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ETWAS, DAS IN MIR DRÄNGT …


Bücher - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 15.01.2020

Durch ihre Lesung von „Handeln statt hoffen“ lieh die in Hamburg lebende Schauspielerin Jodie Ahlborn der Aktivistin Carola Rackete ihre Stimme. Wir sprachen mit ihr darüber, wie es war, Rackete und ihrer Weltsicht durch den sehr persönlichen Text nahezukommen.


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Bildquelle: Bücher, Ausgabe 2/2020

Der Duft von frischen Croissants und Kaffee, flackernde Kerzen an Tischchen, die sich wie kleine Inseln im Innenraum des Eclair au Café im Hamburger Schanzenviertel verteilen. Müde Großstädter wischen noch etwas lustlos über ihre Tablets. Dieser Ort könnte dem Gegenstand des Interviews nicht ferner sein, das Jodie Ahlborn dem BÜCHERmagazin gibt. ...

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Wie war das für Sie, als die Anfrage kam, ob Sie „Handeln statt hoffen“ lesen wollen? Ich war gleich Feuer und Flamme. Eine gewisse Offenheit, so ein Wohlwollen der Figur gegenüber, die da spricht, habe ich eigentlich immer, sobald ich mich für einen Text entschieden habe. Ich bin ganz schnell so, dass ich für das brenne und kämpfe, was ich lese. Erst später bekomme ich dann eine Außensicht darauf. In diesem Fall liegt mir auch die politische Richtung des Hörbuchs nahe. Da klingen gleich Sachen in mir an, für die ich mich auch einsetze oder gerne einsetzen würde. Nicht eins zu eins wie eine Schablone, aber da gibt es etwas, das in mir drängt. Das Thema Umweltschutz beschäftigt mich sehr. Das ist ein übergeordnetes Thema in dem Buch. Ich finde es ganz toll, wie Carola Rackete mit ihrer Co-Autorin die Vorfälle in Italien in größere Zusammenhänge einbettet, in sämtliche Richtungen ausholt und miteinander verknüpft.

Carola Rackete und Anne Weiss beschreiben, wie globale Ungleichheit und auch der Klimawandel, den Rackete „Klimakatastrophe“ nennt, zu der Notlage führen, die Menschen dazu antreibt, in winzige Boote zu steigen, um übers Mittelmeer zu fliehen. Worin finden Sie sich in dem Buch wieder? Was drängt Sie in Ihrem eigenen Leben zum Handeln?

Besonders mit dem, was Carola Rackete über unser Konsumverhalten schreibt, trifft sie bei mir einen Nerv. Vor etwa drei Jahren habe ich mir einen Selbstversuch auferlegt, ein Jahr lang keine Kleidung und auch keine technischen Sachen mehr anzuschaffen, nicht einmal secondhand. Das war echt spannend. Zunächst habe ich das als Verbot empfunden für mich, dann habe ich gemerkt, dass es ein Gewinn war. Weil ich völlig frei war von Dingen, von denen ich vorher gedacht habe, die muss ich haben. Ich kann mir inzwischen überhaupt nicht mehr vorstellen, Kleidung zu kaufen, die nicht fair hergestellt wurde. Durch dieses Experiment hat sich bei mir viel in meinem Denken und Handeln verändert. Mein Mann und ich haben auch mal ein Jahr lang auf Fleisch verzichtet. Das hat teilweise zu merkwürdigen Erlebnissen mit anderen Menschen geführt. Es gab wirklich Leute, die empfanden es als Angriff gegen sich selbst, dass ich kein Fleisch esse. Wirklich unglaublich!

Von Carola Rackete fühlen sich ja auch viele angegriffen. Das wird auch deutlich, wenn man die Kritik an ihrem Buch verfolgt. Dabei schreibt sie einfach aus ihrer Sicht in sehr klaren Worten, was sie für richtig hält.

ab 8


ab 11


VERLOSUNG

BÜCHERmagazin verlost fünfmal das Hörbuch „Handeln statt hoffen“ (der Hörverlag). Teilnahmebedingungen auf S. 4. Viel Glück!

