Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 13 Min.

Erziehungshilfen, Intersektionalität, Othering


sozialmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 16.08.2019

Erziehungshilfen sollen Benachteiligungen und Diskriminierungen vermeiden bzw. dazu beitragen, diese abzubauen gemäß dem Achten Sozialgesetzbuch Paragraph 1. Doch inwiefern reproduzieren Fachkräfte der erzieherischen Hilfen möglicherweise Ausschlussprozesse im Rahmen des sogenannten Othering? Welche Anknüpfungspunkte können für die Praxis entwickelt werden, um diesen Prozessen entgegenzuwirken?


Artikelbild für den Artikel "Erziehungshilfen, Intersektionalität, Othering" aus der Ausgabe 8/2019 von sozialmagazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: sozialmagazin, Ausgabe 8/2019

©GettyImages.com/Artur

Wege in Erziehungshilfen, vor allem in stationäre Einrichtungen sind komplex. Oftmals gehen damit umfangreiche Benachteiligungen einher. Kinder, Jugendliche und deren Familien, die ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 8,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von sozialmagazin. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 8/2019 von Neu im Redaktionsteam: Silke Birgitta Gahleitner. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Neu im Redaktionsteam: Silke Birgitta Gahleitner
Titelbild der Ausgabe 8/2019 von Jugendsozialarbeit in historischer Perspektive. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Jugendsozialarbeit in historischer Perspektive
Titelbild der Ausgabe 8/2019 von Das Aufgabengebiet Jugendsozialarbeit im Spannungsfeld verschiedener Rechtskreise. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Das Aufgabengebiet Jugendsozialarbeit im Spannungsfeld verschiedener Rechtskreise
Titelbild der Ausgabe 8/2019 von Jugendsozialarbeit Eine Bestandsaufnahme. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Jugendsozialarbeit Eine Bestandsaufnahme
Titelbild der Ausgabe 8/2019 von Schulsozialarbeit am Berufskolleg. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Schulsozialarbeit am Berufskolleg
Titelbild der Ausgabe 8/2019 von Jugendberufshilfe. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Jugendberufshilfe
Vorheriger Artikel
Jugendmigrationsdienste
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Aufsuchende Jugendsozialarbeit
aus dieser Ausgabe

... Adressat_innen der Erziehungshilfen werden, sind außerdem häufig unterschiedlichen Diskriminierungen ausgesetzt (vgl. Finkel 2004, Bürger 2005). Weiter belegen Studien, die sich mit sogenannten Careleavern beschäftigen, dass die Positionierungen dieser Kinder, Jugendlichen und Familien auch noch nach Verlassen der (stationären) Erziehungshilfen durch Diskriminierungen, Ungleichheiten und strukturelle Benachteiligungen geprägt sind (vgl. Rein 2016; Köngeter/Schröer/Zeller 2012). Diese Benachteiligungen sind nicht auf eine Kategorie wie bspw. Armut begrenzbar. In der Regel beeinflussen sich dabei verschiedene Ausschlussprozesse wechselseitig, hängen doch bspw. Migrationsgeschichten eng mit Armutsverhältnissen zusammen und die Kategorie Geschlecht spielt hier auch eine dominante Rolle (vgl. BMFSFJ 2017, S. 428–430). Diese Wechselwirkungen und spezifischen Benachteiligungen werden aktuell auch unter dem Begriff der Intersektionalität diskutiert.

Vor diesen Hintergründen erscheint bedeutsam, dass im Rahmen der Erziehungshilfen Benachteiligungen und Diskriminierungen vermieden und/oder abgebaut werden. Doch inwiefern tragen Fachkräfte, möglicherweise auch unbewusst im Rahmen von Ohtering mit dazu bei, dass intersektionale Ausschlussprozesse reproduziert werden? Wie gut unterstützen Hilfen zur Erziehung beim Abbau von Benachteiligungen? Auf diese Fragen fokussiert sich der Beitrag, indem er zunächst den Begriff der Intersektionalität definiert und nach diesbezüglichen Diskursen im Kontext erzieherischer Hilfen fragt. Anschließend wird der Stand der Forschung darlegt und Ideen entwickelt, wie Einrichtungen der Erziehungshilfen Fachkräfte für diese Thematik sensibilisieren können.

