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„Es hat was von der Cinderella-Story“


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Sport Bild - epaper ⋅ Ausgabe 39/2022 vom 28.09.2022

SPORT BILD-AWARD 2022

ÜBERRASCHUNG DES JAHRES SC MAGDEBURG

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Bildquelle: Sport Bild, Ausgabe 39/2022

Beim SPORT BILD-Award in Hamburg wurde die Meister-Mannschaft des SC Magdeburg durch Geschäftsführer Marc-Henrik Schmedt, die Profis Philipp Weber, Lukas Mertens und Christian O?Sullivan sowie Trainer Bennet Wiegert (v. l.) vertreten

SPORT BILD AWARD 2022

Titel-Sensation nach 21 Jahren

Darauf musste Magdeburg 21 Jahre warten! Nach 2001 wurden die Handballer des SCM 2022 erst zum zweiten Mal in der Vereinsgeschichte Bundesliga-Meister. Und dieser Erfolg war eine Sensation! Noch in der Saison zuvor hatten die Magdeburger zwar den dritten Platz belegt, aber mit satten 15 Punkten Rückstand auf den Meister THW Kiel. So erwarteten dann alle in der Saison 2021/22 wieder einen Zweikampf zwischen Kiel und Flensburg-Handewitt um den Titel. Doch dann kamen die Magdeburger und starteten mit 16 Siegen in Folge. In der gesamten Saison verlor das Team von Trainer Bennet Wiegert (40) dann gerade einmal zwei der 34 Spiele. Am Ende lag der SCM mit 64:4 Punkten sechs Zähler vor den Kielern.

Für diese sensationelle Saison wurde der SC Magdeburg von SPORT BILD mit dem Award „Überraschung des ...

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Für diese sensationelle Saison wurde der SC Magdeburg von SPORT BILD mit dem Award „Überraschung des Jahres“ ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch an den SCM zum hochverdienten Titel!

Vielen Dank an unsere Award-Sponsoren!

ÜBERRASCHUNG DES JAHRES SC MAGDEBURG

SPORT BILD: Herr Wiegert, Sie haben mit dem SC Magdeburg den SPORT BILD-Award in der Rubrik „Überraschung des Jahres“ erhalten. Wie überrascht waren Sie, Deutscher Meister zu werden?

BENNET WIEGERT (40): Wir wurden ja schon knapp sechs Monate vorher zum Deutschen Meister gemacht, obwohl wir es noch gar nicht waren. Das hat den Stress bei uns gesteigert, das kannten wir nicht. Aber dass ich jetzt nach dem Spiel gegen Balingen mega überrascht war, kann ich nicht behaupten. Hätte mir aber vor der Saison einer gesagt, dass wir den Titel holen, hätte ich geantwortet: „Hey, Schuster bleib bei deinen Leisten.“ Immerhin haben wir die Saison davor auf Platz 3 abgeschlossen. Der Punkte-Abstand zu Platz zwei und eins betrug damals über zehn Punkte.

Sie unterhielten sich nach der Ehrung beim SPORT BILD-Award mit Frankfurt-Trainer Glasner. Gab es Tipps von Trainer zu Trainer?

Mich haben ein paar Sachen interessiert, die ich hier jetzt nicht weitergeben möchte. Grundsätzlich finde ich es spannend, wo wir uns sportartenübergreifend treffen können. Denn so weit sind wir ja nicht voneinander weg, die Coaching-Ansätze sind ja die gleichen, aber die Systeme sind komplett unterschiedlich. Da war ich echt geflasht von dem, was er mir erzählt hat. Dass Frankfurt eine komplett andere Struktur hat als wir beim SC Magdeburg. Und da rede ich nicht vom finanziellen Background.

Was meinen Sie konkret?

Oliver Glasner hat es so beschrieben, dass ich beim SCM eher das englische Modell fahre, wo es einen Trainer gibt, der nicht nur bloß Trainer ist, sondern quasi auch Manager und damit auch für die Kaderstruktur mitverantwortlich ist. Er sieht sich in Frankfurt als Trainer und nicht als Manager, weil bei der Eintracht immer noch einer zwischengeschaltet ist, der starken bis großen Einfluss auf den Kader nimmt.

„Als Trainer hätte ich den Spieler Bennet Wiegert nicht im Kader haben wollen“

Bennet Wiegert

Sie wurden als Spieler 2001 Meister. Was war schwerer: Meister als Spieler oder Trainer?