Ich denke, sie kann nicht anders. Sie brennt für den Umweltschutz, und jetzt nutzt sie die Gunst der Stunde. Ich habe allerdings gar nicht den Eindruck, dass sie richtig Lust darauf hat, jetzt eine Art Ikone zu sein. So wie ich sie einschätze, ist im Rampenlicht zu stehen eigentlich gar nicht ihr Ding.

Das beschreibt sie ja auch gleich zu Beginn ihres Buchs. Sie hilft in Schottland als Trainee bei einem Naturschutzprojekt mit, schwärmt vom Draußensein, von duftenden Wiesen und klarer Luft. Dann kommt der Hilferuf von Sea Watch, sie brauchen dringend jemand, der dazu ausgebildet ist, das voll besetzte Rettungsschiff zu fahren …
Für Carola Rackete ist das ganz selbstverständlich und das sollte es für jeden sein. Menschen treiben hilflos auf dem Meer und sie würden sterben, wenn man nichts unternimmt. Also, ich glaube, im Grunde würden die meisten Menschen helfen, wenn sie wirklich ganz konkret vor Ort mit so einer Situation konfrontiert wären. Davon bin ich überzeugt. Auch wenn der allgemeine zwischenmenschliche Ton zurzeit sehr rabiat ist.

Wie war das für Sie, Carola Rackete durch das Lesen ihres sehr persönlichen Textes nahe zu kommen? Carola Rackete liest zwar das letzte Kapitel des Hörbuchs selbst, doch den Rest lesen Sie. Sie leihen ihr sozusagen Ihre Stimme.
Ja, aber es sind trotzdem ihre Gedanken, ihr Text, den lasse ich ihr auch. Natürlich gebe ich ihr ein Sprachrohr, natürlich spielt meine Persönlichkeit mit hinein, meine Interpretation. Trotzdem ist es ein Sachtext. Es war mir deswegen wichtig, das Buch nicht zu emotional zu lesen. Ich wollte nicht übergriffig oder aufdringlich sein. Sodass man als Hörer die vielen Fakten gut aufnehmen kann. Das war eine Herausforderung für mich, weil ich aus dem Schauspiel komme und weil das Buch mich berührt hat. Sie haben in einem früheren Interview mal gesagt, dass Sprechen für Sie wie Schauspielern ist. Kann man das auch auf dieses Hörbuch übertragen? Das ist schon anders als bei meinen bisherigen Hörbüchern, wo ich in Rollen schlüpfe und eine Figur spiele. Doch es gab auch in diesem Buch kurze Passagen, wo die Autorinnen wörtliche Rede eingefügt haben. Etwa dann, wenn sich Racketes Kollegen auf dem Schiff geäußert haben. Das war gar nicht so einfach umzusetzen, weil es keine richtigen Dialoge waren. Trotzdem war klar, dass, wenn sich jemand zu Wort meldet, noch eine Stimme hineinkommen muss. Ohne dass man konkret jemanden nachspielen kann. An solchen Stellen darf es dann auch ein bisschen emotionaler sein als beim Rest des Textes. Wie geht es Ihnen denn jetzt nach dem Lesen aus der Außensicht heraus mit dem Text? Sind Sie mit allem, was darin steht, konform? Ich bin ja keine Wissenschaftlerin, so gesehen kann ich nicht sagen, dass ich konform bin. Ich habe stark auf den Text reagiert. Er hat mich berührt, aber auch deprimiert und Angst ausgelöst. Doch Carola Rackete schreibt zwar, dass wir vieles an der Klimakatastrophe nicht mehr ändern können, aber auch, dass es Sinn macht, Wege zu finden, mit der Situation, wie sie ist, in den kommenden Jahren umzugehen. Das finde ich einen sehr gesunden Blick auf die Sache.