Diskurse der Intersektionalität im Kontext erzieherischer Hilfen

Kimberlé Crenshaw (1989) hat den Begriff intersectionality in den USA geprägt. Diskutiert werden dabei unterschiedliche Prozesse. Zentral ist dabei der Gedanke der Verwobenheit verschiedenartiger Unterdrückungsverhältnisse, vor allem Ungleichheit generierender Dimensionen wie Geschlecht, Klasse und »Rasse«1 Im deutschsprachigen Raum fiel dieser Diskurs zunächst auch im Rahmen der Frauen- und Genderforschung auf fruchtbaren Boden und verschiedene Forscher_innen entwickelten Theorieansätze, die die Verwobenheit der Strukturkategorien Klasse, Geschlecht, »Rasse« und teilweise auch Körper berücksichtigen (vgl. Axeli-Knapp 2008; Winker/Degele 2009). Im Themenkomplex Intersektionalität geht es zusammengefasst darum, vielfältige spezifische Ausschluss und Diskriminierung befördernde Differenzkategorien auf unterschiedlichen Ebenen zu erkennen und ggfs. Maßnahmen der Teilhabe zu befördern bzw. Prozesse von Inklusion in Gang zu setzen. Differenzkategorien stellen Einordnungen und Bewertungen von Menschen bspw. nach Geschlecht, sozialer Herkunft, ethnischen Kriterien und/oder ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit, etc. dar (vgl. Walgenbach 2007). Die Begründungen für die Auswahl dieser Strukturkategorien sind dabei nicht einstimmig und es werden jeweils verschiedene Aspekte in den Ansätzen problematisiert. Fragen danach, welche und wie viele Kategorien dominante Ausschlusskategorien darstellen, stehen dabei im Zentrum, sind allerdings bis heute nicht abschließend geklärt (vgl. ebd.). Aktuell wird vor allem im Kontext der Erziehungswissenschaften die Frage diskutiert, welche Rolle auch generationale Verhältnisse spielen (vgl. Hunner- Kreisel 2013, S. 4).


Soziale Praxen, Sinnhaftigkeit und Anerkennung entstehen also immer in einem normativen Rahmen.


Um den Eingangsfragen näher zu kommen, werde ich vor allem die Identitäts- bzw. Handlungsebene ins Zentrum der Betrachtungen rücken. Von Interesse ist jedoch auch, dass Inszenierung und Konstruktion von Identität sowie Selbstpositionierungen, also das, was Fachkräfte denken, welche Bilder sie von sich und anderen entwickeln und welche Handlungen sie daraus ableiten, im Rahmen von Symbolischen Repräsentationen und strukturellen Bedingungen stattfinden (vgl. Winker/Degele 2009, S. 75). Die Ebene Symbolischer Repräsentationen verweist dabei auf Diskurse, Bilder und Symbole, die strukturelle Ebene auf institutionelle Bedingungen, gesetzliche Grundlagen, politische Verfahrenswege, etc. (vgl. ebd.). Diese Ebenen sind analytisch gedacht und werden vor allem im Kontext der Forschung verwendet, im Alltag sowie der Hilfeplanung von Erziehungshilfen sind sie ausschließlich miteinander verwoben und nicht als isolierte Ebenen zu verstehen. Soziale Praxen, Sinn haftigkeit und Anerkennung entstehen also immer in einem normativen Rahmen (vgl. Butler 2001, S. 8). Von diesen Prozessen sind Fachkräfte der Sozialen Arbeit nicht ausgenommen, sondern sie sind in diese involviert.

