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Es istZeit zu handeln


petra - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 05.12.2019

Eine Heldin des Jahres 2019: Kapitänin CAROLA RACKETE, 31, die im Sommer mit Mut und Courage dafür sorgte, das weltweit beachtete Drama um das Flüchtlingsschiff „Sea-Watch 3“ glücklich zu beenden. Die Naturschutzökologin sieht ihre Aktion als Akt zivilen Ungehorsams. Exklusiv in petra: Auszüge aus ihrem Buch „Handeln statt Hoffen“


Von einigen Bewohnern der italienischen Insel Lampedusa wütend beschimpft, von vielen Menschen bejubelt: Dass Carola Rackete als Lebensretterin völlig erschöpfter Flüchtlinge Ende Juni eine internationale Berühmtheit wurde, lag auch an einem Zufall: Denn die 31-Jährige war 21 ...

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Bildquelle: petra, Ausgabe 2/2020

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... Tage zuvor als Kapitän des Schiffes „Sea-Watch 3“ kurzfristig für einen Kollegen eingesprungen.

An Bord derSea-Watch 3 gab es am Ende nicht mehr besonders viele Möglichkeiten, und genau das war der Grund, aktiv zu werden. Am Ende hatte ich die Hoffnung aufgegeben, dass die zuständigen Stellen – Küstenwache, Politik, Staatsanwaltschaft – noch handeln würden. Hinweise auf die Gesetzeslage verhallten, medizinische Berichte blieben wirkungslos. Die Telefonate mit den zuständigen Stellen, die Mails, vergebens. Der Moment, als ich einsah, dass sie uns keine Lösung liefern würden, war der, in dem ich meine eigene Lösung fand.

Es ist wie mit der Wissenschaft , die uns ständig Beweise liefert, sozusagen medizinische Berichte über den Zustand des Ökosystems Erde. Der Befund ist lebensbedrohlich.

Weil wir zu lange gewartet und gehofft haben, dass jemand anders das Problem für uns löst, ist es inzwischen mindestens Viertel nach zwölf. Menschen und Ökosysteme leiden, und viele der bereits eingeleiteten Prozesse im Erdsystem sind unumkehrbar, viele Spezies und Ökosysteme unwiederbringlich verloren.

Niemand aus der Politik bietet eine Lösung. Wir müssen handeln – wir, die Zivilgesellschaft. Und deswegen richte ich mich gezielt an dich, der du das jetzt liest. Du weißt, vor welcher globalen katastrophalen Situation wir stehen. Du weißt genug über die Krise. Du weißt, es ist Zeit, dass wir alle handeln.

Natürlich kannst du weitermachen wie bisher. Business as usual. Zusehen, wie unsere Regierungen weiter unzureichende Klimaschutzpakete beschließen. Dein Leben weiterleben, den Schulabschluss machen, die Stelle bei der Bank antreten, das Studium der Wirtschaftswissenschaften be ginnen, die nächste Einrichtung für die Wohnung kaufen, die nächste Reise planen. Alles, was du tust, wirkt sich auf das Klima aus. Auch nichts zu tun ist eine Entscheidung – du entscheidest dich damit dafür, uns noch näher an den Abgrund zu bringen.

Oder du wirst zu einem Teil der Veränderung. Und finde heraus, wie wir das, was uns erwartet, selbst gestalten können, bevor es jemand für uns tut, der die falschen Werte vertritt.

Wir können gemeinsam und demokratisch eine Gesellschaft gestalten, in der die höchsten Werte nicht Geld und Wachstum und fortwährender Konsum sind. In der wir stattdessen auf Solidarität und Gerechtigkeit und Gemeinschaft setzen. Eine Gesellschaft, in der Wohlstand ganz einfach bedeutet, dass es allen gut geht. Die Zeit auf der Erde ist für jeden von uns begrenzt, warum nicht etwas wirklich Sinnvolles damit anstellen? Wir können Leben retten. Oder wir können das Problem aussitzen und so viele Menschenleben riskieren. Wir müssen handeln. „Genau hier, genau jetzt ziehen wir eine Linie“, sagte die schwedische Klimaschützerin Greta Thunberg wütend auf dem UN-Klimagipfel 2019, „die Welt wacht gerade auf. Und die Veränderung kommt, ob ihr nun wollt oder nicht.“

Wir haben es in der Hand, Greta beim Wort zu nehmen und diese Linie auch wirklich zu ziehen. Es liegt an uns, ob ihre Worte nur einmal kurz für Aufsehen sorgen und dann verhallen, bis wir Jahre später ein Video von ihr wiederentdecken – wie das von Severn Cullis-Suzuki, die schon auf dem UN-Gipfel in Rio 1992 gesagt hat, dass wir so nicht weitermachen können.

