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»Es lebe die Freiheit«


Spiegel Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 26.03.2019

Münchner Studenten beschließen, etwas gegen die Unrechtsherrschaft zu tun, und schicken Flugblätter an Adressaten, von denen sie sich Unterstützung erhoffen. So beginnt die Geschichte derWeißen Rose.


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Bildquelle: Spiegel Geschichte, Ausgabe 2/2019

Was geht in München vor? In München soll irgendetwas geschehen sein. Etwas Illegales, Rebellisches. Die Studenten hätten sich erhoben, erzählt man. Viele tausend Flugblätter seien verteilt worden. Anschriften stünden an den Mauern: ›Nieder mit Hitler! Es lebe die Freiheit!‹. Wir horchen herum. Wir brennen, Genaueres zu erfahren … Die Wahrheit! Die Wahrheit wollen wir wissen.«

Als Ruth Andreas-Friedrich, ...

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... Angehörige eines kleinen Berliner Widerstandszirkels (siehe Seite 72), diese Zeilen am 10. März 1943 in ihr Tagebuch eintrug, waren drei der Studenten schon hingerichtet, zwei weitere und ihr Professor sollten wenige Woche später ermordet werden, die Weiße Rose war zerschlagen.

Angefangen hatte alles mit Diskussionen in einem Münchner Freundeskreis. Seinen Kern bildeten die Medizinstudenten Hans Scholl und Alexander Schmorell; dazu gehörten später auch Hans’ Schwester Sophie, die Medizinstudenten Christoph Probst und Willi Graf und der Philosophieprofessor Kurt Huber.

Hans Scholl, Jahrgang 1918, und seine Schwester Sophie, Jahrgang 1921, hatten sich wie sehr viele ihrer Altersgenossen nach 1933 zunächst angezogen gefühlt vom Nationalsozialismus. Sophie Scholl trat dem Bund Deutscher Mädel bei. Hans Scholl gehörte der Hitlerjugend an, wo er zum Fähnleinführer des Jungvolks befördert wurde. Im September 1935 nahm er als einer von drei Fahnenträgern aus Ulm, wo die Scholls aufwuchsen, am »Reichsparteitag der Freiheit« der NSDAP teil, als einer von Zehntausenden Hitlerjungen, die vor dem »Führer« aufmarschierten.

Doch ab Ende der Dreißigerjahren gerieten die Geschwister in Konflikt mit dem NS-System. Hans und Sophie Scholl waren den Traditionen der bündischen Jugend verbunden. Diese autonome und romantische Jugendbewegung war bereits seit 1933 verboten.

Hans Scholls Kritik am Regime verstärkte sich, nachdem er 1937 wegen »homosexueller Unzucht« und »bündischer Betätigung« zeitweise festgenommen worden war. Nur eine Amnestie nach dem Anschluss Österreichs bewahrte ihn wohl vor dem Gefängnis. Als er 1940 als Sanitätssoldat am Frankreichfeldzug teilnahm, wuchs seine Gegnerschaft zum Krieg. Seine Wandlung beschrieb er dem katholischen Publizisten Carl Muth im Dezember 1941 in einem Brief. Darin schrieb er: »Ich bin erfüllt von der Freude, zum ersten Mal in meinem Leben Weihnachten eigentlich und in klarer Überzeugung christlich zu feiern.«

1941 lernten sich Scholl und Alexander Schmorell kennen, der zuvor in Hamburg studiert hatte und Christoph Probst in den Freundeskreis einführte. Scholl organisierte Diskussions- und Leseabende, die Freunde waren inspiriert vom Schriftsteller Thomas Mann, der dem Nazismus humanistische Ideale entgegenstellte.

Im Sommer 1942 entschieden Scholl und Schmorell, sich mit einer Mahnung an die »deutsche Intelligenz« zu wenden. Der Protestant Scholl und der russischorthodox getaufte Christ Schmorell, Sohn einer russischen Mutter, beriefen sich dabei auf die »christliche und abendländische Kultur«. Im Elternhaus von Schmorell verfassten die beiden vier Flugblätter. Das erste Blatt warnte unter der Überschrift »Flugblätter der Weißen Rose« vor dem »drohenden Verderben« Deutschlands durch eine »dunklen Trieben ergebene Herrscherclique«. Es rief dazu auf, »Widerstand« zu leisten gegen »das Weiterlaufen dieser atheis - tischen Kriegsmaschine«.

