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Es werde Licht!


PflegenIntensiv - epaper ⋅ Ausgabe 1/2020 vom 17.02.2020

Innovative Beleuchtung und Farbgestaltung Spezielle Raumfarben und Beleuchtungssysteme auf der Intensivstation konnen dazu beitragen, Delirien zu vermeiden und Schmerzmittel zu reduzieren. Zudem erhohen sie nachweislich das Wohlbefinden der Patienten und die Arbeitszufriedenheit des Behandlungsteams.


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Bildquelle: PflegenIntensiv, Ausgabe 1/2020

Es war einer der schwersten Terroranschlage in der Geschichte Deutschlands: der Angriff mit einem Lkw auf einen Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz im Dezember 2016, bei dem zwolf Menschen starben. Von den 55 zum Teil schwer Verletzten erinnert sich noch heute so mancher an das grose Engagement der ...

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... behandelnden Arztinnen und Arzte (im Folgenden: Arzte) sowie der Pflegenden, das ihnen damals in den Krankenhausern der Stadt zuteil wurde. Einige der Opfer schwebten in Lebensgefahr, darunter auch Patientinnen und Patienten (im Folgenden: Patienten) der Intensivstation 8i am Campus Virchow-Klinikum der Berliner Charite. Doch als sie nach stundenlanger Operation aus der Narkose erwachten, blickten sie nicht etwa an eine weis getunchte Decke – sondern in das Licht der aufgehenden Sonne. Dazwischen sanft dahinziehende Wolken, davor die Blatter eines Baumes, die sich im Wind zu wiegen schienen. Mit der Zeit wurde ihr Atem ruhiger, auch die Schmerzen liesen nach.

Innovative Raumgestaltung unterstützt Genesung

Was wie Trugbilder aus einem Delir klingen mag, ist genau das Gegenteil – und in Berlin langst Realitat: die „Intensivstation der Zukunft“. Dieses Konzept einer innovativen Raumgestaltung schafft eine Atmosphare, in der vor allem solche Patienten schneller und besser genesen sollen, die aufgrund der Schwere ihrer Erkrankung oder lebensbedrohlichen Verletzungen kunstlich beatmet werden mussen:

■ Zunachst wurden die Gerausche im Patientenzimmer erheblich reduziert, indem medizinische Gerate und Alarmsignale – soweit dies moglich war – ausgelagert wurden.

■ Technik, die weiterhin in unmittelbarer Nahe des Patienten erforderlich ist, verschwand diskret hinter einer Holzvertafelung. Die Wande sind in warmer Holzoptik gehalten.

■ Arzte und das Pflegepersonal beobachten Patienten und Messdaten von einem angrenzenden Raum aus, der durch eine Glasscheibe mit dem Patientenzimmer verbunden ist. Der Patient weis: „Ich werde nicht alleingelassen“, wird aber in Ruhephasen nicht unnotig gestort. Anstelle hektischer Betriebsamkeit tritt eine entspannte, fast wohnliche Atmosphare.n Die wichtigste Komponente des Konzepts schwebt an der Decke uber dem Bett des Patienten: ein zweieinhalb mal sieben Meter groser, gewolbter Bildschirm, der mit 15.000 Leuchtdioden bestuckt ist und den seine Entwickler liebevoll „Lichthimmel“ nennen.

Einen physiologischen Tag-Nacht- Rhythmus simulieren

„Ich erinnere mich noch gut daran, wie hilfreich die Lichttherapie war, die wir mithilfe dieser innovativen Technik bei den Opfern des Terroranschlags vom Breitscheidplatz durchgefuhrt haben“, sagt Prof. Dr. Alawi Lutz. „Damals war das Feedback der Patienten und Angehorigen besonders positiv. Das hat uns einmal mehr ermutigt, diesen Weg weiterzugehen.“

Dabei gibt es fur den gezielten Einsatz von kunstlichem Licht auf der Intensivstation durchaus handfeste Grunde: „Den meisten Patienten fehlt ein ausgewogener physiologischer Schlaf-Wach-Rhythmus, der sehr wichtig fur die Selbstheilungskraft ist, ohne die kein Mensch gesund werden kann“, erlautert Lutz.

„Wenn wir die Hirnstrome mittels EEG bei einem schlafenden Intensivpatienten messen, fallt der Befund meist deutlich schlechter aus als bei einem Gesunden. Die Bildung und Ausschuttung des Schlafhormons Melatonin gerat aus dem Takt. Studien belegen, dass es ohne ausgeglichene Schlaf-Wach-Phasen haufiger zu Delirien und anderen kognitiven Funktionsstorungen kommt.“

Der innovative „Lichthimmel“ (oben, unten links) ist im Marien-Hospital Wesel als weltweit erste Klinik im Regelbetrieb – fur Chefarzt Dr. Marc Achilles (oben) eine sinnvolle Investition. Von positiven Erfahrungen mit der Technik berichtet auch Prof. Dr. Alawi Lutz (unten rechts) von der Berliner Charite.


