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ESSAY: DER ITALIENISCHE PATIENT


Monopol - epaper ⋅ Ausgabe 5/2019 vom 18.04.2019

DIE VENEDIG-BIENNALE STEHT FÜR VIELFALT UND TOLERANZ – UND FINDET IN EINEM LAND STATT, DAS VON DIESEN WERTEN IMMER WENIGER WISSEN WILL. EINE BESTANDSAUFNAHME


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Fotos: Philipp Zechner/Alamy/mauritius images (vorherige Doppelseite). Castello di Rivoli Museo d’Arte Contemporanea, Rivoli-Torino in comodato Fondazione per l’Arte Moderna e Contemporanea CRT. © The Artist, Courtesy Michael Werner Gallery, New York and London


Wenn am 11. Mai die 58. Kunstbiennale von Venedig eröffnet, steuert Italien noch auf einen anderen Gedenktag zu: Die populistische Regierung aus Fünf-Sterne-Bewegung und Lega Nord wird im ...

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... Frühsommer ein Jahr alt. Ein Grund zu feiern ist das allerdings nur für einen Teil des Landes. Italiens Demokratie sei in Gefahr, schrieb der Schriftsteller und Mafia-Experte Roberto Saviano kürzlich in einem Gastbeitrag im britischen „Guardian“. Die ausländerfeindliche Rhetorik der Regierung bringe ein Klima des Hasses hervor. Rassistische Aggression gegen Migranten und jeden, der keine weiße Haut hat, breite sich aus. Einwanderer, die nur 8,7 Prozent der Bevölkerung stellten, würden propagandistisch als „Invasion“ und Wurzel aller Probleme des Landes dargestellt, Journalisten, die die Regierung kritisierten, als abgehobene Elite diffamiert.

Wie konnte es dazu kommen? Die aktuelle rechtspopulistische Regierung ist als Symptom einer tiefen Identitätskrise des Landes zu verstehen. Italien, die späte Nation, die ihre Spaltung in Nord und Süd nie überwand, fühlt sich seit Jahren ökonomisch abgehängt und allein gelassen mit den Flüchtlingsbooten an seinen Küsten. Während Deutschland ökonomisch gestärkt aus der Finanzkrise hervorging, stürzte sie Italien in eine Serie von Rezessionen und machte es zum Sorgenkind der Euro-Zone. So groß der Frust über die Gesamtlage, so hoch ist die Zustimmung der Bevölkerung zum Kabinett Conte/Salvini: Sie liegt aktuell bei rund 60 Prozent. „Wie kann man den Leuten klarmachen, dass sie unter einem bösen Fluch stehen?“, fragt Autor Saviano verzweifelt. „Unsere Wirtschaft wird sich bestimmt nicht dadurch erholen, dass wir uns weiter in Europa isolieren, oder dank der Hilfe unserer russischen Verbündeten oder neuen ungarischen Freunde. Und sie wird bestimmt auch nicht revitalisiert, wenn wir Migranten Rechte nehmen, die in unserem Land leben, arbeiten und Steuern zahlen.“

Wer sich in Italiens Kunstbetrieb umhört, bekommt den krisenhaften Befund schnell bestätigt. „Italien scheint mir von einem wachsenden Gefühl von Gegensätzen und Konflikten geprägt. Das Land und die Menschen sind gespalten wie nie“, sagt die Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev, Direktorin des Museums Castello di Rivoli in Turin. „Die Venedig-Biennale soll eigentlich eine internationale Plattform für das friedliche Teilen einer globalen Kultur sein – in einer Zeit, in der Europa sich nicht im Mindesten darüber einig ist, wie es die Migranten willkommen heißt. Das Resultat der sogenannten Flüchtlingskrise ist die aktuelle Regierung Italiens. Sie ist die Konsequenz von Armut und Arbeitslosigkeit, die zu der Angst vor allem Fremden geführt hat.“

