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EWIGES EIS VOR DEM AUS


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National Geographic Deutschland - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 18.11.2022

Herr Professor Hagg, diesen Sommer haben Sie mit Kollegen dem Südlichen Schneeferner auf der Zugspitze den Status als Gletscher aberkannt. Hat sein Tod Sie überrascht?

2005 hatte ich mein erstes Forschungsprojekt zu deutschen Gletschern. Damals war das Bewusstsein schon da, dass die Gletscher bedroht sind. Aber ich dachte, dass sie die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts noch erreichen würden. Leider waren meine Prognosen aus jetziger Sicht zu optimistisch. Ich musste sie mehrfach korrigieren – und zwar immer in eine Richtung, nach vorne.

Wie haben Sie den Tod festgestellt?

Den genauen Todeszeitpunkt können wir im Nachhinein nicht mehr feststellen. Das ist ein schleichender Prozess. Die Bewegung nimmt ab, und irgendwann ist keine mehr da. Es ist aber nirgendwo genau definiert, wie groß die Bewegung sein muss, dass man noch von einem Gletscher spricht. Muss das ein Meter im Jahr sein oder ein Dezimeter? ...

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Auf der 2962 Meter hohen Zugspitze (o.) befindet sich das höchstgelegene deutsche Skigebiet. Dort wird man weiter Ski fahren können ? die Saison dürfte aber kürzer werden. Einige der Liftanlagen können nur noch mit großem Aufwand betrieben werden. Einer der beiden Schlepplifte auf dem gefährdeten Nördlichen Schneeferner musste seinen Betrieb schon einstellen.
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... Auf jeden Fall haben wir ihn jetzt beerdigt.

Und der Watzmanngletscher?

Der liegt sehr flach, er hat also diesen Bonus nicht. Er ist ein bisschen unberechenbar, weil große Teile von Schutt bedeckt und äußerlich gar nicht mehr sichtbar sind. Man meint, er ist winzig. Aber da ist eine ganze Flanke, wo unter Schutt von wenigen Dezimetern Dicke noch Eis ist, sodass der Gletscher größer ist, als man vom Anblick her meinen möchte.

Dem Nördlichen Schneeferner auf der Zugspitze geben Sie keine zehn Jahre mehr. Können die Skilifte da oben bald ihren Betrieb einstellen?

Am Nördlichen Schneeferner waren früher zwei Schlepplifte. Einer musste schon aufgegeben werden, weil kein konstantes Gefälle mehr da war. Da ist der Gletscher so stark eingesunken, dass sich eine Kuhle gebildet hat. Der andere Lift wird mit einigermaßen viel Aufwand noch aufrechterhalten, aber es ist absehbar, dass auch der nicht mehr allzu lange da sein wird.

Wie geht es dem größten deutschen Gletscher, dem Höllentalferner?

Der hat noch etwas bessere Aussichten, obwohl er deutlich niedriger liegt als der Nördliche Schneeferner. Er liegt sehr schattig im Höllental und hat eine hohe Felsumrahmung, die ihn abschattet gegen die Sonnenstrahlen. Durch die Felswände kommt außerdem viel Lawinenschnee auf den Gletscher. Und so bekommt dieser Gletscher nicht nur den Schneefall ab, der direkt auf ihn fällt, sondern zusätzlich die ganzen Lawinen von den Felswänden.

Er bekommt also mehr Schnee ab, als in dieser Höhe normal wäre?

Ja, das ist wie eine künstliche Ernährung. Denn der Schnee ernährt ja den Gletscher und bildet letztendlich durch die Verdichtung, wenn der Schnee nicht mehr luftdurchlässig ist, auch das Gletschereis.

Der Höllentalferner hat also die besten Überlebenschancen?

Er zeigt zumindest noch am ehesten das Bild eines richtigen Gletschers. Da gibt es Spalten, und man sieht noch die für einen Gletscher charakteristische Eisbewegung, wenn er sich ab einer gewissen Dicke durch den eigenen Druck und das eigene Gewicht langsam plastisch verformt. Eine kleine Gletscherzunge hat er auch noch.

