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ETWAS PIONIERGEIST GEHÖRT DAZU


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Taspo Garten-Design - epaper ⋅ Ausgabe 6/2021 vom 16.11.2021

Artikelbild für den Artikel "ETWAS PIONIERGEIST GEHÖRT DAZU" aus der Ausgabe 6/2021 von Taspo Garten-Design. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Treffpunkt Vielfalt

Im Rahmen einer Kooperation der Stiftung für Mensch und Umwelt unter Führung der Projektleiterin Dr. Corinna Hölzer wurden seit 2017 mit drei Berliner Wohnungsbaugenossenschaften und Berliner Garten- und Landschaftsbaubetrieben unterschiedliche naturferne Grünanlagen in Blühoasen umgewandelt und nun regelmäßig gepflegt. Das Projekt wird gefördert im Bundesprogramm Biologische Vielfalt durch das Bundesamt für Naturschutz mit Mitteln des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit. Das Projekt wird von sozialempirischen Studien begleitet. In Kürze sollen dazu auch bundesweit Garten- und Landschaftsbau-Unternehmen befragt werden.

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Broschüre unter: www.treffpunkt-vielfalt.de

Die Vorgärten und Freiflächen der Quartiere von Wohnungsbau - gesellschaften sind traditionell eher langweilig: Sauber gepflegtes Abstandsgrün, Hecken entlang der ...

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... Grenze und als Umrandung für die Müllcontainer, dazu einige Bäume. Das bundesweite Modellprojekt „Treffpunkt Vielfalt“ will das ändern - erste Beispiele gibt es in Berlin.

Wer kennt nicht die Vorgärten, die mit Rasen, Bodendeckern oder trostlosen Heckenpflanzungen langweilig und einfallslos ihr Dasein fristen. Drei Berliner Wohnungsbaugenossenschaften haben mit Unterstützung des bundesweiten Modellprojekts „Treffpunkt Vielfalt“ in mehreren Berliner Quartieren eine naturnahe Gestaltung mit heimischen Pflanzenarten und unterschiedlichen Materialstrukturen umgesetzt und dabei nicht vergessen, auch Mieter und Gartendienstleister mit ins Boot zu holen.

„Zwar gehört ein wenig Pioniergeist dazu, aber nie war die Zeit so günstig, Mietern die Dringlichkeit von Klima- und Artenschutz auch vor der eigenen Haustüre begreiflich zu machen“, erklären die Vorstandsmitglieder der drei Wohnungsbaugenossenschaften Andrea Zwingelberg vom Beamten-Wohnungs-Verein zu Köpenick, Carsten-Michael Röding von der Charlottenburger Baugenossenschaft und Lidija Arndt von der Baugenossenschaft „Freie Scholle” zu Berlin. Dabei sind sie sich aber auch darüber klar: Allen Mietern lässt es sich mit naturnahen Grünflächen im Vorgarten und im Abstandsgrün nicht recht machen.

Während der eine Mieter am liebsten den Baum absägen will, weil dieser seine Wohnung verschattet, liegt dem anderen die uniforme Hecke am Herzen, weil „sie ja schon immer hier stand“. Auf der anderen Seite wollen begeisterte Mieter am liebsten bei jedem Pflegegang selbst Hand anlegen und freuen sich über jede Blüte, jedes Insekt und jeden Igel.

„Im Herbst gibt es ab und an schon Anmerkungen, dass so eine Blühfläche ungepflegt aussehe, aber häufiger kommen Anfragen auch aus anderen Quartieren, wann wir auch bei ihnen eine naturnahe Blühoase anlegen würden“, so die ersten Erfahrungen der Wohnungsbau-Vorstände mit ihren neugestalteten Freiflächen.

