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Europäische Löschflugzeuge in Brandenburg?


Aero International - epaper ⋅ Ausgabe 20/2020 vom 10.01.2020

RESCEU Der EU-eigenen Flotte von Löschflugzeugen fehlt ein Standort im Norden Europas. Dafür ist nun der Sedlitzer See in Brandenburg im Gespräch. Sollte er ausgewählt werden, könnten dort künftig Fire Bomber vom Typ Be-200 oder CL-415 starten


V om Boden aus waren die zwei großen Flächenbrände, die in den Sommern 2018 und 2019 in Meppen/ Niedersachsen 2018 und Lübtheen/ Mecklenburg-Vorpommern wüteten, kaum zu bekämpfen: In beiden Fällen waren die Gelände durch Munition verseucht, die Feuerwehrleute erheblich gefährdete. Doch in Deutschland ist ein Löschangriff aus der Luft derzeit fast ausschließlich ...

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Bildquelle: Aero International, Ausgabe 20/2020

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... per Hubschrauber sowie vereinzelt mit kleinen Agrar-Sprühflugzeugen möglich.

Dabei dürfte EU-weit der Bedarf an großen Löschflugzeugen steigen, wie sie schon seit Jahren im Mittelmeerraum zu finden sind: In den vergangenen drei Jahren waren die Sommer in Europa teilweise extrem trocken und heiß. Nach Ansicht vieler Fachleute ist das eine Folge des Klimawandels. Die EU reagiert und versucht, sich mit dem Katastrophenschutz-System rescEU auf die Veränderungen einzustellen. Dazu gehören auch gemeinsam genutzte Löschflugzeuge.

Für die könnte ein neuer, nordeuropäischer Standort in Brandenburg entstehen: der Sedlitzer See, ein künstliches Gewässer, das bei der Rekultivierung des Braunkohletagebaus in der Lausitz entstanden ist. Es ist einer der sehr wenigen in Deutschland zugelassenen Wasserflugplätze – zur Zeit genutzt von privaten Kleinflugzeugen.

Direkt nebenan liegt die 2500 Meter langen Piste des Flugplatzes Welzow, früher eine Militärbasis in der DDR. Deren Infrastruktur gibt es noch heute, mit Tankeinrichtungen, Hangars und Nachtbefeuerung. Sie könnte ein Vorteil sein im Wettbewerb um Mittel für ein Projekt des EU-weiten Brandschutzes.

In Europa gab es gerade in jüngster Vergangenheit immer wieder verheerende Waldbrände – nicht nur im Süden, sondern auch in Schweden und Deutschlands. So mussten Löschzüge und Hubschrauber aus Deutschland und Polen 2018 mit großem Aufwand nach Schweden verlegt werden.

Nun hat die Europäische Kommission reagiert und die Initiative RescEU als Teil des bestehenden „Europäischen Zivilschutzmechanismus“ aus der Taufe gehoben. „RescEU ist eine konkrete europäische Antwort, um den Bürgern zu helfen, die sich mit Naturkatastrophen konfrontiert sehen“, sagte der damalige Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker anlässlich der Bekanntgabe im Mai. „RescEU bietet praktische Lösungen und versetzt europäische Solidarität in Aktion.“

Die Canadair CL-415 und ihre Vorläufer sind gegenwärtig das Rückgrat von Europas Löschflugzeugflotte. Sie haben zwei Turboprop-Motoren


Rund sechs Tonnen Wasser kann die CL-415 auf Flammen abwerfen. Die Maschinen haben sich als Löschflugzeuge seit langem bewährt


Nur drei aktive Wasserflugplätze gibt es in ganz Deutschland. Der Sedlitzer See ist der größte, er wird von Privatpiloten genutzt


Der inzwischen vom Slowenen Janez Lenarčič abgelöste damalige Kommissar für Humanitäre Hilfe und Krisenmanagement Christos Stylianides sekundierte: „Waldbrände warten nicht. Mit RescEU haben wir nun ein Extra-Sicherheitsnetz für Krisenzeiten. Ich bin sehr stolz darauf, dass unsere Waldbrandbekämpfungs-Flotte in diesem Sommer eine Realität geworden ist.“ Stylianides hat sich Anfang September 2019 in diesem Zusammenhang in Welzow über die dort vorhandenen Möglichkeiten informiert lassen und war angetan.

