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Es muss sich etwas ändern!


Slow Food Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 4/2021 vom 27.07.2021

Boden mit Burnout

Den Spaten hat Stefan Schmutz jedes Mal dabei, wenn er auf einen seiner Äcker fährt. Der Landwirt aus dem Chiemgau nutzt ihn dann gerne mal, um ein Stück Boden ans Tageslicht zu befördern. »Die Farbe, der Geruch, die Krümeligkeit«, sagt Stefan Schmutz, »geben sofort einen Eindruck über den Zustand des Bodens.« Und der ist wichtig. »Der Boden ist ja nicht nur Substrat, auf dem etwas wächst«, erklärt Schmutz, »er ist ein eigener lebendiger Organismus.« Und als solcher Ausgangspunkt für die Qualität der Pflanzen und Lebensmittel, die auf ihm gedeihen. »Viele Kunden spüren, dass ihnen saisonale und regionale Lebensmittel guttun – und zwar vor allem, wenn sie aus gesunden Pflanzen stammen, die eben einen gesunden Boden haben«, ergänzt Julia Reimann.

In ihrem Betrieb »Chiemgaukorn«, einem 180-Hektar-Hof im Voralpenland, legen Julia Reimann und Stefan Schmutz deswegen schon lange Wert auf ...

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... guten Boden. Und weil ein Boden lebendig bleibt, wenn man ihn an der Oberfläche gut behandelt, ihm vor allem durch eine nachhaltige Bepflanzung viele Nährstoffe zuführt, setzt der Hof auf viele verschiedene Pflanzen und eine bodenschonende Bearbeitung. »Alles, was wir erwirtschaften, kommt ja aus dem Boden«, sagt Stefan Schmutz. »Wir leben alle von dieser dünnen, nur 20 Zentimeter dicken Haut.«

Zerstörung der Humusschicht

Womit er Dimension und Dilemma des Bodens in einem Satz beschrieben hat. Denn tatsächlich hängt vom Boden alles Leben ab – und gleichzeitig ist der fruchtbare Teil des Bodens ein fragiles System. Im Boden entstehen nicht nur die Voraussetzungen für Biodiversität an der Erdoberfläche, der Boden leidet wiederum nachhaltig unter Hitze oder Dürren. Neben diesen beiden Plagen setzen auch Versiegelung, Verdichtung und eine Zerstörung der Humusschicht durch falsche Nutzung den Böden zu. »Der Zustand der Böden ist schlecht«, sagt Franz Rösl, Vorstand der auch von Slow Food unterstützten Interessensgemeinschaft gesunder Boden (siehe Interview S. 64). Der Weltagrarbericht spricht von einem »dramatischen Zustand«. Etwa 970 Millionen Tonnen fruchtbarer Boden gehen der EU jedes Jahr durch Erosion verloren. Europas Boden hat Burnout.

Leindotter stützt Ackerbohne für Wurzelvielfalt

Als Stefan Schmutz und Julia Reimann vor eineinhalb Jahrzehnten den Betrieb übernahmen, war für sie klar: Sie wollten ihren Hof so aufstellen, dass sie möglichst unabhängig vom Auf und Ab der Märkte, von Zwängen großer Marktpartner und falschen Rahmenbedingungen der Landwirtschaftspolitik abhängig wurden. Der Kern dieser Überlegungen: der Rückgriff auf alte, besondere Sorten im Anbau und Direktvermarktung im Verkauf.

