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„ Es gibt keinen Queer-Pride nach dem Klimakollaps “


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musikexpress - epaper ⋅ Ausgabe 7/2022 vom 09.06.2022
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Es ist eine kleine Sensation: Anohni singt wieder mit Hercules & Love Affair – auf sechs der zwölf Tracks des neuen Albums IN AMBER. Es sind die ersten gemeinsamen Aufnahmen seit 2008, seit man gemeinsam mit der herzzerreißenden, blutigen Dancefloor-Hymne „Blind“ für die Überraschung des Jahres gesorgt hatte. Heute macht Anohni keinen Kammerpop mehr als Sänger*in von Antony and the Johnsons. Und Andy Butler, das Hercules-Mastermind, hat seit Jahren wenig Bock auf seinen viel gepriesenen House-Twist-Disco-Sound. Wie finden die beiden also neu zusammen?

Andrew „Andy“ Butler ist schon da im Videochat. Auf seinem weißen T-Shirt tanzt ein süßer grüner Dino, der Gitarre spielt.

Nur Anohni fehlt. „Oh, Shit, sie hat mich vor zehn Minuten angeklingelt, seh’ ich grade“, sagt Andy, „da stand ich noch unter der Dusche.“ Nackte Fakten. Der Tiefenentspannung des T-Shirt-Dinos tut dies keinen Abbruch. Klar, seine ...

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... Spezies hat schon ganz anderes erlebt! Aber wäre schon nice, wenn Anohni doch noch auftauchen würde, denn wir hatten ja so schön eine Uhrzeit gefunden, zu der, trotz acht Stunden Zeitzonendifferenz – Andy in Colorado, Anohni in New York und der ME-Autor in Berlin – alle wach sein können. Dann schließlich schaltet sich Anohni zu, zwar ohne Video, aber sie schmachtet ein beseeltes „Sorry“, und das mit ihrem von Björk heiß geliebten Vibrato, und alles ist gut, oder?

ME: Alles Liebe aus Berlin zu unserem transatlantischen Videocall. Ihr habt ja beide in Europa und Amerika gelebt.

ANDY: Ich lebe inzwischen in Europa. In den USA bin ich bloß gerade auf Tour. Ich hab’ eine hohe Meinung von Europa. Seit zwölf Jahren meine Heimat. Zunächst in Österreich und nun in Belgien seit acht Jahren.

Letztes Wochenende war ich in New York und habe das Viertel meiner Vergangenheit kaum wiedererkannt. Europa fühlt sich für mich noch am ehesten nach Zuhause an.

Bei dir, Anohni, ist es ja quasi umgekehrt: Du bist in England geboren und dann in die Staaten gezogen.

ANOHNI: Ja, genau. Ich hab’ übrigens während der vergangenen Jahre auch in Berlin gewohnt. Immer mal für mehrere Monate: 2016, 2017, 2018. Und ich hab’ es in Berlin geliebt, es ist so cool, die türkischen Märkte und der Landwehrkanal!

Umso schöner, dass du auch Teil von Lou Reeds Live-Performances des kompletten BERLIN-Albums warst.

ANOHNI: Ja, vor einer langen Zeit. 2006. Zu der Zeit kanntet du und Andy euch schon aus New York.

ANOHNI: Ja, seit den frühen Nullerjahren. Wir haben uns über gemeinsame Freund*innen kennengelernt. Und waren dann auch sofort eng befreundet. Wir hatten einen ähnlichen Sinn für Humor.

ANDY: Da war sofort eine besondere Verbindung. Für mich hängt mein Kennenlernen von New York ganz eng zusammen mit Anohni. Zu dem Zeitpunkt war sie schon eine Weile lang dort.

Und wie kam das dann, dass ihr euren ersten Song „Blind“ zusammen gemacht habt, der von einem queeren Kid erzählt, das Ausgrenzung erlebt hat?

ANDY: Schnell, als wir uns kennenlernten, kannte ich natürlich dann auch Antony And The Johnsons. Ich selbst hab’ immer mal Songs geschrieben und hin und wieder Leute dazu eingeladen, Lieder von mir zu singen.