Wenn dich die Untätigkeit der Politik wütend macht, ist das gut, denn deine Wut über das aktuelle System ist unsere größte Chance. Die meisten Bewegungen, die meisten gesellschaftlichen Veränderungen sind nicht von Hoffnung getragen, sondern davon, dass Menschen wütend sind und mit dem Rücken zur Wand stehen. Erst aus dieser Wut und Ausweglosigkeit entsteht die Einsicht, dass die Konsequenzen, wenn du etwas tust, weniger dramatisch sind, als wenn du nichts tust. Das ist der Moment, in dem Mut entsteht. Ob 1930 der Salzmarsch von Gandhi, 1976 der blutig niedergeschlagene Aufstand der Schulkinder von Soweto oder die friedliche Revolution in der DDR von 1989: Die Menschen, die diese Bewegungen trugen, waren in ihren fundamentalen Rechten betrogen. Und sie hatten einen Ausweg im Sinn, etwas, das sie unbedingt erreichen wollten. Dieser Weg, den ich sehe – das, was unbedingt passieren muss –, ist der Grund, warum ich selbst mich entschieden habe zu handeln, in der Seenotrettung wie auch im Kampf gegen den Zusammenbruch der Ökosysteme. Es sind nur unterschiedliche Seiten ein und desselben Systemproblems. Ich bin enttäuscht über diejenigen, die es durch ihre Untätigkeit zu dieser Krise haben kommen lassen. Ich habe Angst vor dem, was geschieht, wenn ich nichts tue, und die Zuversicht, dass es besser wird, wenn ich mich einsetze. Wer die Hoffnung aufgibt, sucht eigene Lösungen.


»Wenn dich die Untätigkeit der Politik wütend macht, ist das gut. Wut. Denn daraus entsteht MUT«


RETTUNG Irrfahrt durchs Mittelmeer: Schiff Nr. 3 der Berliner Organisation Sea-Watch


FOTOS: CHRIS GRODOTZKI/JIB COLLECTIVE, TILL M. EGEN

EIGENER KURS Kapitänin Carola Rackete im Führerhaus der „Sea-Watch 3“: „Die Not der Menschen ließ mich handeln.“


Eine der ersten Aktionen von Greenpeace in Deutschland war, sich im Oktober 1980 mit kleinen Rettungsinseln an den Giftmülltanker Kronos zu ketten, damit er nicht auslaufen und seine Ladung, gefährliche Dünnsäure, in der Nordsee verklappen konnte. Sie hatten es satt, der Umweltsauerei weiter zuzusehen.

Trotz ungleicher Machtverhältnisse führen auch einige der vielen indigenen Proteste manchmal zum Erfolg, wenn sie lang anhaltend sind. Die Dongria, eine Gemeinschaft , die in Odisha in Ostindien lebt, protestieren seit Jahren gegen die Errichtung einer Mine der Firma Vedanta Resources.

Diese beabsichtigt nahe ihres Dorfes das Aluminiumerz Bauxit abzubauen – das mit seinem giftigen Schlamm, dem bei der Förderung entste henden Staub, den Abgasen und dem Maschinen- Öl die Natur bedroht. Der Widerstand dauert an, aber die Dongria haben mit Straßenblockaden und einer Menschenkette, Protesten, bei denen niemand zu Schaden kam, sowie mit einer Medienkampagne einen Teilerfolg errungen. Die Eröffnung der Mine fiel vorerst aus.

Proteste dieser Art, David gegen Goliath, gibt es weltweit viele, auch in den Industrieländern. An sie erinnern ein wenig auch die jahrelangen Proteste im Hambacher Forst, einer Gegend im Westen Deutschlands, bei denen die Abholzung des Waldes für einen offenen Kohletagebau durch den Bau von Barrikaden und Baumhäusern verhindert wurde. Die Hambi-Aktivisti haben in Gemeinschaft mit anderen Gruppen, etwa derjenigen, die wegen des Kohleabbaus umgesiedelt werden sollen, erreicht, dass der Konzern RWE dauerhaft in den Schlagzeilen ist und ein Rest des ehemals großen Waldes noch immer steht.