Vor allem in der Praxis der Erziehungshilfen ist der Blick bis heute in erster Linie auf Differenzen von Normalität und Abweichung gelegt, baut doch das komplette System der Hilfebeantragung und -bewilligung auf dieser Differenzierung auf, womit auch das Spannungsfeld der Hilfe und Kontrolle einhergeht (vgl. Kessl/Plößer 2010; S. 8, Bock 2001). Mit Berger/Luckmann gesprochen, gibt es jedoch keine Normalität. Es gibt nur Konstruktionen. Berger/Luckmann nennen diese das »Wissen um die Wirklichkeit«. Dabei geht es um den Zusammenhang von Wissen und Wirklichkeit und dass die Dinge nicht so sind, wie sie erscheinen, sondern wie sie die Gesellschaft für ihre Mitglieder deutet. Dabei gibt es auch sogenannte herrschende bzw. dominante Konstruktionen, also Deutungen, die für sich beanspruchen, normal zu sein (vgl. Berger/Luckmann 2011). Stereotype Konstruktionen münden dabei sehr schnell in Momente des sogenannten Othering. Othering vollzieht einen permanenten Akt der Abgrenzung, der Kategorisierung und damit geht es um eine diskursive Unterscheidung zwischen einem Wir und den Anderen. Diese Grenzziehung ist dabei nicht statisch (vgl. Riegel 2016, S. 132). Othering vollzieht sich in der Regel auf der Basis dominanter gesellschaftlich struktureller und symbolischer Verhältnisse. Deshalb werden in diesem Beitrag Intersektionalität und Othering gedanklich zusammengeführt. Othering ist nicht mit Vorurteilen oder Diskriminierungen gleichzusetzen, sondern es geht vor allem darum, das Eigene vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Selbstverständlichkeiten auf- und das Andere abzuwerten (vgl. ebd.). Othering kann jedoch die erfahrenen gesellschaftlichen Benachteiligungen und Diskriminierungen von Kindern und Jugendlichen, die Adressat_innen der Erziehungshilfen werden, noch befördern. Im Rahmen von Othering besteht das Risiko, dass mögliche Handlungsspielräume in der Perspektivplanung mit Kindern und Jugendlichen nicht gedacht werden und dass die nötige Ressourcenorientierung zu kurz kommt. Dies kann bei Kindern und Jugendlichen Gefühle der Nicht- Zugehörigkeit, Nicht-Akzeptanz sowie der Ausgrenzung hervorrufen.

Um Prozessen des Othering zu begegnen, sind Fachkräfte deshalb aufgefordert, ihr sogenanntes Alltagswissen sowie ihre Handlungsvollzüge permanent zu reflektieren und, um ihr erworbenes professionstheoretisches Wissen aus Studium, Aus- und Fortbildung zu erweitern. Auch Vertreter_innen diversitätsbewusster Sozialer Arbeit plädieren dafür, das Mehr an sozialer Gerechtigkeit für Menschen in prekären Lebensverhältnissen und kritischen Situationen nicht aus den Augen zu verlieren. Dabei geht es um eine besondere Aufmerksamkeit für Benachteiligungen im Sinne eines Entgegenwirkens gegen soziale Ungleichheiten (vgl. Leiprecht 2011, S. 7).

Um herauszuarbeiten, inwiefern Fachkräfte an der Reproduktion von intersektionalen Ausschlussprozessen beteiligt sind, werden anschließend verschiedene empirische Studienergebnisse, die vor allem Hilfeplanungsprozesse sowie Alltagswahrnehmungen von Fachkräften im Blick haben, diskutiert. Sie lassen Rückschlüsse auf fehlende professionstheoretische Reflexionen bei Fachkräften der Erziehungshilfen im Kontext von Intersektionalität sowie Momente des Othering zu.

Othering in erzieherischen Hilfen

An dieser Stelle sollen nun exemplarisch die Wechselwirkungen einzelner Differenzkonstruktionen fokussiert werden, um Prozesse des sogenannten Othering erkennen zu können.


Jugendliche werden an dem beteiligt, was ihnen als adäquate Bedarfsentscheidung vorgelegt wird.


Generation und Geschlecht

Es ist, wie weiter oben dargelegt, davon auszugehen, dass die Kategorie Generation eine bedeutsame und zugleich bislang wenig berücksichtigte und unreflektierte Kategorie im Kontext der Erziehungshilfen darstellt. Das, was eine vermeintlich gute Kindheit ausmacht, sind in erster Linie Festsetzungen durch Erwachsene (vgl. Betz 2010, S. 3). Gänzlich unreflektiert scheint der Aspekt des separierenden Blicks (Bühler-Niederberger 2010) zu sein.