Mit den Erscheinungsformen des Populismus sei Italien allerdings nicht allein, meint Christov-Bakargiev. „Die ganze Welt ist in einer demokratischen Notlage, mit dem Aufstieg der Oligarchen und autoritären Regime. Ich verstehe das als Resultat einer Unsicherheit und Verletzlichkeit, die das Subjekt im digitalen Zeitalter erfasst hat. Unsere Subjektivität wird durchquert von transnationalen ökonomischen Vektoren, das Subjekt erfährt einen Identitätsverlust. Deswegen sehnen sich die Menschen überall nach Sicherheit und starken Führern, von Indien über Russland bis zu den USA , in vielen Teilen Europas und auch in Italien. Das Problem ist global – genau wie ökologische Probleme ja auch heute nicht mehr nur einen Staat betreffen.“

LINKS: Eine Ikone der Arte povera, Michelangelo Pistolettos „Venere degli stracci“ von 1967, ist parallel zur VENEDIG-BIENNALE zu sehen in der Ausstellung „PAVILLON DES PIEMONTS“, Combo Venezia, Venedig, organisiert vom Museo Castello di Rivoli und der Fondazione Sandretto Re Rebaudengo


Für Carolyn Christol-uakargiev ist der Nationalstaat aber gar nicht mehr die relevante Einheit: „Es gibt Italien erst seit 1861. Ich weiß nicht, wie Sie Nationalismus kritisieren können und dann einen Artikel schreiben wollen, der sich mit einer Nation beschäftigt. Nation ist ein veraltetes Konzept!“ Die Ausstellung, die sie selbst parallel zur Venedil-uiennale organisiert, beschäftigt sich folgerichtig mit einer Region: Sie kuratiert den „Pavillon des Piemonts“.

Auch der Künstler Enrico David, der seit Jahren in London lebt und dieses Jahr einer von drei Künstlern des italienischen Pavillons ist, ordnet die Krise in internationale Zusammenhänge ein: „Wenn man aufzoomt und sich die Situation in der westlichen Welt anschaut, in vielen europäischen Ländern und in den USA, dann sieht man überall Negativität, Feindlichkeit, Aggression gegen solche, die anders sind. Diese feindliche Atmosphäre wird aus Angst geboren, und sie generiert Angst, wie ein Perpetuum mobile. Die Leute flüchten sich in einfache Lösungen zu komplexen Problemen. Es ist wie eine kollektive Psychose, bei der die Menschen die Wirklichkeit verdrängen.“

In seinen Gemälden und Skulpturen gibt Enrico David einer poetischen Melancholie Form – für ihn ist es entscheidend, sich den Glauben an die Subtilität der Kunst nicht von der politischen Situation nehmen zu lassen. Außer ihm werden noch die Installationskünstlerin Liliana Moro und die Performancekünstlerin Chiara Fumai im italienischen Pavillon gezeigt.

Fumai, die sich 2017 im Alter von 39 Jahren in ihrer Galerie in Bari das Leben nahm, hinterließ ein sehr kraftvolles feministisches Werk. Für den Kurator des italienischen Pavillons, Milovan Farronato, ist sie ein gutes Beispiel dafür, wie Künstler auf ein politisches Umfeld antworten können: „Künstler und Künstlerinnen können politische Ideologien mit ihren Ideen herausfordern, unbewusst oder absichtlich. Chiara Fumai investierte viel Energie in eine Methode von Reaktion gegen die patriarchalen Traditionen, die immer noch viele Bereiche unserer Gesellschaft beherrschen.“


»Die Leute flüchten sich in einfache Lösungen zu komplexen PROBLEMEN. Es ist wie eine kollektive Psychose, bei der die Menschen die WIRKLICHKEIT verdrängen« – Enrico DAVID


ENRICO DAVID „UNTITLED“, 2015

Während Italiens Innenminister Salvini das kulturelle Erbe national denken möchte und publikumswirksam über die Verweigerung von Leonardo-da-Vinci-Leihgaben an Frankreich diskutiert, zeigt sich der italienische Pavillon in diesem Jahr also eher subversiv und auf der Höhe der internationalen Kunstszene – ganz anders als noch vor acht Jahren, als der berüchtigte Politiker und Strippenzieher Vittorio Sgarbi einen Pavillon als Ramschladen des Populären inszenierte. „So wie viele andere Länder hat auch Italien im Laufe der Jahre eine wissenschaftlichere und weniger politisch beeinflusste Methode entwickelt, um die Kriterien für die Auswahl des Kurators des Nationalpavillons zu bestimmen“, erklärt Milovan Farronato höflich. Wie die meisten renommierten Kuratoren in Italien arbeitet er für eine private Stiftung, den Fiorucci Art Trust.

