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„Es fühlt sich an wie eine Berufung“


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Berliner Morgenpost - epaper ⋅ Ausgabe 21/2023 vom 22.01.2023

Manchmal fühlt es sich noch unwirklich an. Hier, an der Hanns-Braun-Straße in Westend, in der Geschäftsstelle von Hertha BSC zu arbeiten. „Hin und wieder muss ich mich kneifen“, sagt Kay Bernstein und schaut an dem braunen Backsteingebäude hoch. Hier, wo vor gut einem halben Jahr ein völlig neues Kapitel im Leben des 42-Jährigen begann, starten wir unseren Spaziergang.

Zwei Vollzeitjobs hat Bernstein beim Berliner Fußball-Bundesligisten übernommen, wenn man sich sein Arbeitspensum anschaut. 80 Stunden verbringt der Mann, der am 26. Juni 2022 überraschend zum Präsidenten des Hauptstadtklubs gewählt wurde, mit seiner blau-weißen Herzensangelegenheit. „Hertha ist omnipräsent“, sagt er. Dass seine Familie da zurückstecken muss, ist kein Wunder.

Zusammen mit seiner Partnerin hat Bernstein eine kleine Tochter, die bald zwei Jahre alt wird. Von dem Rummel um ihren Papa bekommt sie nicht viel mit. „Solange ...

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Bildquelle: Berliner Morgenpost, Ausgabe 21/2023

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... ich die Kleine ins Bett bringe oder sie zur Kita fahre und insgesamt aufpasse, meiner Vaterrolle gerecht zu werden, ist alles im Lot“, erzählt er. „Für mich zumindest. Dass meine Verlobte da extrem viel abfedern muss, versteht sich von selbst. Ich hoffe, ich sage ihr oft genug danke dafür!“

Bernstein ist mittlerweile ein Name, der Türen öffnet. Dabei läuft er im Verein selbst häufig noch vor verschlossene. „Viele haben irgendwelche Annahmen getroffen, statt sich erst einmal ein Bild zu machen“, erklärt Bernstein. „Die Leute müssen verstehen, dass es mir nur um den Verein geht und nicht um mich. Das ist ein Prozess, der auf einem sehr guten Weg, aber noch nicht abgeschlossen ist. Dafür braucht es Vertrauen und Überzeugungsarbeit. Die Negativität der letzten Jahre hängt noch zu sehr in den Köpfen.“

Deshalb musste der neue starke Mann vor allem eines mitbringen: Geduld. Die Skepsis vor und nach seiner Wahl war und ist teilweise immer noch groß. Ein Ultra als Präsident, der Pyrotechnik legalisieren will und nur auf die Interessen der Fans schaut. Das kann doch nicht funktionieren – so hörte man immer wieder. „Es ist Quatsch, dass der Verein von Ultras unterwandert wird“, entgegnet Bernstein. „Ich bin kein Ultra-Präsident, keiner, der die Kurve hofiert. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich gegenüber der heutigen Ultra-Generation intern sogar eine härtere Position beziehe als bei Defiziten, die mir auf der Geschäftsstelle und in den Strukturen auffallen.“

Zur Pyrotechnik, die in deutschen Stadien generell verboten ist, wünscht er sich eine ergebnisoffene Debatte, „weil wir seit Jahrzehnten um dieses Thema herumeiern und es nicht gelöst bekommen. Der DFB verhängt die Strafen, die Vereine bezahlen.“

Sein Berufswunsch war Kindergärtner, dann wurde er Elektriker

Wir laufen Richtung Marathontor. An diesem Punkt kann man einen Blick ins weite Rund werfen, auf die Ostkurve, wo Herthas Ultras zu Hause sind, wo der Präsident selbst viel Zeit verbracht hat. Als ich Kay Bernstein frage, ob man immer Ultra bleibt, wird er nachdenklich. „Das Ultrasein kann man nicht komplett abschütteln“, sagt er. Er sei so sozialisiert worden, das werde ihn immer begleiten. Und deshalb hat er immer noch einen besonderen Blick für die Szene.

Ein Blick, der mittlerweile etwas besorgt ist. „Wir in der ersten Generation waren erst Herthaner und sind dann Ultras geworden“, erzählt der Mitbegründer der Harlekins. „Das unterscheidet uns auch von der heutigen Generation, die sich für mein Empfinden leider wieder eher verschließt. Die Jüngeren werden gleich Ultra, und denen müssen wir dieses Hertha-Gen ein bisschen mehr einimpfen, damit sie verstehen, dass sie ein bisschen Mitverantwortung tragen.“

Genau wie Bernstein, der jetzt die Hauptverantwortung trägt. Dafür hat er die Leitung seiner Kommunikationsagentur im Sommer an seine Verlobte übergeben, hat ein Projekt abgegeben, um sich dem nächsten zu widmen. Geplant war das nicht. Als er im Mai seine Kandidatur öffentlich machte, war der Plan, einen Neuanfang anzustoßen. Präsident wollte er nicht wirklich werden.