Leider gebe es auf den meisten Intensivstationen tagsuber zu wenig, nachts dagegen zu viel Licht – etwa durch die vielen medizinischen Gerate und deren beleuchtete Displays. Der „Lichthimmel“ uber den Patientenbetten soll hier Abhilfe schaffen, indem damit eine Art „naturlicher“ Tag-Nacht-Wechsel simuliert wird.

Hintergrund: Lange Zeit schien das postoperative Delir eine unvermeidbare Begleiterscheinung bei vielen Intensivpatienten zu sein. Erst vor wenigen Jahren wurde die Forschung hierzu verstarkt. Eine Studie der Uniklinik Vanderbilt in Nashville/Tennessee (USA) verglich etwa 2013 den Krankheitsverlauf von 224 Intensivpatienten. Die Ergebnisse waren alarmierend:

■ 80 Prozent aller kunstlich beatmeten Patienten hatten demnach ein Delir erlitten.

■ Jeder Dritte von ihnen verstarb in den ersten sechs Monaten nach dem Krankenhausaufenthalt.

Das Delir – eine gefährliche Bedrohung für Patienten

Eine zweite Studie aus Vanderbilt ergab: Viele Delirpatienten behielten bleibende Schaden, manche konnten sich nicht mehr selbst versorgen. Jeder Vierte zeigte alzheimerahnliche Symptome. Zum Vergleich: Deutsche Krankenhauser melden mindestens 30 Prozent Delirfalle bei insgesamt zwei Millionen Intensivpatienten pro Jahr. Und auch hierzulande weis man um die moglichen Spatfolgen.

Ausgelost werden Delirien haufig durch Angstphasen, die Patienten im Zuge eines operativen Eingriffs, einer Sepsis oder etwa auch einer schweren Lungenentzundung durchleben. Fur die Gehirnfunktionen wichtige Neurotransmitter wie Acetylcholin werden geschwacht. Die Folge: Wahnzustande unterschiedlicher Auspragung und Dauer. Besonders gefahrdet sind vor allem altere Patienten – und auch Kinder, da deren Gehirnfunktionen noch nicht voll ausgereift und daher anfalliger sind. Beruhigungsmittel, so weis man heute, konnen Delirien begunstigen. Weitere Untersuchungen belegen, dass die Mortalitatsrate mit jedem Tag, den ein Patient im Delir verbringt, im Jahr danach um zehn Prozent steigt.

Das Delir ist somit aus medizinischer Sicht langst kein mehr oder weniger zu vernachlassigender, vorubergehender Zustand mehr, sondern eine gefahrliche Bedrohung fur die Gesundheit der betroffenen Patienten. Das Ziel: intensive Pflege, die moglichst ohne Sedativa auskommt – und eine optimale Umgebung, die nicht langer von hektischer Betriebsamkeit, als bedrohlich empfundenen Alarmsignalen und diffuser Beleuchtung gepragt ist.

Bereits vor sieben Jahren entwickelte ein interdisziplinares Team aus Arzten, Pflegenden, Designern und Technikern dafur eine neuartige Deckenbeleuchtung. Installiert wurde jener „Lichthimmel“ zunachst versuchsweise in zwei Zimmern der Station 8i der Charite. „Die Lichtdecke verfugt uber mehrere Funktionen“, erklart Professor Lutz. „Zum einen strahlt sie sogenanntes weises Licht ab, das fur sich genommen bereits biologisch wirksam ist. Zum anderen versuchen wir, die Patienten durch Veranderungen bei der Farbtemperatur und der Lichtintensitat in einen ausgeglichenen Tag-Nacht-Rhythmus zu bringen.“

Zuvor hatten er und seine Kollegen die Lichteinwirkung im naturlichen Tagesverlauf auf gesunde Probanden gemessen. Daraus sei ein Lichtprotokoll entwickelt und schlieslich die elektronische Lichtdecke entsprechend programmiert worden. Lutz: „Das Tageslicht kann nun durch variable Beleuchtungsstarken und Farbtemperaturen automatisch uber den Tag hinweg im Patientenzimmer simuliert werden.“

Dabei werde darauf geachtet, dass unerwunschte Blendeneffekte vermieden werden und das auf groser Flache abgegebene weiche Licht stets unterhalb von Luxstarken bleibe, die vom menschlichen Auge als storend empfunden werden.