Verschiedene Studien belegen die Auswirkungen dieser Problematik bspw. im Kontext von Partizipation in den Hilfeplanverfahren schon seit geraumer Zeit. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen erleben ihre Beteiligung an Hilfeverfahren häufig als eine Situation, in der sie zum Spielball und zum Objekt fremder Entscheidungen werden, obwohl sie offiziell in den Hilfeprozess einbezogen sind. Besonders deutlich wird dies in den Beteiligungsprozessen im Rahmen von sogenannten Erziehungskonferenzen, die an den tatsächlichen Bedürfnissen und Fragestellungen der Jugendlichen zur Ausgestaltung ihres künftigen Lebens vorbeigehen. Vielfach geht es nicht darum, was die Jugendlichen wollen, sondern sie werden an dem beteiligt, was ihnen als adäquate Bedarfsentscheidung vorgelegt wird. Der Bedarf wird nicht von den Jugendlichen selbst definiert, sondern von den im Jugendamt bzw. in den betreuenden Einrichtungen vorherrschenden Wahrnehmungs-, Definitions- und Entscheidungsweisen von Problemlagen festgelegt. Die Jugendlichen werden lediglich angehört (vgl. Norman 2004, S. 155–156; Hitzler 2017, S. 58). Wechselwirkungen der Kategorie Generation mit anderen Kategorien wie bspw. Geschlecht im Hilfeplanverfahren arbeiten Hartwig und Kriener (2002) heraus. Geschlechtsspezifische Aufmerksamkeitsstrukturen und die Verkennung mädchenspezifischer Problemlagen setzen sich oft in der Hilfeplanungspraxis fort. Im Hilfeprozess wird häufig von den schwierigeren, weil aggressiveren und somit zeitraubenden Jungen gesprochen und den Mädchen, die durch ihre Rückzugstendenzen leichter aufgegeben werden (vgl. Hartwig/Kriener 2002, S. 92). Dass Mädchen und junge Frauen in den Hilfen zur Erziehung seit Jahrzehnten in nahezu allen Hilfearten unterrepräsentiert sind, deutet ebenfalls auf geschlechtsspezifische Wahrnehmungsmuster bei Fachkräften hin (vgl. Fendrich/Pothmann/ Tabel 2018, S. 9). Auch die Familienorientierung, die in der Hilfeplanung ihren Niederschlag findet, kann sich vor diesem Hintergrund problematisch auswirken. Den sorgeberechtigten Eltern kommen als Antragsberechtigte die weitestgehenden Beteiligungsrechte zu, weil davon ausgegangen wird, dass Eltern im Interesse und zum Wohl ihrer Kinder handeln. Gerade bei Mädchen sind Konflikte mit den Eltern, familiale Problemlagen und innerfamiliale Gewalterfahrungen häufige Indikatoren für Hilfen zur Erziehung (vgl. Hartwig/Kriener 2002, S. 92; Schimpf 2007).


Die Ressourcen von Familien mit Migrationsgeschichte werden zu wenig genutzt.