„Handeln statt hoffen“ ist das erste Sachhörbuch, das Sie eingesprochen haben. Sie lesen sonst besonders häufig Kinderbücher, wurden dafür bereits für viele Preise nominiert. Haben Sie eine besondere Vorliebe für Kinderthemen?
Ich mag die Sicht von Kindern auf die Welt. Kinder sind häufig impulsiver, erleben alles intensiver. Es macht Spaß, ihnen eine Stimme zu geben. Ich muss dabei nicht einmal lautere Töne anschlagen, Kinder sind auch unverformt ganz stark. An viele Kinderhörbücher und Figuren wie etwa „Polly Schlottermotz“ denke ich auch jetzt noch gerne. Vor etwas längerer Zeit habe ich den Roman „Die Wahrheit, wie Delly sie sieht“ von Katherine Hannigan gelesen, der mich sehr berührt hat. Da geht’s unter anderem um Gewalt, Delly merkt, dass eine Freundin von ihr in ihrem eigenen zu Hause einer Gefahr ausgesetzt ist. Das sind zum Teil schwere Themen, aber ich finde es toll, wie diese in Kindersprache erzählt werden. Man kann Kindern zumuten, von so etwas zu erfahren. Das kann Mut machen, etwas zu ändern und nicht die Augen zu verschließen gegenüber Dingen, die im Argen liegen.

JODIE AHLBORN HÖREN

CAROLA RACKETE: Handeln statt hoffen

der Hörverlag, ungekürzte Lesung, 233 Min./4 CDs, 16 Euro

CAROL RIFKA BRUNT: Sag den Wölfen, ich bin zu Hause

HörbuchHamburg (2018), ungekürzte Lesung, 796 Min./MP3-Download, 24,95 Euro

PAOLA PERETTI: In der Nacht hör’ ich die Sterne

DAV (2018), ungekürzte Lesung, 283 Min./4 CDs, 19,99 Euro

LUCY ASTNER: Polly Schlottermotz

Silberfisch, gekürzte Lesung, 151 Min./1 CD, 5 Euro

KATHERINE HANNIGAN: Die Wahrheit, wie Delly sie sieht

Silberfisch (2014), gekürzte Lesung, 317 Min./MP3-Download, 13,95 Euro

Als Buch/E-Book bei Suhrkamp erhältlich


Als Buch/E-Book bei Kindler erhältlich


Als Buch/E-Book bei Piper erhältlich


T. W. ADORNO, V. WEISS

Aspekte des neuen
Rechtsradikalismus

Gelesen von Axel Wostry

1966/67 erlebte die BRD ihre erste kleine Wirtschaftskrise. Die Automatisierung bedrohte Arbeitsplätze. Ein ganzer Komplex gesellschaftlicher Konflikte entlud sich in den Studentenprotesten. Und die 1964 gegründete NPD zog in sieben Landtage ein. Im April 1967 hielt Theodor Adorno vor Studierenden in Wien einen Vortrag, in dem er rechtsradikale Propaganda analysierte und die Annahme, der Rechtsradikalismus werde ausschließlich von „Ewiggestrigen“ getragen, widerlegte. Über 60 Jahre später sind seine Thesen bestürzend aktuell. Auch heute sind ganze Berufsgruppen potenziell obsolet. Die gesellschaftliche Teilhabe, die uns die Demokratie verspricht, ist im Spätkapitalismus nicht möglich. Und die AfD feiert Erfolge mit rassistischen Parolen und wenig Substanz. Die Vorlesung war nur in der knisternden und rauschenden Originalaufnahme erhältlich, bis Suhrkamp im Juli 2019 die Verschriftlichung veröffentlichte. Axel Wostry imitiert Adorno nicht. Er liest klarer, setzt die Betonungen logischer. Volker Weiß („Die autoritäre Revolte“) ordnet den Vortrag ein, erläutert ihren historischen Kontext und ihren Platz im Werk des Philosophen. (ed)

Rundum gelungene Wiederauflage eines deprimierend aktuellen Texts. Lesens wert: das sorgfältig gestaltete Booklet.

