leider vielfach die Ursache dafur, dass die Beziehung zwischen Mensch und Hund trotz aller Bemuhungen unsererseits doch nicht so harmonisch ist, wie wir es uns wunschen. Die unermudlichen Forschungen von Verhaltensbiologen helfen uns dabei, klarer zu sehen. Lesen Sie, welche Anzeichen es dafur gibt, dass der Hund das Sagen hat, und was einen guten menschlichen Boss tatsachlich ausmacht:

Anzeichen, dass der Hund diktiert, wo es langgeht:

1 Follow me! Der Spaziergang konnte so entspannend sein, wenn Wuffinur nicht immer so ziehen wurde. Ein bisschen peinlich ist es ja schon, mit gespannter Leine hinter dem Vierbeiner herzustolpern. Und ehrlich: Wollten Sie nicht eigentlich einen ganz anderen Weg einschlagen? Wieso sind Sie denn nun schon wieder auf der Wiese mit den zahlreichen Mauselochern gelandet? Auf dem Ruckweg muss dann noch ein Umweg zu Hektor hinter dem Gartenzaun gemacht werden, weil der sich so schon argert, wenn Wuffivorbeistolziert. Sie kommen auser Atem zu Hause an und nehmen sich vor, heute Nachmittag beim nachsten Gassigang endlich die Richtung vorzugeben.

2 Hier riecht es so gut! Apropos Spaziergang. Noch peinlicher als an der gespannten Leine hinter dem Hund herzulaufen sind fur uns die standigen Schnuff elpausen. Wahrend Bronko verzuckt jeden Grashalm und jeden Erdkrumel einzeln mit seiner Nase analysiert und zwischendurch immer wieder schnaubt und prustet, schauen Sie mehr oder weniger begeistert in die Luft. Oder fixieren einen imaginaren Punkt in der Ferne. „Lalala!“ Wie bringt man nun den Vierbeiner moglichst unauff allig dazu, doch bitte, bitte, bitte endlich weiterzugehen? Und dann hebt er auch noch sein Bein am Blumenkubel.

3 Nun wirf schon! Da unsere Vierbeiner entschieden zu wenig Freilaufmoglichkeiten und wir ja auch nicht immer so viel Zeit haben, mussen die Rabauken eben beim Ballspielen ausgepowert werden. Das ist eine gute Alternative, ist eff ektiv und fast uberall durchfuhrbar, davon sind viele Hundehalter uberzeugt. Seltsamerweise wird Ihr vierbeiniges Powerpaket nach einiger Zeit jedoch immer fordernder. Mit einem eindeutigen Blick wirft er Ihnen den Ball vor die Fuse und wehe, Sie parieren nicht sofort. Grummelt er noch oder bellt er Sie schon an? Und wehe, wenn Sie zu fruh mit dem Werfen aufhoren, das gibt Minuspunkte und fuhrt garantiert zu dem unter Punkt 10 beschriebenen Verhalten!

4 Ich bin hier, hier, hier! Gahnend langweilig! Dagegen muss Hund schleunigst etwas unternehmen. Herrchen oder Frauchen sitzt im Cafe und beachtet den Prinzen oder die Prinzessin gar nicht. Der erste Versuch, Aufmerksamkeit zu bekommen, besteht vielleicht aus einem leisen Wimmern oder einem unruhigen Hin- und Herrutschen auf dem Boden. Steigerungsmoglichkeiten gibt es reichlich. Aber meistens reagieren Sie schon auf die erste Unmutsauserung, oder? „Ja, mein Suser, wir gehen ja gleich!“ Tschakka!

5 Türterror Aufregung zu Hause. Es klingelt an der Tur. Alarm, Alarm! Noch vor seinen Menschen rast der Hund in wilder Aufregung zur Tur, um nach dem Rechten zu schauen. Und wenn Sie dann dem Besucher off nen, ist klar, wer eigentlich die Turkontrolle ubernommen hat. Freunde werden angesprungen, Fremde auch, manchmal in weniger freundlicher Grundstimmung. Alles kummert sich um den Vierbeiner, entweder um ihn zuerst zu begrusen oder ihn unter Kontrolle zu bringen. Die Aufmerksamkeit jedenfalls ist ihm gewiss und spatestens morgen wird der Tursteher wieder in Aktion treten, sicher ist sicher!

6 Alles muss man selber machen! … denken sich viele Hunde. Achten Sie einmal bei Ihrem nachsten Spaziergang darauf. Schon von Weitem wird bei der ersten Sichtung gemotzt: Da kommt mein Erzfeind! Leinenbegegnungen arten oft in Chaos aus. Kleine Hunde werden von grosen bedrangt und machen einen Radau, als ginge es ums Uberleben. Wie verhalten sich viele Hundehalter? Die Leine bleibt auf der gesamten Lange ausgerollt oder Freilauf wird als Allheilmittel gesehen. Und dann fallt der entscheidende, leider oftmals vollig unangebrachte Satz: „Die mussen das unter sich ausmachen!“ Mussen sie aber gar nicht. Lesen Sie weiter unten, was unsere Hunde in diesen Situationen wirklich von uns erwarten.

7 Leinen los! Soeben sind Sie auf der Hundewiese angekommen, da hangt ihr vierbeiniger Liebling schon in der Leine und quietscht. Er kann es eben kaum erwarten. Schnell den Karabiner gelost und er darf so richtig toben. Nun kann er sich auspowern, wahrend Sie die Nachrichten auf Ihrem Smartphone beantworten. Wie schon, manchmal kommt Ihr Vierbeiner zuruck zu Ihnen, holt sich sein Leckerchen ab, um dann weiter mit seinen Kumpels Nachlaufen zu spielen. Gut, wenn es dann nach Hause gehen soll, wird es ein wenig kompliziert. Aber nach dem zehnten Rufen kommt er doch, meistens.