Im Wissen um Anohnis einmalige Stimme, dachte ich: Das wäre schon echt cool, wenn sie mal eines meiner Lieder singen würde.

Aber ich war damals nicht wirklich im Musikbusiness. Ich hab’ nur einfach ein bisschen an meinen Songs gearbeitet. Ich hatte also dieses Demo und fragte Anohni, ob ich sie dafür gewinnen könne, einen Electro-Song aufzunehmen. Und so kam es dann schließlich auch. Vier Stunden lang dauerten die Aufnahmen. Am Ende wussten wir beide nicht so recht, was da gerade passiert war.

Anohni, wie ging es dir damit? Der Track klang ja schon ganz anders als das, was du derzeit mit Antony And The Johnsons gemacht hast.

ANOHNI: Ja, Andy und ich liebten beide Yazoo, diese Band aus den 80ern. Ich hab’ mir also bei „Blind“ alle Mühe gegeben, so wie Alison Moyet zu klingen. Andy, war ich eigentlich die erste Sängerin, mit der du gearbeitet hast?

ANDY: Ganz sicher die erste Sängerin von deinem Kaliber! Aber ich hab’ ja mit Künstler*innen zusammengewohnt und ich hatte diese schlechte Angewohnheit, immer mal wieder Leuten in meinem Schlafzimmer ein Mikro in die Hand zu drücken, um etwas zu singen.

Anohni, du hast 2020 eine Coverversion von Gloria Gaynors ikonischem „I Will Survive“ eingesungen. Wie wichtig waren dir klassische Disco-Diven der 70er, als du aufwuchst?

ANOHNI: Mich haben mehr die Pop-Sängerinnen der frühen und mittleren 80er-Jahre inspiriert. Die 70er waren nicht mehr ganz meine Zeit. Ich wurde eher motiviert von New Wave.

Also nicht so sehr Diana Ross, Sylvester, Donna Summer.

ANOHNI: Gerade, weil deren große Hits ja nur ein paar Jahre zurücklagen, wirkten die damals auf uns schon etwas gestrig. Wir wollten lieber Teil des nächsten großen Dings sein. Bis ich Anfang 20 war, hat mich Disco überhaupt nicht interessiert.

Was denkt ihr: Sollten Disco und House sich wieder stärker auf ihre queeren Wurzeln besinnen?

ANOHNI: Letztlich glaube ich, dass Disco vor allem vom queeren Publikum umarmt wurde. Nicht so sehr, dass es von Queers erschaffen wurde. Aber ja, viele Queers lieben es, zu tanzen, und dann gibt es auch noch viele Disco-Lyrics, die von Befreiung und Freiheit handeln. Das fanden viele queere Menschen sehr empowernd.

ANDY: Disco kam hauptsächlich aus den Black- und Latino-Communitys in New York. Aber dieser Sound hat einen Raum erschaffen, in dem sich vielerlei marginalisierte Leute wohl und sicher fühlten.

„Mir geht es darum, Menschen die Kraft zu geben, Nein zu sagen. Und Ja zu sich selbst.“

(Anohni)

Wie erlebt ihr das, dass gerade mehr offen queere Acts denn je einen großen Erfolg haben?

ANOHNI: Mich freut es sehr, dass Leute sich nun sehr viel besser repräsentiert sehen.

ANDY: Absolut! Erstaunlich und aufregend.

An der Spitze der Charts.

Lil Nas X!

ANDY: Ja, und diese Leute preschen damit sehr nach vorne. Die verstecken nichts mehr. Fantastisch! Ich bin ja ein bisschen jünger als Anohni, aber auch nur ein kleines bisschen, und die Popstars, mit denen wir aufwuchsen, sahen sich noch zum Verstecken genötigt.

Einige queere Pop-Pioniere wie Boy George, Lou Reed und Rufus Wainwright waren auch an dem Antony-Album I AM A BIRD NOW beteiligt.

ANOHNI: Ja, und es ist auch nicht so, dass Leute früher nichts gemacht hätten, aber das Klima hat sich doch sehr verändert, hin zu Akzeptanz.