ANDREA CAMILLERI

Brief an Matilda

Gelesen von Rolf Nagel

Matilda – das ist die vierjährige Urenkelin von Andrea Camilleri. Der große italienische Schriftsteller ist über 90 Jahre alt und beschließt, ihr einen langen Brief zu schreiben. Als Nachlass sozusagen. Es wird eine Art Mini-Biografie seines ereignisreichen Lebens, das letzten Sommer endete. „Ich bin kein Schriftsteller – ich bin ein Erzähler“, sagt er über sich. Und als Erzähler hören wir Rolf Nagel, selber 90 Jahre alt. Mit feiner Lebendigkeit verleiht er dem Brief den Charme des Alters, mit viel Güte und Zuwendung im Ausdruck. Aber auch mit einem Zischeln, das zulasten der phonetischen Präzision geht. Wir erfahren etwas über die sizilianische Kindheit Camilleris, über die Anfänge seiner Karriere am Theater, über den Weg zum Schriftsteller. Über Liebe und Freundschaft. Und ganz viel über Politik. Er übt harsche Kritik an den USA und zeigt sich besorgt über die aktuelle Misere Europas. Er spannt weite erzählerische Bögen von Mussolini zu Berlusconi. Dabei muss man hinnehmen, dass er viele Namen aus der italienischen Politik nennt, die hier weniger bekannt sind. All das in leicht verständlicher Sprache – allerdings auch immer ein wenig im Ton des Besserwissenden. (mms)

Ein italienisches Leben und italienische Politik – gelesen von einem Sprecher, der viel Wärme ausstrahlt.

PAUL WATZLAWICK

Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Gelesen von Bernt Hahn

Im Jahr 1976 erschien Watzlawicks Studie über Wahn, Täuschung und Verstehen zum ersten Mal und hat sich seitdem zu einem Klassiker entwickelt. Die Fragen, die der Philosoph darin behandelt, sind zeitlos, rütteln sie doch fest an dem für Menschen so existenziell wichtigen Gefühl von Sicherheit. In seinem Text entlarvt er diese Sicherheit als Täuschung und ermuntert dazu, die sogenannte Wirklichkeit als ein Konstrukt zu sehen, das ganz durch Kommunikation entsteht. Schwindelerregend, wenn man bedenkt, wie viele gesprochene und lautlose Zeichensysteme es gibt, die man Sprachen nennt. Wie viele Möglichkeiten, sich nicht oder falsch zu verstehen. Und welche Möglichkeiten daraus entstehen, andere zu täuschen oder zu manipulieren. Bernt Hahn liest Watzlawicks Text mit seiner tiefen Stimme wunderbar beruhigend vor, das sorgt dafür, dass der Inhalt eher unterhält und erstaunt, statt zu verstören. Von Missverständnissen zwischen Paaren, Agenten-Tricks über Propaganda- Methoden bis hin zu der diffizilen, aber menschenfernen Verständigung zwischen Delfinen – die Kommunikationsforschung ist ein weites Feld. (man)

Hörenswerte Studie, die nach 40 Jahren noch den Blick weitet, gerade auf unsere heutige virtuell geprägte „Wirklichkeit“.

Als Buch/E-Book bei C.H.Beck erhältlich


Als Buch/E-Book bei Galiani erhältlich


Als Buch/E-Book bei Insel TB erhältlich


KARIN KALISA

Radio Activity

Gelesen von Wiebke Puls

„Guten Morgen, Seeleute … Ihr Leute auf See und an der See, hier schicke ich euch ein Bandoneon vorbei, das euch auf Nordmeerwellen in den Tag trägt. Damit ihr euch daran erinnert, warum ihr hier lebt trotz Werftenkrise und Konjunkturflaute … und warum Normalnull für euch das Höchste ist. Bleibt dran, wenn ihr wissen wollt, wie das Wetter in den nächsten Tagen wird.“ Holly Gomighty, die Frau mit der perfekten Radiostimme, heißt eigentlich Nora Tewes. Und die fünf Minuten bis zum Wetterbericht nutzt sie, um ihre Mutter zu rächen, die ihr auf dem Sterbebett ein bedrückendes Geheimnis verraten hat. Das ist ein Krimiplot, aber „Radio Activity“ ist kein Krimi, sondern eine Liebeserklärung ans Radio und die liebevolle Schilderung einer Mutter- Tochter-Beziehung. Die extrem detaillierte Schilderung der Gründung eines Radiosenders ist zunächst wie sperriges Treibgut, die Sprache stellenweise formelhaft. Doch dann befreit sich der Plot und die Sprache wird mitgezogen. Natürlich braucht man für so einen Roman eine Sprecherin mit einer perfekten Radiostimme. Wiebke Puls hat eine solche Stimme, etwas heller vielleicht, als man sich die Stimme der Protagonistin vorstellt, aber ebenso schön. (ed)

Ein etwas schwerfälliger Anfang, doch dann wird der Roman spannend und wirft interessante moralische Fragen auf.