»Rasse/Ethnizität« und Geschlecht

Empirische Studien weisen nach, dass der Umgang mit Migration in den Hilfen zur Erziehung zunächst den gesellschaftlichen Diskurs widerspiegelt (vgl. Munsch 2014, S. 228). In diesem Zusammenhang kursieren unterschiedliche Bilder von aggressiven (türkischen) Männern sowie ihren unterdrückten Frauen. Ihre angeblichen Eigenschaften werden anschließend in binärer Opposition zu einem scheinbaren Wir zugeschrieben (vgl. Beck- Gernsheim 2007, S. 9). Die Wahrnehmung der Jugendlichen seitens der Fachkräfte scheint diesbezüglich verzerrt. Mädchen seien geprägt durch ein anderes Verständnis der Geschlechterrollen von Frau und Mann: Zentraler Bezugspunkt für die weibliche Identität sei die Ehre, für die Jungen gelte die Doppelmoral (vgl. Reinhard/Weiler 2003, S. 109). Der Diskurs ist demnach vor allem durch eine Fokussierung auf eine bestimmte Gruppe gekennzeichnet: Der Begriff Migrant_innen wird häufig reduziert verwendet, er fokussiert insbesondere konservative, streng religiöse Milieus (vgl. Munsch 2014, S. 228). Unreflektiert bleibt dabei, dass Fachkräfte schon qua ihrer Funktion eine mächtigere Position haben als Adressat_innen. Das zeigt sich bspw. darin, dass die Ressourcen von Familien mit Migrationsgeschichte zu wenig genutzt werden und Fachkräfte das Monopol erhalten, Sinndeutungen von problematischen Alltagssituationen, Familiendynamiken sowie Ausgestaltungen von Hilfeformen als Mehrheitsangehörige der Gesellschaft vorzunehmen (vgl. Teuber 2002, S. 43). Auch hier wird die Intersektionalität mehrerer Kategorien, an dieser Stelle »Rasse/Ethnizität« und Geschlecht, sowie die Verwobenheit mehrerer Ebenen deutlich.

Körper, »Rasse/Ethnizität«, Klasse und Geschlecht

Und wie sieht es mit Konstruktionen im Kontext von Inklusion aus? Auch wenn aktuell größere Veränderungen der Kinder- und Jugendhilfe diskutiert und angedacht werden, stellt sich die Frage, inwiefern die Aufgaben, die in der UN Behindertenrechtskonvention (2008) festgeschrieben sind, auch dem Selbstbild der Fachkräfte entsprechen. Das Selbstverständnis der gemeinsamen Betreuung aller Kinder- und Jugendlichen scheint noch Entwicklungsbedarf zu haben (vgl. Straus 2006, S. 76). Auch hier sind Prozesse des Othering zu erkennen. Im Kontext inklusiver Frühpädagogik (2013) zeigen sich bei Fachkräften auch kulturalistische Konstruktionen im Kontext von Behinderung. Mangelhafte Inanspruchnahme von Einrichtungen und Kommunikationsschwierigkeiten in Beratungssituationen werden auf die Verwurzelung der Familien in ihren traditionellen Werten zurückgeführt (vgl. Amirpur 2013, S. 23). Nach Boos- Nünning (2011) bleiben der sozioökonomische- oder der Bildungshintergrund (Differenzkategorie Klasse) der Familien in der Wahrnehmung der Fachkräfte unberücksichtigt. Dabei ist die Kategorie Klasse als nicht zu vernachlässigende Differenzkategorie dominant in intersektionalen Prozessen der Benachteiligung. So belegt z. B. Bürger den soziostrukturellen Zusammenhang mit der Inanspruchnahme von Hilfen zur Erziehung (Bürger 2005a, S.32). Je höher die soziostrukturellen Belastungen, wie Armut, Arbeitslosigkeit, Alleinerziehung, hohe Bevölkerungsdichte und knapper Wohnraum, umso höher waren die Inanspruchnahmen der Hilfen zur Erziehung, insbesondere die Fremdunterbringungen. Anstatt allerdings die Kategorie Klasse entsprechend stärker zu berücksichtigen, werden von Fachkräften vor allem die als traditionell bezeichneten Werte wie Familialismus, Religiosität, Respekt und eine traditionelle Sexualmoral verstärkt wahrgenommen. Dass auch diese in Wirklichkeit einem Wandel unterliegen, wird ausgeblendet (Boos- Nünning 2011, S. 47 f.). Außerdem, so arbeitet Anke Langner heraus, scheinen pädagogische Fachkräfte Angst im Umgang mit der Sexualität von Menschen mit geistiger Behinderung zu haben und dieser oftmals hilflos gegenüberstehen (vgl. Langner 2010, S. 154ff).