Noch mal zu Disco, die Hercules &

Love Affair ja auch sehr zelebrieren auf den ersten drei Alben: Ist Tanzmusik für euch eigentlich mehr Eskapismus oder Selbstfindung?

ANOHNI: Kommt ganz auf die Musik an. Einige Musik ist dazu designt, den Weg freizusprengen – andere ist dazu designt, mit ihr zu wachsen.

Und wenn wir von Hercules & Love Affair sprechen?

ANOHNI: Bei uns läuft niemand vor seiner Story, seinem Narrativ weg. Also kein Eskapismus. Unsere Tanzmusik ist herzerwärmend.

Wir wollen die Laune gründlich emporliften.

ANDY: Dadurch, dass wir mittlerweile nun schon so viele verschiedene Stimmen im Projekt haben, sind auch viele diverse Storys eingezogen bei uns. Und diese Lyrics provozieren auch zum Denken, meine ich. Das ist nicht einfach bloß ein House-Beat, der zum Eskapismus verführt. Wir haben unseren Fokus sehr auf den Stimmen, ihren Storys.

Natürlich auch Anohnis.

Anohni, du warst früh dabei bei Hercules & Love Affair. Aber dann auch viele Jahre lang nicht. Fühlt sich das jetzt wie Heimkehr an?

ANOHNI: Hercules & Love Affair sind für mich Teil meiner Familie. Also: ja! Und es ist großartig, mit Menschen Musik zu machen, die man liebt. Diesmal bin ich zu Andy gekommen und hab’ gesagt, ich würde gerne wieder Songs zusammen mit dir machen. An einem gewissen Punkt haben wir gemerkt, sie könnten Teil des Hercules-Projekts sein.

Die Songs, die ich singe, haben wir zusammen geschrieben. Beim ersten Album war es etwas anders. Obwohl ich da auch einige Lyrics geschrieben habe, etwa bei „Time Will“ oder „Raise Me Up“. Aber diesmal war ich stärker involviert.

Es ergibt also Sinn, dass dieses Hercules-Album auch stark nach Anohni klingt, oder?

ANOHNI: Ich weiß nicht, wie ein Anohni-Album 2022 klingen würde. Aber für mich klingt diese Platte klar nach einem Andy-Album. Die Ästhetik. Die Herangehensweise.

Ich streue gerne Ideen ein, aber letztlich hält Andy alles zusammen.

ANDY: Gleichwohl kann ich verstehen, wenn man sagt: „Ich fühle Anohni sehr auf diesem Album.“ Und das sage ich als jemand, der ihre Arbeit wahnsinnig bewundert. In der Antony-And-The-Johnsons-Welt gab es stellenweise diese sehr düstere Atmosphäre.

Daran muss ich nun bei unserer neuen Platte schon auch denken.

Definitiv ist das neue Album viel weniger four-to-the-floor, als es viele von einer Hercules-Platte wohl erwartet hätten.

ANOHNI: Ja, definitiv. Aber Andys Ästhetik ist eben sehr reichhaltig. Das zeigen auch seine Solo-Tracks auf dem Album.

Andy, in einem anderen Interview hast du gesagt, dass die Platte nun von Wut und von Besinnung handelt. Was macht dich, was macht euch wütend?

ANDY: Als ich das gesagt habe, ging es mir um Folgendes: Es gibt Stellen auf dem Album, an denen ich viel harschere Sounds erkunde als jemals zuvor. Das sind Kanäle, um allerlei Gestörtes aus mir hinauszulassen. Darunter vieles aus der Außenwelt, das etwa durch Nachrichten in mich hineingelangt war. Das ist eine gewisse Entfremdung, die ich erlebe – durch die Allgegenwart des Telefons, der Social Media. Die Frustration darüber habe ich sicher durch einige Sounds rausgelassen. Und überraschenderweise hat das sogar Spaß gemacht, weil ich da mit einer Klangpalette spiele, die es auf den vorigen Alben so nicht gab.