Hatte da nicht auch ein entsprechend groses Fenster ausgereicht? „Nein, dann ist die Beleuchtungsstarke haufig sehr schlecht steuerbar“, widerspricht Lutz. Denn stehe das Bett zu nah am Fenster, wurde direktes Sonnenlicht auf schwer erkrankte Patienten storend einwirken. „Im Extremfall konnte sich der gewunschte medizinische Effekt sogar umkehren und womoglich ein Delir auslosen, anstatt es zu vermeiden“, so der Mediziner. „Bei zu groser Distanz zum Fenster oder an truben Tagen reicht die Tageslichtwirkung dagegen oft nicht aus, um die gewunschten biologischen Effekte zu erzielen. Aber grundsatzlich ist es naturlich gut, wenn – zusatzlich zur Lichtdecke – ein Fenster vorhanden ist und der Patient hinausschauen kann, denn auch das fordert die Heilung, vor allem, wenn er ins Grune schaut.“

Lichtdecke ermöglicht Darstellung von Naturszenen

„Ins Grune“ schauen die Patienten der Intensivstation 8i an der Berliner Charite allerdings auch ganz ohne Blick durchs Fenster: „Die Lichtdecke ermoglicht auch die Darstellung von Naturszenen, die vor allem der zeitlichen Desorientierung von Patienten entgegenwirken und verschiedene andere psychologisch gewollte Effekte auslosen soll“, beschreibt Lutz die weiteren Moglichkeiten des Systems.

Dazu gehoren etwa ein Himmel mit Schonwetterwolken oder das Blatterdach einer Baumkrone: „Wir bitten die Patienten, die kunstlich beatmet wurden und anschliesend ihren naturlichen Atemrhythmus wiederfinden sollen, ihren Atem moglichst an die Bewegung der Blatter anzupassen“, beschreibt Lutz diesen weiteren Mehrwert der neuen Technik, „dadurch soll ihr Atem automatisch tiefer und regelmasiger werden.“

Einzig auf das ursprunglich zur nachtlichen Beruhigung gedachte Feature „Sternenhimmel“ verzichten die Pflegenden der Station, da diese Lichtdarstellung in der Praxis als zu hell empfunden wurde und den Schlaf mehr storte als forderte.

Auch beim taglichen Schmerzmonitoring erweisen sich die Beobachtungen durch das Pflegeteam als hilfreich fur das Finetuning der Lichtdecke: „Durch die Scores, die von unseren Pflegenden gemas den Leitlinien in die elektronische Patientenakte eingetragen werden, kann nicht nur die herkommliche Medikation, sondern auch die Lichttherapie weiter verfeinert und individuell an die Bedurfnisse des jeweiligen Patienten angepasst werden“, erganzt Lutz. „Je hoher der Schmerzscore ist, desto langer wird der Patient das grune Blatterdach uber sich sehen, es werden mehr Blatter sichtbar und die Blatter werden auch groser dargestellt.“

Die Wirkung von Naturbildern auf postoperatives Schmerzempfinden wurde bereits in den 1980er-Jahren durch den skandinavischen Kardiologen Roger Ulrich erforscht, der seinerzeit Vergleichsstudien mit frisch operierten Herzpatienten durchfuhrte – damals freilich noch mit einem einfachen Blick aus dem Fenster anstelle digitaler Illusionskunst.

Eine erste Studie der Charite belegt auch die positiven Effekte der sogenannten Intensivstation der Zukunft: Der Anteil der Delirien sank um fast die Halfte – von 76 Prozent fur Patienten in den herkommlichen Zimmern auf 46 Prozent fur Patienten, die in den neuen Zimmern behandelt wurden. Die durchschnittliche Verweildauer auf der Intensivstation konnte zudem von 14 auf elf Tage verringert werden. Die Sterberate fiel von elf auf acht Prozent. In weiteren, groser angelegten Studien unter Beteiligung mehrerer Kliniken soll schon bald naher untersucht werden, welchen Anteil die Lichttherapie an diesen messbaren Erfolgen tatsachlich hat – und warum dies so ist.

