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ESTNISCHE ELCHJAGD Der Weidsack und die Wissenschaft


Wild und Hund - epaper ⋅ Ausgabe 16/2019 vom 15.08.2019

Wo Jäger gemütlich beieinandersitzen, werden Jagdgeschichten zum Besten gegeben. Aber einige Erlebnisse behalten Waidmänner lieber für sich und erzählen sie – wenn überhaupt – erst einem Vertrauten auf dem Sterbebett.


KULTUR

Artikelbild für den Artikel "ESTNISCHE ELCHJAGD Der Weidsack und die Wissenschaft" aus der Ausgabe 16/2019 von Wild und Hund. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Wild und Hund, Ausgabe 16/2019

Hans Freiherr von Stackelberg

Einmal verschlug es mich aufgrund einer Einladung zur Drückjagd nach Metsaküla, und da zufällig eine vom Jagdleiter Kolkas anberaumte Zusammenkunft der Jägerschaft in den Zeitraum fiel, wurde ich gleich miteinbezogen, um bei dieser Gelegenheit die eine oder andere Frage über das Jagdwesen in Deutschland beantworten zu können.

Die jagdlichen Zusammenkünfte ...

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... in Metsaküla hatten bereits eine lange Tradition. Sie waren bei allen deswegen besonders beliebt, weil sich stets an den Teil der offiziellen Bekanntgaben und Weisungen ein kleines gemeinsames Essen anschloss, wobei auch der gemütliche Plausch nie zu kurz kam. Natürlich bevorzugte man beim Essen vor allem das bei allen Jägern stets beliebte Wildleberschmoren in besonderem Maße. Aber gar so viel Wild wie in einstigen Tagen wurde auch in Metsaküla nicht mehr geschossen. So begnügte man sich inzwischen vielfach ebenso gern mit den in Estland bei vielen Festlichkeiten ohnehin traditionellen und hochgeschätzten Schweinswürstchen sowie einer kräftigen Portion Sauerkraut.

Wie immer auch das Essen ausfiel, es wurde stets begleitet von einem kräftigen Schluck selbstgebrannten Puskar (Fusel), der ähnlich wie in Russland meist aus Wassergläsern getrunken wurde und – zündete man ihn an – in einer lieblich leuchtenden bläulichen Flamme brannte.

An diesem Abend war es, für alle unerwartet, der alte meist schweigsame Varusk, ein längst pensionierter, einst sicher redegewandter Mittelschullehrer, der plötzlich das Wort ergriff und alle Blicke sogleich auf sich zog: „Es ist heute genau zwei Jahre her, seitdem unser guter Aldur – ihr wisst doch der Tamme Aldur vom Waldarbeitertrupp – in die ewigen Jagdgründe wechselte. Die Lungenentzündung machte ihm damals den Garaus, nachdem er mit etwas zu viel Fusel im Bauch eine Novembernacht draußen verbracht hatte. Ich war bis zu seinem letzten Stündlein bei ihm, und deswegen muss ich euch heute eine Geschichte erzählen. Ich meine die Geschichte, wie sie wirklich war.

Es war bei dieser von uns allen sicher noch nicht vergessenen Herbstjagd, als wir die drei Stücke Elchwild, den Überläuferkeiler, dann mit Sirgu Eedis schnellem Schuss den Fuchs und schließlich mithilfe der Laiki noch die beiden Marderhunde erbeuteten.

Tamme Aldur hatte die Nacht davor durchgefeiert – es war wohl der Geburtstag einer der Waldarbeiter – und hatte morgens früh zur Bekämpfung des Katers sogar noch einen kräftigen Schluck aus der Flasche genommen. Trotzdem glückte es ihm damals, wie ich mich noch genau erinnern kann, mit einem vortrefflichen Schuss gleich zu Beginn der Jagd einen jungen Stangenelch auf die Decke zu legen. Danach verlief dann erst mal alles wie immer: Versorgen des Stückes und gemeinsames Hinziehen des Wildkörpers an den nächsten Anfuhrweg zum späteren Abtransport.

Während aber gleich danach die restlichen Männer bereits dem zweiten Treiben zustrebten, war es Aldurs Aufgabe, zunächst zum Aufbruch zurückzukehren, um aus dem Weidsack des gestreckten Elches die obligatorische Probe für das Wildtierforschungsinstitut zu entnehmen und in den zur Verfügung gestellten Plastikbeutel zu platzieren. Erst dann folgte Aldur den Jagdfreunden, um an Ort und Stelle das gut verschlossene Behältnis mit dem wertvollen Inhalt für die wissenschaftlichen Forschungszwecke vorschriftsmäßig dem gestrengen Jagdleiter Kotkas zu übergeben.