Die Betrachtung von Prozessen des Othering und damit möglicher Reproduktionen von Intersektionalität in den Selbstverständnissen sozialpädagogischer Fachkräfte kann an dieser Stelle zugegeben nur begrenzt und exemplarisch erfolgen. Letztendlich kann es vielfach mehr Wechselwirkungen in den Selbstkonstruktionen und Wissenshorizonten bei Fachkräften geben (vgl. Lutz/ Wennig 2001).

Im Fazit werden anschließend einige perspektivische Gedanken entfaltet, um diesen Prozessen entgegenzuwirken.

Perspektiven für die Praxis

In diesem Beitrag wurde deutlich, dass Fachkräfte der Erziehungshilfen Momenten des Othering unterliegen. Damit reproduzieren sie intersektionale Ausschlussprozesse mit. Doch wie kann dieser Situation begegnet werden, damit erzieherische Hilfen Benachteiligungen und Ausschlussprozessen entgegenwirken?

Riegel empfiehlt Intersektionalität als Analyseinstrument einzusetzen (vgl. Riegel 2014). Dabei sollte der Blick weg von zugeschriebenen Gruppenidentitäten hin zu institutionalisierten Bewertungsstrukturen gelenkt werden, »um offen und kontextabhängig der Frage nachzugehen, welche Differenzaspekte für das pädagogische Handeln relevant sind; welche institutionellen Barrieren die gleichberechtigte Teilhabe von Individuen und Gruppen versperren, wo die Ursachen dafür zu suchen sind und welche strukturellen Veränderungen gleichberechtigte Teilhabe befördern könnten« (Emmerich/Hormel 2013, S. 201). Dabei ist es notwendig, Kritik am gesellschaftlichen Normsystem und gesellschaftlich geprägten Ungleichheitsstrukturen zu entwickeln. Intersektionalität in der Praxis der Erziehungshilfen beschreibt eine Haltung, die gewillt ist, strukturell verankerte Ungleichheitsstrukturen und symbolische Repräsentationen zu überwinden. Hierzu müssen einschränkende Denk- und Ordnungsmuster hinterfragt werden, einund ausgrenzende Praktiken kritisch betrachtet und analysiert werden, sowie die eigene Positionierung mit gegebenen Privilegien berücksichtigt werden (vgl. Riegel 2014, S. 28).

Analysiert werden können dabei unter Partizipation der Adressat_innen konkrete Situationen und Interaktionen aus der Praxis, die eigene Normsetzung, eigene Auf- und Abwertungen, Denk- und Handlungsmuster – und damit verbundene Gefahren der Reproduktion gesellschaftlicher Dominanzverhältnisse, soziale Positionen und damit verbundene Privilegien sowie Machtverhältnissen in pädagogischen Beziehungen (vgl. Riegel 2014, S. 26). Die Kategorie Generation als bislang weitgehend unberücksichtigte, sollte dabei besondere Beachtung finden.