Als Trainer, zu 100 Prozent. Das hat gar nichts damit zu tun, dass ich sage, das eine ist schwerer als das andere. Es liegen halt unheimlich viele Jahre dazwischen. Ich bin relativ jung Deutscher Meister als Spieler geworden, und man weiß das in dem Alter nicht so einzuschätzen. Damals war bei mir eine gewisse Naivität vorhanden, dass ich dachte, jetzt werde ich das halt fünf Jahre in Folge. Von daher hat die Meisterschaft als Trainer jetzt eine ganz andere Wertung für mich, weil ich eine andere Reife habe und bestimmte Dinge besser einschätzen kann.

Ihr Vater Ingolf wurde als Spieler siebenmal Meister, aber nie als Trainer. Sind Sie stolz, in dem Punkt Ihrem Vater etwas vorauszuhaben?

Auf jeden Fall (lacht). Es ist ja kein Geheimnis, dass es immer ein Battle zwischen uns war. Er hat es nicht so gesehen, für mich war es aber immer eine Competition. Und das ist gar nicht böse gemeint. Er findet es auch mega cool, dass es jetzt nicht mehr heißt, das ist der Sohn von Ingolf Wiegert, sondern das ist der Vater von Bennet Wiegert.

Tauschen Sie sich mit Ihrem Vater aus?

Nein, gar nicht. Bewusst nicht. Viele sagen, er muss doch mein engster Ratgeber sein. Nein, ist er nicht. Weil wir uns da nicht gutgetan haben. Da kann er gar nichts dafür. Er ist sicher ein Fachmann – für seine Zeit. Die Zeiten haben sich aber geändert, der Sport hat sich geändert. Er ist da auch zu lange raus, das würde mir nicht helfen. Ich musste meinen Weg allein finden, und zwar außerhalb der Familie. Ich habe viele Menschen, die mich toll beraten, auf die ich höre. In meinem Trainerteam zum Beispiel.

Haben Sie Dinge erkannt, die ein junger Linksaußen Bennet Wiegert gemacht hat, die ein Trainer Bennet Wiegert nicht mehr macht?

Ja. Ich habe immer gesagt, dass ich als Trainer den Spieler Bennet Wiegert nicht unbedingt in meinem Kader hätte haben wollen. Ich war bestimmt kein einfacher Typ. Ich würde heute meinen Kopf nicht mehr auf Biegen und Brechen durchsetzen. Ohne viel nachzudenken, voll durch die Wand zu wollen. Da sind Reife und Lebenserfahrung bei mir hinzugekommen. Es gibt jetzt Momente, wo ich mir einen Tag Zeit nehme und eine Nacht darüber schlafe.

Nach so einer Saison: Wie haben Sie sich erholt, wie haben Sie abgeschaltet?

Gar nicht. Mich hat mal mein Trainerkollege Christian Prokop gefragt: „Benno, du siehst gut aus, machst du noch Sport? Wie funktioniert deine Work-Life-Balance?“ Da habe ich ihm geantwortet, bei mit gibt’s nur eine Work-Balance. Meine optimale Work-Life-Balance muss ich noch finden. Im Moment fühle ich mich ohne Arbeit unwohl. Ich brauche einen gut strukturierten Tagesablauf. Das weiß auch meine Frau, die mir eine Menge Freiheiten gibt.

Es heißt immer, einmal Meister werden ist schon mal möglich, eine Wiederholung noch viel schwerer.

Ich sehe es komplett anders. Ich sage, wenn du weißt, wie es geht, ist es ein Vorteil. Ich weiß, dass die Leistungsdichte in der Bundesliga enorm ist. Aber die Chance, in den nächsten Jahren um den Titel mitspielen zu dürfen, die müssen wir nutzen, solange wir diesen Kader zusammenhaben. Aber davon auszugehen, dass man wieder Meister wird? Um Gottes willen, das wäre der Anfang vom Ende.

Sie spielen jetzt auch Champions League ...

Wie lange haben wir auf diese Hymne gewartet? Auch für mich wird das neu. Ich habe ja noch kein Champions-League-Team gecoacht. Da werden uns Dinge begegnen, die wir noch nicht kennen. Aber das ist doch geil.

Es läuft ja auch nicht schlecht. Sie sind mit zwei Siegen in die Königsklasse gestartet.

Ja, was für uns alles andere als selbstverständlich war. Da wir doch sehr viel Respekt vor dem Wettbewerb haben.

Sind Sie neidisch auf andere europäische Klubs, die mit viel Geld Weltstars kaufen?

Nein, war ich nie. Wir haben einen anderen Stil, einen anderen Ansatz vom Scouting. Ich finde den viel charmanter. Das war vielleicht auch der Grund, warum wir da oben standen. Es hat ja schon was von der Cinderella-Story.