PETER WAWERZINEK

Liebestölpel

Gelesen von Peter Wawerzinek

Autorenlesungen haben so eine Aura. Wer dem Autor lauscht, sucht das Persönliche, ein Stückchen des Schöpfers selbst. Das ist so ähnlich wie bei Live-Lesungen, wo einem der Schriftsteller leibhaftig gegenübersitzt. Den Mitschnitt einer solchen veröffentlicht der Argon-Verlag nun: Peter Wawerzinek liest aus „Liebestölpel“, knapp zwei Stunden lang. Ist das authentisch, ist das nah? Zu Beginn klingt Wawerzinek noch etwas hölzern, dann immer lebendiger. Wie er mit seinen Sätzen verfährt, Pausen macht, wo man keine erwartet, dann weiterrennt, stolpernd wie sein Ich-Erzähler, die Zuhörer zum Lachen bringt: So etwas darf nur der Autor selbst. Als Schöpfer hat er das Recht, seinen Text zu zerstückeln, nicht ganz ernst zu nehmen, bei der Betonung zu übertreiben. Wawerzinek führt seine Zuhörer sprachspielerisch durch die Kindheit und Pubertät des Ich-Erzählers, deren Dreh- und Angelpunkt Lucretia ist. Ihren schwarzen Zöpfen jagte er schon auf dem Dreirad hinterher, und auch später müssen sich alle Frauen an dieser Kindheitsliebe messen lassen. Es ist eine komischtraurige Geschichte, nicht glatt und in sich geschlossen, sondern voller Spitzen, Haken und auch komischer Momente. (akm)

Diese Lesung ist eher ein Appetithappen als ein Roman im Audioformat, für Fans aber durchaus hörenswert.

THOMAS BERNHARD

Bernhard für Boshafte

Gelesen von Peter Simonischek

Die besten Schmähungen, Schimpfreden und Wutausbrüche von Thomas Bernhard, hier komprimiert versammelt. Peter Simonischek wettert mit kratzbürstiger und bärbeißiger österreichischer Diktion gegen die heimische Kultur, die Zeitungen, die Dichterlesungen, gegen Wien, Salzburg, Burgenland und überhaupt alles, was ihm in die Quere kommt. Und das ist schon das Problem dieses Hörbuchs. Aus ihrem Kontext gezogen (Erzählungen, Romanen, Zeitungsessays und Briefen), verknappt und aneinandergereiht, wirken die Tiraden bisweilen beliebig. Es fehlt der Hintergrund. Und wenn man Bernhard über die Lehrer schimpfen hört, die den Schülern den Kunstgeschmack verderben, oder über die Ärzte, die die Gesundheit bedrohen, oder über die Frauen, die die Männer ruinieren, dann merkt man, dass all die Geschichten schon über 50 Jahre alt sind. Am besten überträgt sich in dieser Ballungsintensität noch, dass Bernhard einfach gern provozierte und gezielt übertrieb, um sich selbst zu schützen. Trotzdem ist Simonischek immer dann am besten, wenn er den Erregungston ein wenig dämpft. Bei gleichbleibender Zornes-Lautstärke wird es irgendwann langweilig. (mms)

Die bösen Ausbrüche des Thomas Bernhard. Ihre Wirkung verblasst, trotz der kernigen Übertragung.

