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EVANGELISCHER WEINBERGFRIEDHOF: Ein Kleinod auf dem Weinberg


Friedhofskultur - epaper ⋅ Ausgabe 11/2018 vom 15.11.2018

Vor rund 300 Jahren auf einem ehemaligen Weinberg angelegt, befindet sich der Weinbergfriedhof. Er ist umringt von der Stadt Rathenow. Alte Grabstätten zeichnen die Geschichte der Brillen- und Linsenherstellung in der Stadt nach.


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Die imposante Auferstehungskirche oberhalb der Treppenanlage wurde 1917 als Friedhofskapelle nach Plänen des Berliner Architekten und Kirchenbaurats Curt Steinberg fertiggestellt.


Foto: Sabine Meißner

Der Historische Friedhof der Evangelischen Kirchengemeinde Rathenow ist ein landschaftlich und kulturgeschichtliches Kleinod über dem Ufer der Havel. Er liegt auf einem Hügel, dem ...

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... ehemaligen Weinberg, und ist von der 800 Jahre alten brandenburgischen Stadt Rathenow umgeben. Am alten Eingang, dem Torhaus, ergibt sich ein Gefühl des Übergangs in eine andere Welt: Fast drei Jahrhunderte lang fanden hier auf 19 Hektar waldartiger Friedhofsfläche berühmte und weniger bekannte Rathenower Personen ihre letzte Ruhe. Für die lebenden Einwohner und die Besucher Rathenows ist der denkmalgeschützte Friedhof ein Ort der Erinnerung und der Ruhe abseits der geschäftigen Stadt. Er zeichnet sich durch eine intakte Anlage und viele gut erhaltene Gräber aus.

Der fast 300 Jahre alte Friedhof mit seinen ehrwürdigen Bäumen, Hecken und vielfältigen Bepflanzungen ist der umgebenden Havellandschaft angepasst. Terrassenförmig zieht er sich den Hügel, der bis heute Weinberg heißt, hinauf. Von dort bietet sich in der kühlen Jahreszeit, wenn das Laub die Aussicht nicht behindert, der Blick zur benachbarten St.-Marien-Andreas-Kirche und weiter ins Land.

Mit dem Bau der Kirche im elften Jahrhundert wurde auch die Anlage des ersten Friedhofs begonnen. Zu dieser Zeit war Rathenow noch ein typisches Fischerdorf und das Beerdigungsgelände ein Kirchhof. Als die Bevölkerungszahl wuchs und das Gelände um die Kirche als Begräbnisort nicht mehr reichte, wurde der sogenannte Hospitalfriedhof eingerichtet, der mit der Errichtung einer Neustadt um 1730 auch zu klein wurde. Er musste geschlossen werden und man entschied, eine neue Anlage am Weinberg zu errichten.

Die Bezeichnung Weinberg geht auf den bis zum Zweiten Weltkrieg hier betriebenen Weinanbau zurück. Der höchste Punkt des Weinbergs ist der Kiekeberg. Auf ihm steht eines der Wahrzeichen Rathenows, der Bismarckturm. Spaziergänger, die vom Rathenower Stadthafen aus den Turm zu Fuß erreichen möchten, gehen durch das Torhaus und gelangen so auf den alten Friedhof.

Der Friedhof wurde am früheren Weinberg angelegt.


Grab von J. H. August Duncker, Begründer der optischen Industrie.


Fotos: Sabine Meißner

Die Wiege der Linsen

Rathenow ist keine typische Weinstadt, wie etwa der Name des Weinberg-Friedhofs vermuten lassen könnte. Die Stadt ist vielmehr als Wiege der optischen Industrie in Deutschland bekannt geworden. 1801 hatte der Prediger und Wissenschaftler Johann Heinrich August Duncker (1767 bis 1843) das königliche Privileg zum Bau einer optischen Industrieanstalt in Rathenow erhalten, was als Beginn der industriellen Fertigung von Brillengläsern und Linsen für optische Geräte in Deutschland gilt. Für Rathenow begann damit der Aufstieg vom kleinen Landstädtchen zur angesehenen und später weltbekannten Industriestadt.

Duncker entwickelte und konstruierte unter anderem die Vielfachschleifmaschine, die gleichmäßig geschliffene Gläser für Lupen, Mikroskope und Brillen lieferte, sowie ein Hörgerät. Sein Sohn Eduard Duncker und sein Neffe Emil Busch führten den Manufakturbetrieb weiter und entwickelten ihn zu einem industriellen Großunternehmen. Mehr als 160 optische Betriebe gab es in der Stadt an der Havel zum Ende des 19. Jahrhunderts.