Literatur

Amirpur, D. (2013): Behinderung und Migration – eine intersektionale Analyse im Kontext inklusiver Frühpädagogik Band 36. München: WiFF Expertisen.
Axeli-Knapp, G. (2008): Verhältnisbestimmungen: Geschlecht, Klasse, Ethnizität in gesellschaftstheoretischer Perspektive. In Klinger, C./Knapp, G. A. (Hrsg.): Über-Kreuzungen: Fremdheit, Ungleichheit, Differenz. Münster: Westfälisches Dampfboot, S. 138–171.
Beck- Gernsheim, E. (2007): Wir und die Anderen. Kopftuch, Zwangsheirat und andere Mißverständnisse. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag.
Betz, T. (2010): Die Kindergesellschaft. Wie Kindheit und Ungleichheit zusammenhängen. In: Sozial extra 34, H. 11–12, S. 37–41.
Bock, K. (2005): Die Kinder- und Jugendhilfe: In: Thole, W. (Hrsg.): Grundriss Soziale Arbeit. Wiesbaden: Springer Nature Switzerland AG, S. 299–317.
Boos-Nünning, U. (2011): Migrationsfamilien als Partner von Erziehung und Bildung. In: WISO DISKURS: Gesprächskreis Migration und Integration. Bonn: Friedrich-Ebert-Stiftung. Bühler-Niederberger, D. (2010): Organisierte Sorge für Kinder, Eigenarten und Fallstricke – eine generationale Perspektive. In: Bühler- Niederberger, D./Mierendorff, J./Lange, A. (Hrsg.): Kindheit zwischen fürsorglichem Zugriff und gesellschaftlicher Teilhabe. Wiesbaden: VS Verlag, S. 17–41.
Bürger, U. (2005): Weniger Kinder – weniger Krisen? Die Inanspruchnahme erzieherischer Hilfen im Kontext des demografischen Wandels. In: Zentralblatt für Jugendrecht 4, S. 131–143.
Bürger, U. (2005a): Wohin steuert die stationäre Erziehungshilfe? Dokumentation zur Fachtagung »zwischen Fürsorge und Eigenverantwortung – wohin steuert die stationäre Erziehungshilfe?« In: SPI Schriftenreihe, Band 5, Berlin: SOS Kinderdorf.
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2017): 15. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinderund Jugendhilfe in Deutschland. Berlin.
Butler, J. (2001). Psyche der Macht. Frankfurt/M: Edition Suhrkamp.
Crenshaw, K. (1989): Demarginalizing the Intersection of Race and Sex. A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine Feminist Theory and Antiracist Politics. In: The University of Chicago. Legal Forum. Bd. 5, S. 139–167.
Emmerich, M./Hormel, U. (2013): Heterogenität-Diversity-Intersektionalität. Zur Logik sozialer Unterscheidungen in pädagogischen Semantiken der Differenz. Wiesbaden: Springer VS.
Fendrich S./Pothmann J./Tabel A. (2018): Monitor Hilfen zur Erziehung. Dortmund:akjstat.
Finkel, M. (2004): Selbständigkeit und etwas Glück. Einflüsse öffentlicher Erziehung auf die biographischen Perspektiven junger Frauen. Weinheim und München: Juventa.
Hartwig, L./Kriener M. (2002): Mädchengerechte Entwicklung der erzieherischen Hilfen. In: Wertmanns-Reppekus, U./Böllert, K. (Hrsg.): Mädchen- und Jungenarbeit – eine uneingelöste fachliche Herausforderung. Der 6. Jugendbericht und zehn Jahre §9.3 im KJHG. München: S. 75–99.
Hitzler, S. (2017): Partizipation als reflexive Praxis im Hilfeplangespräch. Vom Beteiligtwerden zur Beteiligung? In: Schäuble, B./ Wagner. L. (Hrsg.): Partizipative Hilfeplanung. Weinheim/Basel: Juventa, S. 41–63.
Hunner-Kreisel, Ch. (2013): Geschlecht – Ethnizität – Generation: Intersektionale Analyse und die Relevanzsetzung von Kategorien. In: Diehm, I./Messerschmidt, A (Hrsg.): Geschlecht und Migration. Jahrbuch Frauen und Geschlechterforschung in der Erziehungswissenschaft. Opladen [u. a.]: Budrich Verlag, S. 113–133.
Kessl, F./Plößer, M. (2010): Differenzierung, Normalisierung, Andersheit. In: Kessl, F./Plößer, M. (Hrsg.): Differenzierung, Normalisierung, Andersheit. Wiesbaden: Springer VS, S.7–16.
Köngeter, S./Schröer, W./Zeller, M. (2012): Statuspassage »Leaving Care«: Biografische Herausforderungen nach der Heimerziehung. Diskurs Kindheits- und Jugendforschung 3, S. 261–276.