In ihrem zweiten Flugblatt wollten die Studenten die Leser aufrütteln und schrieben über Taten des NS-Regimes, es habe im besetzten Polen dreihunderttausend Juden »auf bestialische Art ermordet «. Es sei daher, so die Flugschrift, »allerhöchste Zeit, diese braune Horde auszurotten«. In der dritten Flugschrift riefen sie zur »Sabotage in rüstungsund kriegswichtigen Betrieben«, um »den Nationalsozialismus zu Fall zu bringen«. Das vierte Flugblatt verwies auf die immer dramatischere Kriegs - lage, propagierte den »rücksichtslosen Kampf gegen Hitler und seine allzu vielen Helfershelfer« und forderte eine »Erneuerung des schwer verwundeten deutschen Geistes von innen her«.

Die Flugblätter verschickte die Gruppe anonym an Adressaten, von denen sie sich Unterstützung erhoffte. Obwohl viele die Schriften bei der Gestapo ablieferten, kam die Geheimpolizei den Verfassern zunächst nicht auf die Spur. Scholl und Schmorell wurden im Juli 1942 gemeinsam mit Willi Graf als Mitglieder einer Sanitätseinheit an die Ostfront geschickt. Dass er den Vernichtungskrieg im Osten miterlebte, beeindruckte Hans Scholl tief. Der Sanitätssoldat beschrieb in seinem Tagebuch, was Hitlers Krieg mit ihm machte: »Ich höre nur Tag und Nacht das Stöhnen der Gequälten, wenn ich träume, die Seufzer der Verlassenen, wenn ich nachdenke, enden meine Gedanken in der Agonie.«

Nach ihrer Rückkehr aus Russland ab Ende 1942 entschlossen sich Scholl und Schmorell zu einem noch höherem Risiko im Kampf gegen Hitler. Ein fünftes Flugblatt »Aufruf an alle Deutsche« verteilten sie gemeinsam mit Freunden in einer Auflage von 6000 bis 9000 Ende Januar 1943 bei Kurierfahrten in süddeutschen und österreichischen Städten. Zu diesem Zeitpunkt stand die Schlacht von Stalingrad kurz vor ihrem Ende. Die 6. Armee der Wehrmacht wurde vernichtet. Darum hieß es in dem Flugblatt: »Der Krieg geht seinem sicheren Ende entgegen«. Hitler führe »das deutsche Volk in den Abgrund. Hitler kann den Krieg nicht gewinnen, nur noch verlängern«.

Die Freunde nahmen Kontakt zu anderen Regimegegnern etwa aus Berlin, Stuttgart und Hamburg auf. Und im Februar 1943 schrieben Schmorell, Hans Scholl und Willi Graf die Parolen »Nieder mit Hitler!« und »Freiheit!« in München an Hauswände.

Die gewagteste Tat aber war die Verteilung des sechsten Flugblatts. Das Schreiben richtete sich an die Studenten und Studentinnen der Universität München. Die Untergrundschrift rief auf zur »Brechung des nationalsozialistischen Terrors aus der Macht des Geistes«. Das Hitler-Regime sei die »verabscheuungswürdigste Tyrannis, die unser Volk je erduldet hat«. Daher, so die Schlussfolgerung, »fordern wir von dem Staat Adolf Hilters die persönliche Freiheit, das kostbarste Gut des Deutschen zurück, um das er uns in der erbärmlichsten Weise betrogen hat«.

In der Nacht vom 15. auf den 16. Februar verteilten die Freunde etwa 800 bis 1200 der post - fertigen Flugblätter auf verschiedene Postämter in München. Noch blieben sie unerkannt. Am 18. Februar 1943 legten Hans und Sophie Scholl am Vormittag in der Universität ihre Aufrufe vor den noch geschlos - senen Hörsälen aus. Schließlich warf Sophie einen Stapel Flugblätter vom zweiten Stock der Universität in den Lichthof. Der Hausschlosser der Universität entdeckte sie, hielt sie fest und ließ sie der Gestapo übergeben.

In einem Schnellverfahren vor dem Volksgerichtshof wurden Hans und Sophie Scholl und Christoph Probst wegen »Wehrkraftzersetzung«, »Feind - begünstigung« und »Vorbereitung zum Hochverrat« zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde am 22. Februar vollstreckt, Scholls letzte Worte waren: »Es lebe die Freiheit«. Der Volksgerichtshof ver - urteilte in einem zweiten Verfahren im April 1943 auch Alexander Schmorell, Kurt Huber und Willi Graf zum Tode. Und auch zahlreiche Helfer und Mitwisser der Gruppe wurden wegen Vorbereitung zum Hochverrat, Wehrkraftzersetzung oder Feindbegünstigung inhaftiert oder sogar zum Tode verurteilt.