Bis heute arbeiten viele Optiker in ganz Deutschland und darüber hinaus mit optischen und feinmechanischen Erzeugnissen aus Rathenow. Der Begründer dieser Industrie, der Rathenow zur Bezeichnung „Stadt der Optik“ verhalf, starb 1843. Seine Ruhe fand er in der Familiengrabstätte an der Mauer des Weinbergfriedhofs. Auch andere angesehene Rathenower Familien haben Grabstätten erhalten, die teilweise noch existieren. Der optische Fabrikant Nitsche, der Rathenow in Großbritannien und Brasilien bekannt machte, wurde hier bestattet, ebenso der Schriftsteller und märkische Mundartdichter Fritz Schmidt mit dem Künstlernamen Lening. Ernst Weinhold, ein bis in die 1960er Jahre wirkender Gärtner und Friedhofsinspektor, fand seine Ruhe auf dem großen Friedhof, dem er durch Blickachsen und Ruhepunkte zu seinem romantischen Ambiente verholfen hatte.

Unweit der Duncker-Grabstelle befinden sich an der Mauer auch Gräber des Zieten-Husaren-Regimentes, das 177 Jahre lang, bis 1918 in Rathenow lag. Ein Stein auf dem Friedhof ist die letzte Erinnerung an den langjährigen Kommandeur des Regiments, Reitergeneral Heinrich von Rosenberg, dessen Denkmal in der Stadt während der NS-Herrschaft vor 1945 entfernt wurde. Ein Bismarck habe die Regiment-Grabstelle einst erworben, meinen die Geschichtsschreiber. Es wurden Offiziere, aber auch deren Frauen und Kinder darin bestattet. Für alle Wandgräber an der Friedhofsmauer wird in Rathenow eine ortstypische Bezeichnung verwendet: „Die Bögen“. Sie beschreibt die gemauerten Bögen, zwischen deren Wandpfeilern sich jeweils eine Grabstelle befindet.

Viele weitere Persönlichkeiten erhielten ihr Grab auf dem Weinbergfriedhof. Erhalten ist etwa das Grab des Lehrers und Heimatdichters F. W. Eigendorf. 1807 geboren, war er als 20-Jähriger nach Rathenow gekommen, war 36 Jahre lang Volksschullehrer und verfasste Kinderlieder. Die Anfangszeilen seiner 20 Strophen umfassenden Hymne „Wenn um Vier die Tage dunkeln…“ sind auf seinem Grabstein eingraviert. Der Stein ist jedoch erst lange nach Eigendorfs Tod aufgestellt worden. Das einfache Holzkreuz, das an den 1863 wegen Tuberkulose in Armut verstorbenen Dichter erinnerte, war verwittert und nicht mehr zu identifizieren.

Kämpfe auf dem Friedhof

Das Friedhofsgelände am Weinberg galt schon früher als eines der schönsten im Umkreis. Im Jahr 1932 wurde der Friedhof sogar zum zweitschönsten Deutschlands gewählt. Danach hat er stark gelitten. Während des Zweiten Weltkrieges verlief eine Hauptkampflinie quer über das Gelände, weswegen viele Denkmäler, Gräber, Grabsteine und Bauten zerstört oder stark beschädigt wurden. Einige wertvolle Grabmonumente, die auf wohlhabende Familien hinweisen, sind glücklicherweise erhalten geblieben. Die Familie des Ziegeleibesitzers Karl Gustav Matthes ließ nach dem Tod der zweiten Frau des Fabrikanten im Jahr 1909 solch ein Bauwerk nach gotischem Vorbild errichten. Unweit der Matthes-Grabstätte ist eine bemerkenswerte Anlage einer seit 1895 bestehenden Apothekerfamilie zu sehen. Eine Grabstelle mit einer imposanten Figur, ei- ner Trauernden unter steinernem Baldachin, mietete die mit Optik und Stadtratstätigkeit befasste Familie Muth 1919. Ziemlich in der Mitte des Waldfriedhofs steht ein ebenfalls auffälliges Grabmal, die Stätte August Gebauer (1866 bis 1935) mit Bronzefigur auf einem rötlichen Marmorblock.

Weg durch das Torhaus auf den historischen Friedhof.


Fotos: Sabine Meißner

„Die Bögen“ nennen die Rathenower die Wandgräber an der Mauer.