PHILIPP HOCHMAIR

WERTHER!
Mit Philipp Hochmair und Elektrohand Gottes

Als 24-Jähriger ist Philipp Hochmair mit einem Koffer voller Requisiten von Schule zu Schule gefahren und hat „Die Leiden des jungen Werther“ in Klassenzimmern aufgeführt. Daraus hat er mit Nicolas Stemann eine Inszenierung entwickelt, die inzwischen ein Klassiker des postdramatischen Theaters ist: Über 1000 Mal hat das „Ausnahmetalent“ („Neue Zürcher Zeitung“) das Bühnensolo auf allen Kontinenten aufgeführt. Die radikale Geschichte interpretiert Hochmair so mitreißend, dass man atemlos verfolgt, wie Werther liebt und leidet bis in den Tod – den er sich mit der Kugel verpasst. Mit dem Knall einer Pistole endet auch das Hörbuch „WERTHER!“. Das wird mit rauschhaften Klängen der Band Elektrohand Gottes und Hochmairs verführerischer Stimme zu einem sinnlichen, süchtig machenden Hörspiel. Werther stürmt. Werther drängt. Werther tobt. Werther zieht uns in seinen Bann. Mal jauchzend: „Ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die mein Herz näher angeht.“ Mal verzweifelnd: „Die menschliche Natur hat ihre Grenzen. Sie kann Freude und Schmerz bis zu einem gewissen Grad ertragen und geht zugrunde, sobald er überschritten ist. Freilich ist es leichter zu sterben, als ein qualvolles Leben zu ertragen.“ (cvk)

Dieses Solo-Hörspiel trifft mitten ins Herz. Wie ein Rausch, in den man immer wieder eintauchen will.

Als Buch/E-Book bei Verbrecher erhältlich


ANKE STELLING

Schäfchen im Trockenen

Gelesen von Anke Stelling

Resi ist Schriftstellerin, ihr Mann Künstler. Als modernes linksliberales Pärchen passen die beiden gut in den hippen Kiez des Prenzlauer Bergs. Mit vier Kindern und geringem Einkommen können sie aber nicht mehr bei dem Baugruppenprojekt der langjährigen Freundesclique mithalten. Als Resi einen kritischen Text über das Projekt schreibt, wird ihnen in Anke Stellings Roman Buch „Schäfchen im Trockenen“ ihre Untermietwohnung von einem dieser Freunde gekündigt. Von existenziellen Ängsten geplagt, entfaltet Resi einen desillusionierenden und wütenden Monolog gegen Menschen, für die es inzwischen wichtiger sei, „ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen, als sich im Spiegel der idealistischen alten Ichs noch ins Gesicht sehen zu können.“ Anke Stelling liest ihren aufklärerischen Roman zornig und temporeich. Das macht ihn noch eindringlicher. Da sie einige biografische Daten mit ihrer Protagonistin teilt, ist es aber nicht immer leicht, die beiden auseinanderzuhalten. Die 1971 in Ulm geborene und in Berlin lebende Schriftstellerin wurde für ihre genaue und kritische Beobachtung der Gesellschaft im Roman 2019 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse und dem Friedrich-Hölderlin-Preis ausgezeichnet. (kal)

Rotzige Anklage und entlarvende Beschreibung unserer heutigen Gesellschaft und ihrer Klassenunterschiede.

Als Buch/E-Book bei Diogenes erhältlich


IAN MCEWAN

Die Kakerlake

Gelesen von Burghart Klaußner

„Als Jim Sams, klug, doch beileibe nicht tiefgründig, an diesem Morgen aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in eine ungeheure Kreatur verwandelt.“ Mit diesem Satz, offenkundig eine Anlehnung an Kafkas „Die Verwandlung“, beginnt Ian McEwans neuer Roman. Kafkas berühmte Erzählung wird umgekehrt. Hier ist es eine Kakerlake, die sich im Körper eines Menschen wiederfindet, obendrein im Körper des englischen Premierministers. Unverzüglich macht sich die Kakerlake daran, im britischen Königreich den „Reversalismus“ zu installieren, ein Finanzsystem, welches England unweigerlich in den Untergang treiben wird. Seine Politik folgt dabei dem einzigen seiner Spezies bekannten Handlungsprinzip, dem Kampf ums Überleben. In Burghart Klaußners inspiriertem Vortrag wird der unbeugsame und unbeirrbare Charakter eines Millionen Jahre alten Insektenwesens schauerlich zum Ausdruck gebracht. Ein Lebewesen, das unverwüstlich erscheint und das nur den Sieg kennt. Egal, was es auch kostet. Seine Kakerlake hasst und fürchtet ihre Gegner, sie kalkuliert und triumphiert. Beängstigend ist allerdings, wie amüsant das Insekt in Menschengestalt manchmal sein kann. (bie)