DIE VIER JAHRESZEITEN ERLEBBAR MACHEN

In Wohnanlagen sind alle Bewohner seit Jahrzehnten daran gewöhnt, dass die Außenflächen sauber und gepflegt wirken, der Unterhalt aber günstig ist. Viele Flächen lassen sich aber ökologisch aufwerten, ohne dabei den ästhetischen Wert zu verlieren.

Manchmal braucht es sogar nur ein „Wachsen lassen“, teilweise muss der Rasen abgeschält und Blumenwiesensaat ausgebracht werden, oder das Ausgraben von unerwünschten Pflanzen (invasiven Neo - phyten) ist sinnvoll. Und bei Neubauprojekten, bei denen der Oberboden abgetragen wurde, ergibt sich ein Vorteil für Pflanzen im Naturareal, die nähr- stoffarme Standortbedingungen benötigen.

„Viele Mieter sind nicht mehr an die Jahreszeiten gewöhnt“, beschreiben Dr. Corinna Hölzer und Cornelis Hemmer, Leiter der Stiftung für Mensch und Umwelt, ein Grundphänomen: „Zwar fällt auf, wenn die Bäume im Winter ihre Blätter verlieren, aber Rasenflächen und Hecken sehen jahrein jahraus nahezu gleich aus. Ein anderes Bild bieten unsere Modellflächen: Das reicht von Frühjahrsblühern ab Februar, die erste Nahrungsquellen für Insekten bieten, über ein Blütenfeuerwerk der heimischen Pflanzen im Sommer bis hin zu herbstund winterlichen Fruchtständen, die bei Vögeln beliebt sind. Nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene wird so wieder Natur erlebbar.“ Man muss es ihnen allerdings erst wieder erklären. Dass das gelingen kann, zeigen beispielhafte Modellprojekte in Berlin:

GRÜNFLÄCHEN ÖKOLOGISCH MANAGEN

1: Mehrfamilienhaus-Anlage in Berlin- Reinickendorf der Charlottenburger Baugenossenschaft

Rund 1.600 m² wurden im großen Abstandsgrün der Wohnanlage mit 165 Wohnungen umgestaltet. Drei neue Themenbeete werten nun die Rasenfläche, die bislang alleine von einer Kugel- Ahorn-Reihenpflanzung geprägt war, naturnah auf: Trockenmauern, Totholz und Lesesteine. Als Erdkern fand die abgezogene Grasnarbe Verwendung.

Darauf wurde – gegen Unkrautdruck – Naturschotter 30 cm dick aufgebracht. Für eine Blumenwiese sowie einen Blühsaum wurde heimisches Saatgut ausgesät und Initialstauden gepflanzt. Die Themenbeete und die Beete entlang von Fassaden und Wegen wurden mit Wildstauden und Wildgehölzen neu bepflanzt, 6.000 Blumenzwiebeln kamen in die Erde. Die Beeteinfassungen entstanden aus Trockenmauern und Findlingen. Dazu passen Sitzgelegenheiten aus Naturstein. Darüber hinaus gibt es stehende und liegende Totholzstrukturen. Eine Sandlinse bietet Raum für bodenbrütende Wildbienen. Hinzu kamen Nisthilfen für Wildbienen, Vögel und Fledermäuse.

2: Mehrfamilienhaus-Anlage in Berlin- Köpenick des Beamten-Wohnungs- Vereins zu Köpenick

Rund 1.500 m² rund um zwei Mehrfamilienhäuser mit 54 Wohnungen wurden umgestaltet, dabei entstanden zwei große Teilbereiche: ein sonnenexponierter Bereich mit Sand-Magerrasen und großem Steingarten sowie ein schattiger Hof mit waldähnlichem Garten unter Bestandsgehölzen.