Wir brauchen nur ein Ziel – und einen guten Plan.Es ist Zeit zu handeln. Jeder noch so kleine Schritt zählt. Wir können es uns nicht leisten aufzugeben, nur weil wir für unser Gefühl vielleicht nicht genug erreichen. Angesichts rasant fortschreitender Klimaveränderungen zählt auch der winzigste Versuch, Ökosysteme instand zu halten. Es genügt nicht, nur das Bestehende zu schützen, dazu haben wir schon zu viel verloren. Wir müssen regenerieren, renaturieren – alles tun, um heimische Arten wieder anzusiedeln und Wälder, Moore und Wiesen wieder möglichst ursprünglich werden zu lassen.

Es ist Zeit zu handeln. Wir müssen die Wahrheit sagen und die existenzielle Krise, in der sich die Zivilisation befindet, beim Namen nennen.

Das bedeutet auch, dass nicht länger an den Fakten herumdiskutiert werden darf – es gibt inzwischen genügend Studien und wissenschaftliche Daten über die Klimakrise. Dennoch machen Menschen, die ein wirtschaftliches Interesse daran haben, dass weiterhin fossile Energieträger genutzt werden, eine Meinungsfrage daraus und säen Zweifel an den Tatsachen. Stattdessen müssen unbequeme Wahrheiten akzeptiert und realistische Lösungsansätze umgesetzt werden.

Mehrere Studien erklären zum Beispiel, dass wir unsere Nahrungserzeugung und damit auch unsere Ernährung dringend umstellen müssen. Diese Studien veranschlagen erstmals nicht nur die sichtbaren Emissionen, die Landnutzung verursacht, sondern auch, welche Kohlenstoffsenke verloren geht, wenn das Land kultiviert wird, und welche Flächen nur für den Anbau von Tierfutter verwendet werden. Würden sie ohne die verschwenderische Nutzung frei, könnten sie renaturiert und unter Schutz gestellt werden. Dies ist als Weg, der Atmosphäre Klimagase zu entziehen, praktikabler als bisher nicht vorhandene und in ihrem Ausgang ungewisse technische Lösungen.


»Es genügt nicht, das bestehende Ökosystem SCHÜTZEN zu wollen. Wir haben schon zu viel verloren«



Solche Wiederaufforstung ist erfolgreich machbar, das zeigt etwa die Green Belt Initiative der Wissenschaftlerin Wangari Maathai, die für Aufforstung in Kenia eintrat. Genau solche Projekte fordern die Initiative Natural Climate Solutions und viele andere Kampagnen, die sich für die Regeneration von Kohlenstoff bindenden Ökosystemen wie Moore und Sümpfe, Mangrovenwälder, Salzmarschen und Wälder einsetzen. Wir müssen aber auch akzeptieren, dass dies mit Veränderungen für uns einhergeht. Denn die Tierhaltung zum Verbrauch für den Menschen muss stark eingeschränkt werden. Das ist eine für viele unbequeme Wahrheit, aber anders kann der Schutz unserer Ökosysteme nicht gelingen.

Es ist Zeit zu handeln. Zivilgesellschaftliche Bewegungen waren immer schon ein Weg, um Veränderung anzustoßen. Je größer eine solche Bewegung ist, umso erfolgreicher. Es ist richtig, auch den eigenen Konsum einzuschränken, also nicht zu viel neue Kleidung zu kaufen, nicht zu fliegen, kein Fleisch zu essen. Aber dort darf es nicht enden. Die ökologische Krise ist ein strukturelles, weltumspannendes, systemisches Problem, das durch individuelle Entscheidungen zur Lebensweise allein nicht gelöst wird.