Ian McEwans neuer Roman hat Biss und verweist auf etwas Offensichtliches: Der Brexit ist ein Irrsinn.

JOSEF ULBIG

Kleiner Drei

Mit Eva Meckbach, Max Riemelt u. a.

Wie es wirklich sein wird bei der ersten Schwangerschaft und dann als Eltern kann man nicht vorhersehen, trotz noch so guter Pläne. So geht es auch Rosa, Kemal und Moritz. Zugegeben, ihr Plan ist auch ziemlich gewagt: Kemal und Moritz wünschen sich ein gemeinsames Kind. Kemals beste Freundin Rosa soll es bekommen, sie wollen es großziehen. Das Hörspiel von Josef Ulbig präsentiert diese Idee als ein komplexes Bild, in dem abwechselnd die verschiedenen Perspektiven der drei Protagonisten beleuchtet werden. In einer Zeitspanne vom Beschluss bis hin zu den ersten Tagen mit dem Kind wird wild vorund zurückgespult. Trotz der Zeitsprünge greift jede Sequenz so gut ineinander, dass man als Zuhörer nicht den Faden und das Interesse verliert. Vielmehr versteht man immer mehr das Scheitern des Vorhabens, mit dem das Hörspiel beginnt. Probleme, Sehnsüchte und Entscheidungen der Figuren erscheinen glaubhaft, sind, was Jobs, Herkunft und Verhaltensweisen betrifft, an einigen Stellen ein wenig zu vorhersehbar. Eva Meckbach, Max Riemelt und Johannes Klaußner machen als Sprechertrio, das in die Rolle der werdenden Eltern schlüpft, einen engagierten Job. (man)

Ein mitreißendes Hörerlebnis, das ein spannendes Thema in einem raffinierten Erzählgerüst präsentiert.

H. G. WELLS, R. A. CRAM U. A.

Das rote Zimmer

Gelesen von P. Kaempfe, A. Moll u. a.

Er ist ganz allein. Allein in dem roten Zimmer. Von den 17 Kerzen, die er entzündet hat, um es bis in den letzten Winkel zu beleuchten, erlischt eine. Ganz plötzlich. „Das rote Zimmer“ ist eine von sechs Horrorkurzgeschichten auf diesem Hörbuch. Die Autoren haben sie teilweise lange vor H. P. Lovecraft veröffentlicht und ihre Einflüsse auf den Altmeister sind offensichtlich. Auch sie variieren das Groteske, den Wahnsinn und die irdischen Spuren kosmischen Grauens zu einer meisterhaften „Literatur der Angst“. Ein Genre, für das Lovecraft später berühmt wurde. Jede der Geschichten wird von einem anderen Sprecher vorgetragen und der Verlag beweist bei der Wahl ein gutes Händchen: Mal leicht affektiert, mal düster und niedergeschlagen, mal mit jugendlicher Frische oder mit der liebenswerten Verschrobenheit eines wirrhaarigen Naturforschers, der einen interessanten Sachverhalt zum Besten gibt, verleihen sie den Geschichten stets eine erfrischende Perspektive. Darüber hinaus wird das Können der Sprecher, und auch die Qualität der Texte, an den vielen Nuancen deutlich, die sie in ihren Vorträgen zum Ausdruck bringen – hierfür gilt ein besonderes Lob der Aufnahmeregie! (bie)

Die Auswahl der Geschichten und Sprecher machen dieses Hörbuch zu einem ganz und gar verstörenden Hochgenuss.


Foto: Jodie Alborn © Thomas Leidig/photoselection