8 Erste(r)! Egal, was geschieht, wo sich etwas ereignet, da ist Bella die Erste: sei es an der Haustur, wenn Besuch kommt, wenn es hinaus in den Garten geht, wenn sich die Autotur off net. Bella ist eben sehr lebhaft und gut gelaunt. Andere Hunde werden sofort begrust, egal, ob sie angeleint sind oder nicht, egal, ob man sich kennt oder nicht. Bella tut doch nichts.

9 Nö! Protestverhalten! Na klasse! Gerne wird das auch in Zusammenhang mit Punkt 2 gezeigt. Wahrend ausgiebig die Pipi-Markierungen anderer Hunde analysiert werden, rammen sich die Krallen wie Spikes in den Untergrund: „Frauchen, spinnst du? Lass mich! Ich bestimme, wann wir weitergehen!“ Bereits Welpen lernen dieses Verhalten, wenn sie mit Bockigkeit durchkommen. Geht der Mensch halt einen anderen Weg, dem Hundchen zu Liebe.

10 Haben will! Manche Hunde beherrschen forderndes Verhalten in Perfektion. Da ist nichts mit nettem Augenaufschlag. Es geht zur Sache: Anspringen, Anrempeln, Bellen und wenn das nichts hilft, wird geschnappt: „Gib schon den Ball her!“, „Wie? Sitz machen, bevor ich fressen darf? Geht’s noch? Das fuhren wir erst gar nicht ein!“ Bevor Freddy das Haus zusammenschreit, geben wir lieber klein bei und kredenzen ihm den Futternapf gleich in der Kuche. Und wenn er dann immer noch nicht satt ist, darf er gerne auch noch etwas vom Rinderbraten vom Tisch abhaben, denn Sie haben ja sonst ohnehin keine Ruhe.

Verstehen Sie Hund?

Ernsthaft, es gibt kaum einen Hundehalter, der die geschilderten Verhaltensweisen nicht kennt. Wir alle lassen in der einen oder anderen Situation schon einmal funfe grade sein. Sie ahnen es aber bereits: Dem Hund gar keine Regeln vorzugeben und ihn immerzu nach seinem Gutdunken gewahren zu lassen, kann ernsthafte Probleme nach sich ziehen: einen Unfall, eine Beiserei etwa. Und das Zusammenleben kann insgesamt je nach Temperament und Willensstarke des Vierbeiners ganz schon stressig werden. Wussten Sie, dass Hunde, die das Gefuhl haben, alles regeln zu mussen (weil es Herrchen oder Frauchen nicht tut), dabei gar nicht so glucklich sind? Wussten Sie, dass Hunde sich uber klare Regeln und Ordnung im Zusammenleben geradezu freuen, weil wir Ihnen damit Verantwortung abnehmen, die sie gar nicht ubernehmen konnen?

Lösungsvorschläge: Der Mensch als guter Boss

Ein guter Boss kennt die Personlichkeit seines Hundes, seine Starken und Schwachen. Er weis, wofur die jeweilige Rasse gezuchtet wurde. Und er kennt die hundlichen Grundbedurfnisse, zu denen auch die Kommunikation mit Artgenossen, das Begutachten und selbst Setzen von Markierungen gehort. Was haufig vergessen wird: Das entspannte Sozialspiel mit uns Menschen macht glucklich und schadet entgegen anders lautenden Aussagen nicht der menschlichen Autoritat. Versuchen Sie das einmal statt des monotonen Ballspiels. Ein guter Boss stellt Regeln fur das Zusammenleben auf, diese Regeln mussen dem Gegenuber vermittelt werden. Regeln aufstellen heist nicht, standig zu masregeln, zu gangeln. Eine praktikable Regel fur Beispiel 2 ware etwa die: Markiert werden grundsatzlich keine Gegenstande wie Blumenkubel oder auch keine Hauserwande. Teilen Sie Ihrem Hund mit, welches Verhalten Sie an der Tur, im Cafe, beim Verlassen des Autos, bei der Ankunft auf der Spielwiese erwarten und belohnen Sie ihn, wenn er es richtig macht. Zeigen Sie Ihrem Hund bei Hundebegegnungen, dass Sie zu ihm stehen und ihn notfalls beschutzen. Geben Sie ihm eindeutiges Feedback. Leider ist es wie im Menschenalltag auch: Ein guter Chef tragt sehr viel Verantwortung. Wenn aber alles klar ist, dann konnen wir uns uber ein entspanntes Miteinander freuen.

Zusammengefasst: Ein guter Boss …

► … kennt die Persönlichkeit seines Hundes - Stärken und Schwächen

► … bereinigt Konflikte aktiv und nicht durch Ignorieren

► … strukturiert den Alltag

► … sorgt für gute Laune im Mensch- Hund-Team

► … stellt Regeln auf, die eingehalten werden müssen

► … stellt Regeln auf, die situationsbedingt umzusetzen sind

► … versöhnt sich mit seinem Hund nach einem Konflikt oder einer Zurechtweisung

► … bemüht sich um eindeutige Körpersprache

► … denkt/handelt vorausschauend

► … ist nicht nachtragend

► … ist verlässlich und berechenbar

► … versucht, seine Launen nicht am Hund auszulassen


ILLUSTRATIONEN: SHUTTERSTOCK