So legten die beiden aber nicht nur den Grundstein für eine ökonomische Nachhaltigkeit ihres Betriebs – sondern auch für die ökologische. »Erst wenn der Boden ökologisch funktioniert, kann es auch ökonomisch funktionieren. Und andersherum«, sagt Julia Reimann. Dafür legt ihr Mann Stefan Wert auf eine ausgiebige Fruchtfolge, auf Mischkulturen, auf Untersaaten. So wächst neben vielen Kulturen, etwa Ackerbohnen oder Erbsen, Leindotter als Stützpflanze mit. Parallel zum Dinkel sät Schmutz Klee aus, lässt Beikräuter lange stehen. Das Prinzip dabei: Eine Vielfalt an Pflanzen verankert natürlich auch eine Vielfalt an Wurzeln im Boden, sodass dieser verschiedene Nährstoffe bekommt. Die lange Begrünung schützt den Boden zudem. »Was man oben sieht, ist nur ein kleiner Teil. Viel mehr läuft im Boden ab«, weiß Schmutz.

Das Ziel all dieser Mühen: Dass die Humus- Schicht mindestens erhalten bleibt, sich sogar sichtbar wieder aufbaut. Denn Humus ist die lebendige Schicht des Bodens, das Leben dort bildet sich vor allem durch zersetzende Organismen. Nur diese Bodenschicht gibt Pflanzen einen fruchtbaren Untergrund. Das ist ein ebenso komplexes wie anfälliges System. Eine Handvoll Ackerboden enthält mehr Organismen als Menschen auf diesem Planeten leben. Die dünne Erdkrume, in und auf der sich das Landleben unseres Planeten abspielt, ist das Produkt jahrhundertelanger, permanenter Zersetzungs-, Umwandlungs- und Aufbauprozesse unzähliger, größtenteils sehr kleiner Lebewesen.

Immense Kosten

An der Bodengare, dem optimalen Zustand zur Bepflanzung, haben Generationen von Landwirten und Bodenkundlern geforscht und getüftelt. Tierische und menschliche Exkremente, stickstofffixierende Leguminosen, Mulchtechniken, Kompost und geeignete Fruchtfolgen spielen dabei eine ebenso wichtige Rolle wie Aufbereitung und Schutz der Bodenstruktur, Durchwurzelung, Belüftung, Schatten, Wasseraufnahme und -speicherung sowie Windschutz. Das klingt nach viel Aufwand. Noch aufwendiger ist es allerdings, nichts zu tun: Die Kosten der Bodenzerstörung belaufen sich laut Welt-Agrarbericht weltweit auf 10 Billionen Dollar jährlich.

»Durch unser Bodenmanagement in den vergangenen Jahrzehnten ist die Biodiversität in den Böden extrem zurückgegangen«, sagt der IG gesunder Boden-Vorstand Franz Rösl. Und diese Folgen sieht man dann auch an der Oberfläche: Artenvielfalt oberhalb des Bodens ist ohne Artenvielfalt im Boden undenkbar.

Entsprechend arbeiten immer mehr Landwirte an der Rettung des Bodens: durch Weglassen chemisch-synthetischer Pestizide, durch pflugloses Arbeiten, kluge Mulchsysteme, durch ausgetüftelte Kompoststrategien.

Das System muss sich ändern!

Benedikt Bösel ist die jüngste Generation auf dem Schlossgut Alt Madlitz, einem 1 000 Hektar Biobetrieb eine Stunde außerhalb von Berlin. Als er vor einigen Jahren in den Familienbetrieb einstieg, war er schnell ernüchtert: »Mich nervt, wie alle Menschen an der Landwirtschaft verdienen, nur Landwirte nicht«, sagt Bösel. Gleichzeitig bemerkte er die ökologischen Herausforderungen, die ein Betrieb mit hauptsächlich sandigen Böden nach mehreren Dürre-Jahren so zu bewältigen hat. Für Bösel war schnell klar: »Die aktuellen Bewirtschaftungssysteme, egal ob bio oder konventionell, sind anfällig.« Zwar sieht er, dass viele Kolleginnen und Kollegen sich um ein ökologisches Gleichgewicht bemühen, schon um ihre Betriebe resilienter zu machen. »Viele arbeiten mit Zwischenfrüchten und Untersaaten oder lassen den Pflug weg, das ist alles gut«, sagt Bösel. »Aber am Ende bekämpft man damit nur Symptome eines falschen Systems. Wir wollen sagen: Wie muss ich das System ändern, damit ich die Symptome gar nicht mehr habe?«