Flotte aus sieben Flugzeugen

Für die europäische Löschflugzeugflotte sind in einer ersten Ausbaustufe sieben Maschinen vorgesehen. Dafür sollen Turboprop-Zweimots des Typs CL-415 zum Einsatz kommen, ursprünglich von der Bombardier-Tochter Canadair gebaut, heute bei Viking Air. Die Maschinen fliegen derzeit in Kroatien, Italien, Frankreich und Spanien. Hinzu kommen sechs Hubschrauber aus Schweden. Die jeweiligen Länder stellen das Gerät bereit. Weitere Teile des Sicherheitsnetzes umfassen geschulte Brandbekämpfer, regelmäßiges koordiniertes Beobachten entlegenere Gebiete auch mit Hilfe von Copernicus-Satelliten, Videokonferenzen und gemeinsame Übungen. „RescEU ist ein ‚Upgrade‘ zu bestehenden Mechanismen und die Lehre aus den großen Bränden der vergangenen Jahre“, erklärt Felix Bloch, zuständig für Katastrophenschutz unter EU-Kommissar Stylianides. „Der Umfang der Flotte mag klein erscheinen, ist aber ein erster Schritt.“

Speziell Frankreich hatte sich für Zentralisierung und ein „stehendes Katastrophenschutz-Heer“ ausgesprochen. Bloch beobachtet nach den Bränden in Meppen und Lübtheen in Deutschland sowie in Schweden ein Umdenken.

Von vorne ist beim Blick auf die Be-200 sehr gut die Anordnung der Triebwerke über den Flügeln zu erkennen, die diese vor Spritzwasser schützen soll


Speziell Frankreich hatte sich für Zentralisierung und ein „stehendes Katastrophenschutz-Heer“ ausgesprochen. Bloch beobachtet nach den Bränden in Meppen und Lübtheen in Deutschland sowie in Schweden ein Umdenken.

Sorge um Finanzierung

Allerdings sind Löschflugzeuge als Brandbekämpfungsmittel in Deutschland nicht unumstritten. So hält Karl-Heinz Knorr, der Vizepräsident des Deutschen Feuerwehrverbands, Löschflugzeuge nicht für dringend erforderlich: „Mit 1,1 Millionen Feuerwehrlern an 32 000 Standorten ist die Infrastruktur optimal“, sagt Knorr, der sich um die Finanzierung von Flugzeugen sorgt, andererseits jedoch durchaus auch auf die Hilfe von Bundeswehr-Hubschraubern des Typs CH-53 mit rund fünf Tonnen Löschmittelkapazität setzt. Deren Einsatzbereitschaft ist allerdings durch hohes Alter und vermehrte Auslandseinsätze limitiert; außerdem gehört Feuerbekämpfung nicht zu den Kernaufgaben der Bundeswehr.

Doch für Johann Goldammer, der als Professor für Feuerökologie an der Universität Freiburg das Global Fire Monitoring Center (GMFC) leitet, ist der Einsatz von Löschflugzeugen oder Hubschraubern durchaus eine Maßnahme, die man in Erwägung ziehen muss. Auch die Innenexpertin der Grünen Irene Mihalic plädiert für die Anschaffung von Löschflugzeugen im europäischen Verbund: „Naturkatastrophen wie Hochwasser oder Waldbrände machen nicht an Landesgrenzen halt und können schnell einzelne Bundesländer überfordern. Wir brauchen eine föderale Neujustierung des Katastrophenschutzes“, sagt Mihalic.

Es ist tatsächlich der föderal organisierte Katastrophenschutz in Deutschland, der beim Unterhalt von Technik Probleme macht: So wollte es sich etwa Brandenburg nach 2014 nicht mehr leisten, eine privat betriebene kleine Flotte ehemaliger DDR-Agrarflugzeuge vom Typ PZL M-18 Dromader weiter vorzuhalten. Sie waren bundesweit die einzige Löschflugzeug-Kapazität und konnten gut 2000 Liter Wasser pro Einsatz abwerfen, aber auch Wälder kalken und Felder düngen. Lediglich einige kleine Betreiber von Agrarflugzeugen bieten derzeit solche Leistungen noch in begrenztem Umfang an.