Einer der Songs, die Anohni singt, heißt „Christian Prayers“. Meine Assoziation zu dem Song war, dass es da um sogenannte „Korrektivtherapien“ gehen könnte, also diese pseudo-psychotherapeutischen Verfahren, mit denen besonders christliche Freikirchen in den USA queere Kids „wieder hetero“ machen wollen.

ANOHNI: Als queere Person, die trans ist, habe ich diesen christlichen Fundamentalismus in den USA schon sehr früh zu spüren gekriegt. Und dieser Hass wirkt weit in den säkularen Raum hinein. Inzwischen bin ich bereit, diese hasserfüllten Strukturen ganz zurückzuweisen, die uns viele Jahrhunderte lang bekämpft haben. Das ist ein Kampf, den ich auch ganz persönlich nehme. Auch wenn dieser Kram natürlich nicht persönlich, sondern systemisch ist.

Trotzdem kriegen wir als Individuen die Folgen zu spüren.

Also ist er zugleich sehr persönlich und auch sehr politisch.

ANOHNI: Ja, das stimmt schon.

ANDY: Als ich das erste Mal den Song gehört habe, kam ich gerade von der Kirche zurück.

Es hat mir das Herz zerrissen.

ANOHNI: Es gibt einige Songs auf dem Album, die nach Empowerment schreien. „Christian Prayers“ ist für mich einer davon.

Ein anderer ist „One“. Auch der will Menschen Mut machen. Weiß du, als Sängerin geht es mir so: Am meisten will man singen für die Leute, die echt zuhören. Ein bisschen wie beim Horn der Militärkapelle, ist auch bei uns klar: Wir spielen für unser Team. Um es anzufeuern. Auch wenn sich manche meiner Songs erst mal gegen etwas zu richten scheinen, singe ich das hauptsächlich, um Leuten aus der Seele zu sprechen, denen es ähnlich geht.

In „Contempt For You“ geht es um einen Menschen, der seines Körpers wegen viel Ablehnung erfahren hat.

ANOHNI: Ich bin ja in den 80ern aufgewachsen. Und da hatten die Konservativen die Meinungshoheit über die Moral. Über ihre Fake-Moral, besser gesagt. Damals, während der Aids-Krise, haben sie viel Hass gesät gegen Gays – mit pseudomoralischen Argumenten. In Wirklichkeit waren diese Konservativen die großen Immoralisten mit ihrer gefährlichen, manipulativen Agenda.

Der Song erzählt aus der Perspektive eines verleumdeten Körpers. Meistens ist es so, dass sich nur die reichen Körper überhaupt dagegen zur Wehr setzen können. Gerade wenn die Wunden historisch verabreicht sind, besteht ja ein wesentlicher Teil des Heilungsprozesses darin, überhaupt mal auszusprechen, was geschah. Und dann geht es mir darum, Menschen die Kraft zu geben, Nein zu sagen. Und Ja zu sich selbst.

Also Self-Empowerment.

ANOHNI: Einerseits ja. Aber es ist höchste Zeit, nicht nur für sich selbst Partei zu ergreifen, sondern auch für die Erde selbst.

Wir dürfen uns nicht in Diskussionen um Körper und Identitätspolitik verzetteln.

Zwar ist Identitätspolitik auch wichtig, aber wir müssen sie im Kontext des noch größeren Ganzen sehen. Sie darf nicht dazu verwendet werden, um uns von den größeren Problemen dahinter abzulenken. Teilen der Politik spielt es nämlich sehr in die Hände, wenn wir nur über die Viktimisierung unserer eigenen Gruppe sprechen und uns da hineinsteigern – statt auch darüber zu sprechen, dass sie langfristig das Leben aus allen Lebewesen ziehen werden. Indem sie alle Ressourcen dieses Planeten erbeuten.

Davon handelt unser Song „Poisonous Storytelling“: Wir müssen uns jetzt sehr genau überlegen, welche nächsten Handlungsschritte es braucht. Und dazu brauchen wir größtmögliche Klarheit. Es gibt ein neues Wort: Neozid. Hast du davon schon gehört?

Ehrlich gesagt, noch nicht.