Wie könnten wir den restlichen deutschen Gletschern helfen?

Sie sind klein genug, dass man sie mit wahnsinnig viel Geld und Aufwand wahrscheinlich künstlich beschneien und im Sommer abdecken könnte. Allerdings dürfen die Skigebiete in Bayern oberhalb der Baumgrenze nicht beschneien, deswegen gibt es an der Zugspitze auch keine Schneekanonen.

Wäre Kunstschnee denn sinnvoll?

Nein, das ist total unnachhaltig. Es wäre auch nur ein Herumdoktern an den Symptomen, aber keine Heilung der Krankheit.

In der Schweiz will man Gletscher mit Hightech zum Wachsen bringen …

Aus Sicht der Gletscher bringt das meiner Meinung nach gar nichts.

Sie würden den Gletscher also in Frieden sterben lassen?

Ein verrücktes Projekt muss ja nicht gleich schlecht sein. Wenn die Macher irgendeine Finanzierung finden, sollen sie’s machen. Vielleicht bringt es sogar Leute zum Nachdenken darüber, in was für eine Situation wir uns hier gebracht haben, dass solche Projekte für nötig gehalten werden.

Warum halten Sie persönlich trotzdem nichts davon?

Man kann versuchen, mit einem wahnsinnigen technischen und finanziellen Aufwand das Verschwinden eines einzelnen Gletschers zu verzögern. Da werden Leitungen gespannt, über den Berg verlegt, das sind Eingriffe in die Natur, die das Schmelzen bestenfalls verzögern, nicht aufhalten. Mit diesem Wissen kann sich jeder die Frage selbst beantworten, was es uns bringt, einen Gletscher mit maximalem Aufwand ein bisschen länger am Leben zu erhalten.

Flächendeckend kann man das sowieso nie machen. Das ist vergleichbar mit der maximal teuren Behandlung eines Intensivpatienten, der aber ohnehin dem Tode geweiht ist.

Ab welcher Höhe hätten Gletscher eine Chance?

Damit ein Gletscher bestehen kann, braucht er einen Bereich oberhalb der klimatischen Schneegrenze. Die hat sich aber deutlich nach oben verschoben. Sie liegt jetzt zwischen 3300 und 3500 Metern.

Macht die Gletscherschmelze die Alpen auch gefährlicher?

Es kann an einzelnen Stellen zu vermehrtem Steinschlag oder Felsstürzen kommen, wo das Eis die Felswände nicht mehr stützt. Am Höllentalferner ist das zum Beispiel denkbar. Auch das Risiko von Murgängen könnte größer werden.

Wie entstehen die Schlammlawinen?

Dort, wo das Eis weg ist, bleibt Lockermaterial. Und das kann bei Starkregen mobilisiert werden. Allerdings sind die Flächenänderungen bei den deutschen Gletschern so gering, dass nicht plötzlich riesige Schuttdepots entstehen. Sie haben auch keine hydrologische Wirksamkeit mehr. Denn das wäre die größte Auswirkung, die ein Gletschersterben regional hat: dass es die Wasserverfügbarkeit ändert.

Muss der Bauer im Voralpenland sich also Sorgen machen?

Wir sind in Südbayern immer noch mit sehr hohen Niederschlägen gesegnet. Und am Alpenrand wird es immer Steigungsregen geben.

Kein Grund zum Jammern also?

Wenn ich sehe, was in anderen Weltgegenden für Folgen des Klimawandels drohen, dann fällt es mir in der Tat schwer, den deutschen Gletschern zu sehr nachzuweinen.

Aber ein wenig trauern darf auch ein Sterbebegleiter …

Natürlich ist es schade. Unsere Gletscher sind wunderschön, sie sind die Kronjuwelen unserer Hochgebirge. Hinterlassen werden sie graue

Schuttlandschaften. j

Interview: Julia Graven