Zu dieser Zeit war im Institut für Wildtierforschung die noch sehr junge Laborantin Riina zur Einarbeitung übernommen worden, der man als erste Aufgabe die Untersuchung der Nahrungsreste aus dem Verdauungstrakt der erlegten Elche übertragen hatte. Gewissenhaft durchsuchte Riina Tag für Tag die ihr zugesandten Panseninhalte und notierte die Ergebnisse ihrer Forschung fein säuberlich in einer dafür eigens angelegten Kladde.

Diese Arbeit bereitete Riina im Gesamten gesehen keinerlei Probleme, denn an den säuerlichen Geruch ihres Forschungsobjektes hatte sie sich längst gewöhnt. Nur stellte sich bei ihr langsam eine gewisse Langeweile ein, denn die Elche schienen sich in allen Teilen des Landes in der Wahl ihres Menüs ohne jegliche Unterschiede zu ernähren. Unabhängig davon aber blieb die Laborantin mit ihren Eintragungen nach wie vor peinlich genau, wie am ersten Tag, und ihre Vorgesetzten hatten längst erkannt, dass auf die von ihr eingetragenen Notizen unbedingter Verlass war.

Eines Tages aber geschah etwas bisher noch nicht Dagewesenes. Schon vor dem Öffnen eines der Plastikbeutels fiel der jungen Laborantin das unterschiedliche Aussehen seines Inhaltes auf. Und dann war plötzlich die Sensation perfekt!

Die untersuchte Probe deutete ohne den geringsten Zweifel und unverwechselbar, nach dem Inhalt des Pansens zu urteilen, auf einen Allesfresser, zumindest aber auf einen gemischte Kost bevorzugenden Cerviden hin. Deutlich waren zwischen den verdauten Ästen und Grasresten nämlich kleine graugelbe Stückchen zu erkennen, die sich zweifellos als Reste einer Kochwurst erkennen ließen.

Äußerst unterschiedlich zu den bisherigen Beuteln war zudem auch der Geruch, der aus dieser Probe der jungen Riina in die Nase strömte. Ein Geruch, dem sie, wie sie meinte, schon mal begegnet war, den sie seiner Herkunft nach aber nun doch nicht recht unterbringen konnte.

Das alles verwirrte die junge Laborantin so sehr, dass sie mit dem schwer definierbaren Inhalt des Plastikbeutels schließlich zaghaft den Weg zu ihrem Vorgesetzten Punnison antrat, der zwar auch erst nach Abzug der russischen Besatzungsmacht, ohne studierter Wissenschaftler zu sein, provisorisch eingesetzt worden war, aber jetzt doch immerhin für das Forschungsprojekt verantwortlich zeichnete. Seiner verantwortungsvollen Stellung bewusst, bestätigte Punnison nach gewissenhafter Untersuchung des ungewöhnlichen Panseninhaltes die Existenz der in diesem Zusammenhang nicht gerade alltäglichen Wurstreste, stellte darüber hinaus aber mithilfe einer chemischen Analyse auch unmissverständlich als Ursprung der ihm durchaus vertrauten zusätzlichen Geruchskomponente, reichliche Rückstände der chemischen Verbindung C 2 H 5 OH fest: Ethanol.

Die sensationelle Entdeckung schlug im gesamten Institut hohe Wellen, und es setzte eine weiträumige und intensive Untersuchung des seltsamen Falles ein. Die Fragen, für die jede plausible Antwort fehlte, häuften sich. Wie gelangte der Alkohol in den Pansen des Elches? Wurstreste könnte er schließlich irgendwo am Rande eines Waldweges oder in der Nähe eines Rastplatzes gefunden und vielleicht aufgrund irgendeines Eiweiß- oder Mineralienmangels aufgenommen haben. Aber Alkohol?

Hierbei schien jeder Versuch einer logischen Erklärung zum absoluten Scheitern verurteilt zu sein. Und doch war man entschlossen – koste es, was es wolle – dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Da man aber auch beim Durchforsten diesbezüglicher wissenschaftlicher Abhandlungen unterschiedlichster Art nicht fündig wurde, konzentrierte man sich schließlich mit mannigfachen Lokalterminen auf Metsaküla und seine Umgebung. Man untersuchte mögliche Gärungsprozesse in der Natur, forschte nach alkoholhaltigen pflanzlichen Stoffen und ungewöhnlichen, besonders auch aggressiven Verhaltensweisen des örtlichen Elchwildes, nahm Erd- und Wasserproben vor allem dort, wo man nach Abzug der russischen Besatzungstruppen Rückstände von Umweltverschmutzung mit alkoholischer Beimengung für möglich hielt und befasste sich schließlich mit einer eingehenden, protokollarisch festgehaltenen Befragung der örtlichen Bevölkerung.