Niederrheinische Klinik setzt „Lichthimmel“ als erste weltweit im Regelbetrieb ein

Unterdessen hat der „Lichthimmel“ nach seinem Testlauf an der Charite unter dem Markennamen „VitalSky“ bereits Marktreife erlangt (Hersteller Philips). Das Marien-Hospital im niederrheinischen Wesel nutzt die Technik seit Sommer 2019 als weltweit erstes Krankenhaus im Regelbetrieb: „Wir haben insgesamt sieben Bettplatze unserer neuen Intensivstation damit ausgestattet“, berichtet Chefarzt Dr. Marc Achilles. Kostenpunkt: rund eine halbe Million Euro. Fur den Mediziner eine sinnvolle Investition: „Wenn wir damit die Mortalitatsrate, die ja vor allem im ersten Jahr nach einem Delir erschreckend hoch ist, signifikant senken konnen, ist das Geld sicher gut angelegt.“ Bei der Nutzung der neuen Lichtdecken wird in Wesel bislang auf die Darstellung von Naturszenen verzichtet. Stattdessen liegt der Fokus auf der „Synchronisation des Patienten mit dem naturlichen Tages- und Nachtverlauf durch unterschiedliche Lichtstarken“, erklart Achilles die Strategie, die auch hier dazu beitragen soll, Schmerzen zu reduzieren und Delirien zu vermeiden.

Dabei durchlauft der „Lichthimmel“ einen zuvor festgelegten 24-Stunden-Zyklus: „Untersuchungen haben gezeigt, dass der Schlaf bis zu einer Lichtstarke von etwa 40 Lux nicht gestort wird. In der Nacht nutzen wir daher lediglich ein Orientierungslicht von acht Lux. Arzte und Pflegende konnen bei dieser Lichtstarke noch alles Wesentliche im Zimmer erkennen, ohne dass der Patient erwacht. Am Morgen gegen sechs Uhr geht dann sozusagen an der Zimmerdecke die Sonne auf: Dann wird die Lichtintensitat auf 50, 80, spater 100 Lux gesteigert. In der Mittagszeit haben wir schlieslich eine sogenannte Boostphase, in der wir den Patienten etwa zwei Stunden lang mit bis zu 1.700 Lux bestrahlen. Das entspricht einem hellen Sommertag. Danach wird das Licht wieder schwacher und geht in der Nacht wieder ins schwache Orientierungslicht uber.“ Entscheidend fur den biologischen Effekt sei vor allem die Boostphase am Mittag. Achilles: „Wir wissen aus verschiedenen Studien, dass Licht, das uber die Gliazellen hinter der Retina des Auges aufgenommen wird, unmittelbar zu einer Reduktion der Melatoninfreisetzung fuhrt – und umgekehrt. Das machen wir uns zunutze.“

Gesunder Schlaf, weniger Schmerzen, kein Delir

Gesunder Schlaf, weniger Schmerzen, kein Delir – nach ersten Beobachtungen scheint diese Rechnung auch in Wesel aufzugehen: „Wir hatten z. B. eine 90-jahrige Patientin, die aufgrund ihres hohen Alters, der Schwere ihrer Erkrankung und einer funfstundigen Operation eigentlich gleich mehrere Voraussetzungen gehabt hatte, ein Delir zu entwickeln“, berichtet Achilles aus seiner taglichen Visite auf der Intensivstation. „Die Patientin hat aber alles gut uberstanden. Wir haben sie auch auf die neue Lichttherapie vorbereitet und ihr erklart, wozu die Lichtdecke dient. Auch gute Aufklarung tragt zum Erfolg der Methode bei, denn wenn der Patient nicht weis, was mit ihm geschieht oder sich sogar davor angstigt, nutzt die beste Technik nichts.“

Gleiches gelte fur das Arzte- und Pflegeteam: „Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren bei uns von Anfang an in die Planung einbezogen und haben sich intensiv mit der neuen Technik beschaftigt. Gemeinsam mit dem Hersteller haben wir bereits in der Vorbereitungsphase interne Licht- und Gerauschmessungen durchgefuhrt, um spater optimale Bedingungen zu haben. Auch kritische Fragen und Anregungen wurden berucksichtigt und flossen in das Konzept ein“, so Achilles, „denn nur wenn das ganze Team dahintersteht, macht eine solche einschneidende Neuerung Sinn.“

Auch in Lemgo, Detmold, Bielefeld und Koln setzt man bereits auf die neue Technik, weitere Krankenhauser in Deutschland, Osterreich und der Schweiz haben Interesse angemeldet. Letztlich, so sind sich alle beteiligten Krankenhauser einig, wurden damit eigentlich nur die seit Jahren empfohlenen Leitlinien fur die Intensivpflege konsequent umgesetzt, die langst eine bessere Delir- und Schmerzpravention durch tagesaktivere Patienten, ruhigere Nachtphasen und eine deutlich verringerte Medikation vorsehen.

Uwe Herzog
Journalist office@herzogtext.de


Foto: Markus van Offern

Foto oben: Markus van Offern

Foto unten links: Markus van Offern

Foto unten rechts: Charité