Soldaten und Kriegsopfer

Folgt man dem Hauptweg, kommt man auch zum Soldatenfriedhof, der im Ersten Weltkrieg errichtet und nach einem Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg erweitert wurde, sowie zum anonymen Gräberfeld gefallener Zivilisten. Auf den ältesten Friedhofsabteilen kann man seltene klassizistische Grabzeichen aus Gusseisen und teils gut erhaltene Gittergrabstellen sowie wertvolle Grabmale aus verschiedenen Materialien finden. Mauerteile aus Rathenower Klinkersteinen sehen besonders im Sonnenlicht schön aus. Bevor Rathenow Optik-Stadt wurde, galt sie als „Stadt der roten Ziegelsteine“ und wurde von Theodor Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ dafür gerühmt. Mehrere Grabstellen der Ziegeleibesitzer bezeugen diesen Ruhm.

Torhaus als Leichenhalle

Das bereits erwähnte Torhaus am Haupteingang des Weinbergfriedhofes besteht nicht aus Klinkern. Es ist ein Fachwerkbau aus dem Jahr 1759 und soll eine der ersten Leichenhallen Deutschlands gewesen sein. Wer das Haus durchschreitet, kann sich an einem wundervollen Blick erfreuen: Eine Allee großer Bäume, die auf eine Treppe führt. Nachdem das Torhaus lange Zeit als Kapelle und Leichenhalle gedient hatte, war kurzzeitig ein Blumenladen darin untergebracht. Doch das Gebäude war über die Jahre baufällig geworden und drohte einzustürzen. Mit Unterstützung des Vereins „Memento“ konnte es zu Anfang des 21. Jahrhunderts denkmalgerecht saniert und instand gesetzt werden, so dass es seit Oktober 2005 für die lebende Öffentlichkeit nutzbar ist.

Im Inneren des Torhauses befindet sich heute eine Begegnungsstätte mit Meditations- und Ausstellungsraum. Hier können Besucher Bücher über die Geschichte des historischen Friedhofs kaufen oder die hinterlassene Bibliothek des Heimatforschers Fritz Mewes (1925 bis 2005) einsehen, der seine letzte Ruhe ganz in der Nähe unter den Alleebäumen fand.

Die Treppe am Ende der Allee führt zur Auferstehungskirche, 1914 bis 1917 von Baumeister Gäding als Kapelle errichtet. Ihre Lage auf der Anhöhe und die roten Klinker geben der Friedhofskirche ein imposantes Aussehen. Im Inneren soll sie ursprünglich mit einem modernen Leichenkeller und einem Sezierraum ausgestattet gewesen sein. Ein Altargemälde von 1918 mit der Darstellung „Christi Auferstehung“ blieb erhalten. Die Orgel der berühmten Werkstatt Schuke aus dem Jahr 1938 wurde restauriert und kann gespielt werden. Beim Verlassen der Auferstehungskirche ergibt sich ähnlich wie am Torhaus ein einzigartiger Blick: Die Verlängerung der Sichtachse über das weite Havelland.

Verein erhält die Anlage

Der Weinbergfriedhof, dessen Kern in der Mitte des 18. Jahrhunderts angelegt wurde und der bis in die 1920er Jahre fortlaufend auf den ehemaligen Weinberg und darüber hinaus erweitert wurde, läuft nach Süden zum sogenannten Waldfriedhof aus. Die Natur schuf über viele Jahre ein Juwel, das trotz Wildwuchs beruhigende Geborgenheit ausstrahlt. 2006 war Rathenow Ausrichter der Landesgarten- und 2015 der Bundesgartenschau. Zu beiden Ereignissen wurde auch der alte Friedhof in das Konzept einbezogen. Eine Fußgängerbrücke über die Havel verbindet seither Weinberg und Friedhof mit der Stadt. Spaziergänger können die schöne Landschaft genießen, das Friedhofsgelände mit seinen kulturhistorischen Werten besichtigen und dabei viel mehr entdecken, als mit diesem Porträt vorzustellen ist. Für die Erhaltung des historischen Weinbergfriedhofs einschließlich Torhaus und Auferstehungskirche setzt sich seit 2004 der Rathenower Verein „Memento“ ein. Dass auch viele Spenden sowie die Friedhofskasse beitragen, lässt sich denken.

E. Wolter und E. Lehmann (Broschüre): „Aus dem Geschichtsbuch der Stadt Rathenow…“ www.friedhofsfinder.stiftung-historische-friedhoefe.de/ Text: Yvonne Zimmerer