Aber die Ausbeute enttäuschte, denn selbst Tamme Aldur, von dem man sich als Schütze eine besonders hilfreiche Aussage erhofft hatte, meinte nur immer wieder kopfschüttelnd, für ihn sei das einzig Auffällige ein tiefer Seufzer gewesen, den der Elch von sich gegeben habe, ehe er seinen Geist aufgab, um in die ewigen Jagdgründe zu wechseln. So liefen sich die UnterAuch suchungen schließlich tot, und das Aufsehen erregende Ereignis wurde nicht zuletzt auch aus Kostengründen mit ärgerlichem Kopfschütteln als ungeklärter Fall zu den Akten gelegt.

Tamme Aldur war – wohl aufgrund der vielen Befragungen – plötzlich sehr viel schweigsamer geworden, als man ihn bisher kannte. Auch der Alkohol konnte seine Zunge nicht mehr lösen, da seine Lungenerkrankung ihn zunehmend schwächte.

Auch der junge Stangenelch musste beprobt und dafür ein Teil des Weidsackinhalts ins Labor gebracht werden.


Der Autor Hans v. Stackelberg wurde am 23. August 1924 als Sohn eines deutschbaltischen Gutsbesitzers und ehemaligen zaristischen Kavallerieoffiziers im estnischen Neu-Riesenberg (Riisipere) geboren. Der 95-Jährige ist seit über 80 Jahren WuH-Leser. Die Redaktion gratuliert dem Jubilar herzlich und wünscht weiterhin viel Waidmannsheil!


Aber das Verlangen, sich ein Geheimnis von der Seele reden zu dürfen, wurde auf dem Sterbebett übermächtig, und so bat er mich, seinen langjährigen Vertrauten und alten Freund Varusk, eines Abends zu sich. Noch saß ich kaum auf seiner harten Bettkante, da sprudelte es auch schon aus ihm heraus: Er wisse.dass seine Stunden nun gezählt seien. Darum wolle er keinesfalls die Schuld an einer wissenschaftlichen Verfälschung mit ins Grab nehmen.

Damals nach der Geburtstagsfeier mit der durchzechten Nacht wäre ihm das Jagen am nächsten Tage anfangs zwar schwergefallen, aber nach dem Waidmannsheil mit dem gestreckten Elch wäre dann alle Mühsal wie weggeblasen gewesen. Nur beim anschließenden Öffnen des Pansens zur Entnahme der für die wissenschaftlichen Zwecke notwendigen Probe – da hätte sein von der langen Nacht her arg strapazierte Magen dann doch rebelliert und sich ein Teil seines Inhaltes, ehe er es verhindern konnte, zum Panseninhalt im ausgehändigten Plastikbeutel gesellt.

Vermischt und gut geschlossen hätte er – Aldur – ihn danach dem gestrengen Kolkas übergeben, da er bei den amtlich bedruckten und daher sicher auch abgezählten Behältnissen sich nicht getraut hatte, einen Ersatzbeutel für eine neue Probe zu erbitten. Dann, als später die weit gefächerte Nachforschung in vollem Gange war und die Befragungen auch über ihn hereinprasselten, hätte er große Angst bekommen, für den enormen Mehraufwand und die damit verbundenen Kosten bei den Untersuchungen vielleicht doch noch regresspflichtig gemacht zu werden. Aber das einzige, was er nun wirklich nicht besäße, sei Geld. So habe erdann erst recht geschwiegen. Nur sein Gewissen, das wolle er zum Wohle der Wissenschaft und Forschung nun doch entlasten.

Ich habe dem sterbenden Tamme Aldur versprechen müssen, aus Rücksicht auf die Verwandtschaft und vielleicht doch damit wie in der Vergangenheit auch jetzt noch zu befürchtender Sippenhaftung zwei volle Jahre zu schweigen. Dann habe ich Aldur bis zu seiner Beerdigung nicht wiedergesehen, und heute, liebe Freunde, genau heute, sind diese zwei Jahre endlich um. Ich glaube, der arme Aldur hat es verdient, dass wir alle in herzlicher Erinnerung an ihn jetzt eine kräftigen Schluck trinken!” Ja, und das haben wir dann auch lange und ausgiebig getan.

BUCHTIPP

Weitere Schilderungen seiner Jagderlebnisse in Estland lesen Sie im Buch „Kivi kotti!” von Hans v. Stackelberg. Daraus stammt auch der abgedruckte Beitrag. 202 Seiten, fester Einband, Verlag Harro v. Hirschheydt, Wedemark-Elze, 24,95 Euro

Bezug:hirschheydt-online.de Robert v. Hirschheydt Neue Wiesen 6 30900 Wedemark-Elze


Foto: Sven-Erik Arndt