»Es wird immer mehr Menschen klar, dass wir AKTIV werden müssen. Die Krise ist existenziell «


INTERNATIONAL Ehre in Barcelona: Parlaments- Präsident Roger Torrent verleiht Rackete die „Ehrenmedaille des katalanischen Regionalparlaments“


SOLIDARITÄT Die kurzzeitige Festsetzung der Sea-Watch-Kapitänin durch die italienische Polizei sorgte europaweit für Proteste


FOTOS: GETTY/JOSEP LAGO, GETTY/SEAN GALLUP

Jede Bewegung startet klein, oft nur mit einer Handvoll Menschen. Den Forschungen der Politikwissenschaftlerin Erica Chenoweth zufolge müssen sich nur 3,5 Prozent der Bevölkerung einem Protest aktiv anschließen, damit dieser erfolgreich ist. In Neuseeland haben so viele Menschen bereits beim Klimastreik mitgemacht. Und während Parteien europaweit unter Mitgliederschwund leiden, verzeichnen politische Bewegungen insgesamt Zuwachs. Wir sehen uns Problemen gegenüber, die unabhängig von Parteigrenzen als existenzielle Krise erkannt werden. Es wird immer mehr Menschen klar, dass wir aktiv werden müssen. Die Demonstrationen von Fridays for Future haben bereits bewirkt, dass der Ruf für mehr Klimaschutz weltweit gehört wird. Wenn dies sich verstärkt, können wir alle als „letzte Generation“ mehr für den Erhalt der menschlichen Gesellschaft erreichen.

Es ist Zeit zu handeln, Zeit für den zivilen Widerstand. Die Proteste der englischen Suffragetten Anfang des 20. Jahrhunderts sind hierfür ein gutes Beispiel, weil sie gut geplant waren, gewaltlos abliefen und störten. Die Frauenrechtlerin und Gründerin der Women’s Social and Political Union (WSPU) Emmeline Pankhurst hatte eine Theorie des gewaltlosen Widerstands entwickelt, der seine Ziele friedlich, unblutig und unbewaffnet erreichen sollte. Damit war sie erfolgreich, denn schon drei Jahre nach Gründung der WSPU war die Bewegung 260 000 Mitglieder stark. Die Suffragetten reichten beim Premierminister eine Petition ein, störten Wahlveranstaltungen, hielten öffentliche Reden, organisierten Großdemonstrationen, forderten Einlass ins Unterhaus und ließen sich immer wieder auch in Haft nehmen. Ihre Aktionen steigerten sich von der Gründung eines Frauenparlaments über einen Hungerstreik im Gefängnis bis zur Verweigerung bei der Volkszählung und Gründung einer Frauenpartei. Die Polizei wendete Gewalt an, und es dauerte 15 Jahre, aber dann wurde in Großbritannien das erste – noch ungleiche – Frauenwahlrecht eingeführt.

Was Pankhurst in Reden erklärte, wurde von Politikwissenschaftler Gene Sharp untersucht, dessen Buch „Von der Diktatur zur Demokratie“ auch von Unterstützern der Bürgerproteste in der DDR, in Burma und in Ägypten rezipiert wurde. Eine Website führt 198 Arten des zivilen Widerstands auf, die Sharp identifiziert hat und in drei große Kategorien einteilt: gewaltfreier Protest und Überzeugungsarbeit wie etwa Vorträge, Bücher, Petitionen; gewaltfreie Zusammenarbeit in sozialer, wirtschaftlicher und politischer Form wie Studentenstreiks, Konsumstreik oder Zahlungsverweigerung; gewaltfreie Intervention wie Sit-ins, Blockierungen oder Whistleblowing.

Auch meine Einfahrt in den Hafen von Lampedusa hat durch die Medienberichte Aufsehen erregt und ein Dilemma erzeugt: Es wurde sichtbar, dass auf der einen Seite jemand steht, der Menschenrechte wahrt, und auf der anderen Seite Regierungen, die Menschenrechte verletzen. Stören wir also die Regierungen, deren größte Sorge darin besteht, das Wachstum zu erhalten und ihren Reichtum nicht teilen zu müssen. Stören wir die Energieunternehmen, die intakte Wälder abholzen und den Erdboden aufreißen, um Kohle zu fördern, die wir aufgrund der Temperaturerwärmung sowieso nicht mehr verfeuern dürfen. Stören wir die Industrie und die Unternehmen, die seit Jahrzehnten den Ausstieg aus fossilen Energieträgern durch Lobbyarbeit und gefälschte Studien verhindern und in anderen Ländern unter unmenschlichen Bedingungen zu Billiglöhnen produzieren lassen, um Kosten zu sparen. Denn wenn wir diese Menschen gewähren lassen, dann lassen wir zu, dass nichts – oder auch nicht genügend – gegen die Klimakrise und den Zusammenbruch der Ökosysteme getan wird. Und wir lassen zu, dass Unternehmen Profit immer über das Wohl der Mehrheit setzen. Und ganz konkret lassen wir zu, dass Menschen im Mittelmeer ertrinken und auf der Straße rechter Gewalt ausgesetzt sind.