Dass es unangenehme Folgen hat, wenn die politische Klasse in die Personalpolitik der künstlerischen Institutionen eingreift, muss dagegen gerade das Maxxi spüren, das nationale Museum für zeitgenössische Kunst in Rom. Gerade hat die Regierung das jährliche Budget von zwei Millionen Euro auf 0,5 Millionen Euro gekürzt, wogegen eine Allianz von privaten Kunstinstitutionen um die Turiner Sammlerin Patrizia Sandretto Re Rebaudengo protestierte. Doch hinter dem Kahlschlag steckt wohl eher eine politische Fehde als ein generelles Ressentiment gegen die zeitgenössische Kunst: Die Präsidentin des Maxxi, Giovanna Melandri, war Politikerin des Partito Democratico (PD) und bekam den Museumsposten von ihrer Partei während deren Regierungszeit zugeschanzt. Unter der Retourkutsche der Nachfolgeregierung leidet jetzt das Museum.

ENRICO DAVID „FORTRESS SHADOW“, 2017


Ansonsten scheint die Kunstszene weitgehend unbehelligt von den Pöbeleien Salvinis – weil sie gar nicht in deren Radar gerät, meint der Kurator Francesco Bonami: „Das einzig Gute an der neuen Regierung ist, dass sie sich überhaupt nicht für Kultur interessiert und sie deshalb in Ruhe lässt.“ Trotzdem löst die politische Situation bei dem Kurator eine gewisse Erschöpfung aus: „Die Muster wiederholen sich, egal ob in der Politik oder der Kultur. Wenn die Leute ein Tabu verletzen, Regeln übertreten, gibt es kurz ein bisschen Lärm, und dann fängt alles von vorne an.“

LILIANA MORO „NÉ IN CIELO NÉ IN TERRA“, 2016


»Das einzig GUTE an der neuen Regierung ist, dass sie sich überhaupt nicht f ür KULTUR interessiert« – Francesco BONAMI


Was das politische Engagement der Kunstszene angeht, zeigt sich Bonami, der in der Vergangenheit unter anderem die Venedig- und die Whitney-Biennale kuratierte, absolut illusionslos. „Die Kunstwelt ist sehr auf sich selbst zentriert. Nach außen hin interessiert man sich für Politik, aber eigentlich wollen die Leute nur ihre Projekte nach Hause bekommen. Künstler, die früher sehr provokant waren, wie Maurizio Cattelan, scheinen gerade überhaupt nicht daran interessiert, Position zu beziehen. Und Germano Celant, ein Kurator, der in den 60er-Jahren mit der Arte povera die stärkste politische Kunstrichtung des Landes auf den Weg gebracht hat, hat gerade in Hongkong eine Ausstellung mit aufblasbaren Figuren von Kaws kuratiert – das ist keine Kunst, das ist eine populistische, demagogische Geste, genauso wie in der Politik“, seufzt Bonami ins Telefon.

Zehn Jahre ist es erst her, dass der Komiker Beppe Grillo die Fünf-Sterne-Bewegung gründete – mit dem Versprechen, die verrottete politische Klasse im Post-Berlusconi-Italien endlich wieder zu einer Vertretung des Volkes zu machen. Mit Matteo Salvini hat seine Partei einem noch viel lauteren Komiker von der nationalistischen Lega zur Macht verholfen, dessen Witze so bösartig sind wie Venedig schön. Und es zeigt sich: Wo die Clowns an der Regierung sind, verlieren die Künstler-Clowns die Lust am kritischen Witz. Und wo schon die Regierungen lügen, da schaut sich niemand mehr nach Pinocchios langer Nase um.