Und dafür hat sich Bösel, der auch dank der Unterstützung einer Stiftung mittlerweile 35 Menschen beschäftigt, einiges einfallen lassen. Er arbeitet nach den Prinzipien von Agroforst-Landwirtschaft, syntropischer Landwirtschaft und ganzheitlichem Weidemanagement. In Kürze heißt das: Auf Feldern wachsen nicht nur klassische Feldfrüchte und Getreide, sondern auch Hölzer. Bei der Auswahl der Kulturen auf den Feldern greifen Bösel und seine Mitstreiter wieder auf die natürliche Abfolge von Pflanzengemeinschaften an einem Standort zurück. Und die Rinder des Hofs leben nicht nur das ganze Jahr auf der Weide, sie werden auch mal auf Ackerflächen mit Untersaaten oder Zwischenfrüchten eng zusammengestellt und jeden Tag weiterbewegt. So fressen die Kühe die Gräser nicht bis zum Boden ab, sondern nur etwa die Hälfte, was die verbliebenden Pflanzen zu mehr Wachstum anregt.

Das Ziel des Ganzen: Den Boden regenerieren, Humus aufbauen, Kohlenstoff in den Böden spei-chern. Natürlich, das Modell »Gut & Bösel«, wie das Gut Madlitz heute heißt, ist nicht 1:1 auf andere Betriebe übertragbar. Bösel selbst spricht von einer »demütigen Grundhaltung«, mit der sie die angestoßenen Prozesse beobachten. Er sieht das Ganze eher wie eine Mischung aus Forschung und praktischer Landwirtschaft. »Wir wollen hier nicht Bäume pflanzen und auf das Beste hoffen, sondern Lösungen suchen, die wir Open Source zur Verfügung stellen«, sagt er. »Uns muss es gelingen, alle Landwirte mitzunehmen. Viele Menschen entwickeln schlaue Sachen, aber das meiste kommt nicht an, weil viele Landwirte zu viel zu tun haben – das müssen wir dringend ändern.«

Vermarktung der Vielfalt

Das alles klappt aber nur, wenn Landwirte in ihren Bemühungen nicht alleine gelassen werden. »Wir müssen ja auch die Sachen verkaufen«, so die Chiemgauer Landwirtin Julia Reimann, »das ist ja kein Naturschutzprojekt.« Somit hat es jeder Verbraucher ein Stück mit in der Hand, ob er Produkte aus bodenschonender Landwirtschaft kauft oder nicht.

Entsprechend lassen sie sich bei »Chiemgaukorn« einiges einfallen: Ihre alten, zum Teil unbekannten Getreidesorten, vermarkten sie als »Bayerischen Reis«, ihre Saaten pressen sie zu wertvollen Ölen, Getreide fügen sie zu praktischen Backmischungen zusammen. Mit viel Liebe zum Detail informieren sie ihre Kunden über jeden Schritt. Verlangen etwa Kunden, dem Trend folgend, Superfoods wie Chia-Samen, schlägt Julia Reimann ihnen die besser in hiesige Verhältnisse passende Braunhirse vor. »Viele sind dankbar für diese erklärungsbedürftigen Produkte«, sagt Julia Reimann. Vor allem, wenn sie hören, dass Stefan Schmutz, Julia Reimann und ihr Team nur so die ökologisch wertvolle Arbeit leisten können. Dieses Jahr hat Stefan Schmutz wieder zwei neue Sorten gepflanzt. Welche? Das möchte er nicht verraten. »Ich arbeite lieber so, dass ich erstmal schaue, ob ein Versuch Erfolg hat«, sagt er, «dann erst rede ich darüber.«

www.chiemgaukorn.de www.schlossgutaltmadlitz.com www.ig-gesunder-boden.de