Der Protest muss Spaß machen und lebendig sein, er muss dazu auffordern, selbst kreativ zu werden, und einen Neuigkeitswert bieten. Dies zeigt sich deutlich am Erfolg des Künstlers Banksy, dessen Graffiti über Nacht an immer neuen Stellen auftauchen. Es zeigt sich an den Plakaten und Kostümen, die auf Demonstrationen getragen werden – die kreativsten und witzigsten landen am ehesten in der Presse, und dies ist wiederum gut zur Verbreitung der Botschaft.

Es ist Zeit zu handeln. Und es ist wichtig, dass eine Bewegung immer weiter wächst und mehr Menschen aktiviert. Je mehr Anhänger Martin Luther King und Mahatma Gandhi hinter sich hatten, umso erfolgreicher wurden ihre Bewegungen.

In den Geschichten, die wir Menschen hinterher erzählen, scheint es, als seien King und Gandhi allein die „Helden“ gewesen, die die Bewegungen zum Erfolg führten. Doch die großen „Helden“ hatten nach einer Weile die Unterstützung Tausender Menschen. Wir können auch nicht länger warten, wir sind die letzte Generation, die noch effektiv die Folgen der ökologischen Katastrophe abmildern kann. In den nächsten Jahren haben wir die Chance, relativ viel zu bewirken. Unsere Möglichkeiten werden aber schnell abnehmen. Je länger wir uns konform zum Wirtschaftssystem verhalten, je länger wir stillhalten und nichts tun, je länger wir uns halb gare politische Lösungen vorsetzen lassen, umso schwieriger wird es, etwas gegen das Überschreiten der Kipppunkte im Klimasystem zu tun. Bis es irgendwann zu spät ist.

Der Politikwissenschaftler Howard Zinn wurde mit seiner alternativen Geschichtsschreibung bekannt, in der etwa von der einheimischen Bevölkerung an der Küste Südamerikas auf das Schiff des Kolumbus geschaut wird – statt wie sonst üblich dem Blick des Eroberers zu folgen. Zinn nahm an der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung teil, und er wurde 1970 verhaftet, weil er gegen den Vietnamkrieg protestiert hatte.

Statt zur Anhörung bei Gericht zu erscheinen, hielt er an der Universität von Baltimore eine Rede über zivilen Ungehorsam. „Man sagt, das Problem sei ziviler Ungehorsam“, sagte er dort. „Aber das ist nicht unser Problem. Unser Problem ist der zivile Gehorsam. Unser Problem sind die zahlreichen Menschen auf der ganzen Welt, die dem Diktat ihrer Regierung folgen und deshalb in Kriege ziehen, in denen dann Millionen Menschen aufgrund dieses zivilen Gehorsams getötet werden. Unser Problem besteht darin, dass Menschen gehorsam sind, sich die Gefängnisse wegen Bagatellen füllen, während die großen Verbrecher die Staatsgeschäfte führen. Das ist unser Problem.“ Viele Menschen denken, dass ziviler Ungehorsam ein Problem darstellt, weil er Aufruhr verursacht und die Ordnung stört.

Wir leben in Zeiten, in denen die Ordnung, die wir haben, falsch und zerstörerisch ist. Siemuss gestört werden, weil sonst Menschen sterben. Weil wir sonst zulassen, dass das System mit seinem Glauben an stetiges Wachstum uns etwas raubt, das unglaublich kostbar und unwiederbringlich ist. Weil sie nicht freiwillig damit aufhören werden. Und weil wir nicht hinnehmen können, dass das System dazu führt, dass die Mehrheit im Namen der Ordnung bestohlen, belogen und unterdrückt wird.

Wir müssen es nur endlich auch tun, statt weiter zu hoffen, dass wir unser Recht und unsere Zukunft schon bekommen werden, wenn wir es denen, die jetzt noch an der Macht sind, nur recht machen.

Der zivile Gehorsam ist das Problem, nicht der zivile Ungehorsam.

Lasst uns handeln, statt zu hoffen.


»Der PROTEST der englischen Suffragetten war gewaltlos, gut geplant und störte die Ordnung «


DAS BUCH Carola Rackete: „Handeln statt Hoffen“ – dieSeenotretterin und Naturschützerin über Engagement;Verlag Droemer, 180 S., 16 €