Langner, Anke (2010): Eine Ohnmacht – Geschlecht und ‚geistige Behinderung‘. In: Jacob, J./Köbsell, S./Wollrad, E. (Hrsg.): Gendering Disability. Intersektionale Aspekte von Behinderung und Geschlecht. Bielefeld: transcript, S. 153-168.
Leiprecht, R. (2011): Auf dem langen Weg zu einer diversitätsbewussten und subjektorientierten Sozialpädagogik. In: Leiprecht, R. (Hrsg.): Diversitätsbewusste Soziale Arbeit. Schwalbach/Ts.: Wochenschau- Verlag.
Lutz, H./Wenning, N. (2001): Differenzen über Differenz – Einführung in die Debatten. In Lutz, H./Wenning, N. (Hrsg.): Unterschiedlich verschieden. Opladen: Leske + Budrich, S. 11–25.
Lutz, H./Vivar, M. T./Supik, L. (2010). Fokus Intersektionalität – Eine Einleitung. In Lutz, H./Vivar, M. T./Supik, L. (Hrsg.):Fokus Intersektionalität. Bewegungen und Verortungen eines vielschichtigen Konzeptes. Wiesbaden: Springer VS, S. 9–33.
Munsch, Ch. (2014): Migration. In: Düring, D. u. a.(Hrsg.): Kritisches Glossar – Hilfen zur Erziehung. Frankfurt am Main: IGfH, S. 227– 233.
Norman E. (2004): Erziehungshilfen in biographischen Reflexionen. Heimkinder erinnern sich. Weinheim, Basel, Berlin: BeltzVotum. Rein, A. (2016): Die Bedeutung von Normalitätskonstruktionen in den Biographien von Jugendlichen mit Migrations- und Heimerfahrungen. In: Dausien, B./Rothe, D./Schwendowius D. (Hrsg.): Bildungswege. Biographien zwischen Teilhabe und Ausgrenzung. Frankfurt M./New York: Campus, S. 311–333.
Reinhard, A./Weiler, B. (2003): Mädchenarbeit in der stationären Jugendhilfe. Weibliche Lebenswelten, Sozialisationsbedingungen und Konzepte der sozialpädagogischen Kompetenzförderung. Berlin: VWB.
Riegel, Ch. (2014): Intersektionalität als Reflexionsinstrument für professionelles Handeln in der Migrationsgesellschaft. Beitrag zur Fachtagung Integration – Eine Frage der Perspektive?! am 3.11.2014 in Stuttgart.
Riegel, Ch. (2016): Bildung, Intersektionalität, Othering. Pädagogisches Handeln in widersprüchlichen Verhältnissen. Bielefeld: transcript.
Schimpf, E. (2007): Familialisierung der Jugendhilfe als Zumutung für Mädchen und junge Frauen: In: Forum Erziehungshilfen (ForE): Familialisierung (be)trifft Mädchen. Heft 4, S. 196–202.
Teuber, K. (2002): Migrationssensibles Handeln in der Kinder- und Jugendhilfe. In: Migrantenkinder in der Jugendhilfe. Autorenband 6. Online-Ausgabe. München. S. 75–135. Walgenbach, K. (2007): Gender als interdependente Kategorie. In:
Walgenbach, K./Dietze, G./Hornscheidt, A./Palm, K. (Hrsg.): Gender als interdependente Kategorie. Neue Perspektiven auf Intersektionalität, Diversität und Heterogenität. Opladen & Farmington Hills: Barbara Budrich.
Winker, G./Degele, N. (2009). Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten. Bielefeld: transcript.

1 Zur Definition des Begriffes »Rasse«: Im Wissenschaftsdiskurs wird weitgehend auf den »Rassebegriff« verzichtet und der Begriff ethnische Differenz verwendet. Allerdings sind die beschriebenen Prozesse im Kern durchaus vergleichbar mit der englischsprachigen Debatte beschriebener Rassialisierungsprozesse. Ich teile die Auffassung der Autor_innen des Sammelbandes »Fokus Intersektionalität«, indem ich die soziale Konstruiertheit von »Rasse/Ethnizität« durch eine Schreibweise in Anführungszeichen kennzeichne. Damit soll außerdem der problematische Charakter des Begriffs verdeutlicht werden, zu dessen Verwendung die Autorinnen bislang keine Alternative sehen (vgl. Lutz/Vivar/ Supik 2010, S. 11).

Zur Person

Foto: privat

Nicole von Langsdorff, Prof. Dr., ist Professorin an der Evangelischen Hochschule Darmstadt. Ihre Schwerpunkte sind Theorien und Methoden der Sozialen Arbeit, Kinder- und Jugendhilfe, Intersektionalität.