Ihr WhatsApp-Status ist eine klare Botschaft: SC Magdeburg mit zwei Herzen in Grün und Rot. Ist Bennet Wiegert Magdeburg, und Magdeburg ist Bennet Wiegert?

Nein. Der Klub ist größer als Bennet Wiegert. Ich versuche, eine Ära zu prägen und hoffe, dass mein Name mit einer guten Zeit des SCM in Verbindung gebracht wird. Wenn mich jemand fragt: „Kannst du dir noch was anderes vorstellen?“, werde ich nie irgendwelche Lippenbekenntnisse abgeben. Ich hasse das aus dem Fußball! Wenn ich höre, dass gesagt wird, ich bin auf jeden Fall nächstes Jahr noch hier – und nächste Woche ist er dann schon weg. Sag niemals nie. Aber momentan, wie wir hier familiär verwurzelt sind, mit meinen Kindern, kann ich mir nichts anderes vorstellen. Ich habe hier noch einen Plan.

Würde Sie das Amt des Bundestrainers reizen?

Momentan nicht. Ich bin überzeugt, dass wir mit Alfred Gíslason den richtigen Mann zur richtigen Zeit haben.

Sie agieren an der Linie oft wie ein HB-Männchen. Was sagen Ihre Frau und Ihre beiden Töchter dazu?

Meine Frau kommt oft und fragt: „Musste das denn sein? Das bist du doch gar nicht.“ Doch, antworte ich, das eine bin ich zu Hause, und das andere bin ich auch. Und wenn ich das Ding so lebe, so viel Passion und Leidenschaft investiere, dann gehört das dazu. Wenn man mir das nimmt und ich mit null Puls am Rand stehe, dann habe ich darauf keinen Bock. Ich hoffe, dass der eine oder andere versteht, dass es auch mit Emotionen zu tun hat, wenn man mehr als zwölf Stunden täglich an Dingen arbeitet.

In den Auszeiten wirken Sie dann aber erstaunlich ruhig. Wie kriegen Sie das hin?

Ich habe eine klare Devise: Behandele Menschen so, wie du auch gern behandelt werden willst. Ich bekomme auch mal einen cholerischen Anfall, aber ich werde nie persönlich. Ich glaube, dass ich ein gutes Gefühl dafür habe, wann ich als Trainer Stress machen muss und wann nicht. Wenn ich zu viel Zufriedenheit im Kader spüre, zu viel Glück und gewonnene Spiele, dann maich Stress. Weil Zufriedenheit im Leistungssport ein Leistungshemmer ist. Wenn wir aber mal verlieren und eh schon Stress von außen da ist, dann halte ich die Hand über meine Mannschaft und schütze sie. Das ist meine Coaching-Philosophie.

„Ich versuche, beim SCM eine Ära zu prägen“

Bennet Wiegert

Haben Sie ein Vorbild?

Vorbild ist schwierig. Wer mich am meisten geprägt hat, ist Alfred Gíslason. Weil er die Chance hatte, mir den Übergang vom Junioren- zum Senioren-Bereich zu ebnen. Wenn ich seine Akribie sehe, er war innovativ und seiner Zeit voraus. Trotzdem habe ich immer gesagt, dass ich Alfred Gíslason noch mehr als Mensch schätze. Weil er mir in einer privaten Zeit geholfen hat, in der ich ein paar Probleme hatte. Alfred hat in mir nicht nur den Spieler gesehen. Das werde ich ihm nie vergessen.

Am Samstag kommt es zum Bundesliga-Topspiel zwischen Flensburg und Magdeburg. Wen fürchten Sie in der Liga am meisten?

Es sind die üblichen Verdächtigen. Wenn man Kiel und Flensburg nimmt, wird man sicher kein Wettkönig mit hohen Quoten. Wer sich in meinen Augen am besten verstärkt hat, sind die Füchse Berlin. Sie haben sämtliche Schwächen ihres Kaders, wenn man da überhaupt über Schwächen sprechen kann, ausgebessert. Die haben einen breiten und tiefen Kader. Die können eine noch bessere Rolle spielen als in der letzten Saison.

Wann ist die Saison für Sie ein Erfolg?

Wenn wir gesund bleiben, gut performen und weiter viele Menschen begeistern können. Ich mache das nicht vom Tabellenplatz abhängig. Der spiegelt immer viel wider, ist am Ende auch die Wahrheit. Aber wenn man mich fragen würde: Was macht Sie stolzer, Deutscher Meister SC Magdeburg oder Marke SC Magdeburg? Dann die Marke SC Magdeburg.