Sein großer Trumpf, wie Bernstein im Nachhinein meint. „Ich glaube, dass derjenige für das Amt gut ist, der es nicht unbedingt will, selbst wenn er gute Voraussetzungen dafür mitbringt“, sagt der Präsident. „Deshalb wollte ich es auch damals nicht, habe aber gesagt, dass ich mich bereit fühle.“

Mit Plänen und Wünschen ist das eh so eine Sache bei Kay Bernstein. Nach der Schule lernte er ein „solides Handwerk“, wie es seine Eltern wollten. Er wird Elektriker, dann schiebt er noch eine Ausbildung zum Industriemechaniker hinterher. Eigentlich wollte er aber etwas ganz anderes werden. Kindergärtner.

Wenn man so will, hat er dieses Ziel jetzt erreicht. In einer etwas größeren Dimension zwar. Aber manchmal fühlt es sich schon so an, sagt er. Ob nun Hertha oder eine Kindergartengruppe – viele Menschen mit verschiedenen Interessen, von denen dann doch einige ihren Willen durchsetzen wollen. Und wenn das nicht klappt, wird’s manchmal schmutzig. Weil mit Sand geworfen wird. Oder mit dreckigen Schlagzeilen. Das hat Bernstein nach diversen Windhorst-Revolten im Herbst erlebt. Es war seine Feuertaufe, eine erste Möglichkeit, um zu zeigen, dass er dem Amt gewachsen ist. „Es fühlt sich an wie eine Berufung“, sagt er. „Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.“

Zur Person

Leben Kay Bernstein wurde 1980 in Marienberg in der DDR geboren. Er wuchs erst in Dresden auf, 1988 zog die Familie nach Berlin-Marzahn. Nachdem er in der achten Klasse zweimal sitzen blieb, gelang ihm später der Realschulabschluss. Er machte eine Ausbildung zum Elektroinstallateur, arbeitete später als Industriemechaniker. 2004 folgte ein Volontariat beim Radio, ehe er 2010 seine eigene Event- und Kommunikationsagentur „Team Bernstein“ gründete, deren Leitung er mittlerweile seiner Verlobten übergeben hat. Zusammen mit ihr hat Bernstein eine kleine Tochter und lebt in Hoppegarten.

Hertha BSC Anfang der 90er-Jahre entdeckte Kay Bernstein seine Liebe zu Hertha, gründete 1998 die Ultragruppe Harlekins mit, war deren Vorsänger und verpasste kaum ein Hertha-Spiel. Im Mai 2022 machte er sich für einen Neuanfang beim Hauptstadtklub stark, startete die Initiative WirHerthaner und wurde am 26. Juni zum Präsidenten von Hertha BSC gewählt.

Der Spaziergang begann an der Geschäftsstelle von Hertha BSC in der Hanns-Braun-Straße. Von dort ging es in den Olympiapark am Schenckendorffplatz vorbei in den Gutsmuthsweg. Der Weg führt einmal herum ums Olympiastadion und auf dem gleichen Weg zurück zur Geschäftsstelle.

Apropos Ort. Wir haben uns von dem netten Mitarbeiter am Osttor verabschiedet und lassen das Olympiastadion wieder hinter uns. Ein Szenario, das auch Hertha bevorsteht, wenn der Traum von der eigenen, reinen Fußballarena irgendwann in Erfüllung gehen sollte. Der Berliner Senat hat Herthas Vorhaben vorangetrieben, es gibt eine Expertenkommission, die das avisierte Gelände nördlich des Maifelds im Olympiapark prüft. Bernstein ist Teil dieses Arbeitskreises. „Und ich habe schon das Gefühl, da ernst genommen zu werden“, sagt er.

Es war eine der großen Fragen, die sich nach seiner Wahl gestellt haben. Wie soll das Projekt Stadion der Verwirklichung näher kommen, wenn jemand in der Verantwortung ist, dem die Verbindungen in die Berliner Politik fehlen? Abschließend lässt sich das erst beantworten, wenn der erste Spatenstich gesetzt ist.

Bernstein ist sich sicher, dass schon bald Fortschritt zu vermelden sein wird. „Wir wissen in diesem Jahr, ob wir unseren Traum vom eigenen Stadion im Olympiapark erfüllen können oder nicht.“ Wenn es so weit ist, wird das bei Kay Bernstein nicht nur Freude auslösen. Er hat im Olympiastadion viel erlebt, Teile seiner Jugend verbracht, Freunde gefunden und eine „blau-weiße Gemeinschaft kennen gelernt, die durch dick und dünn“ geht. „Aber – und das ist unser Thema – dann gibt es vielleicht ein neues Stadion, das den Fans, der Kurve noch gerechter wird, weil es ein Hexenkessel wird, der die Emotionen noch befeuert und damit das eine oder andere Spiel zu unseren Gunsten dreht“, erklärt Bernstein. Denn am liebsten steht der Präsident auf der Haupttribüne und jubelt, vergießt auch mal ein Tränchen, wie nach dem Sieg gegen Schalke im Oktober.

Wir gehen wieder am Schenckendorffplatz vorbei, zurück zur Geschäftsstelle. Ob die vergangenen Monate ihn verändert haben, frage ich Kay Bernstein noch. „Ich bin mir sicher“, antwortet Herthas Präsident, „dass ich dieses Amt verändere. Aber das Amt nicht mich.“