„Wenn die GaLaBau- Mitarbeiter von naturnahen Flächen begeistert sind, springt der Funke eher auf die Mieter über.“

Dr. Corinna Hölzer

Eine Blühwiese sowie zwei Hochbeete für Gemüse und ein neuer Radstellplatz verbinden beide Bereiche, die jeweils auch mit Sitzmöglichkeiten ausgestattet wurden. Das Regenwasser der Dachflächen läuft in eine Versickerungsmulde mit Wassereinstau, so entstand ein wechselfeuchter Standort. Auch in diesem Beispiel wurden Nisthilfen für Wildbienen, Vögel und Fledermäuse aufgestellt. Holz- und Reisigstrukturen bieten Rückzugsräume für Kleintiere und Käfer, auch im Winter, denn sie reichen bis einen Meter tief in die Erde.

3: Mehrfamilienhaus-Anlage in Berlin- Lübars der Baugenossenschaft „Freie Scholle”

Dass eine Rasenfläche auch in einem Naturgarten nicht weichen muss, zeigt sich in dieser Umgestaltung auf ei-nem rund 2.000 m² großen Areal rund um fünf Mehrfamilienhäuser mit 74 Wohnungen. Nahe dem Berliner Stadtrand gab es bereits einen schönen Baumbestand in dieser Anlage. Die Rasenfläche sollte auch nach der Umgestaltung bespielbar bleiben, so dass in diesem Beispiel insgesamt fünf Blühinseln auf den Rasenflächen der zwei Hinterhöfe entstanden.

Unter den Balkonen und zwischen den Hauseingängen wurden die alten struppigen Beete ausgekoffert und auf neuem magerem Substrat ökologisch stark aufgewertet. Für schattige Waldstauden entlang der Hauseingänge kam ein nährstoffreicheres Substrat zum Einsatz. Beeteinfassungen entstanden mit Totholz, Natursteinen und Trockenmauern. Darüber hinaus wurden Nisthilfen für Wildbienen, Vögel und Fledermäuse aufgestellt. Natursteine schaffen ein Winterquartier für verschiedene Kleintiere wie Mauereidechsen.

PFLEGE – EXTENSIV UND VERKEHRSSICHER

Wenn die naturnahen Flächen erst einmal eingewachsen sind, dann sei der Pflegeaufwand erstaunlich gering, zeigt Dr. Hölzer auf. In der Regel müssten Blumenwiesen und Blütensäume nur einbis zweimal in Jahr gemäht werden. Wildstauden-Pflanzungen kommen laut der Expertin mit drei bis vier Pflegegängen im Jahr aus. Allerdings, so betont Dr. Hölzer, sei das Hauptaugenmerk hier auf die ersten zwei bis drei Jahre zu legen: „Mindestens in dieser Zeit sollten schon Naturgarten-Profis pflegen, das ist für den zukünftigen Erfolg entscheidend.“ Gewässert wird die Naturgarten-Anlage ab dem zweiten Jahr nur bei extremer Trockenheit. Dünger und Pestizide sind tabu.

Da sich die Grünflächenpflege stark vom traditionellen Pflegedurchgang mit sechs- bis zehnmaligem Rasenmähen, Unkraut jäten und Bubikopf-Heckenschnitt unterscheidet, rät Dr. Hölzer zu einem präzise formulierten Leistungsverzeichnis, in dem ein Pflegeplan etwa in Skizzen- oder Tabellenform für jede Jahreszeit die notwendigen Maßnahmen auflistet. „Es müssen Zeitfenster für die jeweiligen Pflegeeinsätze definiert werden, besonders in den ersten drei Jahren der Entwicklungspflege“.