ANOHNI: Quasi der Geozid zukünftiger Generationen. Ein sehr schönes Wort, um den schrecklichen Fakt zu beschreiben, dass wir alle Komplizen dieser Politik sind.

Wenn du Identitätspolitik kritisierst, Anohni, tust du das, weil du Leute wachrütteln willst, über sich und ihre Gruppe und ihre Lebenszeit hinauszudenken, ja?

ANOHNI: Der finale Schritt unserer Befreiung wird eben nicht darin bestehen, nur unsere je eigene Gruppe zu befreien. Also kann das Gespräch auch nicht bei unserem eigenen Minderheitenstatus bleiben. In letzter Konsequenz muss man dann eben sagen, dass die ganz große Segregation sich gegen die Natur selbst richtet. Unsere eigene Identität ist ohne das Ökosystem der Erde null und nichtig. Es gibt keinen Queer-Pride nach dem Klimakollaps. Du musst dich selbst im Kontext sehen. Unser eigenes Leiden im Kontext einer sehr viel breiteren Krise, die sich ereignet, sehr verzweigt und daher schwer zu fassen.

Nach all dieser Wut: Wie findet ihr eure Ruhe wieder?

ANOHNI: Mein höchstes Ziel ist nicht Katharsis für mich selbst. Mein Ziel ist Engagement. Wir tun unseren Teil, Leute zu motivieren. Ich hoffe auf Transformation.

ANDY: Das zählt für mich zu den spannendsten Aspekten des Albums. Dass diese Kollektion all dies zusammenhält. In meinen Texten geht es schon darum, etwas Frieden zu finden inmitten beängstigender Umstände, gegen die man auch nicht immer ankämpfen kann: die Unausweichlichkeit des Todes etwa. Viele Religionen versprechen Heilung. Dass wir an einen besseren Ort gelangen werden. Viele meiner Texte kreisen aber um die Frage, wie wir mit dem arbeiten können, was hier vor uns ist. Auch mit dem Chaotischen und dem Hässlichen. Und wie wir damit unseren Frieden finden können – zumindest so viel Frieden, dass wir handlungsfähig sind. Und dazu muss ich erst mal durch meinen eigenen Kram navigieren – um mich dann all dem stellen zu können, was Anohni angesprochen hat: der ganz großen, sehr verflochtenen Krise. Aber erst mal muss man mit sich selbst im Reinen sein. Sonst ist man selbst die Blockade.

Albumkritik S. 74

ZU DEN PERSONEN

Anohni, geboren als Antony Hegarty, Jahrgang 1971, wurde einem großen Publikum bekannt als Sängerin ihrer Kammerpop-Band Antony and the Johnsons, mit der sie für das viel gelobte zweite Album I AM A BIRD NOW (2005), an dem auch Lou Reed und Boy George mitwirkten, den renommierten britischen Mercury Award erhielt. 2016 wurde sie der erste Mensch, der offen trans lebt und für einen Oscar nominiert wurde. Im selben Jahr erschien ihre Solo-Debüt-LP HOPELESSNESS. Die Single „Blind“ (2008) mit Hercules & Love Affair gilt als einer der prägendsten Songs der Nullerjahre.

Andrew „Andy“ Butler, Jahrgang 1983, ist der Kopf von Hercules & Love Affair. Das Projekt verdankt seinen Namen der mythologisch schwulen Liebe zwischen Hercules und Hylas. An Butlers Tracks wird oft gelobt, dass sie von einem wahren Verständnis der 70s-Disco-Kultur zeugen, aber doch zeitgemäß getwistet sind durch Detroit Techno und Chicago House. Dieses Lob ist ihm zeitweise so sehr zu Kopf gestiegen (drogenbefeuert, wir er sagt), dass er sich sehr abfällig über die Musik von Lady Gaga und Madonna äußerte. Zu den prominentesten Vokalist*innen seines Projekts zählen, neben Anohni: Sharon Van Etten, Kele Okereke (Bloc Party), John Grant, Aerea Negrot. Die letzte Hercules-LP 2020 war jedoch ein Ambient-Instrumental.