Sedlitzer See gut geeignet

Was hat all das nun mit dem Sedlitzer See und dem Flugplatz Welzow zu tun? Die Flugund Wasserlandeplatzbetreiber, die Städte Welzow und Senftenberg, wollen den europäischen Bedarf und die vorhandene Infrastruktur zusammenbringen und sehen vor allem auch durch die Aktivitäten der „Kohlekommission“ eine Chance. Tatsächlich ist die Stationierung von Löschflugzeugen Bestandteil einer Liste von Infrastrukturmaßnahmen als Ausgleich für die zu schließenden Braunkohletagebaue

„Amphibische Löschflugzeuge sind ein mächtiges Werkzeug in der Wald-und Flächenbrandbekämpfung“, erläutert Frank Degen, einer der Hauptinitiatoren der Bewerbung aus Welzow. „Kurze Reaktionszeit, große Reichweite, die Fähigkeit, von Flugplätzen und Gewässern zu operieren, schnelle Wasseraufnahme aus geeigneten Gewässern und bis zu 60 Tonnen Wasserkapazität pro Stunde und Flugzeug sind Vorteile gegenüber landgestützten Löschflugzeugen.“

Degen denkt groß und favorisiert gemeinsam mit dem Geschäftspartner Dresden-Aerospace neben den in Europa bestens bewährten CL-415-Wasserbombern sogar das doppelt so leistungsfähige russische Muster Be-200 von Berijew. Für dieses Flugzeug mit zwei Turbofan-Triebwerken und bis zu zwölf Tonnen Löschmittelkapazität gibt es immerhin bereits eine Musterzulassung der europäischen Flugsicherheitsbehörde EASA. In jüngster Vergangenheit gab es Kaufankündigungen aus Chile (zwei Flugzeuge, drei Optionen) und den USA (vier Bestellungen, sechs Optionen).


»Löschflugzeuge sind ein mächtiges Werkzeuge in der Brandbekämpfung«
Frank Degen


Auch die polnische Regierung hat Zustimmung für den Standort Welzow signalisiert, würde das Land wegen seiner Nähe doch vom rund 400 Kilometer großen Einzugsbereich sehr profitieren. Standorte innerhalb der EU gibt es für Löschflugzeuge wie die Canadair CL-415 nördlich der Alpen bislang noch nicht, dafür aber ein Welzow ähnliches und erfolgreiches Beispiel im südfranzösischen Nimes: Hier sind seit 2016 rund 600 Arbeitsplätze im Zuge der Ansiedlung auf einer Marinefliegerbasis entstanden.

Das könnte auch die Lausitz gebrauchen. Unterstützung gibt es vom Präsidenten des Technischen Hilfswerks (THW) Albrecht Broemme, der neben den Löschflugzeugen auch Raum für begleitende Katastrophenschutz-Forschung am Sedlitzer See sieht: „Unterwasserortung, Unterwasserrobotik – da brauchen wir einen See, der eine gewisse Tiefe hat und klar ist.“

Die Berijew Be-200 hat eine Kapazität von zwölf Tonnen Wasser


Die M-18-Agrarflugzeuge, die im Osten Deutschlands zu finden sind, können Löscheinsätze fliegen, aber nur relativ wenig Wasser mitnehmen


Mit ihren zwei Düsentriebwerken hat die Be-200 nicht nur eine hohe Nutzlast, sie ist auch sehr schnell


Es gibt also viel Unterstützung durch die EU, Politik und Fachleute. Woran hapert es also? Derzeit sträubt sich noch die Landesregierung in Potsdam und setzt laut Innenminister Karl-Heinz Schröter weiter auf Hubschrauber von Bundeswehr und Polizei, anstatt eigene Kompetenzen aufzubauen, die EU-weit nutzbar wären. Dabei würden die nötigen Investitionen sogar mit bis zu 90 Prozent in Anschaffung und Unterhalt von der EU bezuschusst.

Auf eine entsprechende Anfrage heißt es: „Die Landesregierung sieht derzeit keinen Bedarf zur Beschaffung von Löschflugzeugen – und ist sich in dieser Auffassung auch mit anderen Bundesländern und dem Bund einig. Stattdessen sieht die Landesregierung die Notwendigkeit und den hohen Einsatzwert luftgebundener Brandbekämpfungskomponenten in Form von Hubschraubern. Dieser hohe Einsatzwert ist gerade in den letzten Jahren ständig in überzeugender Weise unter Beweis gestellt worden. Um deren ausreichende Verfügbarkeit im Einsatzfall muss es daher vorrangig gehen.“

Dabei könnten noch andere Beweggründe eine wichtige Rolle spielen. Der Flugplatz Welzow liegt auf Grund und Boden, der der Lausitz Energie Kraftwerke AG gehört. Sie muss irgendwann abgefunden werden. Spekuliert wird, dass man sich in Potsdam einfach noch nicht in die Karten sehen lassen will, um den Preis dafür nicht allzu hoch steigen zu lassen.


FOTOS: AGRARFLUG MUSEUM KYRITZ/HEINRICHSFELDE. UAC (2), DMITRY TEREKHOV/AIRTEAMIMAGES