Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 9 Min.

Es geht doch um künstlerische Freiheit und nicht um


Max - epaper ⋅ Ausgabe 2/2021 vom 10.07.2021

Herausforderung

Artikelbild für den Artikel "Es geht doch um künstlerische Freiheit und nicht um" aus der Ausgabe 2/2021 von Max. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Max, Ausgabe 2/2021

Mit 18 Jahren machte der Bundeskanzler a. D. seine Mittlere Reife auf dem zweiten Bildungsweg nach, es folgte das Abitur und das Jurastudium … „und dann nahm alles so seinen Gang“.

MAX: Herr Bundeskanzler ... Gerhard Schröder: Schröder reicht.

MAX: Herr Schröder, wir haben uns eine passende Zeit dafür ausgesucht, um ein Gespräch über Kunst zu führen – es jährte sich der 100. Geburtstag von Joseph Beuys.

Schröder: Großer Künstler. Wir haben zu Hause eine kleine Arbeit von ihm.

MAX: Bevor wir nun über Kunst sprechen etwas Biografisches. Wo liegt Ihr Geburtsort Mossenberg- Wöhren?

Schröder: Mossenberg ist ein kleines Dorf im Landkreis Lippe, also in Nordrhein-Westfalen.

Heute ist das Dorf ein Teil der Stadt Blomberg, etwa 20 Kilometer östlich von Detmold. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kommt auch aus dieser Gegend, aus der Nähe von Lemgo. Brakelsiek heißt der Ort. Zwei ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 8,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Max. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 2/2021 von Lassen Sie sich tragen. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Lassen Sie sich tragen
Titelbild der Ausgabe 2/2021 von Contributors. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Contributors
Titelbild der Ausgabe 2/2021 von SUMMER. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
SUMMER
Titelbild der Ausgabe 2/2021 von Naples Noise. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Naples Noise
Titelbild der Ausgabe 2/2021 von I LOVE NYC. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
I LOVE NYC
Titelbild der Ausgabe 2/2021 von Dumm & stark. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Dumm & stark
Vorheriger Artikel
LE BENS LU ST
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel NIE DAS GEFÜHL IRGENDWANN IRGENDETWAS IRGENDWIE ZU MÜSS…
aus dieser Ausgabe

... Lipper, jetzt einer an der Spitze des Staates und ich früher als Kanzler, das ist bemerkenswert.

MAX: Wie lange haben Sie in Mossenberg mit Ihrer Mutter gelebt?

Schröder: In Mossenberg bin ich geboren, weil es meine Mutter mit ihrer Schwiegermutter während des Zweiten Weltkriegs dorthin verschlagen hat. Sie kam ursprünglich aus der Nähe von Magdeburg, meine Oma aus Leipzig. Ich wurde Anfang April 1944 geboren, und im Oktober ist mein Vater in Rumänien gefallen, sodass ich ihn gar nicht kennenlernen konnte. Nach wenigen Monaten sind wir weiter nach Wülfer-Bexten gezogen, auch ein kleiner Ort in Lippe. Dort hatte ich auch meinen ersten Kontakt zum Fußball. Wir haben nämlich in einem sogenannten Behelfsheim auf dem Gelände eines Sportplatzes gelebt. Da spielte der TuS Bexterhagen, zweite Kreisklasse damals. Dieses Behelfsheim, so eine Bretterbude, in der wir unterbracht waren, stand natürlich nicht mitten auf dem Platz, aber an einer Ecke, sodass das Eckeschießen verkürzt werden musste. Während der Spiele kriegten wir mit, wie die Bälle gegen unser Häuschen knallten. Das war meine erste Begegnung mit Fußball.

MAX: Was haben Sie meistens für eine Position gespielt?

Schröder: Ich habe sehr früh Mittelstürmer gespielt, gelegentlich Rechtsaußen, aber nie als Verteidiger. Wir hatten damals ein System, auch beim TuS Talle, wo ich später gespielt habe, das nannten die Engländer „Kick and Rush“. Das heißt, wir hatten eine stabile Hintermannschaft, meistens Maurer, Fliesenleger, richtig ordentliche Kerle, die zulangen konnten. Die schlugen die Bälle weit nach vorne. Und da standen relativ kleine, aber vor allem schnelle Stürmer, die versuchten dann, den Ball ins Tor zu kicken. Einer davon war ich. Ich konnte damals ziemlich schnell 100 Meter laufen. Mit großer Technik war da nichts, wir sind jedoch aufgestiegen bis in die Bezirksklasse. Der Niedergang der Mannschaft begann, als wir einen Trainer kriegten, der glaubte, uns ein – wie er sagte – „richtiges Spielsystem“ beibringen zu wollen. Das musste scheitern, denn wir konnten nur „Kick and Rush“.

