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Es weihnachtet im Ländle


LIFT - epaper ⋅ Ausgabe 12/2019 vom 30.11.2019
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Bildquelle: LIFT, Ausgabe 12/2019

Spätestens wenn Ende November Waffelgeruch in den Straßen liegt, Gutsle im Ofen backen und im Radio „Last Christmas“ auf- und abläuft – dann herrscht auch im Ländle Weihnachtsstimmung. Sich von der Kommerzlawine mitreißen und sich vom Coca-Cola-Santa um den Finger wickeln zu lassen, ist da ein Leichtes. Viel besser ist es doch aber, sich auf alte, teils vergessene Bräuche zu besinnen – viele der altbekannten stammen sogar aus dem Ländle. Sabine Zinn-Thomas, Leiterin der Landesstelle für Volkskunde am Landesmuseum Württemberg, erklärt, welche das sind.

Adventskalender: Wia lang isch’s no?

Die Zeit bis ...

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... Heiligabend kann Weihnachts-Fans wie eine Ewigkeit vorkommen, wie gut, dass man sich schon in der Adventszeit täglich kleine Präsente gönnen darf. Man munkelt, dass der Adventskalenseine Ursprünge in Maulbronn hat und zunächst als Bastelkalender mit weihnachtlichen Motiven seine Verbreitung fand. In der Adventszeit bereitet man sich bekanntermaßen auf die Ankunft des Christkindes vor.Umdie Kinder in Geduld und Beherrschung zu üben, „wurde der Adventskalender zu einem pädagogisch nutzbaren Rhythmus“, erklärt Sabine Zinn-Thomas. Groß und Klein öffnen daher 24 Türchen, um das Warten mit kleinen Geschenken zu erleichtern.

Weihnachtsbaum: Neimodischs ond Aldes

DasWeihnachtssymbol schlechthin darf in keinem Wohnzimmer fehlen: der lichterlohe Christbaum. Doch welche der gefühlt tausend Möglichkeiten ihn zu schmücken, stößt im Ländle seit jeher auf große Beliebtheit? Die Antwort: Traditionell muss es süß sein. Äpfel, Lebkuchen oder Gebäck lassen die Augen von Naschkatzen erstrahlen. Die Geschichte des Weihnachtssymbols ist äußerst interessant, wie Sabine Zinn-Thomas erläutert: „DerWeihnachtsbaum steht jenseits derWeihnachtsgeschichte und hat mit Jesus zunächst nichts zu tun. Mit dem Baum zelebriert man ein Moment der Besinnlichkeit jenseits der Feindlichkeit im Deutsch-Französischen Krieg der Jahre 1870/71.“ So ist in jedem deutschen Haus nach dem Krieg ein Baum erstrahlt, als Sinnbild für die heile Welt. „Es steht für ein Bedürfnis nach Intimität, das Familienglück wird zelebriert, sogar inszeniert.“

Kindleinwiegen: A Naggebuddzele wärgala

Lang ist das Mittelalter her. Vom Kindleinwiegen erfahren wir daher nur noch in Weihnachtsliedern. Dabei standen die Kinder in Kirchen um eine Krippe herum, schaukelten die Holz- beziehungsweise Wachsfigur des Christkindes und sangen dabei Weihnachtslieder. Vermutlich war dieser Brauch der Vorbote für das heute so beliebte Krippenspiel. Zeit für ein Comeback?

Christbaumloben: Broschd!

Zum Setting: Eine Gruppe von Freunden, Familien- oder Vereinsmitgliedern zieht von Haus zu Haus und lobt die Weihnachtsbäume der Bekannten. Der Lobtechnik sind dabei kaum Grenzen gesetzt, aber mal ehrlich: Am Ende ist es doch Wurst, ob der Baum nun wirklich schön geschmückt ist – ein „mei, isch der schee“ geht immer über die Lippen, denn Hauptsache der Gastgeber reicht als Dank einen (oder mehrere) Kurze. Meist ist es ein Obstler oder Likör, dazu Gutsle.
Tatsächlich hat dieser Brauch seinen Ursprung im Süden Baden- Württembergs im 19. Jahrhundert. Da die Schwaben das Jahr über für soziale Kontakte nur wenig Zeit haben – schließlich muss man „schaffe, schaffe, Häusle baue“ – nutzen sie diese Tradition zum Aufrechterhalten der Kontakte, wie Zinn-Thomas erklärt: „Dieser Brauch, der bis zum Ende der Festzeit geht, gilt als geselliges Zusammenkommen.“

Fackeln aifuira: Weg mit dem Unheil!

Besonders feurig geht es in Altensteig bei Herrenberg zu, wenn die Geburt Christi am Heiligen Abend mit dem Fackeln eines Holzscheits zelebriert wird. Dazu werden tausende von brennenden Fackeln geschwenkt, die einen im nächsten Jahr vor Unheil schützen sollen. Das Anzünden wird von Weihnachtslieder und Bläsern der Stadtkapelle begleitet.

Christkind: A scheene Bscherung!

Vorsicht, Spoiler: Es ist nicht der rote Weihnachtsmann mit Rauschebart und dickem Bauch, der uns die Geschenke bringt. In Süddeutschland übernimmt das Christkind diese klammheimliche Aufgabe. „Das Beschenken hat sich mit Weihnachten als bürgerliches Fest etabliert“, so die Expertin.
Die Bescherung erfolgt in der Regel nach der Festmahlzeit, was in dieser Region oft Gänsebraten oder Würschtlemit Kartoffelsalat sind. „In pietistischen Haushalten fällt diese weniger üppig aus, ansonsten handelt es sich um eine wirkliche Völlerei.” Da die sechswöchige vorweihnachtliche Fastenzeit für viele an Weihnachten endet, darf eben auch ordentlich reingehauen werden.

Christmette: Hallole Geburdsdagskend

Jesus wurde um Mitternacht geboren. Traditionellerweise zieht es viele Gläubige zu dieser Uhrzeit in die Kirchen unserer Region, um seine Geburt zu feiern. Gehalten hat sich dieser Festakt zu später Stunde in katholischen Gemeinden, in denen ein besonders festlicher Gottesdienst zelebriert wird, der nicht vor Mitternacht endet. In evangelischen Gemeinden finden dagegen oft Christvesper oder Nachmittagsgottesdienste mit Krippenspiel statt.


Fotos: Les Anderson/Unsplash.com, Landesmuseum Stuttgart (Poträt)