Auch sieht das Thema Pflege als größte Herausforderung, aber nicht als „Totschlagargument“. „Pflege sollte von Anfang an mitgedacht werden, damit das Konzept auch dauerhaft Bestand hat.“

INFOS FÜR DIE MIETER

„Die Flächen sehen nach der Umgestaltung anders aus als der ehemalige grüne Rasen“. Röding betont deshalb, dass die Kommunikation mit den Mietern sehr wichtig ist. „Wir haben es hier mit Natur zu tun und können selbst nicht genau vorhersehen, wann die Fläche wirklich blüht. Das Stiftungsteam stellte deshalb Infotafeln auf und verteilte Hauswurfsendungen. Auch gab es eine Infoveranstaltung und ein kleines Einweihungsfest mit den Mietern, bei dem wir genau erklärt haben, was wir planen und welche Vorteile sich durch den Naturgarten bieten können.“

Röding beobachtete bei den Mietern eine steigende Akzeptanz. „Tendenziell sehen wir eher jüngere Mieter, die begeistert von der Umgestaltung sind. Schätzungsweise ein Viertel der älteren Mieter halten an ihrer festverankerten Meinung über ein gepflegtes Bild und einen Sauberkeitsschnitt fest.“ Die übrigen älteren Mieter freuen sich jedoch an blühenden Beeten und einer Zunahme an Insektenarten und Kleintieren, wie etwa Igeln.

„Die Akzeptanz konnten wir an einer unserer beiden Anlagen, in Berlin-Spandau, sogar noch steigern, in dem wir eine Hoffläche teilentsiegelt haben, neue Fahrradstellplätze entstanden und eine Fassadensanierung durchgeführt wurde“, ergänzt Röding.

Im Projekt in Berlin-Lübars finden sich inzwischen sogar engagierte Anwohner, die bei Pflegegängen unter Anleitung mithelfen und auch darüber hinaus ein Auge auf die neuen Grünflächen haben, beobachtet Lidija Arndt, technische Vorständin bei der Baugenossenschaft „Freie Scholle“.

WEITERBILDUNG FÜR PROFIS

Die Pflege eines Naturgartens ist eine andere als bei einer herkömmlichen Grünfläche. „Die Dienstleistungsverträge müssen entsprechend angepasst werden“, zeigt Dr. Hölzer auf. Während im ersten Jahr der Pflege viel Unkraut gejätet werden muss, verzeihe die naturnahe Anlage in späteren Jahren eher ein paar Nachlässig- keiten.

Umlernen müssen nicht nur die Mieter. Die GaLaBau-Betriebe, die Pflegeverträge für naturnahe Anlagen übernehmen, müssen ihre Mitarbeiter entsprechend schulen (lassen). Mit Blick auf ihre Erfahrungen in Berlin sieht Dr. Hölzer, dass sich die Pflege-Trupps neu ausrichten müssen.

Das beginnt mit theoretischem Wissen zum Naturgarten, geht über in die Neuanlage mit der Pflanzung und dem Aufbau von Strukturen wie Totholz oder Natursteinen und mündet in den Pflegemaßnahmen. „Das fachliche Wissen spielt auch bei der Kommunikation mit den Mietern eine Rolle. Darauf müssen sich die GaLaBau-Mitarbeiter einstellen“, so die Erfahrung von Dr. Hölzer. „Wenn Mitarbeiter wissen, warum biologische Vielfalt so wichtig ist, springt der Funke eher über.“

In Berlin entwickelt das Modellprojekt derzeit Schulungsmodule, die mit lokalen GaLaBau-Mitarbeitern und ihren Azubis getestet werden. In Fortbildungen für Berufschullehrer will Dr. Hölzer darüber hinaus für das Thema werben, damit das Projekt bald auch bundesweit Schule macht. Dazu werden derzeit Fortbildungen und Module für die Ausbildungen im GaLaBau entwickelt, die später von Ausbildungs- und Fortbildungsstätten angeboten werden können.

Was wurde gemacht?

Grünflächentypen und Bau - werke, die im Projekt modellhaft umgestaltet wurden, waren:

• Abstandsgrün,

• große Innenhöfe,

• Vorgärten,

• Beete zwischen Hauseingängen und unter Balkonen,

• Dächer von Müll- und Fahrradstellplätzen,

• Balkone und Fassaden,

• PikoPark - naturnaher Park (Projektpartner WILA Bonn)