MAX: Sie wuchsen in materiell sehr, sehr bescheidenen Verhältnissen auf. Loriot hätte gesagt, „in sehr übersichtlichen Verhältnissen“ …

Schröder: In der Tat, es war alles sehr beengt. Wir haben nicht gehungert, aber es war oft sehr knapp mit den Lebensmitteln. Meine Mutter musste uns irgendwie durchbringen, wir waren oft allein zu Hause, denn sie arbeitete viel. Dafür bin ich aber in glücklichen Verhältnissen aufgewachsen, wir Kinder wurden zu Hause nie geschlagen. Und wenn man aus solchen Verhältnissen kommt und im Fußball besser war als die anderen, dann galt man etwas im Dorf und wurde eher wahrgenommen. Das war Antrieb für mich. So ähnlich geht es ja heute noch vielen Afroamerikanern, deren einzige Chance der Sport ist, um aus den Gettos herauszukommen. Denken Sie etwa an die großen Basketballstars in den USA.

MAX: Und wie kam es dazu, dass Sie eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann in einem Porzellanfachgeschäft gemacht haben?

Schröder: Später ging es um die Frage, was macht der Junge nach der Volksschule? Es war nicht dran zu denken, dass ich auf eine weiterführende Schule gehen könnte. Wir hätten uns das Büchergeld und die Fahrtkosten einfach nicht leisten können. Ich war nicht sehr groß und nicht sehr kräftig. Also schied etwa ein Maurerlehre auf dem Bau einfach mal aus. Der Einzelhandel war daher naheliegend. In dem Laden, in dem ich meine Lehre gemacht habe, gab es auch Porzellan – Rosenthal war die Starmarke. Meißen kriegten wir nicht, das war viel zu teuer.

MAX: Wann gingen Sie dann auf die Abendschule?

Schröder: Mit 18 Jahren habe ich die Mittlere Reife nachgemacht. Und dann wollte ich auch das Abitur schaffen. Es gab diese Schulen des zweiten Bildungswegs, und da ich Halbwaise war, bekam ich ein Stipendium und konnte auf eine solche Schule zunächst in Siegen und später in Bielefeld gehen, wo ich Abitur gemacht habe. Für mich war früh klar, dass ich Jura studieren und Rechtsanwalt werden wollte. 1978 wurde ich Juso-Bundesvorsitzender, später Bundestagsabgeordneter für die SPD … und dann nahm alles so seinen weiteren Gang.

MAX: Sie waren neben Helmut Schmidt der Bundeskanzler, der Kunst und Künstlern sehr zugewandt war. Wann haben Sie zum Beispiel Jörg Immendorff, den Maler Ihres spektakulären Kanzlerporträts, kennengelernt?

Schröder: Als Kanzler hatte ich ihn eingeladen, mich bei einer offiziellen Reise nach Georgien zu begleiten. Ich wollte immer auch Kunstschaffende in der Delegation dabeihaben, nicht nur Unternehmer. Denn Kunst repräsentiert auch unser Land. Zu dem Zeitpunkt war er schon sehr krank, ALS, unheilbar. Wir saßen im Flugzeug, unterhielten uns sehr lang und intensiv. Er war ein großartiger, geistreicher Gesprächspartner, der immer zu seiner Meinung – ob nun persönlich oder politisch – stand. So eine Haltung respektiere ich immer sehr. Ich sagte: „So, Sie malen bitte mein Kanzlerporträt!“ Er antwortete: „Ich hoffe, ich kann das noch!“ Er lebte ja in dem dauernden Bewusstsein, dass er absehbar sterben muss. Später hat er mich nochmals begleitet, nach Indien, da waren Innenminister Otto Schily und Wirtschaftsminister Werner Müller dabei.

„Ich wollte auch immer Kunstschaffende in der Delegation dabeihaben, nicht nur Unternehmer. Denn Kunst repräsentiert auch unser Land.“

Hinter seinem Berliner Kanzlerschreibtisch hing ein Baselitz, ein Adler, kopfüber, abstürzend: „Das sollte zeigen, dass man sich als Regierungschef selbst nicht zu wichtig nehmen sollte.“

MAX: Solche eigenwilligen Politikertypen gibt es heute kaum noch …

Schröder: Wohl wahr, wer immer unterschätzt worden ist, ist der damalige Umweltminister Jürgen Trittin. Er ist ein besonders kenntnisreicher und sehr interessanter Mann, loyal bis in die Knochen. Wir haben in Niedersachsen und in Berlin zusammengearbeitet – es konnte mal krachen zwischen uns, aber wir haben stets zusammengehalten.

MAX: Jürgen Trittin habe ich während meines Studiums in Göttingen 1978 während einer Nacht-und-Nebel-Aktion bei einer Hausbesetzung kennengelernt, wir haben gemeinsam für eine der bundesweit ersten alternativ-grünen Listen für den Stadtrat kandidiert und für die „Moderne Zeiten“ geschrieben.

Schröder: Tja, auch die Welt der Linken ist eben doch eher klein.

MAX: Als Jörg Immendorff das Porträt begonnen hat – später im Verlauf seiner Krankheit malten es Assistenten nach seinen akribischen Anweisungen weiter – waren Sie in seinem Studio in Düsseldorf ?

Schröder: Ja, ich habe ihn in Düsseldorf besucht. Sein Studio war in einer ehemaligen Fabrikhalle, sehr beeindruckend. Ich habe mir Zeit für ihn genommen. Mir war klar: Er soll das Porträt so malen, wie er es für richtig hält. Denn da geht es um künstlerische Freiheit und nicht um meine persönlichen Eitelkeiten. Dies war ja keine Auftragsarbeit von Hofe.

MAX: Ich entsinne mich, dass in Jörg Immendorffs Atelier immer eine Weste von Joseph Beuys hing, die hatte der ihm geschenkt, aus einer Westentasche ragte eine vertrocknete rote Rose heraus – dieses Jahr jährte sich der 100. Geburtstag von Beuys, Immendorff war einer seiner Schüler, danach war er Meisterschüler von Ewald Mataré an der Kunstakademie in Düsseldorf. Jetzt hatte er das Kanzlerporträt geschaffen: Was war Ihr erster Gedanke, als Sie das Bild von sich sahen?

Schröder: Spontan schoss es mir durch den Kopf: Mensch, bist du das wirklich?

Und dann habe ich mich sehr mit dem Werk angefreundet, muss ich sagen. Ich finde es inzwischen gut, dass es im Bundeskanzleramt in der Reihe der Kanzlerporträts hängt. Als Kanzler habe ich im Jahr 2005 noch eine seiner letzten Ausstellungen eröffnet, in der Nationalgalerie in Berlin. Elf Jahre nach seinem Tod durfte ich dann 2018 in München eine große Retrospektive, wunderschön gehängt, im Haus der Kunst eröffnen.

MAX: Kurzer Exkurs in die Vergangenheit – als Sie damals am Zaun des Kanzleramtes in Bonn gerüttelt haben („Ich will hier rein!“), konnten Sie von dort die monumentale Henry-Moore-

Plastik „Large Two Forms“ sehen?

Schröder: Ich glaube nicht. Die stand auf der anderen Seite des Geländes, eine sehr schöne moderne Arbeit.

MAX: Was für Kunst hing in Ihrem Bundeskanzlerbüro?

Schröder: Ich wollte etwas sehr Spezielles von Georg Baselitz haben. Das Bild hing hinter meinem Schreibtisch – ein Adler, aber kopfüber, sozusagen stürzend. Ein abstürzendes Staatssymbol, das sollte zeigen, dass

man sich als Regierungschef selbst nicht zu wichtig nehmen sollte. Und dann gab es ein Sofa, auf dem Gäste Platz nahmen – dort hing von Anselm Kiefer das Gemälde „Grab des unbekannten Malers“. Das war auf den ersten Blick düster, auf den zweiten, genauen, gar nicht mehr. Und für den Bankettsaal hatte ich den Bildhauer Stephan Balkenhol gebeten, fünf seiner grandiosen Figuren zu machen.

MAX: Sie haben Reden für Professor Bernhard Heisig gehalten, er galt vor der deutschen Wiedervereinigung als ein sogenannter Staatsmaler der DDR. Dieser Umstand störte Sie nicht?

Schröder: Ich halte Heisig für einen der wichtigsten deutschen Maler der Gegenwart, der sich übrigens in der DDR auch mittels seiner Kunst durchaus kritisch zur gesellschaftlichen Lage äußerte. Seine detailreichen Monumentalgemälde sind jedenfalls beeindruckend. Als Bundeskanzler habe ich den Austausch mit solchen Künstlern sehr genossen, weil er mich bereichert hat. Freie Geister wie etwa der Maler Markus Lüpertz oder der Dichter Durs Grünbein gehörten immer zu meinen Delegationen. Im Kanzleramt gab es regelmäßig Lesungen von Schriftstellern und Diskussionen. Als Kanzler wollte ich ein Amt, das sich für die Künste öffnet, denn ich habe diese Auseinandersetzung immer als sehr inspirierend empfunden.

MAX: Gegenwärtig gibt es Kontroversen in Hannover um ein von Ihnen gespendetes Kirchenfenster für die Marktkirche, das Ihr Freund Markus Lüpertz geschaffen hat und das noch nicht eingepasst wurde.

Schröder: Stand der Dinge ist: Das Landgericht Hannover hat in einer, wie ich finde, sehr klugen Entscheidung sinngemäß gesagt: „Bei allem Respekt vor dem Erben des Architekten, der gegen das Lüpertz-Fenster opponiert, hier gibt es ein paar Elemente, die wir für wichtiger halten.“ Es geht hier unter anderem um die Freiheit des Künstlers. Die Entscheidung liegt jetzt beim Oberlandesgericht Celle, und das muss nun entscheiden, ob das Urteil bestätigt wird oder eben nicht. Ich fände es sehr schade, wenn dieses Lüpertz-Werk nicht den Weg in die Marktkirche finden würde. Abgesehen davon: Ohne Kunst kann ich mir menschliche Entwicklung gar nicht vorstellen, und sie ist für ich seit Langem ein sehr bedeutsames Stück Lebenslust, das ich nicht missen möchte.

MAX: Haben Sie ein Lieblingsmuseum auf der Welt?

Schröder: Ich habe natürlich viele Museen besucht, sehr viele. Aber am meisten hat mich ein Atelier beeindruckt: Eines der schönsten Gesamtkunstwerke ist jenes von Anselm Kiefer im südfranzösischen Barjac in den Cevennen.

MAX: Es gibt in vielen europäischen Ländern Kulturminister. Bei uns gibt es derzeit nur die Staatsministerin Monika Grütters im Rang einer Staatssekretärin. Sitzt die Kunst im Berliner Kabinett am Katzentisch?

Schröder: Nein, das tut sie nicht. Ich habe seinerzeit dieses Amt geschaffen, um der Kulturpolitik auf Bundesebene ein größeres Gewicht zu geben. Das ist auch gelungen, denken Sie nur an die Filmförderung oder die Bundeskulturstiftung. Und dass Frau Grütters und ihre Vorgänger „nur“ im Range einer Staatssekretärin oder eines Staatssekretärs amtieren, hat nichts mit minderer Wertschätzung der Kultur zu tun. Das ist verfassungsrechtlich geboten, denn die Kulturpolitik liegt in unserem föderalen System in der Hoheit der Länder. Diese würden kein eigenständiges Bundesministerium akzeptieren.

MAX: Themenwechsel: Worauf führen Sie den großen Erfolg Ihres Linkedin-Accounts beziehungsweise Ihres Podcasts zurück?

Schröder: Eigentlich wollte ich nicht in den sozialen Medien aktiv werden. Ich bin doch groß geworden mit dem gedruckten Spiegel, und während meiner Amtszeit in Berlin war ich eher mit den Printmedien verbandelt. Aber ich habe mich überzeugen lassen, unter anderem von meinem früheren Regierungssprecher Béla Anda, dass diese Form der Kommunikation immer mehr an Bedeutung gewinnt und eben die Zukunft ist. Und mit dem Podcast habe ich zudem die Möglichkeit, mich ausführlich mit Themen zu beschäftigen, die mich interessieren und die ich für wichtig halte. Tja, das wurde nun zum großen Erfolg. Das freut mich schon, dass man jemanden wie mich, der Tacheles redet, offenbar noch oder wieder schätzt im öffentlichen Diskurs.

MAX: Herr Schröder, vielen Dank für dieses Gespräch.